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Informationswissenschaftliche Urbanistik

Smart Cities im internationalen Vergleich

(aus Open Password Online #502 vom 28.1.2019) (reprint with permission)

Es wird Zeit für einen transdisziplinären Dialog

Besprechung von: Agnes Mainka (2018): Smart World Cities in the 21st Century. Berlin, Boston: De Gruyter Saur (Knowledge and Information). Online verfügbar unter https://doi.org/10.1515/9783110577662 – ISBN: 978-3-11-057766-2; 288 S. ; 99,95 €

Von Hans-Christoph Hobohm, Potsdam

„Warum noch ein Buch zum Thema Stadt?“ fragt die Umweltpsychologin und Stadtforscherin Antje Flade in ihrer Einleitung zu dem interdisziplinären Sammelband „Stadt und Gesellschaft im Fokus der Stadtforschung“ (Flade 2015). Auch zum Thema Smart City oder zu der Frage, wie sich die Urbanisierung in der globalisierten Welt in oder nach der Informationsgesellschaft verändert, wird viel publiziert. Aber angesichts der stark zunehmenden Tendenz zur Urbanisierung der Welt – dazu der Stadtforscher Ricky Burdett von der London School of Economics: „Über 80% der urbanen Infrastruktur muss erst noch geschaffen werden“ – bleibt das Thema „Stadt“ und Stadtentwicklung eines der wichtigsten unserer Zeit.

Es erstaunt, wie wenig die Bibliotheks- und Informationswissenschaft („LIS“) sich tatsächlich an diesem Diskurs beteiligt. Eines der interessantesten Statements aus unserer Zunft liegt leider nur auf Dänisch vor (Hvenegaard, Jochumsen u. Skot-Hansen 2011), auch wenn sich das daraus in der Praxis realisierte physische Ergebnis, die Bibliothek DOKK1 in Aarhus, durchaus sehen lassen kann (Jochumsen 2018). In Potsdam hatten wir schon 2012 diese Fragestellung mit einer interdisziplinären internationalen Konferenz unter dem Titel „Stadt der Ströme – Interdisziplinäre Perspektiven auf die digitale Stadt in analogen Räumen“ (http://www.stadt-der-stroeme.de/) aufgegriffen und gewannen dort zum ersten Mal Einblick in das Open Innovation Projekt der Stadtbibliothek Aarhus. Die Aktivitäten des Innovationskollegs „Stadt – Klima – „Potsdam“, das diese Tagung organisierte, mündeten an der FH Potsdam in das dort angesiedelte „Institut für angewandte Forschung“ und den Masterstudiengang „Urbane Zukunft“ mit – wenn auch begrenzter – informationswissenschaftlicher Beteiligung.

Es ist das große Verdienst der Düsseldorfer Informationswissenschaft, sich diesem Thema seit bald nunmehr zehn Jahren angenommen zu haben. Hier fanden wir auch die Anregungen für eines der ersten Studienprojekte des Masterstudiengangs „Informationswissenschaften“, dessen Ergebnisse ebenfalls auf der erwähnten Tagung präsentiert wurden (Hobohm/Szepanski 2012). Im universitären Düsseldorfer Umfeld konnte das Forschungsfeld jedoch prächtig gedeihen, während es in der Community zunächst auf Skepsis stieß. Ich erinnere mich an eine Anfrage als Reviewer für die Zeitschrift „Information. Wissenschaft und Praxis“, ob denn dieses Thema „informationswissenschaftliche Urbanistik“ überhaupt Informationswissenschaft sei.

Nach zahlreichen Aufsätzen mit unterschiedlichen Autorenteams stellte Agnes Mainka aus diesem fruchtbaren Forschungskontext (Barth et al. 2017, 2018) Anfang 2017 ihre Dissertation fertig, die nun in physischer und elektronischer Form als Verlagsprodukt auf dem internationalen Markt erscheint. Die auf dem Publikationsserver der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf schon seit 2017 zugängliche Dissertation weicht nur an wenigen Stellen (z.B. in der Seitenzählung) von der nun vorgelegten Version ab. Es ist also eine materialisierte Erinnerung an dieses gewichtige Buch informationswissenschaftlicher Stadtforschung. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Es ist in aus verschiedensten Perspektiven heraus empfehlenswert.

