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Ansturm auf Studienplätze in Potsdam

Mit über 500 Bewerbern erreicht der Fachbereich Informationswissenschaften in diesem Jahr den Rekord an Immatrikulationsanträgen seit Aufzeichnung dieser Statistik.

Interessant ist vor allem der hohe Anstieg der Bewerberzahlen für den Studiengang „Information und Dokumentation“ (gelb), der mit 151 Bewerbern sein Allzeithoch verzeichnet. (Archiv (blau): 130, Bibliotheksmanagement (rot): 193) Die in der Grafik aufgeführten Masterstudiengänge (dunkelblau und grau) immatrikulieren jeweils zu anderen Zeitpunkten, so dass die Gesamtzahl von 464 Bwerbern in 2011 und von 507 in 2012 differenziert zu betrachten ist.

Inwieweit der Anstieg der Bewerberzahlen auf die jeweils 30 Studienplätze in den drei B.A. Studiengängen nur auf demographische Entwicklungen, etwa den doppelten Abiturjahrgang, zurückzuführen ist, lässt sich schwer sagen.

Vom Output zum Outcome – auch bei der Retrievalforschung!

Kalervo Järvelin: Keynote auf der ISI2011

Kalervo Järvelin: Keynote auf der ISI2011

Der Keynotevortrag von Kalervo Järvelin mit dem Titel „Information Retrieval: Technology, Evaluation and Beyond“ auf der diesjährigen ISI-Tagung in Hildesheim (dem „Internationalen Symposium der Informationswissenschaft„) war ein Plädoyer für eine Erneuerung der Informationswissenschaft, so wie er es mit Peter Ingwersen zusammen in „The Turn“ schon 2005 ausführlich dargelegt hatte. Er selbst spricht hier vom Öffnen der Büchse der Pandora, weil die Informationswissenschaft damit das ruhige Terrain des Cranfield-Modells der Retrievalforschung verlassen muss und sich endlich dem Kontext des informationssuchenden Nutzers – also der Realität – widmen sollte: und die ist eben sehr viel komplexer als abgeschlossene, experimentelle Modelle. Schwerwiegender noch: sein Vorwurf an die IR-Forschung, selbst im abgeschlossenen Zirkel der Recall/Precision-Test-Experimente keine Analyse leitende Theorie gehabt zu haben – nur begrenzte Modelle. Dies wäre wissenschaftstheoretisch in den Naturwissenschaften undenkbar.

Leider ist im sehr schönen Tagungsband der ISI2011 der Vortrag von Järvelin noch nicht enthalten, so dass man auf das Video von der Tagung zurückgreifen muss (kann).

What you don't see is what you don't understand

What you don't see is what you don't understand

Hier ein paar Screenshots: „Wydsiwydu“ What you don’t see ist what you don’t understand: IR Forscher sind wie Blinde, die einen Elephanten ertasten, sich aber keine Vorstellung machen können, von dem, was das ist, was sie da in den Händen halten: der Vorwurf, die Informationswissenschaft weiß gar nicht, was Informationssuche ist, da sie die reale Welt der aufgabenbezogenen Informationsarbeit nicht ins Blickfeld nimmt.

IR ohne Theorie: nur Modelle im Detail

IR ohne Theorie: nur Modelle im Detail

Information Retrieval-Forschung hat viele Modelle im Detail der ingenieurmäßigen Realisierung von Suchmaschinen, aber keine Theorie darüber, wie die Maschine im realen Leben funktionieren soll. Das wäre so, als ob die Automobilindustrie nur den Moter baut und weder Sitze noch Lenkrad vorsieht.

Das Cranfield Paradigma: ohne Nutzer und Kontext

Das Cranfield Paradigma: ohne Nutzer und Kontext

Information Retrieval-Forschung (immer noch fast ausschließlich nach dem Cranfield-Paradigma arbeitend) sieht nur den reinen Dokumentationskreislauf und „übersieht“ den Kontext in dem nach Informationen gesucht wird: die Aufgaben- und Weltbezogenheit des Informationsnutzers.

In Hildesheim gab es relativ wenig Diskussion nach dem Vortrag, obwohl Järvelin schon befürchtet hatte, dass mit Tomaten und Bananen nach ihm geworfen würde. Ich denke, das Problem ist in der Tat die Büchse der Pandora. Wir müssen uns nach dem Turn mit „Dingen“ beschäftigen, die bisher im „Information Engineering“ gar nicht im Blickfeld waren und die auch naturgemäß von den Personen, die in diesem Feld tätig sind, gar nicht wirklich eingeschätzt werden können. Der einzige Kommentator des Vortags aus dem Publikum gestand denn auch, dass er nicht vom Fach sei und dass er erstaunt sei, dass immer noch über „Nutzerorientierung“ gesprochen werden muss.

