Künstliche Intelligenz als Apotheose des Kapitalismus

In dem vorher erwähnten Tagungsband „Kapitalismus am Limit“  hatte ich, wie erwähnt, die Möglichkeit, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung aus informationswissenschaftlicher Perspektive einzubringen. Wesentlicher Antrieb waren dabei für mich Manuel Castells (Informationalismus [1]), Dirk Baecker (nächste Gesellschaft [2]) und Luciano Floridi (4. Revolution [3]) sowie Ansätze aus der Evolutionstheorie wie z.B. Daniel Dennetts [4] , Richard Gregorys und Lew Vygotskys mind tools., die Gesellschaft und Kognition zusammenbringen.

Den eher marxistischen Kontext der Tagung habe ich schließlich eher weniger aufgegriffen, weil Marx – wie Bernard Stiegler [5] schon argumentierte – im Neganthropozän der „neuen“ industriellen Revolution nicht gerecht wird (worauf ja auch schon Deleuze und Guattari hindeuteten).

Zu der Diskussion der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, wie wir sie im Arbeitskreis Gesellschaftsanalyse geführt hatten, kamen für mich die Überlegungen zum Ur-Informationsbedürfnis des Menschen hinzu, wie ich sie thesenhaft aus transdisziplinärer Perspektive in meinem Buch „Informationsverhalten“ entwickelt hatte.

So ist es für mich einigermaßen evident, dass mit der KI die Endstufe einer evolutionären „Teleologie“ vorliegt, nach der der Mensch als informationsfressendes und Werkzeug nutzendes Wesen, sich seiner Umwelt bemächtigt bis sie unverfügbar (Hartmut Rosa [6]) wird. Nancy Fraser hatte das noch – auf den klassischen Kapitalismus bezogen – mit dem Terminus „Allesfresser“ belegt. Aber nicht erst mit dem Rationalismus entsteht der Wille zur Weltbeherrschung, der sich m.E. überdeutlich bei den Akteuren der Künstlichen Intelligenz wiederfinden lässt. In der KI Debatte kommen jetzt auf ganz natürliche Weise post- und transhumanistische Konzepte des Akzelerationismus hinzu.

Bei genauerer Betrachtung ist die aktuelle Entwicklung nicht nur wegen der Tendenz zum Faschismus [7] ziemlich gruselig. Ich hatte meinen Text noch ausschließlich auf Sprachmodell basierte KI bezogen: die Ausbeutung der Sprache als letztem und ureigensten menschlichem Merkmal. Zum Zeitpunkt der Tagung und der Redaktion des Textes war noch nicht die Rede von KI auf der Basis von „Weltmodellen“, die auch unsere Lebenswelt und Kontext ausbeutet. Was wird bleiben?

Die Frage ist, ob man der KI auch positive Tendenzen zuschreiben kann, z.B. dass sie anders als Social Media dem Nutzer als eher „vernünftiges“ Gegenüber erscheint, dass lediglich manchmal halluziniert, aber meist doch recht freundlich, ja empathisch und sogar ehrlich und wahrhaftig daher kommt. Es wäre wohl eine Studie wert, ob KI die negativen kommunikativen Merkmale von Social Media (Aufmerksamkeitserregung, Desinformationsverbreitung, Meinungsverengung, Shitstorms/Hatespeech, Group Think etc.) ebenfalls entwickeln kann oder ob sie ausgleichend wirkt…

Hier mein Beitrag als PDF Auszug.

und das Abstract vorab:

Zunächst wird festgestellt, dass aktuelle Gesellschaftsanalysen oft wenig zielführend sind, da in vielen Fällen Beschreibungen der kapitalistischen Gesellschaft dieser lediglich ein neues Attribut hinzufügen. Für eine ausreichende Analyse der Gesellschaft muss jedoch eine viel längere Zeitspanne betrachtet und nach grundlegenden menschlichen Eigenschaften gesucht werden, die die aktuelle Situation am Ende des Kapitalismus beschreiben. Hier ist es hilfreich, einen Blick auf die Entwicklung der Computertechnologie und der Mediengeschichte zu werfen. Der Mensch als informationsfressendes und werkzeugbenutzendes Wesen ist somit die Grundlage und der Auslöser für höherwertige Informationstechnologie. Künstliche Intelligenz lässt sich in Phasen unterteilen, deren letzte die Ausbeutung der menschlichen Sprache ist. Dies führt jedoch zur Entstehung posthumaner Akteure, die durch bewusste Beschleunigung im Akzelerationismus zu neuen Gesellschaftsformen führen und den Kapitalismus ad absurdum führen.