Zum einen wird hier exemplarisch vorgeführt, wie informationswissenschaftliche Forschung abläuft: Mit sauberer Problem- und Konzeptanalyse, theoretischem Aufschlag und ausgewählter, dem Thema angemessener Methodik werden Forschungshypothesen aufgestellt, die im Laufe des Buches empirisch beleuchtet werden.

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Feldforschung in 31 Städten rund um die Welt.

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Das theoretische Konzept basiert vorwiegend auf Manuel Castells „Informational Cities“ (Castells, 1989). Daher kommt auch der Titel der Dissertation, der sicher aus Verkaufsüberlegungen im Verlagsprodukt auf den Akzent der „Smart Cities“ verschoben wird, welcher, wie wir lernen, nur einen Teil der informationellen Städte kennzeichnet. Interessant und auch für den informationswissenschaftlichen Laien sicherlich wichtig ist die Bezugnahme auf die Diskussion um die Kondratieff-Zyklen als Erklärungsmuster für die Entwicklung zur Informations- und Wissensgesellschaft. Die Frage, was die aktuelle Gesellschaft ausmacht und was daraus für ihre Entwicklung, Steuerung und Planung an Erkenntnissen gezogen werden kann, wird für jede Gegenwart stets eine zentrale sein, vor allem dann, wenn sich der Wandel beschleunigt. Insofern ist es begrüßenswert, wenn in der informationswissenschaftlichen Urbanistik nach großen Strukturen und Konzepten gesucht wird, die Erklärungsmuster bieten. Dies tut allerdings auch die Stadtforschung und Stadtsoziologie selber, so dass es hier eine disziplinübergreifende Herausforderung ist, aus der Vielfalt der Konzepte auszuwählen und dennoch anschlussfähig zu bleiben. Schon allein der Begriff „Stadt“ – noch dazu in globaler Perspektive – ist ja eher schillernd (Prell 2017). Die vorliegende Arbeit – und damit der gesamte Düsseldorfer Ansatz – bleibt hier innerhalb des für eine empirisch arbeitende Informationswissenschaft Machbaren.

Auch methodisch wird pragmatisch vorgegangen. Mit dem Grundverständnis der Grounded Theory wird das Thema und das Feld vorsichtig erkundet und mit 158 Experteninterviews in 31 ausgewählten Städten, Fallstudien und Sekundäranalysen regionaler und internationaler Studien umfassend ausgeleuchtet. Insbesondere internationale Vergleichsstudien liegen bei dem Themengebiet „Digitalisierung, Digitale Spaltung und ökonomische Entwicklung“ in großer Zahl und in verlässlicher Qualität vor. Es werden die großen ITU- und UN-Studien z.B. zum ICT Development Index (IDI) ausgewertet. Die Fülle der möglichen zur eigenen Auswertung heranziehbaren statistischen Daten, Erhebungen und Benchmarks ist so groß, dass es nicht wirklich verwundert, dass die großen ähnlich angelegten Studien etwa der London School of Economics (Burdett/Rode 2018) oder von PricewaterhouseCoopers (2016) nicht herangezogen werden, obwohl sie zu vergleichbaren Rankings kommen. Zu dem Themenkomplex „Kognitive Infrastruktur“, der von der ICT Infrastruktur abgegrenzt wird und sich auf Lernen und Informationskompetenz konzentriert, hätten vielleicht auch die internationalen Vergleichsstudien wie ICILS oder PIAAC einbezogen werden können, auch wenn diese auf Länder- und nicht auf Stadtebene aggregieren (vgl. Bos et al. 2014 bzw. Rammstedt 2013). Aber das sind nur Anregungen auf einem nicht beckmesserisch gemeinten hohen Niveau. Der Studie und dem gesamten Düsseldorfer Forschungsansatz kann nicht hoch genug angerechnet werden, die Feldforschung tatsächlich zum größten Teil persönlich vor Ort in den 31 Städten auf der ganzen Welt durchgeführt zu haben! (Und das ist jetzt nicht der Neid eines Würdegerneauch-Weltreisenden.) Die Auswahl der Städte erfolgte stringent anhand einer umfangreichen Systematic Review, die tabellarisch im Anhang nachvollziehbar dargestellt ist.