Aber wie im Bibliothekswesen, wo in den letzten Jahren die Forderung, das Controlling von Output-Kennzahlen auf Outcome- und Impact-Indikatoren umzustellen, auf viel Unverständnis (und Unvermögen) stieß, so ist es im aktuellen Diskurs in dieser/n Domäne(n) nicht möglich, das was der Büchse der Pandora entweicht zu verstehen bzw. wissenschaftlich zu kontollieren. Vielleicht wird es zunehmend wichtiger, Diskurse und Analysen des Informationsbegriffes wie sie Peter Janich oder Rafael Capurro vorlegen zu verfolgen und zu verstehen… (Vgl. das Interview mit Capurro in der letzten IWP.)

Ich war persönlich wegen meines Skiunfalls nicht in Hildesheim, konnte aber über Twitter recht viel von der Atmosphäre mitbekommen. Bei Facebook gibt es auch einige Photos von der Tagung, u.a. ein Photo von mir als ich via Skype die Konferenz für 2013 nach Potsdam einlade (Stay tuned: #isi2011 -> #isi2013).

Führender Wirtschaftswissenschaftler sieht neue Aufgaben für Bibliotheken

Foto: Volkmar Schulz / Keystone Presse (via Tagesspiegel)

Foto: Volkmar Schulz / Keystone Presse (via Tagesspiegel)

Gert Wagner, einer der prominentesten Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland, berichtet heute im Tagesspiegel von den jüngsten Entwicklungen im Wissenschaftsbetrieb, die Tony Hey u.a. (2009) als das „Vierte Paradigma“ beschrieben hatten: die zunehmende Datenlastigkeit der Wissenschaft (vgl. die I-Science Tage in Potsdam, wo er Keynote Speaker war). Er beklagt dabei vor allem, dass die Erzeugung und das Management von Forschungsdaten den Wissenschaftlern zu wenig Reputation bringt und deshalb allgemein vernachlässigt wird. Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird zudem auf Notlösungen bei der Erhebung von auf menschliches Verhalten bezogenen Daten zurückgegriffen, weil hier die notwendige, kostspielige Infrastruktur allgemein fehlt. So werden vielfach Analysen mit amerikanischen Collegestudenten als Probanden gemacht und diese für weltweit repräsentativ erklärt.

Interessant ist aber auch, dass Wagner deutlich im Datenmanagement eine erklärte Aufgabe für Bibliotheken sieht, ohne jedoch  Konsequenzen z.B. für die Ausbildung oder die Bibliothekswissenschaft zu fordern.

Vgl. dazu unseren (Pampel/Bertelmann/Hobohm 2009)-Beitrag als Sonderausgabe des Rates für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD), in dem wir schon auf die Notwendigkeit von curricularen Anpassungen hinwiesen:

„Data Librarianship“ – Rollen, Aufgabe, Kompetenzen. RatSWD Working Paper 144, Mai 2010

Ein paar Ausschnitte aus dem Tagesspiegel-Artikel:

Wenn Forschungsdaten, wie zum Beispiel Daten über das Klima in Vergangenheit und Gegenwart, über die historische Sozialstruktur oder über Entwicklungsverläufe von Babys bis zu Menschen in der letzten Phase ihres Lebens aus der Mitte der Forschung heraus produziert und archiviert werden sollen, dann muss es entsprechende Anreize für Wissenschaftler/innen geben. Von zentraler forschungsstrategischer Bedeutung ist daher die Anerkennung der Datenproduktion, der Archivierung und des Zugangs (data sharing) als eigenständige Leistungen innerhalb des Wissenschaftssystems.

Aber nicht nur die Anreize für Archivierung und Zur-Verfügung-Stellung müssen verbessert werden, sondern auch das „Sammeln“ und die Produktion von Daten müssen innerhalb des akademischen Elfenbeinturms besser belohnt werden.

Die Allianz [der deutschen Wissenschaftsorganisationen] betont zu Recht, dass die „Conditio sine qua non für den Erfolg die enge Kooperation zwischen Fachwissenschaftlern und Informationsdienstleistern ist“. Dabei wachsen auch Fachbibliotheken ganz neue Aufgaben zu. Während das Beschaffen von Büchern und Zeitschriftenaufsätzen mehr und mehr mithilfe elektronischer Kopien direkt von Wissenschaftlern selbst erledigt wird, können Bibliotheken beim nutzerfreundlichen Dokumentieren und Auffinden von Forschungsdaten ganz außerordentlich helfen. Zudem sind Bibliotheken weltweit vernetzt.

Diskursanalyse in der Geschichtswissenschaft

„Très chic“ titelte Oliver Jungen seinen Bericht in der FAZ vom 1.4. über eine Tagung an der Uni Düsseldorf. Die „Internationale Tagung zum Stand der Diskursanalyse in den Geschichtswissenschaften“ – „Diskursiver Wandel“ versammelte die junge Generation der Historiker, die – wie Jungen schreibt –  anders als die „Altvorderen“ Wehler, Evans u.a. nun auch in Deutschland die Foucaultsche Diskursanalyse für die Geschichtswissenschaft entdeckt haben. Die Tagung war sehr gut besucht von den „schwarz gekleideten“ jüngsten Fans von Michel Foucault. Der Tagungsbericht zeigt ein buntes Bild dessen, was z.Zt. unter Diskurs verstanden wird und der FAZ Kommentar dazu weist zurecht auf die Beliebigkeit dieses Begriffs hin, der oft eher Motiv-  und Begriffsgeschichte hervorbringt als die machtanalytische Diskurskritik Foucaults.

