Offene Briefe im “Scherbenhaufen”

Lewandowski Analyse des KSS Netzwerks (ISI Tagung Zadar 2015)

Lewandowski Analyse des KSS Netzwerks (ISI Tagung Zadar 2015)

Die Informationswissenschaften (!) erleben im Moment eine schwere Zeit. Nach der “Causa Ball”, bei der der Direktor der UB der ETH Zürich die Bibliothekswelt gegen sich aufbrachte, kamen zeitgleich mehrere andere Hiobsbotschaften und traurige Nachrichten in unser Wissenschafts- und Praxisfeld. So verlieren wir mit dem Tod von Jürgen Krause und Rainer Hammwöhner zwei der prominentesten Personen und mit dem Institut für Informationswissenschaft der Uni Düsseldorf und der Zentralbibliothek für Medizin zeitnah mit einem Schlag zwei wichtige Institutionen.

Ich frage mich gerade wirklich, wie ich das meinen Studierenden erklären soll. Da kommt die Antwort in der bibliothekarischen Rohrpost “Inetbib”, die offensichtlich auch von Informationswissenschaftlern gelesen wird. Walther Umstätter empfiehlt uns, endlich Shannons Informationstheorie als Basis für die Informationswissenschaft zu lesen. … Oh je, das wird ja noch schwieriger, wo wir doch in Potsdam auch immer den zweiten Teil der Abhandlung zur “Mathematical Theory of Communication” lesen, nämlich den von Weaver, in dem er deutlich sagt, er und Shannon hätten sich darauf geeinigt, erstmal den einfachen Teil des gesamten Komplexes, nämlich nur den der Syntax zu behandeln, Semantik und Pragmatik seien zunächst einmal zu kompliziert für die vorgelegte Theorie der Kommunikation (nicht: Information).

Glücklicherweise nimmt auch gleich Rainer Kuhlen in einem Offenen Brief Stellung zu diesem Ansinnen. Er verweist u.a. darauf, dass es in der Informationswissenschaft tatsächlich mittlerweile einen deutlich anderen Diskurs gibt, als den der sich auf eine Shannonsche Informationstheorie beruft. Schade, dass das so oft wiederholt werden muss.

Vielleicht sollte (muss) man trotz allem auch noch mal darauf hinweisen, dass vor allem in Deutschland, die Informationswissenschaft “ein Kind” des Fachinformationsprogramms der 1960er und 1970er Jahre war. Mit dem Paradigmenwechsel in der Politik ist dann der langfristige “Niedergang” zunächst der Infrastruktur (GID, DBI, FIZe…) dann der Lehrstühle (Berlin, Saarbrücken, Konstanz, Düsseldorf…) zu beobachten. Hier ist ein historischer Blick in die Fachgeschichte stets hilfreich. Anfang der 2010er Jahre hatte ich den Eindruck, dass die Politik angesichts des Digitalen Wandels neu auf die Informationsinfrastruktur blickt: BLK, GWK, HRK publizierten Papiere, von denen man im Tenor annehmen konnte, dass Informationsarbeit als wichtig angesehen wird. Immer wieder wurde auch auf die Notwendigkeit von “Ausbildung und Kompetenzentwicklung” hingewiesen. Der Umbau in den Köpfen und den handelnden Strukturen, der es ermöglicht hatte, dass Fachinformation ihren Stellenwert verlor (weil zu kompliziert), führte dann aber doch paradoxerweise dazu, dass in den Bibliotheken von der DFG “Fachinformationsdienste” eingeführt werden sollen. (Ist das nicht zynisch?) Ein frühes Opfer des “Umbaus war die Berliner Informationswissenschaft mit Gernot Wersig, der die Situation “schon” 2000 in der Festschrift für den Düsseldorfer Informationswissenschafter Henrichs treffend beschrieb als: “dumm gelaufen”. Ich glaube, seine Analyse ist aktueller denn je (deshalb hier im upload – Dank an Peter Heisig für den Hinweis), zumal die Steigerung der gesellschaftlichen Komplexität, die Wersig von über 15 Jahren als Begründung für die Notwendigkeit einer “Informationswissenschaft” sieht, bestimmt nicht abgenommen hat, wie in dem “Digital Manifest” von führenden Wissenschaftlern in Spektrum der Wissenschaft vor wenigen Wochen sehr anschaulich dargestellt wurde.

Interessanterweise verweist Umstätter auf einen kleinen Post in meinem Blog, in dem ich 2012 genau die Argumentation der Leibniz-Gemeinschaft positiv bewerte, die jetzt die ZBMed zu Fall gebracht hat: der Versuch einer Anbindung von informationswissenschaftlicher Forschung an Informationsinfrastruktureinrichtungen. Die Ereignisse in Düsseldorf scheinen jedoch meine Argumentation eher zu bestätigen: die Informationswissenschaft (und wenn ich den Plural benutze, meine ich auch die noch kleinere Bibliotheks- und die nicht (universitär) vorhandene Archivwissenschaft)  sind zu klein um sich im universitären Kampf der professoralen Duodezfürstentümer zu behaupten. Weshalb meine Hoffnung war, dass sie “wenigstens” in der Infrastruktur selbst gedeihen möge. Doch die Vermischung von praktischem Selbstinteresse und wissenschaftlichem Diskurs einer Fachdisziplin ist offensichtlich nicht fruchtbar. Eine Disziplin benötigt einen eigenen Reflexionsraum und sollte nicht stets als Werkzeug für Entwicklungsarbeiten der eigenen Institution benutzt werden (wie sich IMHO im Fall der Bibliotheksförderung durch die DFG zeigt). So twitterte denn auch Prof. Steinhauer:

Screenshot 2016-03-21 11.00.41Umso begrüßenswerter ist die Initiative der KIBA und einzelner informationswissenschaftlicher Kollegen ein Zentrum Informationswissenschaft aufzubauen. (Statt auf eine Bewilligung eines FID Informationswissenschaft zu warten.) Bleibt zu hoffen, dass dies nicht auch nur “fachintern” bleibt – so nötig hier ein Kompetenzzentrum auch ist, s.o.

Informationswissenschaft profitiert von forschendem Lernen als Profil der Hochschule (eigentlich: “fehlende Zeitschriften”)

SCImago Journal & Country RankEs ist schon erstaunlich, wie “einfache” strategische Entscheidungen ganze Disziplinen beeinflussen könn(t)en. Die Ausrichtung der Hochschule auf “Forschende Lehre / lehrende Forschung” (“FL2”) im Zusammenhang mit sog. Interflex Seminaren (interdisziplinär/fachbereichsübergreifend, projektorientiert, flexibel) und dem Aufbau des Instituts für angewandte Forschung (mit drei Forschungsprofessoren an einer FH!) zeigt zumindest für mich persönlich und unseren Studiengang Informationswissenschaften Wirkung. Noch vor Jahren hatte ich mich nicht getraut, “Wissenschaft” zu machen und die allgemeine Ablehnung, internationale Fachpresse in den Seminaren zu rezipieren auch mehr oder weniger akzeptiert. Mittlerweile ist ein Klimawandel zu spüren: mindestens in den aktuellen Masterarbeiten und teilweise auch in gemeinsamen Publikationen und Projekten mit Kollegen.

Der Wermutstropfen: nun wird deutlich, wie schwer es ist, tatsächlich Informationswissenschaft in Deutschland zu betreiben. Zumindest auf internationalem Niveau: Evidence Based. Ich habe sogar den Eindruck, dass internationale einschlägige Zeitschriften seit 2014 in Deutschland immer weniger vertreten sind. Continue reading

Studienprojekte mit der Eye-Tracking-Brille an der FH Potsdam

SMI Eye Tracking Brille

SMI Eye Tracking Brille

Eine kleine Rückschau anlässlich unserer Aktivitäten zum Aufbau des Usability-Labors und der Informationsverhaltensforschung am Fachbereich. Viele haben dies ja schon z.B. auf dem Bremer Bibliothekartag im Rahmen der Zukunftswerkstatt oder auf anderen öffentlichen Veranstaltungen des Fachbereichs mitbekommen: wir nutzen seit 2013 ein mobiles Eye-Tracking System von SMI.

Aus anderen, „echten“ Projektmitteln konnte die recht komplexe (und vor allem teure) Eye-Tracking Brille von SMI angeschafft werden. Seitdem werden regelmäßig Masterprojekte und Masterarbeiten damit durchgeführt. Continue reading

Auflösungserscheinungen der Digitalen Welt

Neben der erneuten Ablehnung des Antrags für einen Fachinformationsdienst Informationswissenschaft, die völlig unverständliche Ablehnung des BID “Bundesverbands “Bibliothek & Information Deutschland” (wird er sich nun umbenennen? “Vertritt alle, die Information anbieten,” sagt er von sich…) weiter mit der “Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen” (DGI) zu kooperieren, kommt heute unten abgedruckter Brief ins Haus. Ein schönes Beispiel der Ungleichzeitigkeit von Wissen und Machtdispositiven (wie heute in der Vorlesung diskutiert…). Endlich gibt es eine breite Ablehnung des Neoliberalismus, es wurde sogar ein nationaler Rat für Informationsinfrastruktur eingerichtet und dennoch verstehen Entscheider nicht, welche Fehler sie begehen. Und: sie werden es nie verstehen, da “Information” und “Wissenschaft” keine Erfahrungs- oder Suchgüter sind, sondern meritorische Güter und Vertrauensgüter, deren Wert man nicht irgendwann einmal einschätzen kann, sondern eben gar nicht. Oder wie es die renommierten Pädagogen Erpenbeck und Sauter in ihrem gerade erschienen Buch formulieren: wir rennen sehenden Auges in die Kompetenzkatastrophe.

Trotz aller Manifeste wie Onlife oder Das Digital Manifest, die mit sehr düsteren Szenarien warnen, die aktuellen Entwicklungen der Digitalen Transformation nicht ernst zu nehmen.

Lieber Herr Hobohm,

wir wenden uns heute in einer wichtigen Angelegenheit an Sie und den gesamten Fachbereich Informationswissenschaften an der FH Potsdam: Continue reading

Den Digitalen Wandel gestalten – Community Transformation Lab

"Digitales Wachstum" ... nur mittels kollektiver Intelligenz lassen sich noch angemessene Problemlösungen finden" (aus Sonderausgabe Das Digital-Manifest DSDW 2015, S. 9

“Digitales Wachstum … nur mittels kollektiver Intelligenz lassen sich noch angemessene Problemlösungen finden” (aus Sonderausgabe Das Digital-Manifest SDW 2015, S. 9)

Der Digitale Wandel wird allenthalben als imminent beschrieben und generiert ein warnendes Statement oder gar “Manifest” nach dem anderen. Die bedrohlichen Töne werden immer lauter. War das Cluetrain Manifesto 1999 von Weinberger u.a. noch optimistisch, das Internet als Wirtschaftsfaktor erklärend, so änderte sich der Tonfall in den “New Clues” 2015 und wird dem Lamento von Jaron Lanier (“Wem gehört die Zukunft“) nicht unähnlich. Im gleichen Jahr erschien auch das Onlife Manifesto von Luciano Floridi und seinem EU Think Tank, der besonders die ethischen Herausforderungen der Digitalität betonte. Mahnungen wie Duecks Schwarmdumm und oder Spitzers Cyberkrank münden dann in die Kompetenzkatastrophe von Erpenbeck und Sauter. Der jüngste Beitrag in dieser erstaunlichen Reihe von Rufern in der Wüste wurde zusammengestellt vom Spektrum der Wissenschaft in einer Sonderausgabe ihrer digitalen Reihe “Die Woche” mit einer ebenfalls die Fähigkeiten der deutschen Sprache überdehnenden Titel: “Das Digital-Manifest” (sic!, in einer Krisenstimmung muss wohl auch die Sprache in die Krise kommen? hier zur Sicherheit im eigenen Upload: Spektrum-der-Wissenschaft-Die Woche-2015-sonderausgabe-Das-Digital-Manifest.)

Was aber tun in einer solchen Situation – statt nur weitere Manifeste zu schreiben und zu mahnen? Continue reading