Methodisch werden die qualitativen Experteninterviews (drei bis fünf pro Stadt) begleitet von einem quantitativen Fragebogen nach dem Modell des ServQual-Konzepts einer vergleichenden Befragung von gewünschter und erfahrener Dienstleistung. Leider wird die Durchführung der Vor-Ort-Erhebungen nicht sehr explizit gemacht, so dass eine Diskussion des Einsatzes dieses recht speziellen Instruments in abgewandelter Form hier nicht möglich ist. Der Grundgedanke einer Gap-Analyse dieser Art ist jedoch der Forschungsfrage angemessen und zeitigt auch trotz aller selbst thematisierter Begrenzungen interessante Ergebnisse. Die geringen Fallzahlen der Befragten und die Mischung aus qualitativer und quantitativer Stichprobenauswahl kann also nur Tendenzen zeigen und keine unbedingt validen Aussagen. Diese werden jedoch gekonnt mit Einzelaussagen der Interviewpartner und mit weiterem Material aus Dokumenten angereichert, so dass sich ein anschauliches Bild zu den einzelnen Städten im Rahmen der jeweiligen Rankings ergibt.

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12 Hypothesen zu Metropolen: teilweise bestätigt, teilweise falsifiziert.

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Im Problemaufriss am Anfang der Studie werden zwölf Forschungshypothesen aufgestellt, die es zu überprüfen gilt. Es ist im internationalen informationswissenschaftlichen Kontext bemerkenswert, dass hier forschungslogisch sauber von Hypothesen in Aussageform ausgegangen und nicht wie häufig zu beobachten mit allgemeinen „Research Questions“ (RQ) gearbeitet wird. Es wird also z.B. die Hypothese untersucht, dass Bibliotheken als physischer Ort der Begegnung in der informationellen Stadt wichtig sind (H7) und nicht etwa die wenig überprüfbare Frage: „Welche Rolle spielen Bibliotheken in der informationellen Stadt?“ An einzelnen Stellen hätte jede der Hypothesen mit einem weiter gehendem Literaturbericht vertieft werden können. Gerade bei dieser exemplarisch ausgewählten Hypothese wäre es interessant gewesen, die Publikationen, die in dem im Anschluss an die oben erwähnte Potsdamer Konferenz entstandenen „Network on Libraries in Urban Space“ in verschiedenen europäischen Ländern veröffentlicht wurden (vgl. z.B. Vallet 2013), einzubeziehen. Aber auch hier gilt gerade für eine Dissertation, dass eine sinnvolle Beschränkung vorgenommen werden musste, um beim Machbaren zu bleiben.

Die zwölf Hypothesen sind recht breit gefächert und reichen von der Frage der Infrastruktur wie dem Vorhandensein eines primären Informationssektors über die ICT-Infrastruktur, die Wissenschaftsnähe, die Kreativität, den Begegnungsmöglichkeiten etwa in Café oder Co-Working Spaces und dem Zugang zur Information bis zur Frage, ob Bibliotheken ebenfalls „Meeting Places“ sein sollten. An vielen Stellen wird berichtet, dass die Interviewpartner sehr spezielle Sichten auf die Frage nach den Erfordernissen einer informationellen Stadt haben und bei einzelnen Items offensichtlich zum ersten Mal mit einer entsprechenden Aussage konfrontiert wurden – wie im Fall der Aussage, dass Bibliotheken Orte der Begegnung und des Wissensaustausches sein können.

Ein weiterer Hypothesen- und Analyseblock adressiert eher politische und allgemeine Aspekte wie den politischen Umsetzungswillen in der Stadt, die konkrete Realisierung von E-Government-Angeboten, die Informationsfreiheit, die Nähe zum Finanz- und Bankensektor sowie die Frage, ob die informationelle Stadt stets eine „globale“ Stadt (mit Weltbedeutung) sein muss.

