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Informationswissenschaft und Demokratie

Der letzte Vortrag im Potsdamer Informationswissenschaftlichen Kolloquium fasste das Gesamtthema noch einmal konkret zusammen. Prof. Dr. Joachim Griesbaum, Uni Hildesheim (Institut für Informationswissenschaft und Sprachtechnologie) berichtete von den Erfahrungen und Forschungsergebnissen, die dort in der letzten Zeit zum Themenkomplex „Informationswissenschaft und Demokratie“ gesammelt wurden.

Eingangs stellte er seine Hauptthesen vor,  mit denen er Stellung bezog, dass zwischen Informationskompetenz und Demokratie sehr klar eine Beziehung herzustellen sei.  Ob dies jedoch zum Kernauftrag der Informationswissenschaft gehöre, bleibt eine Frage, die ggf. informationswissenschaftliche Forschung weiter untermauern müsste. Ähnlich wie in dem Vortrag von Klaus Lepsky betonte er, dass neben dem Faktenwissen zur Informationsumwelt auch epistemische und motivationale Aspekte zentral seien. Als konkrete „Technik“ zum Aufbau von Informationskompetenz berichtete er von Studien [1], die „Querlesen-basierte Heuristiken“ zur Bewertung von Informationsquellen erfolgreich einsetzen. „Bewertung“ und „Vertrauen“ sind die wesentlichen Kriterien für das „Konstrukt“ Informationskompetenz.

Er konnte zudem von einer beeindruckenden Anzahl von Initiativen, Tools und Projekten zum Themenbereich Informationskompetenz und Desinformation berichten. Unter anderem erwähnte er das faszinierende Online Game „getbadnews“, bei dem das Ziel des Spiels ist, möglichst viel Desinformation zu verbreiten und dabei gleichzeitig die Social Media Manipulationstechniken durchschauen zu lernen. Als Ökonom diskutierte er allerdings auch, ob die gut sortierte Angebotsseite tatsächlich auf Nachfrage trifft: ob ein Bedarf für Informationskompetenzschulungsangebote empfunden und akzeptiert wird und ob die „belegten“ Lerneffekte auch wirklich nachhaltig sind. Die Frage nach dem Beitrag der Informationswissenschaft zur Gesellschaft wird hier als Forschungsbedarf sichtbar.

Etwas prinzipieller auf das Phänomen geschaut, wird deutlich, dass es sich um eine der in den Informationswissenschaften so beliebten Trias handelt: Sicht auf die Realität, Wissen zu Informationsumwelt und -verhalten sowie Motivation zu informationskompetenten Verhalten. Dabei helfen entwicklungstheoretische Überlegungen [2] etwa auf der Basis von Piaget und Kohlberg. Aber auch ganz konkret sollten Fragen und Probleme der Informationsinfrastruktur und der Wissens(schafts)produktion bekannt gemacht werden, wie Grundtendenzen des Suchverhaltens, Charakteristika des Internet und des Publikationsmarktes oder von Informationslebenszyklen im Forschungsprozess.

Seine „Grundidee“, Lateral Reading als Prüfverfahren im Rahmen der „Informationskompetenz im Spannungsfeld von Wissen und Vertrauen“ zu empfehlen, weist im Grunde direkt zurück auf die Eingangsreferate des Kolloquiums. Am Anfang stand die Präsentation der Abschlusspublikation des ALMPUB Projektes, bei dem ja u.a. empirisch herausgearbeitet werden konnte, dass die Personen, die Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen haben, auch den ALM Institutionen eine Rolle zur Förderung der Demokratie zuweisen [3]. Der zweite Vortrag im Kolloquium hatte unter anderen als Thema den Paratext von Dokumenten als einem wichtigen Aspekt der Verstehbarkeit und Bewertung. Mit unterschiedlichem Paratext, einem inhärenten lateralen Element, weckt das Dokument jeweils ein anderes Verständnis. Wie überhaupt ja (gesellschaftlicher) „Kontext“ immer noch und immer wieder die zentrale Rolle für Information spielt: die Vorträge von Michael Buckland bzw. David Bawden und Lyn Robinson machten dies sehr deutlich. Und dass Informationskompetenz etwas mit Epistemologie, kritischem Denken und Autonomie zu tun, war die Erkenntnis aus dem Vortrag  von Klaus Lepsky.

