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Bernard Stiegler 1952-2020

Bernard Stiegler, 2004

Manche schreiben mit 91 noch das alles umfassende Opus Magnum ihres Lebens wie Jürgen Habermas [1], andere verlassen es freiwillig mit 68. Dies ist besonders schade bei dem neben Bruno Latour zweitwichtigsten aktuellen Philosophen Frankreichs.

Sein Buch „Logik der Sorge“ [2], eines der wenigen, die auf Deutsch erschienen, bekam in der Anfangszeit der Pandemie eine Art symbolische Aufladung, als klar wurde, dass die Sorge (lat. cura) ein vernachlässigter Aspekt unserer liberalitären Gesellschaft (wie er sagt) ist. In einem seiner letzten Bücher [3] erklärt er mit einem typisch französisch poststrukturalistischen Wortspiel à la Derrida sogar, dass „Wunden verbinden“ (panser) die gleiche Art des Handelns ist wie „denken“ (penser). Genauer hindenken bedeutet auch eine Form des Heilens bzw. muss sich ebenso wie der Krankenpfleger entscheiden, wer oder was „geheilt“ werden muss/kann im jeweiligen Moment. Ganz im Sinne auch der Definition“ von Information durch Gregory Bateson: „any difference that makes a difference“ [4].

Stiegler war Leiter des Collège international de philosophie, wo ich ihm in meiner Pariszeit in der 1980er Jahren leider noch nicht begegnet bin – jedenfalls nicht bewusst. Zuletzt war er Leiter des Institut de recherche et d’innovation, IRI am Centre Pompidou und hatte führende Positionen am IRCAM und am INA. Außerdem unterrichtete er an der TU Compiegne und ist in vielen öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten der Zivilgesellschaft zu beobachten. Mehr geht nicht. Dennoch hätte ich mir eine weitere Begleitung unseres weiteren Weges in der Digitalität durch ihn gewünscht. Seine Gedanken kreisten immer wieder um das Verhältnis von Technik und Mensch und die Entwicklung der Gesellschaft. Ich denke, dass er weiter viel Einfluß auf Denken und Politik hätte haben können.

Wie der Titel seines Buches aus 2012 empfinde ich einen „État de choc“ – was er allerdings anders meinte und mit dem Untertitel deutlicher wird: „Bêtise et savoir au XXI siècle“ [5] (Dummheit und Wissen im 21. Jahrhundert). Insbesondere ist er mit seiner Fundamentalkritik des Anthropozän bekannt geworden mit dem Kunstbegriff des „Neganthropocene“ [6], in dem er Information (Shannons Negentropie) und Menschsein – ähnlich wie schon Schrödinger –  verbindet. In seinen Vorträgen denkt man oft einem Informationswissenschaftler zuzuhören, wenn er über Entropie und Kybernetik, Shannon und Norbert Wiener, aber auch über Gestalt-Theorie und Gilbert Simondon spricht (vgl. eine seiner jüngsten Spuren bei Youtube [7])

Sein Werk ist rhizomatisch ausufernd und schwer zu verfolgen. Er ist der gleiche Schuljahrgang wie Deleuze und soll diesen stark beeinflusst haben. Er „schrieb“ seine vielen Bücher vorwiegend auf den Stau geprägten Autofahrten zur 80km weit entfernten Uni in ein Diktiergerät (o.ä.), was die Fülle aber auch Verzweigtheit seiner Texte etwas erklärt. In England hilft ihm sein Co-Autor und Übersetzer Daniel Ross zu einer Konkretisierung seines „Werks“. Anders als Habermas (aber mit diesem ist er nun wirklich nicht zu vergleichen!) hat er kein wirkliches Opus Magnum, dazu ist er auch zu sehr eine öffentlich agierende Persönlichkeit gewesen – ganz dem „Geist“ des Centre Pompidou entsprechend. „Berühmt“ geworden ist er durch sein „coming out“ als Bankräuber [8]. Es ist sicher pietätlos, aber er wird es mir verzeihen: ich fühle mich durch sein „Verschwinden“ („sa disparition„/Ableben) beraubt, gerade auch weil ich ihn erst kürzlich „entdeckt“ habe, wie gesagt um das Schlagwort „Sorge“ herum, dass ja z.B. Floridi mit der „Sorge um die Aufmerksamkeit“ im Onlife Manifesto [9] als eine ähnliche Gesellschaftskritik in die informationswissenschaftliche Diskussion einbrachte.