Die Bestätigungen der Hypothesen aus dem zweiten Block fallen eher gemischt bis negativ aus: Eine informationelle Stadt muss nicht unbedingt eine Megacity mit Weltbedeutung sein, die Anwesenheit des klassischen Finanzsektors in der Stadt ist keine hinreichende Bedingung genauso wenig wie der offizielle politische Wille zur Smart City. E-Government-Services sind zwar wichtig, sind aber trotzdem noch wenig realisiert, und die Frage der Informationsfreiheit scheint auch in den westlichen untersuchten Städten zum Problem zu werden.

Demgegenüber erhärten sich praktisch alle Hypothesen – wenn auch nicht in allen Städten gleichermaßen -, die zu Fragen der Infrastruktur im weiteren Sinne aufgestellt wurden: „The main infrastructures of an informational world city are digital and cognitive“ (S. 259). Dabei nimmt sowohl in der Analyse als auch in der Ergebnisdarstellung der räumliche Aspekt einen großen Raum ein. In einer Arbeit, die eine ganz andere Fragestellung zum Ziel hatte, scheinen plötzlich Bibliotheken als ein zentraler Akteur in den lokalen Aspekten der Globalisierung auf – wie man früher sagte: „Think global, act local“.

Das führt mich zu dem Fazit, dass die Informationswissenschaft ihre Stimme unbedingt im Chor der interdisziplinären Stadtforschung zu Gehör bringen sollte und durchaus kann. Leider fehlt sie eklatant im Standardwerk „Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch“ (Mieg/Heyl 2013) und auch in dem eingangs erwähnten, ebenfalls explizit interdisziplinär angelegten Sammelband von Antje Flade (2015). Umgekehrt kann aber auch die Informationswissenschaft im Sinne von LIS immer noch von den Diskursen anderer Disziplinen lernen, etwa denen die den Spatial Turn, das Raumparadigma, entdeckt haben (Döring/Thielmann 2008), was ja derzeit als „Dritter Ort“ in Bibliotheken und Museen erfolgreich praktisiert wird.

Die vorliegende Studie ist hervorragend geeignet, dazu den transdisziplinären Dialog zu beginnen.

Referenzen

Barth, Julia; Fietkiewicz, Kaja J.; Gremm, Julia; Hartmann, Sarah; Henkel, Maria; Ilhan, Aylin et al. (2017): Informationswissenschaft in der Urbanistik. Teil 1: Konzeptioneller Forschungsrahmen und Methoden. In: Information – Wissenschaft & Praxis 68 (5/6), 365-377. DOI: 10.1515/iwp-2017-0066.

Barth, Julia; Fietkiewicz, Kaja J.; Gremm, Julia; Hartmann, Sarah; Henkel, Maria; Ilhan, Aylin et al. (2018): Informationswissenschaft in der Urbanistik. Teil 2: Erste empirische Ergebnisse zu smarten Städten. In: Information – Wissenschaft & Praxis 69 (1), S. 31–46. DOI: 10.1515/iwp-2018-0006.

Bos, Wilfried; Eickelmann, Birgit; Gerick, Julia; Goldhammer, Frank; Schaumburg, Heike; Schwippert, Knut et al. (Hg.) (2014): ICILS 2013. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in der 8. Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich. Münster, Westf: Waxmann.

Burdett, Ricky; Rode, Philipp (Hg.) (2018): Shaping Cities in an Urban Age. Berlin: Phaidon. (vgl. https://lsecities.net/ua/).

Castells, Manuel (1989): The informational city. information technology, economic restructuring, and the urban-regional process. Oxford UK Cambridge Ma. USA: B. Blackwell.

Döring, Jörg; Thielmann, Tristan (Hg.) (2008): Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld: transcript.

Flade, Antje (Hg.) (2015): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung. Konzepte – Herausforderungen – Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS.