Die These des Vortrags von Joachim Griesbaum:
Nutzer benötigen zumindest soviel an inhaltlicher Kompetenz, um eine fundierte Vertrauensentscheidung treffen zu können. Hierzu hilfreich:
– epistemische Realitätssicht im Sinne eines kritischen Denkens
– Wissen zur Informationsumwelt und zum Informationsverhalten
– Motivation zu informationskompetenten Verhalten (Neugier, Wissensaufnahmebereitschaft)

Wie dies konkret umgesetzt werden kann, und wie tatsächlich Neugier und Wissensaufnahmebereitschaft in Echoräumen bei Personen, die unter dem Dunning-Kruger Effekt leiden, gefördert werden kann, war anschließend u.a. Thema der sehr anregenden Diskussion mit den über 50 Teilnehmern aus ganz Deutschland.

Was Demokratie ausmacht, damit Informationskompetenz und Informationswissenschaft daran anknüpfen kann, wurde am Schluss in der Diskussion nur kurz angerissen. Hier wäre mehr Zeit nötig gewesen, um etwa die neueren französischen demokratietheoretischen Konzepte von Jean François Lyotard, Chantal Mouffe oder Jacques Rancière [4] in die Informationswissenschaften einzuordnen. Auch die neueren bibliothekswissenschaftlichen Diskussionen [5] fanden leider keinen Eingang mehr in die Diskussion.

Referenzen

[1] Wineburg, S., & McGrew, S. (2017). Lateral reading: Reading less and learning more when evaluating digital information. Stanford History Education Group-Working Paper No. 2017-A1. DOI:10.2139/ssrn.3048994. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3048994

[2] Kuhn, Deanna & Park, Seung-Ho (2005). Epistemological understanding and the development of intellectual values. In: International Journal of Educational Research 43.3, S. 111-124.

[3] Audunson, Ragnar; Aabø, Svanhild; Blomgren, Roger; Hobohm, Hans-Christoph; Jochumsen, Henrik; Khosrowjerdi, Mahmood et al. (2019): Public libraries as public sphere institutions. A comparative study of perceptions of the public library’s role in six European countries. In: Journal of Documentation 75 (6), 1396-1415. DOI: 10.1108/JD-02-2019-0015.

[4] vgl. z.B. Lyotard, Jean François (1983): Le Différend. Paris: Minuit; Rancière, Jacques (1995): La mésentente. Politique et philosophie. Paris: Galilée (Collection La philosophie en effet); Mouffe, Chantal (2015): Agonistik. Die Welt politisch denken. Bonn: bpb Bundeszentrale für Politische Bildung (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung, 1555).

[5] Rivano Eckerdal, Johanna (2017): Libraries, democracy, information literacy, and citizenship. In: Journal of Documentation 73 (5), S. 1010–1033. DOI: 10.1108/JD-12-2016-0152; Buschman, John (2018): On Democracy and Libraries. In: The Library Quarterly 88 (1), S. 23–40. DOI: 10.1086/694871.

Menschen sind Informavores = Grundhypothese der Informationswissenschaften

Der fünfte Vortrag im Potsdamer Informationswissenschaftlichen Kolloquium führte uns nach Deutschland zurück. Prof. Dr. Klaus Lepsky berichtete aus Köln von dem Projekt des Buches zur Informationellen Kompetenz, das er zusammen mit Prof. Dr. Winfried Gödert im letzten Jahr publiziert hatte. Ich hatte als „Provokation“ dem Vortrag den Titel gegeben „Informationelle Kompetenz vs. Informationskompetenz“. Gleich zu Beginn der von ca. 50 Teilnehmern aus ganz Deutschland besuchten Veranstaltung betonte Klaus Lepsky, dass er diese Provokation gar nicht aufnehmen und vor allem kaum über Informationskompetenz sprechen werde. „Sie klingen ähnlich, sind aber nicht gleich.“ Continue reading

Theoretical Turn?

