Author Archives: Hans-Christoph Hobohm

About Hans-Christoph Hobohm

Professor für Bibliothekswissenschaft am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam / professor for Library and Information Science at Potsdam University of Applied Sciences since 1995

Digitalität in der Krise

Tweet aus Marrakesh

Eine „interessante“ Erfahrung, vom Auswärtigen Amt aus dem Urlaub evakuiert zu werden. Lange bevor uns unsere Reiseagentur informierte, erschien in der App der Fluggesellschaft die Information, dass der Flug annulliert worden sei. Eine direkte Push-Information kam nie. Später erfuhren wir, dass schon über eine Woche vor unserem Rückflug bekannt war, dass Marokko den Luftraum gesperrt hatte und vor allem von und nach Deutschland keine regulären Flüge mehr durchkamen.

Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes wurde zunächst beruhigt und empfohlen, sich bei „Elefand“ einzutragen: einem Webdienst für „Deutsche im Ausland“. Aber schon kurze Zeit später wurde deutlich, dass der Elefant überlastet war: er war nur noch mit Mühen zu erreichen. Dazu gab es dann die Information auf der Website der Botschaft, man solle sich per E-Mail melden. Continue reading

Jubiläum

Screenshot aus der Wayback-Machine ca. 1997: www.fh-potsdam.de/~hobohm

Heute vor 25 Jahren betrat ich dieses surreale, ja kafkaeske Universum des deutschen Fachhochschulwesens. Ich hatte zwar u.a. Erziehungswissenschaften studiert. Mir war aber nicht klar, dass ich besser ein Referendariat an einer Berufsschule sowie zusätzlich meine eigenen Rahmenlehrpläne und eigenen Lehrbücher hätte mitbringen müssen. Mich hatte natürlich der Professorentitel und die (vermeintliche) Aussicht, unabhängige Wissenschaft betreiben zu können, aus einer deutlich besser gestellten Position an die Fachhochschule gelockt. Continue reading

Abschlusskonferenz des ALMPUB Projekts mit David Lankes als Keynote Speaker

Oslos nye hovedbibliotek – im Hintergrund die berühmte Oper im neuen Stadtzentrum

Archives, Libraries and Museums“ (ALM) spielen eine wichtige Rolle bei der Stärkung der Demokratie in der Öffentlichkeit (PUBlic sphere): das ist die bestätigte Forschungshypothese des großen europaweiten Forschungsprojektes ALMPUB, das unter Beteiligung der Bibliothekswissenschaft an der FH Potsdam seit 2016 eine große Anzahl von vergleichenden Erhebungen, Umfragen und Fallstudien durchgeführt hat. Continue reading

Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne

Photo: Andrea Berger via Twitter

In der Blockwoche des Fachbereichs ergab sich für mich die Gelegenheit auf einer äusserst gut strukturierten und exzellent vorbereiteten Tagung zum Thema „Nationalismus im Digitalen Zeitalter“ an mein ursprüngliches Forschungsgebiet „Zensur in der Frühaufklärung“ mal wieder anzuknüpfen. Die Grafik von Dirk Helbing im Digital Manifest 2015 („Feudalismus2.0“) hatte mich an meine eigenen Forschungen in den damals noch nicht so genannten Digital Humanities erinnert, bei denen ich mit erstaunlich ähnlichen Kurven den Beginn der Moderne am Beispiel des bürgerlichen Romans für das Jahr 1737 darstellen konnte. Und ca. 280 Jahre später zeigen sich Tendenzen, die nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, sondern vielleicht tatsächlich sogar auf das Ende der Aufklärung hinweisen. Continue reading

Bibliotheken sind wesentliche Orte in der Digitalität

Photo: An_ti via Twitter

Am 6. November 2019 hatte ich Gelegenheit, einige weitere Ergebnisse aus unserem europäischen Forschungsnetzwerk ALMPUB auch in Potsdam auf der Tagung der Landesfachstelle für Archive und Öffentliche Bibliotheken vorzustellen. Das Thema der Tagung war: „Die Öffentliche Bibliothek – Ankerpunkt im kommunalen Umfeld“ und damit wie geschaffen für einen Beitrag aus ALMPUB „Archives, Libraries, Museums in the public sphere„. Da sich das Projekt in der Schlussphase befindet, konnte ich aufbauend auf meinen Vortrag auf dem Bibliothekskongress im März noch weitere Ergebnisse hinzufügen, die im Sammelband des Projektes Anfang 2020 bei de Gruyter veröffentlicht werden. Vgl. z.B. die Statistiken zur Bibliotheksnutzung und -finanzierung im europäischen Vergleich, Folie 38 (s.Bidl hier) oder das Resultat der Regressionsanalyse über alle Daten, die deutlich macht, wie wichtig das Vertrauen in öffentliche Institutionen ist, was ich ab Folie 31 diskutiere. Natürlich ersetzen die Folien nicht die gesamte Präsentation, weshalb ich umso mehr auf die aktuell in Vorbereitung befindlichen Publikationen des Projektes hinweisen möchte (Schlussfolie). Ich muss insgesamt sagen, dass ich durch das dreijährige Projekt viel gelernt habe: über Demokratie, über Europa, über Bibliotheken, aber auch über die deutsche Bibliothekswissenschaft (im Kontrast).

Das Highlight der Tagung unserer Landesfachstelle war nicht die Verabschiedung ihrer langjährigen Leitung, Frau Doris Stoll – das war eher ein trauriger Moment, da mit ihrem Ausscheiden die gesamte Zukunft der Bibliotheken in Brandenburg in Frage gestellt ist. Das Highlight war der Vortrag von Aat Vos, dem Leiter des Architekturbüros, das derzeit in ganz Europa Bibliotheken zu veritablen Dritten Orten umbaut. Eigentlich konnte ich diesem Vortrag wenig hinzufügen, von der Ästhetik, der Performanz des Vortrags und von seinen Beispielen.

Andreas Mittrowan machte deutlich, dass unsere Moderationsausbildung im Master Informationswissenschaften genau das ist, was die Praxis derzeit braucht (von Personas, über Open Spaces, Fokus Gruppen und World Cafés bis zu Design Thinking). #ZW09 sei gegrüßt!

Alle Vorträge passten wunderbar zusammen und ineinander, so dass auch der leicht pessimistische, technologische Ausblick von Thorsten Koch (KOBV) einiges abrunden konnte, was vorher von anderen gesagt wurde. Aber auch er konnte damit sehr gut begründen, wie nötig öffentliche Infrastruktur und vertrauensbildende Einrichtungen des Gemeinwohls wie Bibliotheken sind und bleiben. Von wegen Tragedy of Commons! Eher die Wiederentdeckung der Fundamentalökonomie.