Hobohm, Hans-Christoph; Szepanski, Christoph (2012): Berlin / Potsdam = Informationelle Stadt? unter Mitarbeit von Studierenden des Masterstudiengangs Informationswissenschaften: Matthias Forster, Stefan Neitzel, Christina Stergiou, Franziska Sylvester. Vortrag auf der Konferenz „Stadt der Ströme – Interdisziplinäre Perspektiven auf die digitale Stadt in analogen Räumen“; 12.-14. Juli 2012. Innovationskolleg der Fachhochschule Potsdam. Online verfügbar unter https://fabdav.fh-potsdam.de/video/ec/Super/2012.SoSe/Stadt-der-Stroeme/Stadt/Hobohm_Szepanski.mp4.

Hvenegaard, Casper; Jochumsen, Henrik; Skot-Hansen, Dorte (2011): Biblioteket i byudviklingen. Oplevelse, kreativitet og innovation. Kopenhagen: Danmarks Biblioteksforening; Det Informationsvidenskabelige Akademi.

Jochumsen, Henrik (2018): How to Qualify the Debate on the Public Library by the Use of Research-Developed Tools. In: Bibliothek Forschung und Praxis 42 (2), S. 344–350. DOI: 10.1515/bfp-2018-0041.

Mainka, Agnes (2017): Informational world cities. An empirical investigation of cities in the 21st century. Dissertation. Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf. Philosophische Fakultät » Institut für Sprache und Information » Informationswissenschaft. Online verfügbar unter https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=41536.

Mieg, Harald A.; Heyl, Christoph (Hg.) (2013): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler.

Prell, Uwe (2017): Die Stadt: zwölf Sprachen – fünf Bedeutungen. Ein Beitrag zur Theorie der Stadt. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

PricewaterhouseCoopers LLP (2016): Cities of Opportuinity 7. New York: pwc. Online verfügbar unter www.pwc.com/cities.

Rammstedt, Beatrice (2013): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich. Ergebnisse von PIAAC 2012. Münster. Online verfügbar unter http://www.gesis.org/fileadmin/piaac/Downloadbereich/PIAAC_Ebook.pdf.

Stock, Wolfgang G. (2011): Informationelle Städte im 21. Jahrhundert. In: Information. Wissenschaft und Praxis 62 (2-3), S. 71-94.

Vallet, Nathalie (2013): Becoming partners in urban development. A case-study research on the strategic roles of Flemish and Dutch public libraries in the future development of cities. In: Library Management 34 (8/9), S. 650–663. DOI: 10.1108/LM-0

smart city – smart country

Podiumsdiskussion im BMEL am 20.Juli 2017 (Photo G. Swarat)

Gestern (20. Juli 2017) war ich auf einer Veranstaltung im Bundeslandwirtschaftsministerium zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Angesichts meiner Publikation von Expect More hatte ich das Vergnügen auf die Bedeutung von kommunalen Bibliotheken als Inkubatoren der Digitalisierung hinzuweisen. Das Thema der Veranstaltung war:

Vernetzt, digital, mobil – Ländliche Regionen im Wandel

Es handelte sich um eine gemeinsame Konferenz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des Bundesverbands Deutsche Startups. Also eine interessante Mischung an Teilnehmern.

Mein Beitrag sollte sein:

Die Digitalisierung hat bewirkt, dass sich Bibliotheken auf ihre ursprünglichen Funktionen als Bildungseinrichtung und Lernort zurückbesinnen und nicht mehr nur Bücher, Musik und Filme verleihen. Im Urbanen, aber besonders auch in kleinen Gemeinden sind sie der besondere offene Ort geworden, der vielen gesellschaftlichen Gruppen erlaubt, Digitalisierung „auszuprobieren“ und die neuen notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. Vielfach sind sie der einzige Ort geblieben, der gemeinschaftliche Aktivitäten informeller Art ermöglicht, der einzige „Dritte Ort“ der Zivilgesellschaft. Bibliotheken helfen bei den ersten Schritten in die Digitalität und unterstützen gerade Bevölkerungsgruppen, die sich die teueren digitalen Dienste nicht leisten können. Besonders erfolgreiche Beispiele für die neue Rolle von Stadtbibliotheken kommen häufig aus PISA Ländern Skandinaviens, aber auch in der Fläche in Deutschland sind die kleinen Bibliotheken gut vorbereitet, den Sprung ins Digitale zu machen und alle dahin mitzunehmen.