David Bawden im PIK

Das Potsdamer informationswissenschaftliche Kolloquium ist ziemlich „global“ geworden. Nach dem „nordischen“ Start und dem morgendlichen Talk mit Michael Buckland aus Berkeley hatten wir wohl wieder zwei der berühmtesten Informationswissenschaftler zu Gast in der Videokonferenz: David Bawden und Lyn Robinson von der University of London, bekannt (nicht nur) wegen ihres textbooks „Introduction to Information Science“ (2012). Diesmal waren ca. 60 Teilnehmer aus verschiedensten Ländern dabei, obwohl wir wenig Erinnerungswerbung gemacht hatten, weil wir gerade in der Hochschule technische Probleme hatten und praktisch bis zur letzten Minute nicht wussten, ob wir das Videomeeting wie geplant durchführen konnten.

Der Aufhänger für diesen Beitrag zu unserem Masterkolloquium war ihr Artikel „Curating the infosphere: Luciano Floridi’s Philosophy of Information as the foundation for Library and Information Science“ In: Journal of Documentation, 2018, 74(1), 2-17, den wir schon mehrfach als Prüfungsgrundlage hatten. David gab eine, wie wir fanden, wunderbar klare Einführung in die Grundüberlegungen von Luciano Floridis „Philosophy of Information“ (=PI). Dennoch war ein Unterschied spürbar zwischen der britischen Vortragsweise und dem pragmatisch amerikanischen Stil, den wir im Vortrag davor erlebt hatten.

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Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft: raus aus der Komfortzone! Beobachtungen auf dem Panel „(Öffentliche) Bibliotheken in Forschung und Lehre“

Panel zu „Bibliotheken in der Lehre“ IBI/HU am 4.12.2018

Die vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin (HU) initiierte Podiumsdiskussionen reagierte auf das offensichtliche Verschwinden des Themas „Bibliothek“ an den deutschen Hochschulen speziell an der HU. (Die Veranstaltung wurde professionell aufgezeichnet!) Ein Problem, das im angloamerikanischen Raum vor ca. 15 Jahren unter dem Stichwort „Dropping the L-Word“ (=„Library“-School) auch schon in der Diskussion war. In unserem europäischen bibliothekswissenschaftlichen Projekt ALMPUB wurde interessanterweise von den ausländischen Kollegen mehrfach konstatiert, wie weit Deutschland stets hinter den internationalen Diskussionen her ist. 

Die Diskussion vergangenen Dienstag (4.12.2018) fand bezeichnenderweise in einer wissenschaftlichen Bibliothek (WB) statt, obwohl doch die „Öffentliche Bibliothek“ (ÖB) thematisiert werden sollte. Der Leiter der Universitätsbibliothek der HU, Prof. Degkwitz, eröffnete die Veranstaltung mit Hinweisen auf die aktuelle Erfolgsstory der Stadtbibliotheken mit Roboterparks, Bibliotheksfestivals und der Eröffnung spannender „Dritter Orte“ in vielen deutschen Städten. Dabei erwähnte er äußerst lobend den positiven Einfluss, den die Herausgabe und deutsche Veröffentlichung von Expect More von David Lankes (durch mich) gehabt hat.

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Bibliotheksmanagement adé!

Heute hatte ich mein letztes Bibliotheksmanagement-Seminar an der FH Potsdam! Nach mir wird es das Fach und die Frage, was eine Bibliothek ist, in Potsdam auch nicht mehr geben.

Ich danke den tollen FAMIs des 9. Kursen der Fernweiterbildung, die dann im nächsten Jahr in die Bachelorphase einsteigen, für das sehr anregende Modul „Vertiefung Management“. Zum Abschluss gab es eine Plakataktion zu der Frage, warum eigentlich Bibliotheksmanagement?

Antwort: wegen der Liebe (zur Bibliothek, zum Beruf, zu den Mitarbeitern  u.a.).