Wie ist der Zustand unserer Welt und unserer Gesellschaften? Das war und ist das Thema des Arbeitskreises „Gesellschaftsanalyse und Klassen“ der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V., bei dem ich ich seit einiger Zeit mitwirke. In dem Arbeitskreis beschäftigen wir uns speziell aus ostdeutscher Perspektive mit Transformationen und Umbrüchen, wie sie uns ursprünglich nach der Wende „im Osten“, aber nunmehr verstärkt global begegnen.
Zur Zeit kann man eine wahre Flut an Publikationen dem Themenbereich Zeitgeistanalyse zuordnen. In dem Arbeitskreis wurden eine Reihe von diesen intensiv diskutiert, allen voran:
- Nancy Fraser: Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt. Berlin: Suhrkamp, 2023
- Frank Adler: Wachstumskritik, Postwachstum, Degrowth. Wegweiser aus der (kapitalistischen) Zivilisationskrise, München: oekom, 2022
- Andrea Komlosy: Zeitenwende, Big Data und die kybernetische Zukunft, Wien: Promedia, 2022
- Jeremy Rifkin: Das Zeitalter der Resilienz. Leben neu denken auf einer wilden Erde, Frankfurt a.M.: Campus, 2022
- Wolfgang Streeck: Zwischen Globalismus und Demokratie. Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus. Berlin: Suhrkamp, 2021
- Katharina Bluhm: Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion. Berlin: Matthes&Seitz, 2024
- Bruno Latour und Nikolaj Schultz: Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum, Berlin: Suhrkamp, 2022
- McKenzie Wark: Das Kapital ist tot. Kommt jetzt was Schlimmeres? Kritik einer politischen Ökonomie der Information. Leipzig: Merve Verlag, 2021
- Ingolfur Blühdorn: Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Berlin: Suhrkamp, 2024
Nach zwei/drei Jahren Diskussion war es an der Zeit, einen State-of-the-Art herzustellen: der Arbeitskreis lud am 7. November 2025 zu einem öffentlichen Kolloquium unter dem Titel „Kapitalismus am Limit?“.
Dazu ist der Tagungsband nunmehr erschienen als Nummer 168 der Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät. Leider gibt es keinen Text der faszinierenden Keynote von Hans Joas, der mit dem Thema seines voluminösen, soeben erschienen bei Suhrkamp Buches Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos einen wesentlichen Akzent für die Tagung setzte. Dafür sind im Tagungsband einzelne Zusatzbeiträge z.B. als Kommentare mit aufgenommen worden, die auf der Tagung nicht als Vortrag präsentiert wurden. Andere konnten von den Autoren nicht termingerecht geliefert werden.
Die Herausgeberschaft zusammen mit Michael Thomas und Ulrich Busch war erkenntnisreich und angenehm. Beiden sei dafür gedankt. Der gemeinsam gezeichnete Einführungstext stammt allerdings vorwiegend aus der Feder von Michael Thomas.
Der Workshop selber war sehr gut besucht und die Diskussion vor Ort lebhaft und nicht immer unkontrovers. Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die langjährig vorangetriebene Transformationsforschung zum jetzigen Zeitpunkt kaum (mehr) Antworten und Lösungen bereitstellt. Mir persönlich erschien es so, als ob nur auf der Ebene der Symptome an Einzelaspekten und nicht „an einem Strang“ diskutiert wurde. Das mag allerdings auch an der Zusammensetzung der Beitragenden gelegen haben, die auf diese Weise ein teilweise schillerndes Panoptikum zur aktuellen Zeitdiagnose abgaben. Auch aufgrund entsprechender Diskussionsbeiträge fühlte ich mich deshalb veranlasst, zum Tagungsband einen Text beizusteuern, der aus einer anderen und übergeordneten Perspektive das Motto der Tagung aufgreift.
Meine Beiträge sind naturgemäß informationswissenschaftlich ausgerichtet:
- Künstliche Intelligenz als Apotheose des Kapitalismus (S. 103-123)
- Ist das Kapital tot? Ist das schlimm? Kommentar zu McKenzie Wark (S. 275-280)
Dazu mehr in den folgenden Posts