Die Diskussion auch mit dem Publikum machte jedoch mal wieder deutlich, wie weit entfernt wir in Deutschland tatsächlich von dieser Situation sind. Mich erinnert dies vor allem auch an unsere Tagung „Stadt der Ströme“ vor ziemlich genau fünf Jahren, auf der wir noch über „Smart Cities“ gesprochen haben. Der berühmte Architekt der Seattle Public Library Rem Koolhaas sagte allerdings einmal (sinngemäß): „Was interessiert mich die Stadt – viel interessanter ist doch das was übrig bleibt, wenn alle urban werden.“

Ich empfehle deshalb im Nachgang zu der gestrigen Tagung, noch einmal mein Interview im Vorfeld unserer Stadt der Ströme-Tagung (z.B. ab Minute 10′):

Stadt der Ströme // Hans-Christoph Hobohm from user11997307 on Vimeo.

Dem ist mittlerweile kaum etwas hinzuzufügen, außer dass im Ausland noch viele weitere Beispiele zu finden sind, die meine Aussagen bestätigen (Aarhus, Oslo …)

Von Government zu Governance: Wandel der Politik und Open Innovation

Esteve Almiral: Open innovation und smart cities at re:publica 2012

Ein Thema, das im Track re:innovate der re:publica besonders präsent war, schien die Innovation in der (Stadt-) Politik zu sein. Welche Koinzidenz zu unserer Tagung: Stadt der Ströme im Juli! Die Tracks-Sessions standen oft unter dem Motto Open Innovation, obwohl hier eigentlich meist über Crowd Sourcing gesprochen wurde.

Städte entwickeln sich von „service providers“ to „platform orchestrators“, bei denen ein Nullsummenspiel beim ersten Modus, aber eben nicht mehr beim zweiten vorhanden ist, da „Citizens have a kind of ownership, that clients do not have.“ (Almiral). Mehrfach wurde in diesem Zusammenhang die Metapher der „vending machine“ angesprochen, die eine Kommune eben nicht nur sein kann und sein sollte. Das erinnert stark an Duecks „Aufbrechen“, in dem er das Ende der Dienstleistungsgesellschaft beschwört und dabei auch öfter städtische Beispiele bemüht. Seine Konsequenz war, dass wir uns im „Service“ um absolute Exzellenz bemühen müssen und die einfachen Dinge den Maschinen überlassen können. Auf der re:publica gab es jedoch den Konsens, dass man vieles (besser) der Crowd überlassen kann, die auch noch die lokale (Heimat-) Verbundenheit mitbringt.

Mit einer Flut von Apps strebt die Stadt von morgen an, das lokale Ökosystem zu managen und den „civic innovation market place“ anzuregen unter dem Motto: „Learn locally to compete globally. Im EU Förderprogramme Commons4eu werden solche Apps entwickelt und den smart cities zur Verfügung gestellt. Als „Civic commons“ entsteht hier eine Art Repository für Apps.

Podiuksdiskussion "Government as a platform"

Jean-Pierre Winter sprach hier ebenfalls in einer Podiumsdiskussion vom „Government as a platform“, bei der die Deutungshoheit eben weggeht von den großen Institutionen, ein Vorgang der häufig Angst besetzt. Früher gab es eindeutige Hierarchien in den Eklrärungsmustern, jetzt gibt es zunehmend die „n:n Organisation“, in der viele mit vielen etwas unternehmen (können): eine grundlegende Veränderung für die Menschheit. In der n:n Welt herrscht:

„DIO: Do it yourselves organisation: if the state government were to reimagine itself not as a vending machine but an organizing engine for civic action“.

Auf einer Art Abschlusspodium der Reihe re:innovate, stellten exemplarische Vertreter unterschiedlicher Domänen ihr Verständnis von Open Innovation vor: Petra Sitte (DIE LINKE), Wofgang Both (Senat Berlin), Uli Schurr (Forschungsnzentrum Jülich), Sven John (VW), Denny Vrandečić (Wikimedia/Wikidata). Leider war trotz Pecha Kucha Präsentationen der Teilnehmer des Podiums die Diskussion zu lang angesetzt, so dass der anfangs volle Saal nach anderhalb Stunden sehr leer aussah, obwohl die Statements an sich spannend waren.

