Category Archives: Publikation

Zensur!!

Satirische Anzeige N° 5 in „Die Lokomotive“ vom 1. Februar 1843 (in: Houben 1926, S.62)

Ich hätte nicht gedacht, dass „mein“ Thema noch einmal so aktuell werden würde. Der allgemeine Vertrauensverlust in den Staat ruft bekanntermaßen Verschwörungstheoretiker auf den Plan, die wieder wie im 19. Jahrhundert überall „Zensur“ durch die „Lügenpresse“ wittern. Ein genuin informationswissenschaftliches Thema, das uns zum Duning Kruger Effekt, zu Echoräumen und dem PLE von Zipf führen würde. Dass es ein Thema für die (neue) „sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung“ ist, war eine positive Überraschung für mich. Aus mir nicht bekannten Gründen sprach mich Ende vorletzten Jahres (=2019) Mathias Berek, einer der Herausgeber des Handbuchs Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung an, ob ich nicht das Lemma „Zensur“ darin schreiben könnte. Es hörte sich wie eine leichte und interessante Aufgabe an. Die Vorgaben waren recht streng im Hinblick auf Struktur und Inhalt des Beitrags und es schien bei der gewünschten Seitenbegrenzung auch noch vor der finalen 😉 Redaktion meines Buches machbar. Handbuchartikel sind eine interessante und befriedigende Textform für einen Autor.

Berühmte Seite aus Heines Reisebildern (in: Houben 1926, S. 56)

Ich hatte die Aufgabe allerdings bei weitem unterschätzt. Mein Stand zur Zensurforschung war dann doch nach über 30 Jahren etwas angestaubt. Ich hatte naiver Weise gedacht, dass da nicht mehr viel zu sagen sei und hatte vor allem einerseits die anekdotische Antriebsfeder für die Erzählung von Zensurfällen aber andererseits auch die Entwicklung des sozialwissenschaftlichen Diskurses falsch beurteilt. Erstere bedeutet, dass es stets wieder Zensurgeschichten (nun sogar bei Reclam) gibt und geben wird, die das Phänomen seriell behandeln und die spannenden Skandale und die Unmöglichkeit der Unterdrückung freier Rede thematisieren. Andererseits war ich aber auch lange Zeit geprägt durch die „Science Wars“, die den französischen , „poststrukturalistischen“ Diskurs in den Sozialwissenschaften für „non grata“ erklärten und mir eher ein schlechtes Gewissen machten, wenn ich mich auf Foucault, Lacan, Derrida oder Latour bezog.

Auch die Perspektive „Gedächtnisforschung“ brachte eine Reihe neuer Überlegungen mit durch den Flagschiff-Artikel der Herausgeber, die m.E. nicht nur mit der Kulturerbe-Diskussion, sondern vor allem auch mit Fragen des Wissenstransfers viele informationswissenschaftliche Aspekte streifen. Allen voran waren Jan und Aleida Assmann immer wieder präsent in den ersten vorhandenen Beiträgen des Handbuchs, bzw. des Forschungsnetzwerkes dahinter.

Die jetzt erschienene Publikation des Lemmas „Zensur“ war ein bemerkenswert professioneller Prozess. Ich habe die Seitenbegrenzung bei weitem überschritten, aber die Herausgeber ließen sich überzeugen, dass dies notwendig war. Auch die fortwährende Verschiebung des Abgabetermins war für den Autor erfreulich. Danke für beides. Das Handbuch ist als „Live Reference Work“ bei Springer Link erschienen, in dem schon über 20 weitere für Informationswissenschaftler interessante Lemmata zu lesen sind (mein Preprint s.u.).


Bildnachweise:

Houben, Heinrich Hubert (1978): Der ewige Zensor. Längs- u. Querschnitte durch d. Geschichte d. Buch- u. Theaterzensur. Nachdr. d. Ausg. von 1926 – Originaltitel: „Polizei und Zensur“. Kronberg/Ts.: Athenäum Verlag.

Referenzen:

Hobohm, Hans-Christoph (2021): Zensur. In: Mathias Berek, Kristina Chmelar, Oliver Dimbath, Hanna Haag, Michael Heinlein, Nina Leonhard et al. (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung. Wiesbaden: Springer VS, 1-17. Preprint bei Research Gate.

Hobohm, Hans-Christoph (2021): Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne? Die Rolle der Bibliotheken. In: Markus Stumpf, Hans Petschar und Oliver Rathkolb (Hg.): Nationalsozialismus digital. Die Verantwortung von Medien, Bibliotheken, Archiven, Museen und Forschungseinrichtungen, Sammlern und User im Umgang mit der NS-Zeit im Netz. Konferenz, Wien 27.-29. November 2019. Tagungsband. Wien: Vienna University Press (Bibliothek im Kontext), in Vorber.

Hobohm, Hans-Christoph (2005): Bibliothek als Zensur. In: Gerhard Hacker und Torsten Seela (Hg.): Bibliothek leben. Das deutsche Bibliothekswesen als Aufgabe für Wissenschaft und Politik. Festschrift für Engelbert Plassmann zum 70. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz, S. 66-79.

Hobohm, Hans-Christoph (1992): Roman und Zensur zu Beginn der Moderne. Vermessung eines sozio-poetischen Raumes, Paris 1730-1744. Frankfurt/M., New York: Campus (Studien zur Historischen Sozialwissenschaft; 19).

Hobohm, Hans-Christoph (1991): Die Aufklärung im Exil. Zensur im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Paul Raabe (Hg.): Der Zensur zum Trotz: das gefesselte Wort und die Freiheit in Europa. Ausstellung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 13. Mai bis 6. Oktober 1991 (Ausstellungskatalog). Weinheim: VCH, S. 77-88.

Hobohm, Hans-Christoph (1988): Jede Macht ist sich selbst die Nächste. Zur sozialen und personalen Dimension von Zensur. In: W. Göpfert und E. Weyrauch (Hg.): „Unmoralisch an sich…“ Zensur im 18. und 19. Jahrhundert. München: Harrassowitz (Wolfenbüttler Schriften zur Geschichte des Buchwesens; 13), S. 105-117.

Hobohm, Hans-Christoph (1985): Le progrès de l’Encyclopédie. La censure face au discours encyclopédique. In: Edgar Mass und P.E. Knabe (Hg.): L’Encyclopédie et Diderot. Köln: dme (Kölner Schriften zur Romanischen Kultur; 2 / Textes et documents de la société française d’études du XVIIIe siècle; 2), S. 69-96.

Informationelle Kompetenz

CoverRezension erschienen am 14.8.2020 in: Open Password, no 805

Gödert, Winfried; Lepsky, Klaus (2019): Informationelle Kompetenz. Ein humanistischer Entwurf. Berlin: De Gruyter Saur. XIV + 288 S. – zahlr. Abb., Glossar sowie Sach- und Personenregister – ISBN: 978-3-11-061738-2 – EUR 99,95

Es scheint ein gewisses Unbehagen an einem der zentralen Themen der Informationsbranche zu geben. Seit der Ausrufung der Teaching Library durch Claudia Lux und Wilfried Sühl-Strohmenger am Anfang des Jahrhunderts[1] ist Informationskompetenz nicht nur Kernaufgabe, sondern auch wesentlicher Bestandteil der Selbstdefinition von Bibliothekaren und Information Professionals. Schon der zweiten Auflage des Handbuchs Informationskompetenz gibt es kritische Töne am Konzept[2], aber auch die definitive Aussage des Herausgebers, dass eine Neudefinition nicht notwendig sei, weil es viele Begriffe von Informationskompetenz gäbe[3]. In der anglo-amerikanischen LIS Szene (Library and Information Science) gab es ebenfalls kritische Stimmen zu der inflationären „Erfindung“ neuer ‚literacies‘. So z.B. der (allerdings stets kritische) John Buschman, der darauf hinweist, dass allen diesen neuen Kompetenzforderungen zur ‚Alphabetisierung‘ von Kulturtechniken die kritische Reflexion innewohnt[4]. Continue reading

Jubiläum

Screenshot aus der Wayback-Machine ca. 1997: www.fh-potsdam.de/~hobohm

Heute vor 25 Jahren betrat ich dieses surreale, ja kafkaeske Universum des deutschen Fachhochschulwesens. Ich hatte zwar u.a. Erziehungswissenschaften studiert. Mir war aber nicht klar, dass ich besser ein Referendariat an einer Berufsschule sowie zusätzlich meine eigenen Rahmenlehrpläne und eigenen Lehrbücher hätte mitbringen müssen. Mich hatte natürlich der Professorentitel und die (vermeintliche) Aussicht, unabhängige Wissenschaft betreiben zu können, aus einer deutlich besser gestellten Position an die Fachhochschule gelockt. Continue reading

Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne

Photo: Andrea Berger via Twitter

In der Blockwoche des Fachbereichs ergab sich für mich die Gelegenheit auf einer äusserst gut strukturierten und exzellent vorbereiteten Tagung zum Thema „Nationalismus im Digitalen Zeitalter“ an mein ursprüngliches Forschungsgebiet „Zensur in der Frühaufklärung“ mal wieder anzuknüpfen. Die Grafik von Dirk Helbing im Digital Manifest 2015 („Feudalismus2.0“) hatte mich an meine eigenen Forschungen in den damals noch nicht so genannten Digital Humanities erinnert, bei denen ich mit erstaunlich ähnlichen Kurven den Beginn der Moderne am Beispiel des bürgerlichen Romans für das Jahr 1737 darstellen konnte. Und ca. 280 Jahre später zeigen sich Tendenzen, die nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, sondern vielleicht tatsächlich sogar auf das Ende der Aufklärung hinweisen. Continue reading

Bibliotheken sind wesentliche Orte in der Digitalität

Photo: An_ti via Twitter

Am 6. November 2019 hatte ich Gelegenheit, einige weitere Ergebnisse aus unserem europäischen Forschungsnetzwerk ALMPUB auch in Potsdam auf der Tagung der Landesfachstelle für Archive und Öffentliche Bibliotheken vorzustellen. Das Thema der Tagung war: „Die Öffentliche Bibliothek – Ankerpunkt im kommunalen Umfeld“ und damit wie geschaffen für einen Beitrag aus ALMPUB „Archives, Libraries, Museums in the public sphere„. Da sich das Projekt in der Schlussphase befindet, konnte ich aufbauend auf meinen Vortrag auf dem Bibliothekskongress im März noch weitere Ergebnisse hinzufügen, die im Sammelband des Projektes Anfang 2020 bei de Gruyter veröffentlicht werden. Vgl. z.B. die Statistiken zur Bibliotheksnutzung und -finanzierung im europäischen Vergleich, Folie 38 (s.Bidl hier) oder das Resultat der Regressionsanalyse über alle Daten, die deutlich macht, wie wichtig das Vertrauen in öffentliche Institutionen ist, was ich ab Folie 31 diskutiere. Natürlich ersetzen die Folien nicht die gesamte Präsentation, weshalb ich umso mehr auf die aktuell in Vorbereitung befindlichen Publikationen des Projektes hinweisen möchte (Schlussfolie). Ich muss insgesamt sagen, dass ich durch das dreijährige Projekt viel gelernt habe: über Demokratie, über Europa, über Bibliotheken, aber auch über die deutsche Bibliothekswissenschaft (im Kontrast).

Das Highlight der Tagung unserer Landesfachstelle war nicht die Verabschiedung ihrer langjährigen Leitung, Frau Doris Stoll – das war eher ein trauriger Moment, da mit ihrem Ausscheiden die gesamte Zukunft der Bibliotheken in Brandenburg in Frage gestellt ist. Das Highlight war der Vortrag von Aat Vos, dem Leiter des Architekturbüros, das derzeit in ganz Europa Bibliotheken zu veritablen Dritten Orten umbaut. Eigentlich konnte ich diesem Vortrag wenig hinzufügen, von der Ästhetik, der Performanz des Vortrags und von seinen Beispielen.

Andreas Mittrowan machte deutlich, dass unsere Moderationsausbildung im Master Informationswissenschaften genau das ist, was die Praxis derzeit braucht (von Personas, über Open Spaces, Fokus Gruppen und World Cafés bis zu Design Thinking). #ZW09 sei gegrüßt!

Alle Vorträge passten wunderbar zusammen und ineinander, so dass auch der leicht pessimistische, technologische Ausblick von Thorsten Koch (KOBV) einiges abrunden konnte, was vorher von anderen gesagt wurde. Aber auch er konnte damit sehr gut begründen, wie nötig öffentliche Infrastruktur und vertrauensbildende Einrichtungen des Gemeinwohls wie Bibliotheken sind und bleiben. Von wegen Tragedy of Commons! Eher die Wiederentdeckung der Fundamentalökonomie.