[1] Habermas, Jürgen (2019): Auch eine Geschichte der Philosophie. Bd. 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Bd. 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskures über Glauben und Wissen. 2 Bände. Berlin: Suhrkamp.

[2] Stiegler, Bernard (2008): Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien. Frankfurt am Main: Suhrkamp (edition unseld, 6).

[3] Stiegler, Bernard (2018): Qu’appelle-t-on panser. Paris: Éditions Les Liens qui libèrent.

[4] Bateson, Gregory (1979): Mind and nature. A necessary unity. New York: Dutton. S. 228: Glossar: „Information. Any diffrence that makes a differene“

[5] Stiegler, Bernard (2012): États de choc. Bêtise et savoir au XXIe siècle. Paris: Mille et une nuits.

[6] Stiegler, Bernard; Ross, Daniel (2018): The Neganthropocene. London: Open Humanities Press (CCC2 irreversibility).

[7] Séminaire Information et Entropie 20 Juin 2018 / 17h00 – 20h00 Centre Pompidou – Salle Triangle co-organisé par l’Institut de Recherche et d’Innovation et le projet NextLeap (EU H2020) (Youtube: https://youtu.be/3b9S-n1-7to)

[8 ] Stiegler, Bernard (2007): Zum Akt. Berlin: Merve-Verl. (Merve, 294).

[9] Floridi, Luciano (Hg.) (2015): The onlife manifesto. Being human in a hyperconnected era. [Report of the project „The Onlife Initiative: concept reengineering for rethinking societal concerns in the digital transition“ on behalf of DG Connect, the Euopean Commission Directorate General for Communications Networks, Content and Technology]. Cham, Heidelberg u.a.: Springer Open. Online verfügbar unter http://ec.europa.eu/digital-agenda/en/onlife-initiative.

 

 

Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne

Photo: Andrea Berger via Twitter

In der Blockwoche des Fachbereichs ergab sich für mich die Gelegenheit auf einer äusserst gut strukturierten und exzellent vorbereiteten Tagung zum Thema „Nationalismus im Digitalen Zeitalter“ an mein ursprüngliches Forschungsgebiet „Zensur in der Frühaufklärung“ mal wieder anzuknüpfen. Die Grafik von Dirk Helbing im Digital Manifest 2015 („Feudalismus2.0“) hatte mich an meine eigenen Forschungen in den damals noch nicht so genannten Digital Humanities erinnert, bei denen ich mit erstaunlich ähnlichen Kurven den Beginn der Moderne am Beispiel des bürgerlichen Romans für das Jahr 1737 darstellen konnte. Und ca. 280 Jahre später zeigen sich Tendenzen, die nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, sondern vielleicht tatsächlich sogar auf das Ende der Aufklärung hinweisen. Continue reading

BAM! Nancy Pearls Reinkarnation als Superfrau

Die Geschichte von Nancy Pearl geht weiter. Es gibt eine neue „Librarian action figure“ – endlich eingetroffen, trotz Handelskrieg aus den USA. Diesmal 1,5 Köpfe kleiner – dafür aber im Superfrau-Kostüm. Und den zeitgemäßen Botschaften:

„She stands against CENSORSHIP, ANTI-INTELLECTUALISM and IGNORANCE!“

und:

„When an age of darkness comes, a hero must rise!“

Bibliothekarisches Mission Statement auf der Verpackung

Nancy Pearl wundert sich über ihre neue Reinkarnation


Reuß: das Buch fördert kritische Reflektion zu Tage

Prof. Dr. Roland Reuß am 11.1.12 in Potsdam

Roland Reuß in der Druckerei Rüss in Potsdam

Der mit Spannung erwartete Vortragsabend mit Roland Reuß in der Reihe „Das Buch im Digitalen Zeitalter“ hat alle Erwartungen erfüllt. Der streitbare Literatur-wissenschaftler und Medienkritiker lieferte frei und ohne Powerpoint Untermalung ein Feuerwerk seiner Argumente für einen qualitätsbezogenen Wissenschafts- und Medienumgang. Sein Vortrag war nicht nur eindimensional auf den angekündigten Titel „Das Buch als Individuum“ ausgerichtet. Man hätte hier reichlich Reflektionen zu Buchgeschichte, Philologie oder Typographie erwarten können. Vielmehr belegte Reuß viele seiner auch aus der breiteren Presse bekannten Thesen mit sehr persönlichen, anschaulichen Beispielen, so dass es auch kritischen Zuhörern schwer fiel zu kontern. Der Vortrag bewies somit eine seiner zentralen Thesen durch sich selbst: das Buch in seiner (haptischen und analogen) Materialisierung fördert kritische Reflektion zu Tage, und zwar im Zusammenhang mit seiner Produktion und seiner Rezeption. Beim Verfassen eines Buches gibt es den Zeitpunkt ab dem die Publikation „gilt“ und nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann und die Rezeption eines Buches (bzw. hier: eines Vortrags) erfordert, oder zumindest: ermöglicht, die konzentrierte Hinwendung auf die Gedanken des anderen. Die Materialisierung des Gedankens in der analogen Welt – und sei es die der persönlchen Begegnung mit dem Autor – hat andere Qualitäten als das Digitale und Vernetzte. Mit dem Digitalen, so Reuß, ist es wie mit anderen Drogen: irgendwann ist man es leid. Oder wie mit Masern: die gehen vorbei. Die Geschwindigkeit des Produzierens und Konsumierens in der aktuellen Digitalen Gesellschaft behindert zumindest die Konzentrationsfähigkeit und reduziert damit die kritische Urteilskraft.

Begrüßung durch den Hausherrn, Christian Rüss

In diesem Zusammenhang beklagte er auch eine Immunisierung gegenüber Kritik bei der Reflektion über das Neue, die mit eben jenem Verlust von Urteilskraft einhergehe. Er sieht deshalb seine Interventionen als eminent politisch und bezogen auf die uralte Kernfrage: „wie erhöht man den Bildungsstand einer Gesellschaft?“. Er las hierzu aus dem Buch von John Ruskin „Sesam und Lilien“, der 1864 schon forderte, für die Slums in Manchester „Schatzkammern des Königs“ (=Bibliotheken) zu errichten um den Bildungsstand zum Wohle der Volkswirtschaft zu heben.  Reuß betonte immer wieder, dass er sich nicht als konservativ verstehe. Er verweist dabei auf seine intensive und langjährige Zusammenarbeit mit dem Stroemfeld Verlag / Roter Stern, beklagt aber: „Linke können nicht um die Ecke denken“ und verstehen nicht die Vorgehensweisen und Positionen der Großkonzerne gerade im Medienbereich. Seine Kritik am Internet fasst er provokativ zusammen: es ist für Leute, die Materialität haben wollen, aber nicht kriegen können, er nennt es deshalb pornographisch – die quantitaitiv große Verbreitung von Pornographie im Internet als Beleg dafür nennend. Zusätzlich verleitet die neue Technologie mit seiner unendlichen Perfektibilität dazu, nie einen Abschluss zu finden. Das Analoge, als Verkörperungdes Gedankens zwingt zu einer verantwortlichen Repräsentation dessen, „was gilt“. Es zwingt zu Autorschaft durch seine Stabilität und Referenzierbarkeit. „Zitieren Sie mal aus einem eBook!“ Der Open Access Gedanke der freien Zugänglichkeit von Publikationen im Netz sei nicht neu („ein Märchen“): dies haben Bibliotheken immer schon geboten. Warum nun zur „weltweiten Befreiungsbewegung“ die Verfügbarmachung von schlecht digitalisierten Handschriften ohne kritischen Editionsapparat, der das Verständnis alter Kulturproduktionen überhaupt erst ermöglicht, gehöre, sei nicht nachvollziehbar. „Was soll der Onlinezugriff auf eine unleserliche Handschrift von Hölderlin in Ghana?“

Karen Falke (Leiterin des Informationszentrums Informationswissenschaft und der Hochschulbibliothek) führt in den Vortragsabend ein

Es ist eben einfacher, schnelle Quantität zu produzieren als bildungsrelevante mühevolle Qualität. Dies diene eher im Grunde den Großkonzernen des Verlagswesens bzw. der Politik (in Gestalt der DFG). Er bezeichnet die Open Access Bewegung deshalb als den Versuch der „Abkoppelung der schreibenden Intelligenz vom Verlagssystem“. Die staatliche subventionierte Publikationsmaschine in Form von Repositories, Publikationszuschüssen und der Verpflichtung von Autoren für die Publikation zu zahlen, sieht er im Gegensatz zur Verwertung durch die Nachfrage der Leser und der darauf bezogenen privaten Investition eines Verlegers in die Kreativität von Autoren als tendenziell forschungsfeindlich und totalitär. Wissenschaft sei in erster Linie intrinsisch motiviert und ließe sich nicht über Publikationsquoten und Repository-Eintragspflichten der Universität steuern. Als typischer Geisteswissenschaftler verortet er die meiste wissenschaftliche Erkenntnisproduktion in der Freizeit des Wissenschaftlers – der ja sowieso schon eine Arbeitszeit von 80 Wochenstunden habe. Hier staatlich zu regeln und auf die kreativitätsfördernde Atmosphäre der verlegerischen Betreung und Förderung verzichten zu wollen, sei außerordentlich gefährlich. Jeder Prof könne seine Amtspflichten allein mit Lehr- und Verwaltungsaufgaben auf die ’normalen‘ 40 Wochenstunden reduzieren.

Aufmerksame Zuhörer

Zur weiteren Erklärung der aktuellen Situation stellte Reuß die Rede von der Gutenberg Galaxis in Frage: der eigentliche Wandel in den Medien sei nicht durch Gutenbergs typographische Mechanisierung der Schrift erfolgt, sondern durch den Wechsel von der Papyrusrolle zum Kodex, der den besseren Zugriff auf das Wissen bzw. vor allem die Stablisierung seiner Referenzierbarkeit ermöglichte. Die aktuelle Entwicklung sei deshalb eine „Rolle rückwärts“ (mit Verweis auf den EDV-Begriff des ‚volume‚ für Festplatte). „Wie enthemmt baden die Leute in Vagheit“ in Zeiten des Digitalen und der Vernetzung. Auch das Gerät, mit dem heutzutage gearbeitet werde, der vernetzte Computer, sei eine unglückliche Verschmelzung von Schreib-, Vergnügungs- und Einkaufsmaschine und fördere damit nicht die inhaltliche Konzentration auf den Gedanken. Bücher brauchen Zeit und Aufmerksamkeit: das ‚Ping‘ der ständig eintreffenden oder gerade nicht eintreffenden E-Mail lenke nur ab. Jede Hypertextseite verführe zum Öffnen der Links wie ein Adventskalender, der mit seinen Türchen neugierug macht, und damit zum Verlust des roten Fadens des Gedankens. Reuß ging dabei nicht soweit wie andere Internetkritiker, die behaupten, das menschliche Denken, ja das Gehirn würde sich deshalb zurückentwickeln, sondern blieb bei der Beschreibung dieser alltäglichen Erfahrung, die jeder macht.

Materialisierte Bücher als Anschaungsmaterial

Gegen Ende des Vortrag gab es noch einige explizite Kritiken an der aktuellen, oft unstrukturierten und wenig qualitativen Digitalisierungspraxis im deutschen Bibliothekswesen. Er bezog sich dabei auch auf den publizierten Vortrag von Frau Schneider-Kempf in der gleichen Vortragsreihe und löste damit eine Reihe von Fragen und Kritiken der anwesenden Bibliothekare und anderer Fachkollegen aus. In der Diskussion wurden dann die unterschiedlichen Positionen von produktionsorientierter Wissenschaft und eher rezeptionsorientierter Informationsinfrastruktur deutlich. Reuß wurde vorgehalten, dass er die neuen Möglichkeiten des Suchens und schnellen Zugriffs auf Informationen und Medien sowie die neuen Möglichkeiten des Digitalen Arbeitens unterschätze. Dem konnte er entgegenhalten, dass er in seinen kritischen Editionen und anderen Publikationen schon sehr früh digital gearbeitet („Kennen Sie noch Ventura Publisher?“) und stets, wenn möglich, hybrid (mit CD) publiziert hat. Er warb dann erneut für die Position des kreativen Wissenschaftlers und einen qualitätshaltigeren Bildungsbegriff, der mehr Langsamkeit und materialisierte Verantwortung auf allen Seiten brauche. Sein zentrales Beispiel war dabei das Argument, dass es wohl aufgrund der beschleunigten Entwicklung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft seit mindestens 20 Jahren keine umfassende Theorie der Wirtschaft mehr gäbe, die die aktuelle Wirtschaftslage erklären könne. Mir persönlich wurde auch in der Vorbereitung u.a. klar, dass wir noch viel genauer auf die Entwcklungen des Medienwandels schauen und auch auf die Positionen der jeweiligen Diskutanten dazu hören müssen. So ist Roland Reuß mit Sicherheit nur zu verstehen, wenn man seine (auch sehr persönlich vorgetragenen) Erfahrungen als Herausgeber großer kritischer Editionen, zuletzt die Brandenburg-Ausgabe der Werke von Kleist, nachvollziehen kann. Ich selbst war eine Zeit lang intensiv beteiligt an der ersten großen Ausgabe der Werke von Montesquieu und fühlte mich in die Zeiten meiner wissenschaftlichen Anfänge als Philologe versetzt. Reuß selbst schreibt aber auch, wie wichtig für den Philologen, dem Freund der Rede [und der Vernunft], die Arbeit mit dem Originalmaterial in den Archiven ist (vgl. dazu seine überaus lesenswerten Notizen zum Grundriss der Textkritik). Hier schließt sich ein wichtiger Kreis zu den Informationswissenschaften als Basis für wissenschaftliche Arbeit: in den Informationsinfrastrukturen (wie dem Archiv) aber eben auch mit einem ‚kritischen‘ Ansatz ähnlich seiner Textkritik (hier dann information criticism oder Informationsbewertung). Ich kann aber auch gut verstehen, dass Naturwissenschaftler bisher die Positionen von Reuß nicht nachvollziehen können…. es sei denn, der Bibliothekswissenschaft gelingt es, die analoge Funktion von Datensätzen als „Dokument“ für diese Seite der zwei Wissenschafts-Welten darzulegen. Wir arbeiten daran (vgl. das jüngst erschienene Handbuch Forschungsdatenmanagement).

Diskussion bei Rotwein

Es war in der Tat ein anregender, und sicher für die Informations-wissenschaften in Potsdam wichtiger Abend. Beim abschließenden Gespräch in kleinen Runden herrschten die Kommentare vor, dass mittlerweile die Vortragsreihe ein repräsentatives und spannendes Bild auf den Wandel im Digitalen Zeitalter biete. Der Wunsch nach einer Fortsetzung – z.B. als Podiumsdiskussion aller Referenten – wurde schon jetzt laut. Den informationswissenschaftlichen Aufhänger der Vortragsreihe „Das Buch als Riff in den Netzwerkströmen?“ aufgreifend gab es schließlich sogar eine korrekte und anschauliche Darstellung in der heutigen Presse (Potsdamer Neueste Nachrichten, 13.1.2012, S. 20) mit dem Titel und Fazit:

Das Buch wird bleiben! Doch nicht als Riff, sondern als Leuchtturm!

Eine Stadt streitet über die Ästhetik und Symbolkraft einer Bibliothek

Fassadenentwurf für die SLB Potsdam (Architekt R.Becker)

Fassadenentwurf für die SLB Potsdam (Architekt R.Becker)

Eigentlich ist es fast eine Alltäglichkeit. Und das ist ja auch gut so. So war es in Münster und Ulm, in Den Haag und Amsterdam. Der immer mal wieder notwendige Neubau der zentralen Stadtbibliothek spaltet die Gemüter. In letzter Zeit sind die Debatten oft überschattet von der Rede vom Ende der Gutenberg-Galaxis. Dennoch sind gerade die Neubauten von neuen, zentralen Bibliotheken in der Stadt oft recht spektakulär wie Seattle, Montreal oder eben auch Stuttgart21 anschaulich zeigen.  In Potsdam gibt es allerdings bemerkenswerte Kuriositäten. Hier dreht es sich um die komplette Rekonstruktion der historischen Stadtmitte aus vor-DDR-Zeit. Es ist also im Grunde weder eine wirkliche Diskussion um Ästhetik noch um die Frage der Symbolkraft der Bibliothek für den städtischen Raum. Kaum jemand scheint die Bibliothek als solche in Frage zu stellen. Man spricht vor allem über die alten Stadtgrundrisse in der „mental map“ der Potsdamer und die Frage, dass eines der ersten Gebäude in der rekonstruierten Struktur der Altstadt neben dem Schloss Vorbildcharakter hat für zukünfige Investoren, die den Rest der neu zu errichtenden Barockgebäude bauen sollen.

Für die eine Fraktion ist die historische Anmutung und das äussere Stadtbild als Ganzes das Wichtige, für eine zweite die mögliche und ggf. notwendige Reminiszenz gerade an die DDR-Stadtstruktur und für die Dritte (die Stadtverwaltung und die Bibliotheksbenutzer) ist es die Bibliothek als zentraler städtischer Ort und ihre prinzipielle Realisierbarkeit.

Vielleicht aus Angst, über die wirkliche Funktion und den Inhalt der Bibliothek als „Palais des Wissens“ sprechen zu müssen, wird nur die (äussere) Form thematisiert. Die Architektenseite sprach gestern sogar davon, dass „die Bibliothek das ganze System sprengt“ und dass man doch einfach „die Luft aus der Bibliothek rauslassen“ solle. Das zeugt m.E. sehr davon, dass man sich keine Gedanken über ‚die Bibliothek‘ macht, bzw. das sie als nachfeudale Institution doch immer noch Sprengkraft besitzt: wird doch hier ein vorwiegend feudaler Stadtgrundriss rekonstruiert. Bezeichnend ist auch, dass man in diesem Zusammenhang kaum eine Stimme vom Land hört, entsteht doch auch die Landesbibliothek. Das Gebäude hätte also nicht nur die übliche hohe Symbolkraft für die bürgerliche Civitas der Stadt, sondern in diesem Fall sogar zusätzlich für ein ganzes Bundesland mit herausragender Geschichte (Dieses Symbol des Landes ist derzeit einer Unibibliothek zugewiesen: dem IKMZ Cottbus). Die Symbolkraft wird ausschließlich der Stadtstruktur bzw. der Kubatur und dem Standort des Gebäudes zugeschrieben. Darüber nachzudenken, dass für beide Seiten hier von (je verschiedener) hochaufgeladener symbolischer Zukunftswirksamkeit (Tourismus, Wirtschaftskraft, Stadtidentifikation) gesprochen wird, man dabei aber dem eigentlichen Inhalt des Symbols ‚Bibliothek‘ (Wissen, Bildung, Innovation, Medien, Begegnung am anthropologischen Ort) nicht gerecht wird, dazu fehlt die Zeit, das Geld (?) und vor allem der Mut.

Der Aspekt Ästhetik ist noch bezeichender: mehr oder weniger offen wirft die eine Seite der anderen vor, einen unzureichenden Ästhetikbegriff zu haben. Die DDR habe ja auch daran gearbeitet, ihren Bürgern den Sinn für Ästhetik zu nehmen. Deshalb kann die andere Fraktion, die ästhetische Qualität des Fassadenentwurfs und des genazen Gebäudes ja auch gar nicht richtig einschätzen. Hier bleibt aber die Ästhetik dann schließlich auch verkürzt auf Form und Struktur und hinterfragt nicht den Gehalt des ästhetischen Empfindens. Ich denke gerade eine Diskussion um die Funktion der Ästhetik bei dieser Art Gebäude und an diesem Standort könnte zu anderen Ergebnissen als zu den beiden vorgeschlagenen führen. Die bibliothekswissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre hat m.E. deutlich gezeigt, dass das Phänomen der Ästhetisierung unserer aktuellen Lebenswelt und die Frage des ästhetischen Raumempfindens gerade bei öffentlichen Bibliotheken besonders bedeutsam ist. Eine Bibliothek ist eben mitnichten ein Ort für Bücher („Biblio“ heißt nicht „Buch“!).

Insofern ist in der Tat der vorgelegte Fassadenentwurf in vielerlei Hinsicht ungünstig,

wegen

  • der unzulässigen und zu flachen Buchmetapher
  • der deutlichen ästhetischen Bezugnahme auf die Architektur der 70er Jahre (in Ost und West)
  • des mangelnden künstlerischen, ästhetischen Mutes (es sei denn die ersten beiden Aspekte sind als mutig gemeint?)
  • der Vernachlässigung der Symbolkraft von Ort und Funktion und damit
  • der mangelnden Zivilcourage (oder stadtökonomischem Weitblick) im Verfahren und in der Diskussion
  • die Überbetonung der Form in der gesamten Debatte und insgesamt damit wegen
  • der grundsätzlichen Verkennung dessen, was eine Bibliothek für das städtische und staatliche Gemeinwesen bewirkt in wirtschaftlicher wie in institutionenpsychologischer Hinsicht.

siehe auch:

Bücherregal aus Glas PNN 12.2.2010
Potsdam TV aus dem Kulturauschuss, 12.2.2010
Cinemaxx-Architektur in Stadtrandlage PNN 13.2.2010
Architekturstudenten stellen eigenen Entwurf vor MAZ 12.2.2010
Ein leuchtendes Bücherregal MAZ 12.2.2010
Wie ein Cineplex am Stadtrand MAZ 13.2.2010

Blogbeitrag hier: Braucht eine Landeshauptstadt eine Bibliothek? 3.12.2009