Podium zu Open Innovation: Pecha Kucha von Uli Schurr (Jülich)

Podium zu Open Innovation: Pecha Kucha von Uli Schurr (Jülich)

Petra Sitte zeigte sich äusserst engagiert zum Thema Urheberrecht: „eines der wichtigsten Rechte der Welt im aktuellen Gesetzgebungsverfahren beim Bund.“ Sie plädierte dafür „vielleicht auch die Lobbyisten mal auszuschliessen“. Aber auch der „Open Governance Anspruch“ z.B. der Regierung Obama lag ihr am Herzen: hier haben wir es mit einem Problem der Erstinformation zu einem Gesetzesentwurf zu tun: warum wird ein Gesetz auf den Weg gebracht, ist meist sehr kompliziert Nichtexperten-Bürgern zu erklären. In gewisser Weise sieht sie eine Dichotomie zwischen: „Servide dominant logic“ und einer „Diktatur der Aktiven“.
Bürgerhaushalte wie in Essen oder Leipzig sind positives Beispiel für Open Innovation. Es geht hierbei aber nicht um „Open Decision“, sondern um Generieren von Wissen als wichtigem Teil des Gesamtprozesses Politik.

Wolfgang Both von der Senatsverwaltung Berlin stellte sein Pecha Kucha unter das Motto „Nüsse knacken“: Öffnung der Datenbestände in Richtung auf  „open data“ und verwies auf die Vielzahl der neuen Möglichkeiten der Wertschöpfung im Verwaltungshandeln. Berlin hat z.B. einen Wettbewerb ausgerufen im Opencities Projekt, wer möchte dabei sein, zu helfen, den „Bundesdatenadler freizulassen“. In der Diskussion stellte er klar, dass Open Data längst keine Randerscheinung mehr ist, da bereits eine Reihe von Gesetzen wie das Umweltinformationsgesetz schon existieren, die den Staat sogar dazu verpflichten. Manches ist jedoch noch nicht so gut auffindbar: man arbeite an einem Portal: Daten.berlin.de. Die Probleme sind die Darstellung der Zusammenhänge der Daten, die Datenqualität, die Langfristigkeit (keine langen Reihen) etc.? Viele Crowdsourcing Initiativen gibt natürlich schon, es fehlt aber Forschung dazu, wie zu Teilnahme an solchen Initiativen motiviert werden kann (was passiert im limbischen System zur Motivierung?).

Uli Schurrs Pecha Kucha konnte seine textliche Herkunft als Wissenschaftler nicht verbergen. Seine Themen zum Bereich Open Innovation in der Wissenschaft waren:

  • Vorhandenes Wissen muss besser genutzt werden
  • Wissenschaft produziert nur Papier, ist zu langsam
  • Wissenstransfer muss beschleunigt werden
  • Arbeitsumfeld für Wissenschaftler muss interessant gestaltet werden
  • Wissensbörsen, Verbundforschung, vorwettbewerblicher Zusammenschluss von Firmen als Tendenz in der Forschung
  • Das vorhandene Innovationssystem der (nicht industriellen) Wissenschaft hat signifikante Schwächen
  • Wir brauchen einen Kulturwandel in der öffentlich finanzierten Wissenschaft
  • Auch Debatten, wie Förderprogramme entwickelt werden, müssen geöffnet werden

Zur Diskussion um den Heidelberger Appell positionerte sich Schurr: „Open Access wird zunehmen“, die Verknappung von Wissen ist ein ganz großes Problem.

