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Digitalisierung: „Pillepallisierung“ und „Bequemismus“

Berlin: Ullstein, 2020

Die Angst vor der Seuche und die Freude über den Digitalisierungsschub lässt das „andere Thema“ aus dem Blick geraten: Klimawandel und übertriebener Wachstumsglaube. Erst spät (durch Krankheit, Exil im Urlaubsland und plötzliche Digitale Lehre) bin ich auf das neue Buch von Maja Göpel: Unsere Welt neu denken (Febr. 2020) aufmerksam geworden (durch die Sendung von Precht in 3sat, muss ich gestehen).

Ich empfehle die Lektüre dieses kleinen Büchleins, falls noch nicht geschehen. Und dass es nicht nur mit dem „Ökothema“ Klimawandel zu tun hat, zeigt sich in der im Buch immer wieder auftauchenden Diskussion der „Entkoppelung von gesellschaftlichem und technologischem Fortschritt im digitalen Kapitalismus“. Es ist sehr gut geschrieben und eingängig zu lesen. Es ist eher ein Essay als als eine wissenschaftliche Abhandlung, so dass zu hoffen bleibt, dass ihr nicht das gleiche Schicksal erfährt wie Cornelia Koppetsch („Die Gesellschaft des Zorns„, 2019), deren Buch der Verlag transcript wegen Vorwürfen mangelnder Nachweise zurückziehen musste. Auch wenn von einer gänzlich anderen Perspektive geschrieben treffen sich beider Argumentationslinien wie sich in der aktuellen Deglobalisierung der Welt gut beobachten lässt.

Eine gute Einordnung in das Thema von Maja Göpel in die Diskussion um die Digitalisierung liefert m.E. die Podiumsdiskussion auf der re;publica19 mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer. Auch wenn interessanterweise am Schluss vom re;publica Publikum anti-akademische Anfeindungen kamen. Gerade deshalb ist die Diskussion zwischen Welzer und Göpel spannend (den Moderator vom Otto Versand kann man getrost überspringen).


Spricht Göpel in ihrem Buch noch akademisch von „Human downgrading“ durch die Digitalisierung, ist sie auf dem Podium deutlicher, wenn sie dies „Pillepallisierung“ nennt. Das, was andere positiv „enhancement“ (Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten) nennen, bezeichnet sie als „VerROBOTERung“. Nun ja, um plastisch zu werden.

Harald Welzer prägt dann ebenfalls einen neuen Begriff, der das kritiklose Verhalten der Menschen den digitalen Konsumangeboten gegenüber beschreibt: „Bequemismus“. (Wir Informationswissenschaftler kennen das als Zipfs „principles of least effort“ PLE). Er warnt als Sozialwissenschaftler, dass mit dem Steuerungsverlust des Individuums auch ein gesellschaftlicher Kontrollverlust und eine erhöhte Verletzlichkeit des Systems einhergeht. Er berichtet dann (im Mai 2019!) von einer Tagung der kommunalen Versorger, bei der in einer Session vor katastrophalen kommunalen Engpässen in Krisensituationen gewarnt wird und in der nächsten Session kritiklos die digitale Smart City gefeiert wird. Mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann denkt man bei „Bequemismus“ an die „Denkfaulheit des Menschen, der sich lieber auf sein intuitives System1 verlässt und System2 nicht aktiviert, obwohl dies in komplexen Situationen wie der unsrigen absolut notwendig wäre. Das Digitale ist so schön bunt und bequem.

Was wird der aktuelle Digitalisierungsschub mit uns machen? Vergessen wir jetzt noch mehr, die „Welt neu zu denken“?

Digitalität in der Krise

Tweet aus Marrakesh

Eine „interessante“ Erfahrung, vom Auswärtigen Amt aus dem Urlaub evakuiert zu werden. Lange bevor uns unsere Reiseagentur informierte, erschien in der App der Fluggesellschaft die Information, dass der Flug annulliert worden sei. Eine direkte Push-Information kam nie. Später erfuhren wir, dass schon über eine Woche vor unserem Rückflug bekannt war, dass Marokko den Luftraum gesperrt hatte und vor allem von und nach Deutschland keine regulären Flüge mehr durchkamen.

Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes wurde zunächst beruhigt und empfohlen, sich bei „Elefand“ einzutragen: einem Webdienst für „Deutsche im Ausland“. Aber schon kurze Zeit später wurde deutlich, dass der Elefant überlastet war: er war nur noch mit Mühen zu erreichen. Dazu gab es dann die Information auf der Website der Botschaft, man solle sich per E-Mail melden. Continue reading

Jubiläum

Screenshot aus der Wayback-Machine ca. 1997: www.fh-potsdam.de/~hobohm

Heute vor 25 Jahren betrat ich dieses surreale, ja kafkaeske Universum des deutschen Fachhochschulwesens. Ich hatte zwar u.a. Erziehungswissenschaften studiert. Mir war aber nicht klar, dass ich besser ein Referendariat an einer Berufsschule sowie zusätzlich meine eigenen Rahmenlehrpläne und eigenen Lehrbücher hätte mitbringen müssen. Mich hatte natürlich der Professorentitel und die (vermeintliche) Aussicht, unabhängige Wissenschaft betreiben zu können, aus einer deutlich besser gestellten Position an die Fachhochschule gelockt. Continue reading

Ein Brief an die Informationswissenschaft

Nassehi, Armin: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft.  München: C.H.Beck, 2019. 352 S. – Hardcover, EUR 26,-, ISBN 978 3 406 74024 4

Das Buch des „wohl einflussreichsten deutschen Soziologen“ (Verlagswerbung), erschien am 28. August. Schon in den folgenden Wochen war es auf allen Feuilleton Seiten und in vielen Sachbuch Bestsellerlisten. Der Verlag vermeldet sehr bald eine zweite Auflage „Aufgrund der großen Nachfrage “ (pers. Mitteilung des Verlags). Es scheint also ziemlich den Nerv der Zeit zu treffen, die nach etlichen alarmistischen Beschreibungen der Digitalen Transformation wie der von Yuval Harari (Homo Deus), jetzt doch von einem Gesellschaftsexperten erklärt bekommen möchte, was es mit der aktuellen Computerrevolution nun so auf sich hat.  Continue reading

Digitalisierung als Religion

Ja, es ist wohl dringlich, sich weiter mit der „Informationsgesellschaft“ auseinanderzusetzen. Die Publikationen dazu häufen sich, mal kritisch, mal alarmistisch, mal metaphysisch. Insbesondere ist der erste Bestandteil des Kompositums offensichtlich irritierend, wenn zu beobachten ist, dass „Information“ nicht mehr (wie früher) mit Wahrheit zu tun haben muss.

Der Jenaer Politologe Robert Feustel hat dazu eine spannende Studie [1] vorgelegt, die unter den Konzepten der Informationstheorie und der Kybernetik, den der Postmoderne-Diskussion in die Schuhe geschobene Werteverlust nun der „Informationstheorie“ vermacht.

Der Aufmacher seines Buches ist ein Zitat eines unserer großen Informationswissenschaftler, Fred Dretske, das ich persönlich im Kontext des Vorworts von „Knowledge and the Flow of Information“ anders lesen würde.

„In the beginning there was information. The word came later. The transition was achieved by the development of organisms with the capacity for selectively exploiting this information in order to survive and perpetuate their kind. It is common to think of information as a much later arrival on the evolutionary scene, as something that depends on the interpretive efforts—and, hence, prior existence—of intelligent life. According to this view, something only becomes information when it is assigned a significance, interpreted as a sign, by some cognitive agent. Beauty is in the eye of the beholder, and information is in the head of the receiver. To speak of information as out there, independent of its actual or potential use by some interpreter, and antedating the historical appearance of all intelligent life, is bad metaphysics. Information is an artifact, a way of describing the significance for some agent of intrinsically meaningless events“ ([2] S. VII).

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