Dennoch macht dies auf zweierlei aufmerksam: wie langsam Deutschland in der Aufnahme großer internationaler Trends ist (Foucault ist schon wieder ziemlich out in den USA) und dass eine Art Diskursanalyse dennoch im Begriff ist, Mainstream der Geschichtswissenschaft zu werden. Wenn man sich allerdings genauer anschaut, wie diese „neue“ Geschichtswissenschaft betrieben wird, kann man anfangen, sich ernsthafte Sorgen darüber zu machen, ob denn genügend und die richtigen Informationsquellen für eine Diskursanalyse für die zweite Hälfte der 20sten Jahrhunderts zur Verfügung stehen werden.

Wie auch bei der Präsentation der Zukunftswerkstatt im Münzsalon letzten Mittwoch in Berlin eine Zuhörerin die anwesenden Bibliothekare fragte, warum denn nur Bücher digitalisiert würden – sie meinte, warum nicht auch die digitale Informationsmedien, mit denen jetzt die meisten „Kulturschaffenden“ fast ausschließlich arbeiten, nicht auch in den Digitalen Archiven und Bibliotheken vorgehalten und gesichtert würden.

Auf den Berufungsvorträgen zu unserer archivwissenschaftlichen Eckprofessur letzte Woche wurde mir als Nicht-Archivar (aber Sozialhistoriker) deutlich, dass die Art Material, die ich nutzen konnte zur Diskursanalyse des 18. Jahrhunderts (Prozessdokumentationen der staatlichen Zensurbehörden in Paris) ab Einführung der EDV in den Verwaltungen in der Mitte des 20. Jhds. nicht mehr möglich sein wird. Nicht weil die Daten physisch verloren gehen („digitaler Papierzerfall“), sondern vor allem, weil es keinen gibt, der die seit 30 Jahren angewandten, elektronischen „Fachverfahren“ dokumentiert / sichert. Nicht Zerfall der Informationsträger, sondern Zerfall der Institution – oder fehlende Ausdifferenzierung: aufgrund der GEschwindigkeit der Entwicklung noch (?) fehlende neue Institutionen. Archivare und Bibliothekare sollten wohl doch mehr selber fachwissenschaftliche Forschung betreiben, damit sie verstehen, was sie dokumentieren müssen.

Wieder einmal sieht man dabei, dass Information ziemlich wenig mit Informationstechnik zu tun hat, sondern eher der „Balken im Auge“ ist. Und in diesem Sinn bin ich recht froh, schon zur älteren Generation zu gehören. Nur meinen Sohn bedauere ich.

Bibliothekare als Middleware

Die ARL hatte im Herbst letzten Jahres eine Tagung zum Thema „Re-Inventing Science Libraianship: Models for the Future“ mit einer Reihe von führenden Vertretern der Fachwelt, von Clifford Lynch bis Liz Lyon. In der aktuellen Ausgabe der Research Library Issues (dem e-only-Bulletin der ARL) findet sich ein sehr gut geschriebener und multimedial gestalteter Bericht dazu mit Audioexzerpten und und zusammenfassenden Statements.

Es wurde auf der Tagung mehr als deutlich, wohin die Reise geht – zumindest bei wissenschaftlichen Spezialbibliotheken: Elisabeth Jones: Reinventing Science Librarianship – Themes from the ARL-CNI Forum. RLI 262, febr. 2009. Drei Bereiche, die sich ergeben ähneln sich sehr. Da ist zum Einen der data librarian: in der Cyberinfrastructure (vulgo: „E-Science“)

Many of the roles that science librarians will be called upon to play focus on data, as science becomes more data-driven itself. Science librarians will need to become data consultants, data distributors, data service providers, data analysts, data miners, and data curators. They will be called upon to enforce data quality, aid in data retrieval, construct data applications, and ensure that data collections are properly annotated and preserved.

Zum zweiten das Thema der Nachhaltigkeit, gerade auch von Daten:

A second recurring theme of the forum was the need to create sustainable models for data preservation and reuse. The explosion in the volume of scientific data entails a need to both determine data selection and preservation procedures and find ways of maintaining access and usability as data management systems change.

Schließlich wurde auf besonders eindringliche Weise die zukünftig noch wichtiger werdende Vermittlungskompetenz der Bibliothekare hingewiesen:

A third theme — the librarian as middleware — was pervasive at the forum. … For the panelists, librarians became “bridges,” “facilitators,” “trusted arbiters,” and “relationship builders,” negotiating not just between people and systems, but also between systems and systems, and between people and people.

Obwohl „Middleware“ aus dem Bereich der Grid-Technologie stammt wird es in Sinn einer modernen Informationswissenschaft übertragen gemeint:

Arguably the most important role for librarians as middleware in the escience context, however, is mediation between people and people. (…) “human interoperability is more difficult than technical interoperability.” It requires trust, common vocabulary, and negotiation of values.

Clifford Lynch fasst es treffend zusammen:

In the near future, however, librarians’ support for e-science will most likely be defined by their “middleware” role.