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Emeritus…

Leider gibt es diesen Status nicht mehr. Aber seit 1. April bin ich „verantwortungslos“ geworden. Will sagen: es ist ein gutes Gefühl, die Welt und auch die Communities zu beobachten, ohne stets alles im Hinblick auf Lehre und Wissensvermittlung an die Studierenden betrachten zu müssen. Beim Aufräumen meines „Videoscreen-Hintergrundregals“ ist mir aufgefallen, wieviel ich aufbewahrt habe in den letzten 25 Jahren „just-in-case“, es könnte für die eine oder andere Lehrveranstaltung nützlich sein. Viele Memorabilien aus Exkursionen und Bibliotheksbesichtigungen, viele, viele Overhead-Folien und Dinge zum Zeigen in Seminaren und Vorlesungen. Im Regal ist mir auch fast zufällig aufgefallen, in wievielen Bänden des Regals versteckt Publikationen von mir enthalten sind; die habe ich dann erstmal nicht entsorgt. Vielleicht zuviele „Gelegenheitspublikationen“ in Festschriften, Sammelbänden und Proceedings. Die Entbindung von den übermäßigen Lehrverpflichtungen der FH lässt die Hoffnung aufscheinen, mich nun mit den eigentlichen Dingen beschäftigen zu können. Und nein: ich werde den Doktorhut nicht an den Nagel hängen (ins Regal wie auf dem Bild), sondern sicher weiter mit Interesse und hoffentlich auch Engagement die Informationsgesellschaft – wie wir früher sagten – beobachten und vielleicht auch das eine oder andere publizieren. Aber erst mal muss über 25 Jahre Resturlaub nachgeholt und nicht nur das Regal sortiert und ausgemistet werden.

Mein Versuch, eine  Art Emeritus- (oder „Senior Researcher“-) Status an der Hochschule zu behalten, scheiterte kläglich, obwohl ich weiterhin im Nachfolgeprojekt des ALMPUB Netzwerkes von Oslomet als Forscher beteiligt bin. Der einzige Effekt, den ich an der Hochschule bemerke ist, dass ich keinen Schlüssel mehr habe. Ansonsten war der Übergang an der Hochschule ziemlich „seamless“ – na ja vielleicht ändert sich das noch…

In der eher fachlich, persönlichen Community war der „Abschied“ jedoch recht bewegend: es gab eine regelrechte, digitale Abschiedsfeier mit prominenten Gästen aus nah (Brandenburg) und fern (USA). Sie erreichte mich (als privates Youtube-Video) just am Abend meines letzten „Arbeitstages“, während kurze Zeit später zwei Beiträge in Password „zu meinen Ehren“ erschienen, die ebenfalls sehr beeindruckend waren. Elisabeth Simon [1], der ich schon zu Zeiten des DBI begegnet war und mit der mich in den letzten Jahren vor allem verbindet, dass sie in ihrem Verlag Bibliothekswissen immer wieder unsere hervorragenden Abschlussarbeiten veröffentlichte in meiner Reihe „Bibliotheksforschung“. Zuletzt ging sie mit mir das Abenteuer ein, David Lankes: Erwarten Sie mehr in deutscher Übersetzung herauszubringen. In ihrer Laudatio erinnert Elisabeth Simon an die gemeinsame (Nachwende-) Zeit des Aufbaus neuer Beziehungen mit Osteuropa, an dem ich schon bei der GESIS und der IFLA am Rande involviert war.