Das Beitragsbild stammt von Claude auf der Basis des Abstracts. (typischer AI Slop 😉 )

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[1] Castells, Manuel (2017): Das Informationszeitalter. Wirtschaft – Gesellschaft –
Kultur. 3 Bde., 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.

[2] Baecker, Dirk (2018): 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt. Leipzig: Merve
Verlag.

[3] Floridi, Luciano (2014): The 4th revolution. How the infosphere is reshaping
human reality. Oxford: University Press. (dt.: Die 4. Revolution. Wie die
Infosphäre unser Leben verändert. Berlin: Suhrkamp, 2015).

[4] Dennett, Daniel C. (2017): From Bacteria to Bach and Back. The Evolution of
Minds. New York, London: W.W. Norton & Company.

[5] Stiegler, Bernard; Ross, Daniel (2018): The Neganthropocene. London:
Open Humanities Press (CCC2 irreversibility).

[6] Rosa, Hartmut (2018): Unverfügbarkeit. Wien etc.: Residenz.

[7] Mühlhoff, Rainer (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Stuttgart: Reclam. sowie: Redecker, Eva von (2026): Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. Frankfurt a.M.: S.Fischer

Gesellschaftsanalyse

Wie ist der Zustand unserer Welt und unserer Gesellschaften? Das war und ist das Thema des Arbeitskreises „Gesellschaftsanalyse und Klassen“ der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V., bei dem ich ich seit einiger Zeit mitwirke. In dem Arbeitskreis beschäftigen wir uns speziell aus ostdeutscher Perspektive mit Transformationen und Umbrüchen, wie sie uns ursprünglich nach der Wende „im Osten“, aber nunmehr verstärkt global begegnen.

Zur Zeit kann man eine wahre Flut an Publikationen dem Themenbereich Zeitgeistanalyse zuordnen. In dem Arbeitskreis wurden eine Reihe von diesen intensiv diskutiert, allen voran:

  • Nancy Fraser: Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt. Berlin: Suhrkamp, 2023
  • Frank Adler: Wachstumskritik, Postwachstum, Degrowth. Wegweiser aus der (kapitalistischen) Zivilisationskrise, München: oekom, 2022
  • Andrea Komlosy: Zeitenwende, Big Data und die kybernetische Zukunft, Wien: Promedia, 2022
  • Jeremy Rifkin: Das Zeitalter der Resilienz. Leben neu denken auf einer wilden Erde, Frankfurt a.M.: Campus, 2022
  • Wolfgang Streeck: Zwischen Globalismus und Demokratie. Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus. Berlin: Suhrkamp, 2021
  • Katharina Bluhm: Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion. Berlin: Matthes&Seitz, 2024
  • Bruno Latour und Nikolaj Schultz: Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum, Berlin: Suhrkamp, 2022
  • McKenzie Wark: Das Kapital ist tot. Kommt jetzt was Schlimmeres? Kritik einer politischen Ökonomie der Information. Leipzig: Merve Verlag, 2021
  • Ingolfur Blühdorn: Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Berlin: Suhrkamp, 2024

Nach zwei/drei Jahren Diskussion war es an der Zeit, einen State-of-the-Art herzustellen: der Arbeitskreis lud am 7. November 2025 zu einem öffentlichen Kolloquium unter dem Titel „Kapitalismus am Limit?“.

Dazu ist der Tagungsband nunmehr erschienen als Nummer 168 der Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät. Leider gibt es keinen Text der faszinierenden Keynote von Hans Joas, der mit dem Thema seines voluminösen, soeben erschienen bei Suhrkamp Buches Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos einen wesentlichen Akzent für die Tagung setzte. Dafür sind im Tagungsband einzelne Zusatzbeiträge z.B. als Kommentare mit aufgenommen worden, die auf der Tagung nicht als Vortrag präsentiert wurden. Andere konnten von den Autoren nicht termingerecht geliefert werden.

Die Herausgeberschaft zusammen mit Michael Thomas und Ulrich Busch war erkenntnisreich und angenehm. Beiden sei dafür gedankt. Der gemeinsam gezeichnete Einführungstext stammt allerdings vorwiegend aus der Feder von Michael Thomas.

Der Workshop selber war sehr gut besucht und die Diskussion vor Ort  lebhaft und nicht immer unkontrovers. Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die langjährig vorangetriebene Transformationsforschung zum jetzigen Zeitpunkt kaum (mehr) Antworten und Lösungen bereitstellt. Mir persönlich erschien es so, als ob nur auf der Ebene der Symptome an Einzelaspekten und nicht „an einem Strang“ diskutiert wurde. Das mag allerdings auch an der Zusammensetzung der Beitragenden gelegen haben, die auf diese Weise ein teilweise schillerndes Panoptikum zur aktuellen Zeitdiagnose abgaben. Auch aufgrund entsprechender Diskussionsbeiträge fühlte ich mich deshalb veranlasst, zum Tagungsband einen Text beizusteuern, der aus einer anderen und übergeordneten Perspektive das Motto der Tagung aufgreift.

Meine Beiträge sind naturgemäß informationswissenschaftlich ausgerichtet:

  • Künstliche Intelligenz als Apotheose des Kapitalismus (S. 103-123)
  • Ist das Kapital tot? Ist das schlimm? Kommentar zu McKenzie Wark (S. 275-280)

Dazu mehr in den folgenden Posts

 

Warum kann uns künstliche Intelligenz nicht helfen?

Cover der jüngsten Ausgabe von LeidfadenSeit einiger Zeit bin ich im „erweiterten Expertenkreis“ der renommierten Buchreihe „Edition Leidfaden“ des Göttinger Vandenhoeck & Rupprecht Verlags, einem Verlag, den ich seit meiner Studienzeit immer schon mit Hochachtung beobachtet habe, und der mittlerweile auch bei Brill „gelandet“ ist. Die Edition Leidfaden wird herausgegeben von Monika Müller, Petra Rechenberg, Katharina Kautsch und Michael Clausing und widmet sich der Begleitung von Krisen, Leid, und Trauer für mit diesen Themen professionell beschäftigten Therapeut:innen, Coaches oder anderen Helfenden im Palliativbereich. Unlängst erschien der Band „Dem Unbegreiflichen begegnen. Mit Rilke Trauer begleiten und Trost erfahren“  (von Eduard Zwierlein und Sylvia Brathuhn), der mich als ehemaligen Germanisten besonders fasziniert hat.

In den Kreis gekommen bin ich durch die editorische Betreuung des Bandes von Katharina Kautsch „Geborgenheitserleben in Krisen, Leid und Trauer. Tröstend und heilsam begleiten“ , dem ich ein paar interessante historisch linguistische Anmerkungen hinzufügen durfte.

Im Zentrum der Reihe steht die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift gleichen Namens „Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer“ – wohlgemerkt mit „d“. Die neueste Ausgabe der Zeitschrift widmet sich dem aktuellen Thema „Künstliche Intelligenz“ mit dem Titel „Grenzgänge. KI als neue Vision oder Bedrohung?“ und ich wurde gebeten, aus informationswissenschaftlicher Perspektive einen Artikel beizutragen. Daraus wurde:

Warum kann uns Künstliche Intelligenz nicht helfen? Eine informationswissenschaftliche Einordnung. In: Leidfaden, Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer, 15,1 (2026) S. 14-17. (preprint hier – in der Publikation stark redaktionell „ent-akademisiert“, aber visuell aufgehübscht)

Für diesen Beitrag beschäftigte ich mich intensiv mit dem Thema KI, das ich in meinem Buch bewusst „umschifft“ hatte. In der Tat hat sich ja KI in den letzten zwei Jahren dramatisch entwickelt, was ich schließlich im Rahmen der Leibniz–Sozietät vertieft darstellen konnte [1]. Dazu später mehr. Mein Thema im Magazin Leidfaden war zunächst die prinzipielle Frage nach psychotherapeutischer Hilfe durch KI; und wer denkt dabei nicht an die Therapeutin Eliza, die Joseph Weizenbaum in den 1960er Jahren am MIT entwickelte, um zu belegen, dass diese eben nicht helfen kann (sie hat dennoch immer noch Sprechstunden im Web.) Bei der Recherche zu dem Beitrag wurde in dem „KI Podcast“ der ARD [2] von einer Anekdote berichtet, bei der ChatGPT um Hilfe gebeten wurde. Die Redaktion stellte mir dankenswerter Weise den Dialog als Screenshot zu Verfügung und ich machte ihn zum Aufhänger meines Textes, der – wen wundert es – die DIKW Hierarchie bemühte und als Quintessenz behauptet, der KI fehlt „Verstehen und Kontext“, also Wissen und Weisheit und könne deshalb nicht helfen. Mittlerweile müsste ich aus informationswissenschaftlicher Perspektive sicher bereits vorsichtiger argumentieren, denn die neuesten Entwicklungen von KI Modellen lernen ja nicht mehr nur aus menschlichem Sprachmaterial [3], sondern erkunden die Welt der Menschen mit sog. „Weltmodellen“. Die Recherche- und Publikationszeit zog sich leider etwas in die Länge, so dass ich die wichtigen Publikationen von Markus Gabriel und Rainer Mühlhoff noch nicht kannte [4]. Die Debatte um die neue Technologie ist mit Sicherheit noch nicht beendet und die Entwicklung ist in vielen Bereichen auch noch nicht wirklich verstanden in ihrer Tragweite. Auch wenn sich alle dazu jetzt äußern (müssen).

Leider gibt es auf der Website des Magazins Leidfaden kein Inhaltsverzeichnis. Deshalb hier die Scans der Seiten 2 und 3, weil der eine oder andere Beitrag ebenfalls lesenswert ist:

 

 

[1] Künstliche Intelligenz – die Apotheose des Kapitalismus. In: Kapitalismus am Limit, hrsg. von M.Thomas, U.Busch u. H.-C.Hobohm. Berlin: Leibniz-Sozietät (Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin) [im Erscheinen]

[2] Der KI-Podcast: Metas KI-Brille, Mistral, MCP: Was steckt hinter aktuellen KI-Storys?, 23. Sept. 2025 – https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:0b35a5ea78b7aa27/

[3] Simanowski, Roberto (2025): Sprachmaschinen. Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz. München: CH Beck.

[4] Mühlhoff, Rainer (2026): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus : (Was bedeutet das alles?) – KI und AGI (Artificial General Intelligence) – Wie Tech-Milliardäre Macht und Zukunft formen. Ditzingen: Reclam
Gabriel, Markus (2026): Ethische Intelligenz : Wie KI uns moralisch weiterbringen kann | Ein Konzept für einen Fortschrittsoptimismus und eine neue Aufklärung. Berlin: Ullstein

Bibliotheksmanagement (Reflexion und Rezension)

In einer Zeit der Polykrisen und des erstaunlichen Aufschwungs des Autoritarismus weltweit bzw. des Überbordens der apokalyptischen Allmachtsfantasien der neoliberalistischen Tech-Bros stelle ich fest, dass ich in den letzten 30 Jahren auch dem neoliberalen Datenparadigma unterlegen war. Ehrlich gesagt, erst mit David Lankes wurde mir immer verständlicher, was Michael Gorman seinerzeit bei einer von mir 2003 organisierten Konferenz in Potsdam als Keynote meinte, wenn er der Bibliotheks- und Informationswissenschaft vorwarf, nicht „the greater common good“ (das Gemeinwohl) im Fokus zu haben. Zwar hatte ich schon länger den „Wert von Bibliotheken“ und dessen Messung kritisch thematisiert. Der aktuelle Hype um Künstliche Intelligenz könnte es deutlicher nicht machen, dass Institutionen wie Bibliotheken sich um die Werte der freiheitlich demokratischen Gesellschaft kümmern sollten – und wie sehr nicht nur der Planet, sondern auch seine Bewohner unter Stress geraten. Im Nachhinein bedauere ich, so sehr hinter ISO 11620 und LibQual und dem monetären „Wert von Bibliotheken“ hergelaufen zu sein (vgl. auch „Worth Their Weight„).

Aber anders als Michael Gorman dies forderte, würde ich jetzt gerade nicht „mehr Praxis“ in die Lehre aufnehmen, sondern im Gegenteil noch mehr Theorie z.B. zu der Frage, welche konkrete Aufgabe Bibliotheken in der realen Welt der Begegnung von Mensch und Gesellschaft spielen sollten. Natürlich hatte ich in meinen Vorlesungen das immer wieder plakativ thematisiert, aber es fehl(t)en im Grunde die wissenschaftlichen Werkzeuge das Bibliotheksmanagement darauf auszurichten. Studierende, die nach ihrem Abschluss Bibliotheken leiten (=managen) sollen, hätten im Studium sehr viel mehr von Epistemologie und Hermeneutik erfahren sollen oder zumindest von Gesellschaftstheorie und Politik. Aber das gab und gibt das Curriculum nicht her.

Von einem zweibändigen Standardwerk mit einem Titel, der suggerieren könnte, dass er sich mit der Aufgabe des (strategischen?) Managements von Bibliotheken beschäftigt, würde man Beiträge (auch) dazu erwarten. Dem Titel ist nicht zu entnehmen, dass hier lediglich wissenschaftliche (also große Universitäts- und Nationalbibliotheken) adressiert werden, und dass sich die Beiträge zu großen Teilen mit dem Wandel des wissenschaftlichen Publikationsmarktes beschäftigen, wie er sehr deutlich von Rainer Kuhlen beschrieben wurde [1]. Nicht nur, dass diese einschlägige Studie Kuhlens in dem Praxishandbuch gar nicht erwähnt wird, es bleibt insgesamt ein – wenn auch interessanter – Einblick in die eher praktischen Reflexionen der Leiterinnen großer Bibliotheken unter dem Eindruck einer eher technologisch-epistemologischen Krise, die mehr reflektiert werden müsste, bevor auch und gerade die wissenschaftlichen Bibliotheken obsolet geworden sind. (Beinahe lese ich das Handbuch mittlerweile als ein letztes Aufbäumen dieser Institution…)

Ich hatte hierzu die Gelegenheit, im m.E. zentralen Fachorgan Bibliothek. Forschung und Praxis eine Rezension zu veröffentlichen, die hoffentlich dennoch einigermaßen ausgewogen ist und diese metatheoretischen Gedanken nicht enthält.  Sie ist soeben ahead of print Open Access erschienen: https://doi.org/10.1515/bfp-2024-0099 .

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[1] Kuhlen, Rainer (2020): Die Transformation der Informationsmärkte in Richtung Nutzungsfreiheit. Alternativen zur Als-ob-Regulierung im Wissenschaftsurheberrecht. Berlin: De Gruyter Saur (Age of access? Grundfragen der Informationsgesellschaft: 12).

 

Besprechung in IWP

Screenshot aus IWP (https://doi.org/10.1515/iwp-2025-2030)

Nach der fulminanten Besprechung meines Buches in „Bibliothek. Forschung und Praxis“ [1] erscheint nun eine ebenso positive Besprechung im informationswissenschaftlichen Flaggschiff „Information. Wissenschaft&Praxis“ (IWP) [2].

Für eine Rezension unüblich ergänzt Anne-Katharina Weilenmann ihre Besprechung mit einer Reihe von Literaturhinweisen zum Thema, die auch – teilweise aktueller – im Buch schon zu finden sind. Ihre Gesamteinschätzung aber ist wie erwähnt:

Alles in allem, ein beeindruckendes und faszinierendes Werk!

Auch wenn der Text – ebenfalls unüblich – kurz ist, so ist doch begrüßenswert, dass die Autorin, die Grundstruktur und die Grundgedanken meines Buches sehr klar erfasst hat. „Fachkundige“ Leser:innen schreibt Weilenmann wird ermöglicht, „zu allen wichtigen Aspekten der Informationswissenschaft einen Faden [aufzunehmen], der sich verzweigt, ausweitet und zu Unbekanntem und Neuem führt.“ Das war in der Tat meine Intention. Der Hinweis der Rezensentin, dass das Buch die „Komponente Maschine“ im Konstrukt ‚menschliches Informationsverhalten‘ zu wenig berücksichtige (Stichwort „Brain Computer Interfaces„), mag für die Lesenden eine interessante Irritation sein, entspricht aber eben nicht meiner Intention „Informationsverhalten“ in der Breite zum bisherigen Stand transdisziplinär aufzuarbeiten. Weilenmann selbst lobt, dass ich auf NeuroIS, die österreichische Arbeitsgruppe an der Schnittstelle von Informationswissenschaft und Neurowissenschaft hinweise. Die Ergebnisse dieser Forschungsrichtung verfolge ich jedoch nicht weiter, weil für mich zentral war, wie z.B. die Praxistheorie den Akteur „IT/Medientechnik“ im gesellschaftlichen und menschlichen Bewusstsein einordnet. Aber offensichtlich ist dieser Faden von der Autorin aufgenommen worden. Persönlich finde ich, dass gerade auch ohne im Körper implementierte IT die aktuelle Informationswelt schon äusserst stark auf das Gehirn der Menschen wirkt und das Verhalten auf noch zu wenig verstandene Weise beeinflusst.

Leider kann die Rezension dann doch nicht als Replik auf die studentische Lektüre des Buches in der gleichen Zeitschrift [3] gelesen werden. Diese hatte, wenn auch mit der ihr eigenen Perspektive eine ausführlichere, tiefergehende Darstellung des Buches geliefert.

So ergänzen sich alle drei Rezensionen, die mir bisher bekannt geworden sind, zu einem korrekten Bild und zeigen, dass meine Intention zunächst für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft aufgegangen zu sein scheint.

Wichtig wäre jedoch jetzt auch von Lektüren in anderen Disziplinen zu hören. Eine der Hauptideen des Buches war ja, nicht nur der Informationswissenschaft, den disziplinären Kontext durch Selbstreflexion zu erweitern, sondern auch umgekehrt, anderen Disziplinen den Weg zu informationswissenschaftlichen Erkenntnissen zu öffnen. Da wäre ich gespannt zu hören, welche Fehlinterpretationen der Erkenntnisse anderer Wissenschaften mir unterlaufen sind… (Der Verlag schickt gerne noch weitere Rezensionsexemplare)

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[1] Griesbaum, Joachim. „Hans-Christoph Hobohm: Informationsverhalten. (Age of Access? Grundfragen der Informationsgesellschaft, Band 5). Berlin, Boston: De Gruyter Saur, 2024. 444 S., 28 Illustr. Online-Ausgabe: ISBN: 978-3-11-039618-8.“ Bibliothek. Forschung und Praxis, 2025. https://doi.org/10.1515/bfp-2024-0096 (aop)

[2] Weilenmann, Anne-Katharina. „Informationsverhalten“ Hans-Christoph Hobohm. – Berlin, Boston: De Gruyter Saur, 2024 (Age of Access? Grundfragen der Informationsgesellschaft; 5). – 19 + 444 S. Gebunden ISBN: 9783110317848; eBook ISBN: 9783110318463, 104,95 Euro. https://doi.org/10.1515/9783110318463″ Information – Wissenschaft & Praxis, vol. 76, no. 4, 2025, pp. 225-226. https://doi.org/10.1515/iwp-2025-2030

[3] Cicek, Timucin, Schnell, Ines and Ulffers, Julia. „Kollaborative Rezension Informationsverhalten“ sowie „Einordnung einer Buchkritik durch den Informationsnachwuchs“ Information – Wissenschaft & Praxis, vol. 76, no. 2-3, 2025, pp. 137-142. https://doi.org/10.1515/iwp-2025-2009