Tag Archives: Digitalität

Was ist eigentlich „das Digitale“?

Tränengas bei der Erstürmung des Capitols (6.1.2021) – Photo: Tyler Merbler, CC BY 2.0

Alles geht in Richtung Digitalität! Wir müssen uns auf die Digitalisierung einstellen! Wir müssen auch endlich digitaler werden! Alle Berufe werden digital sein!

Schlagworte, die die aktuellen Diskussionen schon seit einiger Zeit prägen. Auch ich habe lange Zeit kritisiert, dass „die Digitalisierung“ in Deutschland so wenig voran kommt. In den aktuellen Krisensituationen (Demokratiekrise, Pandemien etc.) wird jedoch an manchen Stellen immer deutlicher, was da eigentlich seit siebzig Jahren passiert und worauf es hinauslaufen könnte. Continue reading

Bernard Stiegler 1952-2020

Bernard Stiegler, 2004

Manche schreiben mit 91 noch das alles umfassende Opus Magnum ihres Lebens wie Jürgen Habermas [1], andere verlassen es freiwillig mit 68. Dies ist besonders schade bei dem neben Bruno Latour zweitwichtigsten aktuellen Philosophen Frankreichs.

Sein Buch „Logik der Sorge“ [2], eines der wenigen, die auf Deutsch erschienen, bekam in der Anfangszeit der Pandemie eine Art symbolische Aufladung, als klar wurde, dass die Sorge (lat. cura) ein vernachlässigter Aspekt unserer liberalitären Gesellschaft (wie er sagt) ist. In einem seiner letzten Bücher [3] erklärt er mit einem typisch französisch poststrukturalistischen Wortspiel à la Derrida sogar, dass „Wunden verbinden“ (panser) die gleiche Art des Handelns ist wie „denken“ (penser). Genauer hindenken bedeutet auch eine Form des Heilens bzw. muss sich ebenso wie der Krankenpfleger entscheiden, wer oder was „geheilt“ werden muss/kann im jeweiligen Moment. Ganz im Sinne auch der Definition“ von Information durch Gregory Bateson: „any difference that makes a difference“ [4]. Continue reading

Digitalisierungsschub: der Kopf allein genügt nicht

Screenshot der digitalen Leere

Alle sind so begeistert! Es hat geklappt. Sogar die Oma kann jetzt Skypen und Zoomen bei Jitsi…

Endlich müssen wir nicht mehr täglich zur Arbeit fahren und können Home-Office. Wie produktiv!

Mehr Zeit für eigene produktive Arbeit während der Sitzungen. Geht alles so schnell und problemlos. Continue reading

Digitalität in der Krise

Tweet aus Marrakesh

Eine „interessante“ Erfahrung, vom Auswärtigen Amt aus dem Urlaub evakuiert zu werden. Lange bevor uns unsere Reiseagentur informierte, erschien in der App der Fluggesellschaft die Information, dass der Flug annulliert worden sei. Eine direkte Push-Information kam nie. Später erfuhren wir, dass schon über eine Woche vor unserem Rückflug bekannt war, dass Marokko den Luftraum gesperrt hatte und vor allem von und nach Deutschland keine regulären Flüge mehr durchkamen.

Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes wurde zunächst beruhigt und empfohlen, sich bei „Elefand“ einzutragen: einem Webdienst für „Deutsche im Ausland“. Aber schon kurze Zeit später wurde deutlich, dass der Elefant überlastet war: er war nur noch mit Mühen zu erreichen. Dazu gab es dann die Information auf der Website der Botschaft, man solle sich per E-Mail melden. Continue reading

Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne

Photo: Andrea Berger via Twitter

In der Blockwoche des Fachbereichs ergab sich für mich die Gelegenheit auf einer äusserst gut strukturierten und exzellent vorbereiteten Tagung zum Thema „Nationalismus im Digitalen Zeitalter“ an mein ursprüngliches Forschungsgebiet „Zensur in der Frühaufklärung“ mal wieder anzuknüpfen. Die Grafik von Dirk Helbing im Digital Manifest 2015 („Feudalismus2.0“) hatte mich an meine eigenen Forschungen in den damals noch nicht so genannten Digital Humanities erinnert, bei denen ich mit erstaunlich ähnlichen Kurven den Beginn der Moderne am Beispiel des bürgerlichen Romans für das Jahr 1737 darstellen konnte. Und ca. 280 Jahre später zeigen sich Tendenzen, die nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, sondern vielleicht tatsächlich sogar auf das Ende der Aufklärung hinweisen. Continue reading