Feb 07 2010

Informationsüberlastung: ein Problem des sozialen Systems, nicht des technischen

Auf der Web2.0 Expo 2008 in New York gab es einen beeindruckenden 20 minütigen Vortrag von Clay Shirky (”Here comes everybody”) zu der Frage, wie es zu Informationsflut kommt und was das mit dem Ende der Gutenberg Galaxis zu tun hat. Der Hinweis darauf erschien gerade mal wieder bei Twitter und ich glaube der Vortrag ist immer noch aktuell. Es geht u.a. darum, dass das Thema Informationsflut immer noch ein Vorwand bzw. eine Entschuldigung für viele Aktivitäten wie Presseartikel und Bücher ist (!). So beugt auch er sich darüber und weist darauf hin, dass es in der Gutenberg Galaxis immer einen Qualitätsfilter vor der Publikation gab: den Verleger, der das Risiko der Produktion und Vorfinanzierung (daher der Name: “Vorlegen”) übernahm.

Die Tatsache, dass Informationen stets kontinuierlich zunehmen, erfordert, dass wir uns stets aufs neue darum kümmern – als Person. Mit unseren eigenen Filtern. “Privatheit” ist die Frage der Auswahl, wer welche Informationen erhält. Das Problem ist, dass wir gerade dabei von einem persönlichen zu einem Ingenieur-gesteuerten System der Privatheit übergehen. Er berichtet hier von interessanten Beispielen aus Facebook. Mit der Schlussfolgerung, dass das Phänomen Facebook mit keiner Metapher der alten Welt – um damit auch nicht mit existierenden Metadaten – erklärt werden kann. Nicht der Code ist das Problem, sondern das menschliche Unvermögen, die neuen Systembrüche zu verstehen. Es ist kein Design-Problem, sondern ein “mental shift“. Niemand wird z.B. die Hochschule und ihre Lerngewohnheiten neu “codieren” können.

Zum information overload, der vielleicht für uns Menschen doch eher so etwas ist wie das Wasser für die Fische, sagt Clay Shirky: “If you have the same problem over a long time, may be it is not a problem may be it is a fact.” Früher hat man versucht, das Problem an der Quelle zu lösen, durch die Qualitätskontrolle vor der Publikation. Das ist prinzipiell nicht mehr möglich im Internet: hier haben sich die Filter, die Institutionen (wie z.B. das Phänomen der Privatheit) geändert. Gänzlich neue Filter müssten geschaffen werden. Es hilft nicht, die alten an der Oberfläche zu reparieren, sie sind aus strukturellen Gründen zerbrochen. Manches wird zwar weiterhin über Programmierung – vor allem “post-kategorialer” Art – abgefangen werden können, aber wichtiger noch ist das Überdenken sozialer Normen. Wenn in der Informationsflut etwas beginnt zu stören, muss man sich nicht fragen, was mit der Informations falsch ist, sondern, welcher Filter gerade nicht mehr funktioniert.

Nun: meine Antwort liegt auf der Hand. Es ist das Versagen der nationalen und lokalen Informations- und Bildungsinfrastrukturen, der Bibliotheken, Informationseinrichtungen und auch der Archive. Und vor allem: der Ruf nach mehr Informatikern ist – wie Clay Shirky implizit an mehreren Stellen sagt – bestimmt nicht die Lösung.

Der zweite Aspekt, den er nur am Anfang kurz erwähnt, ist, dass es früher zur Informationsfilterung auch Personen (oder Institutionen) gab, die Verantwortung, d.h. Risiko übernommen haben, Informations- und Bildungsprodukte auf einem Markt zu platzieren, der ihnen dafür eine Gegenleistung erbrachte. Beides (Riskobereitschaft und Risikobelohnung) scheint es nicht mehr zu geben. Das könnte ein Hinweis darauf sein, welche sozialen Normen besonders beleuchtet werden sollten: nämlich die ökonomischen.

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Jan 28 2010

Theseus und das Semantische

Theseus und Minotarus

Theseus und Minotarus

Theseus war der antike, griechische Held, der den schrecklichen Minotaurus in seinem Labyrinth tötete und zu seiner Orientierung von Ariadne den berühmten Wollfaden erhielt. In Deutschland der Merkel Ära ist Theseus das ausgesprochen gut dotierte Forschungsprogramm der Bundesregierung, das im Grunde die früheren Förderungen der “Fachinformationsprogramme”  ablösen sollte. Das heutige Labyrinth ist das Internet, der Faden das Schlagwort “Semantic Web”.

Das hochtechnologische Forschungsprogramm hat im letzten Jahr die Wirkung multimedialer Öffentlichkeitsarbeit entdeckt und erklärt uns nun in einem “Erklärfilm” (sic), was das “Semantische Web” denn sei.

Erklärfilm von Theseus

Der Flash-Film lässt sich leider nicht ordentlich einbetten. Er wurde produziert von Scholz&Friends, einer der renommiertesten Werbeagenturen Deutschlands. Noch schöner ist der “Imagefilm”! Der kommt gar als zip daher. Dennoch, anschauen lohnt sich (ein Brüller!) und man weiß, wo die Steuermilliarden hinfließen.

Theseus Imagefilm

Jedenfalls scheint der Minotaurus noch nicht besiegt. Ob der Faden noch in der Hand der Projektleitung ist?

Ebenfalls interessant sind die Beiträge der EU Konferenz “National Initiatives on Multimedia Content Description and Retrieval” im Oktober 2007, auf der Theseus im Vergleich mit anderen ähnlichen Initiativen in Europa vorgestellt wurde. Bezeichnend der Eröffnungsvortrag von Joao Schwarz da Silva, von der EU-Kommission. Man schaue sich den Film mit informationswissenschaftlichen Augen an:


Opening

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Jan 26 2010

Tagung: I-Science in Potsdam 23.-24.3. anmelden !

Über den Namen kann man sich streiten: “I-Science” hat nicht viel mit Ostern zu tun. Das ist erst eine Woche später. Ich denke jedoch, dass hier der Forschergruppe des Fachbereichs Informationswissenschaften zum Thema Datenmanagement und E-Science eine spannende und hochkarätige Auswahl an Referenten zu einem höchstaktuellen Thema gelungen ist. Ein Highlight ist der Beitrag von Tony Hey (vice president, Microsoft Research), der über sein Argument sprechen wird, dass wir in einem Zeitalter der absoluten Datenlastigkeit angekommen sind: “The fourth Paradigm“. Aber auch die anderen Referenten können diesem internationalen Keynote-Speaker das Wasser reichen: es sind die in der deutschen Szene bekannten Experten der Diskussion um Forschungsdatenmanagement, die in Potsdam nicht nur an der FHP, sondern gerade auch mit der Forschungsplattform Klimawandel (GFZ, PIK) besonders stark verwurzelt ist.

Der zweite Tag der Tagung wird in Kooperation mit FIZ Karlsruhe ausgerichtet und ist ein “hands-on-Workshop” zu eSciDoc und zu konkreten Fragen des Klimadatenmanegements

Die Nachfrage ist – trotz zeitgleicher Konkurrenzveranstaltungen zu ähnlichen Themen – schon recht groß: bitte anmelden!

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Jan 25 2010

Potsdam in Parma (BOBCATSSS): Nachhaltigkeit im Bibliothekswesen

Published by Hans-Christoph Hobohm under FHP Fb5 and tagged: , , ,

BOBCATSSS2010

Nach der erfolgreichen Tagungsorganisation der vorletzten BOBCATSSS-Konferenz in Zadar, Kroatien, hat der BOBCATSSS-Virus in Potsdam immer noch nicht nachgelassen. Diesmal ist eine Gruppe von Studierenden des 7. Semesters Bibliotheksmanagement mit Unterstützung von BII dort und präsentiert Ergebnisse der eigenen Projektarbeit zum Thema nachhaltiges und ökologisches Bauen von Bibliotheksgebäuden. In Zusammenarbeit mit Olaf Eigenbrodt entwickelten sie ein Konzept für ein sog. “plus-Haus” für das geplante Speichermagazin der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Der Titel lautet Ecological sustainability in libraries as a necessity to overcome the digital divide.

Die Tagung wird stets von LIS-Studierenden aus zwei Ländern organisiert und ist ein erfolgreiches Modell der Ost-West- Kooperation in Europa seit 1993 und steht unter der Schirmherrschaft von EUCLID, der “European Association for Library and Information Education and Research”.

Die Live-Berichtserstattung der heute startenden Tagung kann bei Twitter bsu-news und im Blog BibliothekarInnen sind uncool verfolgt werden!

Der live web cast ist hier:
http://you.unipr.it/video/eventi-in-diretta/eventi-in-diretta_0_21.html

Viel Erfolg unserer “Delegation”!

vgl. auch: Website des Fachbereichs Informationsiwssenschaften der FHP

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Jan 21 2010

Gesten-Computer und optischer Spass mit Daten in 5 Jahren – sagt Horizon2010!

Eigentlich hat man noch nicht die letzten Horizon Reports verdaut, da ist schon der neueste. Seit 2004 mittlerweile erscheint jährlich der Delphi Bericht zu neuen Technologien im Bildungsbereich, der aber eher zu einem allgemeinen Technologie-Trend Bericht geworden ist und Gartner im Open Content Bereich Konkurrenz macht (meiner Meinung nach).

Zwei kleine Zitate aus dem Executive Summary seien herausgepickt, die ich immer noch für bedeutsam halte:

The role of the academy — and the way we prepare students for their future lives — is changing. In a 2007 report, the American Association of Colleges and Universities recommended strongly that emerging technologies be employed by students in order for them to gain experience in “research, experimentation, problem-based learning, and other forms of creative work,” particularly in their chosen fields of study.

(…)

Institutions increasingly focus more narrowly on key goals, as a result of shrinking budgets in the present economic climate. Across the board, institutions are looking for ways to control costs while still providing a high quality of service. Schools are challenged by the need to support a steady — or growing — number of students with fewer resources and staff than before. In this atmosphere, it is critical for information and media professionals to emphasize the importance of continuing research into emerging technologies as a means to achieve key institutional goals.

Genau diese Situation hindert (zusätzlich zum Bologna-Prozess) die Entwicklung in Deutschland.

Die jetzt ausgemachten nächsten Trends:

Im laufenden Jahr:

  • mobile computing
  • open content

in den nächsten zwei bis drei Jahren:

  • eBooks
  • simple augmented reality

bis in fünf Jahren:

  • gesture-based computing
  • visual data analysis

Vor allem die letzten Punkte sind faszinierend. Er zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind in Potsdam mit der neu ausgeschriebenen Professur “Information Visualization” und unseren Projekten zu Datenmanagement.

Ich empfehle aber zunächst das Video der Präsentation des Reports:

Horizon2010 presentation, jan. 19, 2010

vgl. auch frühere Postings hier.

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