Frank Seeliger und Sebastian Nix setzten in ihrer Laudatio [2] am Osterdienstag noch einen wunderbaren inhaltlichen Akzent, in dem sie ganz in meinem Sinn nach Vision und Mission von Bibliotheken fragen. Sie versuchen ein „Huehuetlatolli“, ein aztekisches Übergangsritual, ein rite de passage, bei dem „der ehrwürdige[n] Würdenträger (tlato‘ani)“ eine „Ermahnungs- und Erziehungsrede“ an die Nachfolger hält, also eine Art „last lecture“ mit „moralischem Antlitz“ aber auch „mit Perspektiven“: „Was würde uns tlato‘ani Hobohm in einer solchen Form mitteilen wollen?“ fragen sie sich. Was folgt, ist in der Tat eine Rede, die ich hätte halten können. Sie endet, nachdem sie den Bundestagspräsidenten Schäuble und den Bibliothekar Leibniz als Sekundanten aufgerufen hat, mit einer optimistischen Note, die suggeriert, dass a) die Bibliotheks- und Informationswissenschaft auch als Theorie eine rosige Zukunft hat und b) die Gemeinwesenorientierung z.B. in der Form als „fünfter Gewalt im Staat“ für die Informations- und Bildungseinrichtung „Bibliothek“ auch in Deutschland anerkannt werden wird.

Ehrlich gesagt, ganz so optimistisch wäre ich da nicht, aber als tlato‘ani muss man ja die Nachfolger ermuntern, die Reise nach Indien anzutreten, „um Amerika zu entdecken“. Meine persönliche Expedition in die Welt der Bibliotheken war geprägt von dem Mantra Paul Kaegbeins, sie seien „Informationseinrichtungen“ und von meiner Verwunderung über die mangelnde Kundenorientierung der Bibliothekar:innen. Mein Amerika war die Informationsverhaltensforschung und die Informationswissenschaft, die zu erklären versucht, warum sich Daten, Information und Wissen nicht im klassischen Sinn über Angebot und Nachfrage „vermarkten“ lassen.

Ich danke Elisabeth Simon, Frank Seeliger, Sebastian Nix und vor allem Willi Bredemeier für diese Ehrenworte und die Begleitung auf dieser Reise bis hierhin.

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[1] Simon, Elisabeth (2021): Hans-Christoph Hobohm, ich und die Jahrzehnte, in denen wir für die Bibliotheken lebten. Zu Ehren von HCH. In: Password-Online (#905 – 31. März 2021).

[2] Seeliger, Frank; Nix, Sebastian (2021): Nach welchen Sternen sollen Bibliotheken greifen, was ist ihre Vision, was ihre Mission? Zu Ehren von Hans-Christoph Hobohm. In: Password-Online (#908 – 7. April 2021).

 

Podiumsdiskussion „Digital Librarian“

Impressionen von der Podiumsdiskussion in der ZBW

Am 19. Februar 2019 hatte ich das Vergnügen, in Kiel an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft an einer Podiumsdiskussion teilnehmen zu dürfen zum Thema „Digital Librarian“. Prof. Dr. Isabella Peters (ZBW), Prof. Dr. Dirk Lewandowski (HAW Hamburg), Gabriele Fahrenkrog (MA (LIS), OER-Expertin und ich diskutierten moderiert von Nicole Clasen (ZBW) über die „zukünftige“ Bibliothekarin in der digitalen Welt und vor allem wie sie sich vom „Papierbibliothekar“ unterscheidet.

Die Frage, was eigentlich eine „Digital Library“ sei, wurde eher ausgeblendet. Es fielen aber die aktuell immer noch wichtigen Schlagworte: Kunden- und Nutzerorientierung, Kommunikations- und Publikationskompetenz, Community-Orientierung, Resilienz und Resonanz. Auch die Studienstruktur zum Bachelor wurde vom Podium einhellig diskutiert, in dem Sinne, dass wir mehr Kompetenz – vor allem „rechtshirnige“ brauchen.

Ein großer Appell des Podiums an die Bibliothekswelt: sichtbarer und mutiger werden, auf die Communities zugehen! Keine Angst vor dem digitalen Nutzer haben!

Die Veranstaltung fand im Rahmen des 100-Jahrejubiläums der ZBW statt. Etwas schade war die m.E. relativ geringe Breitenwirkung. Sie kann aber „nachgehört“ werden als Audiomitschnitt.

Atlas of New Librarianship – endlich Open Access

Vorbei das Schleppen, das Finger wund blättern und haptische Suchen: endlich ist der Atlas transportabel und in jedem Seminar vorzeigbar! Dank an David Lankes und den MIT Verlag – wenn auch mit sieben Jahren Verspätung.

Den Download des Buches finden Sie hier.

Hoffen wir dass MIT nun auch die Bücherlabyrinthe (Wegmann 2000) wie geplant herausbringt.

 

 

 

‚New Librarianship‘ in der Brandenburger Arbeitsgemeinschaft Information (BRAGI)

Gestern (23.11.2017) hatte ich das Vergnügen, das von mir herausgegebene und mitübersetzte Buch „Erwarten Sie mehr“ von David Lankes im BRAGI vorstellen zu dürfen. Es kamen recht viele Interessenten aus Berlin und Brandenburg und es gab eine rege Diskussion zur Zukunft der Bibliothek.

Gerade angeregt durch die kybernetische Conversation Theory von Gordon Pask, auf der David Lankes sein New Librarianship aufbaut, kam z.B. die Frage auf, ob nicht doch KI auch diese neuen Funktionen der Bibliothek wird übernehmen können und ob das window of opportunities nicht schon geschlossen ist. Ich habe zwar versucht, Optimismus zu verbreiten, aber auch andere Nachfragen z.B. zu der Möglichkeit, Unterhaltsträger und Personal von nicht quantifizierbaren gesellschaftlichen Effekten der Institution Bibliothek zu überzeugen, machten doch auch mich nachdenklich. Vor allem ist und bleibt die Frage der Verbesserung der Gesellschaft („improving society„) auch immer eine Frage der Entwicklung der Konzeptionen, die sie und ihre Communites vom Verbesserungsziel haben. Und konzeptionelle Arbeit erfordert eben auch ein Nachdenken darüber in einer von der aktuellen Praxis entlasteten Situation. Und die Ressourcen für dieses generating knowledge (ganz nach dem Mission Statement von Lankes) sind in unserer beschleunigen Welt der Digitalen Transformation kaum noch vorhanden. Dies gilt (IMHO) vor allem für die Bibliothekswissenschaft (in Forschung und Ausbildung).

Empathie!

Jeremy Rifkin: Empathische Zivilisation

„Empathie“ ist bekanntlich ein zentraler Begriff der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, da es in diesem Disziplinen ja vorwiegend um die Zielgruppen gerechte Aufbereitung von Information und Wissen geht und dabei diesen gegenüber Empathie walten muss. In diesen Tagen ist „dazu“ ein viel beachtetes Buch des amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin (Autor von „Access: das Verschwinden des Eigentums“) erschienen. Er zeichnet ein sehr positives Menschenbild, in dem er dem Menschen eben jene Empathie als Grundcharakteristikum des Menschseins zuspricht und dies mit großem interdisziplinärem Geschütz (von der Phylogenese bis zur Neurobiologie und der Geschichte) auch belegen kann. Er vermutet, dass wir uns an einem sehr entscheidenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte befinden und diesen auch meistern können.

Nicht nur die deutsche Presse hat das neue Buch des Erfolgsautors und Beraters der EU ziemlich verrissen. Es ist ein Buch, das dem aktuell immer noch stark vorherrschenden Neoliberalismus nicht geheuer sein kann. Ich frage mich dennoch, ob es nicht auch das positive Menschenbild dieses weisen (?) Mannes ist, dass so aneckt. Das Buch bzw. die These von Rifkin weckt Hoffnung angesichts von so viel offensichtlicher Unvernunft auf der Welt. Und: wenn sich hier dann auch noch Argumente für bessere Bildung vielleicht sogar mit Bibliotheken finden lassen, könnte ich mir eine Lektüre trotz aller Feuilleton Kritik schon vorstellen.

Auch ihm zuschauen macht Hoffnung und Spaß:

Die heutigen Kritiken:

DRadio (mit Podcast),  Tagespiegel (Interview) und mehr dazu im Perlentaucher.