Sven John (VW, Peoples Car China) berichtete aus der industriellen Wirtschaftsperpektive, wie z.B. in einer so gänzlich anderen Kultur wie der chinesischen VW Innovation betreiben kann und stellte seine Beobachtungen vor:

  • Digitalisierung in China ist ein großer Fortschrittsantreiber!
  • Das Auto ist nicht mehr Statussysmbol nummer eins, junge Chinesen sehen das unter Umweltgesichtspunkten, aber sehr praktisch, nicht so romantisch wie die Deutschen

Die Open Innovation Kampagne zu einem neuen Auto in China (offene Plattform) gab eine Reihe von Erkenntnissen dazu, was die „Vorstellungen der Menschen da draußen“ sind. John kam dabei zu dem Schluss, dass das „Cluetrain Manifest“ mit seiner These „Märkte sind Konversationen“ nicht recht hat: nur die Nutzer kommunizieren – nicht die Marktanbieter. Es müsste mehr kommuniziert werden mit den Herstellern: tun sie dies nicht aus Arroganz, Ängsten, Rechtsunsicherheiten, geht es mehr um Sicherstellung des eigenen Wissens? Die Erkenntnisse der VW Plattform sind für alle (auch die Konkurrenz) offen.
Das bekannte Diktum, 90% der erfolgreich getesten Produkte (in Laboren und Marktforschung) sind Flopps, sollte zu der Erkenntnis führen, dass das Öffnen der geschlossenen Marketingentwicklungs-Systeme Not tut und gleichzeitig neue Anreizsysteme geschafen werden müssen: Wertschöpfung geht einher mit Wertschätzung, und dies ist wichtig für den „re-entry“ auf der Website.

Denny Vrandečić von Wikidata beklagte, dass man Wikipedia keine Frage stellen kann, obwohl das Wissen drin ist, die Informationen sind Computer nicht zugänglich, Computer sind doof. Wir wollen auf Fragen Antworten finden, also Geschichten erzählen, deshalb brauchen wir Daten, war seine Schlussfolgerung. Hier könnte man die ganze DIKW Hierachie Debatte wieder aufrollen, oder? Interessant der wiederholte Hinweis auf Geschichten: auch Lobo forderte „wie brauchen neue Narrative“.

Stefan Lindegaard on Open Innovation

In einer anderen Session erläuterte Stefan Lindegaard, wie Open Innovation überhaupt funktioniert und verwies dabei auf sein Buch: ,Making open innovation work“ (kostenlos auf www.15inno.com). Wir erleben derzeit einen grundlegenden Wandel wie Innovation funktioniert und welchen Stellenwert sie im Unternehmen hat: er zietierte einen CEO der als Ziel für seine Firma formulierte: „Be competitively unpredictable“. Dazu ist der Ansatz von Open Innovation unter Einbezug von Social Media gerade richtig: „Develop the right conditions and frameworks“. Auch er berichtete, dass 96% aller Innovationsprojekte scheitern, weil vor allem im Bereich des eigentlichen Angebots in Innovationen investiert wird.
Schaut man sich das Verhältnis zwischen Investionsquote und Erfog in den unterschiedlichen beeichen genauer an, so ergibt sich, dass andere bereich, in denen traditionell nicht in Innovation investiert wird erfolgreicher mit Ihren Innovationen sind.

Auf der Grafik im Bild sieht man dieses Verhältnis:

  • blau: Finance= business modell, networking
  • grün: Process= enabling, core
  • orange/gelb: Offering = product performance system, service (der Bereich mit den meisten Innovationsinvestitionen und der geringsten Erfolgsquote)
  • rot: Delivery= channel, brand, customer experience

Sein Plädoyer also: mehr im Bereich Finanzen/Geschäftsmodelle über Innovation nachzudenken bzw. in der Distributions- und Kommunikationspolitik, weniger im Kerngeschäft selber.

Und dies vor allem deshalb, weil Open innovation bedeutet:

  • Better access, interaction with customers
  • Idea genereation, feedback loop
  • Identify people -> business intelligence
  • Boradcasting – not only outcomes

Wichtig ist dabei die Netzwerkkultur, Führung und Training sowie Zeit und Incentives (wie Gamification oder konkrete Anerkennung).

Zum Schluss dieses Posts noch der Hinweis auf einen recht neuen TED Vortrag (März 2012), der das Thema Wandel der Poilitik durch Open Innovation ebenfalls sehr interessant und einleuchtend aufgreift. Jennifer Pahlka: Coding a better government: