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Jetzt gehts los: Staatsziel Kultur

titelt der Deutsche Kulturrat in seiner heutigen Pressemitteilung.

Der Vorsitzende des Deutschen Kulturrates, Prof. Dr. Max Fuchs, traf den Vorsitzenden der SPD Bundestagsfraktion, Dr. Peter Struck, zum kulturpolitischen Austausch. (…)

Ein wichtiges Thema war in dem Gespräch die Verankerung des Staatszieles Kultur im Grundgesetz. Bei der Föderalismusreform wurde die Verankerung des Staatsziels Kultur zurückgestellt, weil das Staatsziel Kultur föderalismusneutral ist. Nach Abschluss der Föderalismusreform soll jetzt das Staatziel Kultur im Grundgesetz verankert werden. Der Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages führt voraussichtlich am 11. Dezember 2006 eine Anhörung zur Verankerung des Staatzieles Kultur und des Staatszieles Sport im Grundgesetz durch.

Der Vorsitzende der SPD Bundestagsfraktion Peter Struck hat in dem Gespräch mit dem Deutschen Kulturrat deutlich gemacht, dass sich die SPD Bundestagsfraktion für das Staatsziel Kultur und das Staatziel Sport aussprechen wird.

Die Enquête Kommission Kultur arbeitet noch und von der Bibliotheksentwicklungsagentur (BEA) wird erst gar nicht mehr geredet.

Passend dazu ist soeben ein Buch bei BID erschienen:

Aufbruch als Ziel – BID und „Bibliothek2007“. Zum Abschluss der sechsjährigen Amtszeit Georg Ruppelts als Sprecher von Bibliothek & Information Deutschland. Herausgegeben von Bibliothek & Information Deutschland (BID). – Hildesheim: Olms, 2006. – VIII, 251 S. ISBN 3-487-13225-7. – € 19,80  Bestellmöglichkeit 

in dem die BuB Artikel zu Bibliothek2007 noch einmal zusammengefasst sind und eine Reihe anderes interessantes Material zu fnden ist. (allerdings beschleicht mich ein ähnlich mulmiges Gefühl bei der Neulektüre wie gestern bei der Lektüre der BLK Empfehlung zum Rat für Informationsinfrastruktur: wie weit sind die Autoren jeweils von der Projektpraxis und Finanzrealität entfernt?)

Zukunft des Lesens

Warum ist Lesen gut und was passiert, wenn man viel gelesen hat? Auf diese Frage weist Martha Brockenborough (Encarta) und exzerpiert einen Artikel:

In a paper called What Reading Does for the Mind, Anne E. Cunningham, associate professor of cognition and development at the University of California, Berkeley, makes the case that reading:

  • increases vocabulary more than talking or direct teaching;
  • substantially boosts general knowledge while decreasing the likelihood that misinformation will be absorbed; and
  • helps keep our memory and reasoning abilities intact as we age.

Trendspot 11 des Zukunftsinstituts hatte das Thema auch Anfang Oktober mit dem erstaunlichen Fazit:

Lesekultur wird sich in den nächsten Jahren in zwei Sphären weiterentwickeln: Als komplexe Informationsbeschaffungsmaßnahme in der globalen Wissensgesellschaft und als Entschleunigung über belletristische Angebote. Mit dem Kauf eines Buches erhofft sich der Kunde von morgen Erweiterung des Bildungshintergrunds (und damit Wettbewerbsfähigkeit), Horizonterweiterung, aber auch das Eintauchen in emotionale Kontrastwelten.

Da ist es vielleicht doch ganz interessant, sich einmal der Entschleunigungsdebatte auch unter bibliothekswissenschaftlicher Sicht zu nähern.

Passend zum Thema vielleicht auch: Lesen fesselt – der Werbefilm einer Projektgruppe der HdM.

Von Büchern und Bananen

Abschlusspodium der Tagung

Buchwissenschaftliche Forschung – Bestandsaufnahme und Perspektiven

… war das Thema der diesjährigen (14.) Jahrestagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte, die vom 9.-11.10.2006 in der Herzog August Bibliothek stattfand. Arbeitskreis und gastgebende Institution sind ganz ehrwürdige Einrichtungen und dementsprechend konnte man überrascht sein von der Aussage der Anwesenden, die Buchwissenschaft sei eine junge Disziplin.

Es wurde die Anekdote kolportiert, dass Buchwissenschaft von ehrwürdigen Dekanen einer großen deutschen Universität polemisch mit „Bananenwissenschaft“ verglichen wurde: warum sollte es Buchwissenschaft geben und keine Bananenwissenschaft? Das erinnert natürlich an den Vergleich der Bibliothekswissenschaft mit einer vermeintlich nicht existierenden „Krankenhauswissenschaft“, wie er vor Jahren heftig auf dem Kolloquium zur Aufstellung des Masterstudiengangs an der FH Köln diskutiert wurde.

Zu der Tagung mit dem Ziel den „state of the art“ eines Faches mit fünf universitären Standorten in Deutschland zu eruieren, hatten Ursula Rautenberg (Erlangen) und Monika Estermann (Börsenverein, Frankfurt) eingeladen. Weitere Teilnehmer der Tagung waren bekannte Namen aus dem Kontext des Arbeitskreises wie Werner Arnold (HAB), Peter Vodosek (Stuttgart), Thomas Stäcker (HAB), Siegfried Lukatis (Potsdam), Horst Meyer (BBB) und Erdmann Weyrauch (Leipzig) um nur wenige zu nennen. Grundtenor war schließlich, dass es in der Tat noch einer nicht geringen Anstrengung bedarf, bis die Buchwissenschaft als universitäres Fach ihren eigenständigen Diskurs gefunden und sich konsolidiert hat. Als Außenstehendem fiel einem besonders auf, dass nur wenige der Lehrstühle tatsächlich auch in der Diskussion vertreten, bzw. anwesend waren, und dass die Diskussionen sich sehr stark um Abgrenzungen bemühten. Es wurden Lücken identifiziert in der Darstellung des Mediums Buch in den eigenen Reihen, aber vor allem in den Nachbardisziplinen, allen voran den Medienwissenschaften: das Buch der blinde Fleck der Medienwelt? Das „Buch als Kulturgut“ zu zentral? Es konnten aber auch wesentliche konkrete Lücken thematisiert werden in der buchwissenschaftlichen Forschung in Deutschland generell und vor allem im internationalen Vergleich. So war der Beobachter doch immer wieder erstaunt, nicht nur wie sehr Marshall McLuhan immer noch als Diskussionsfolie (abgrenzend) bemüht wurde, sondern vor allem, dass der als Livre & Société bekannte Ansatz der neueren Geschichtswissenschaften um Roger Chartier, Robert Darnton, und Henri-Jean Martin in Deutschland offensichtlich (nach beinahe einem viertel Jahrhundert) immer noch keine forschungsträchtige Wirkung gezeitigt hat. Es mussten sogar immer noch Rudolf Schenda (Volk ohne Buch) und Wolfgang Iser (Akt des Lesens) bemüht werden. Dem gegenüber waren Jan und Aleida Assmann recht wenig präsent in den Inhalten der Diskussion, wenn auch ihre Namen öfter fielen.

Einigkeit bestand implizit in der Feststellung der Tatsache einer gründenden Beziehung zwischen Buch und Bibliothek und damit der gegenseitigen Angewiesenheit von Buch- und Bibliothekswissenschaft. Betont wurde unter anderem der Aspekt der Körperlichkeit des Mediums Buch unter Verweis auf Gérard Genettes Paratext-Ansatz (Georg Stanitzek, Siegen). Aber auch Paul Sängers Thesen zum typographisch bedingten Übergang von Mündlichkeit auf Schriftlichkeit verbunden mit der Entwicklung des stillen Lesens wurden immer noch intensiv diskutiert. Bei der Betrachtung der Konstituenten des Mediums Buch wurde mehrfach – nicht nur abgrenzend – Bezug genommen auf Luhmanns Definitionskonstrukt zum Medienbegriff, in dem er die ein Medium notwendig bedingenden Elemente ‚Formen’ nennt und nach deren Grammatik der Konstituierung fragt. Problem ist hier dann die Frage der Granularität dessen, was das Medium ausmacht. Ist es nur das Beiwerk des Textes (Paratext) oder kommen hier metatextuelle Faktoren (etwa Komponenten des kulturellen Gedächtnisses), intertextuelle Bezüge (Julia Kristeva) oder die Textarbeit als solche (mit den sie konstituierenden, architextuellen Komponenten (Genette)) im Medium Buch trotzdem noch als Formelement vor. Könnte diese Frage etwas genauer gefasst werden, so könnte sich klären, wie das übergeordnete Medium, der Bücher-, oder Medien- oder Wissens-“Haufen“, konstituiert ist, und welche Funktionen ihm zusätzlich zuzuschreiben sind. Dass Bücher wesentliche Funktionen bei der Wissensorganisation und -repräsentation übernehmen, ist offensichtlich unhintergehbare Grundsatzfeststellung.

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Bibliotheksvirus auf dem Land

Dorfkirche in Rädigke

Burg Rabenstein

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Die 170 Seelen Gemeinde Rädigke in der Nähe der Burg Rabenstein bekommt endlich eine Bibliothek! Eröffnung am 15.10. – leider hat Angela Merkel abgesagt. Ein phantastisches Beispiel von Eigeninitiative und der Bedeutung des Lesens und des Ortes der Bibliothek im der Gemeinde. Statt ein weiteres Landwirtschaftsmuseum zusammenzutragen, entschied man sich für die Gründung einer aktuellen Bibliothek. Der Ort der Bibliothek: das „community center„, der Ortsgasthof. Einziges Problem: die Multifunktionalität des Raums, denn hier finden wöchentlich die Dorffeste und lokalen Familienfeiern statt.

Der Tagesspiegel bringt heute einen schönen Bericht darüber auf seiner „Dritten Seite“.

Auszug aus dem schon jetzt sehr schönen Webauftritt. Da kriegt man richtig Lust zum Gasthof Moritz zu fahren.

Bildungsarmut und Humankapitalschwäche

Hinter den begrifflichen Ungetümen des Instituts der Deutschen Wirtschaft („IW“ in Köln, einem der Wirtschaftsweisen, dem man nicht nachsagen kann, dass er „links“ steht) verbirgt sich die einfache Aussage:

Für die gesamte Volkswirtschaft hat der Bildungsstand der Bevölkerung Einfluss auf ihre technologische Wettbewerbsfähigkeit und die Attraktivität für ausländische Investoren.

Die jüngst erschienene Studie spricht zwar (leider) nicht von Bibliotheken, aber dafür umso mehr von PISA und von fehlenden Büchern. Und auch davon nicht so deutlich, wie es die eigenen Zahlen aussagen. Haushalte, die als „bildungsarm“ zu qualifizieren sind, besitzen in erster Linie weniger als 25 Bücher. Der Migrationshintergrund zählt empirisch deutlich weniger. Man schaue sich die Grafik genauer an (klicken):

Beschrieben werden die Faktoren, die auf die PISA Ergebnisse in den Bereichen „Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften“ signifikanten Einfluss haben. Lediglich die Variable „Haushalt verfügt über weniger als 25 Bücher“ beeinflusst mit jeweils großem Abstand zu anderen möglichen Variablen mit weit über 40 Punten das Pisa Ergebnis in allen drei Bereichen – vor allem in den „Naturwissenschaften“ (höchste Punktzahl überhaupt). Das ist bei keiner anderen Variable der Fall! Interessant ist, dass das IW dies nicht an die Spitze der eigenen Auswertung hebt bzw. in der Pressemitteilung („Vorsorge statt Reparatur„) thematisiert. Bücher und Lesen ist für die Herren Wissenschaftler entweder etwas selbstverständliches – nicht so „hype“ – oder so verstaubt, dass man sich nicht traut, dies deutlich zu machen. Schicker ist, auf den Migrationshintergrund zu verweisen. Das ist auf der poliutischen „Agenda“. Der Migrationshintergrund (Variable: „Im Haushalt wird nicht deutsch gesprochen“) zählt zwar nicht bei „Mathematik“ (ist auch suspekt), aber dafür immer noch bei den beiden anderen.
Der Titel der Grafik „Das Umfeld macht’s“ sieht wieder so aus, als wäre hier jeder selbst schuld. Gemeint ist aber: das gesellschaftliche Umfeld und damit der Staat. Er ist für fehlende Bücher und fehlende Lesekultur (à la PISA) in den Familien verantwortlich. Dixit: Das Institut der Deutschen Wirtschaft. Lesenswert – vor allem für Politiker. Warum wissen Politiker in anderen Ländern, dass Bibliotheken Lesen und soziale Integration fördern und die Deutschen Politiker nicht?

Wirklich schade aber eben die Reformen, die das IW vorschlägt. Nix von Bibliothek2007 gehört. Und nie über den Tellerrand von Rhein, Alpen, Oder oder Ostsee geschaut.