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Digitalisierung als Religion

Ja, es ist wohl dringlich, sich weiter mit der „Informationsgesellschaft“ auseinanderzusetzen. Die Publikationen dazu häufen sich, mal kritisch, mal alarmistisch, mal metaphysisch. Insbesondere ist der erste Bestandteil des Kompositums offensichtlich irritierend, wenn zu beobachten ist, dass „Information“ nicht mehr (wie früher) mit Wahrheit zu tun haben muss.

Der Jenaer Politologe Robert Feustel hat dazu eine spannende Studie [1] vorgelegt, die unter den Konzepten der Informationstheorie und der Kybernetik, den der Postmoderne-Diskussion in die Schuhe geschobene Werteverlust nun der „Informationstheorie“ vermacht.

Der Aufmacher seines Buches ist ein Zitat eines unserer großen Informationswissenschaftler, Fred Dretske, das ich persönlich im Kontext des Vorworts von „Knowledge and the Flow of Information“ anders lesen würde.

„In the beginning there was information. The word came later. The transition was achieved by the development of organisms with the capacity for selectively exploiting this information in order to survive and perpetuate their kind. It is common to think of information as a much later arrival on the evolutionary scene, as something that depends on the interpretive efforts—and, hence, prior existence—of intelligent life. According to this view, something only becomes information when it is assigned a significance, interpreted as a sign, by some cognitive agent. Beauty is in the eye of the beholder, and information is in the head of the receiver. To speak of information as out there, independent of its actual or potential use by some interpreter, and antedating the historical appearance of all intelligent life, is bad metaphysics. Information is an artifact, a way of describing the significance for some agent of intrinsically meaningless events“ ([2] S. VII).

Fred Dretske versucht also das genaue Gegenteil von dem zu machen, was Robert Feustel hier der Informationswissenschaft unterstellt: eben keine „bad metaphysics„. Doch dazu wird an anderer Stelle zu berichten sein. Meine eigene schlechte Metaphysik hatte ich schon im letzten Jahr zum besten gegeben.

Nichtsdesto trotz gelingt Feustel eine beeindruckende Analyse der Zeitgeschichte von der Dampfmaschine bis zu Rechenmaschine und Hyperfrequenzhandel der Börsen, in der er unter Bezug auf die Informationstheorie von Shannon (ohne Weaver), auf die Kybernetik von Norbert Wiener und immer wieder auf den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der unvermeidlichen Zunahme von Entropie (und damit Abnahme von Information), den Zustand der Welt nachvollziehbar auf das kybernetische Prozessdenken zurückführt (was er immer wieder mit „Informationstheorie“ apostrophiert).

Sein Ausgangspunkt ist folgende Feststellung:

„Die Logik ist simpel: Wenn alles Information ist, verliert der Begriff seinen Sinn, weil sich ihm nichts entgegenstellen lässt.“ (12)

Information wird zum „leeren Signifikant“ und ist aber dennoch in den zunehmend algorithmisch gesteuerten Prozessen der Gesellschaft das Basiselement, ohne das der Steuerungskreislauf knirscht oder gar erst nicht anläuft. Aus „Information“ wird ein quasireligiöser Begriff, weil er für so vieles steht und überall am Ursprung vermutet wird, und der in dieser Hinsicht aus „allen Wissenschaften immer wieder Unterstützung erfährt“ (15). Obwohl niemand präzise sagen kann, um was es sich dabei wirklich dreht, ist der Begriff „im Zeitgeist […] tief versenkt“:

Gerade in dieser Dopplung von praktisch überdeterminiert und theoretisch unterbestimmt liegt sein Machteffekt: Man muss daran glauben; man muss also an die Allgegenwart und die göttliche (weil die weltliche Tristesse der Materie überschreitende) Kraft der Informationen glauben. Dann wird sich eine Welt zeigen, die voller vermeintlich phantastischer Perspektiven ist und die Last der Stofflichkeit hinter sich weiß. (15)

Information, oder zumindest die Rede darüber, ist also eine Art umgekehrte Epiphanie, um in der religiösen Begrifflichkeit zu bleiben.

Für Feustel ist die Informationsgesellschaft jedoch nicht die, die Peter Drucker und Daniel Bell definieren, sondern die noch andauernde Bewegung, die z.Zt. durch Digitalisierung und KI-Euphorie kennzeichnet ist. Es ist der informations- (oder besser daten-) getriebene Prozess, der erst bei genauerer Betrachtung deutlich macht, dass das Problem der Zeitstrahl ist, auf den der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik hinweist. Und hier hätte Feustel bei Dretske anknüpfen können (obwohl zugegeben Dretske das so noch nicht formulieren konnte, mangels Evolutionspsychologie und Embodied Cognition). Feustels bedeutsamer, mit Heideggers „Sein zum Tode“ formulierter Schlusssatz stellt eine gute Quintessenz des Buches dar:

Leib, Vergänglichkeit und Emotion gibt es nur als prozessierte Kopie, als digitales Imitat. Damit spielt auch die historische Zeit, die unweigerlich am Leiblichen und dessen Endlichkeit hängt, keine Rolle. Die substantielle Differenz zwischen menschlichem Denken und Fühlen auf der einen Seite und Prozessieren auf der anderen wird eindrücklich sichtbar. Die Leistungsfähigkeit der Maschine spielt dafür keine Rolle. (186)

Insgesamt sicher ein interessantes Buch zur Erläuterung des Zeitgeistes. Es hätte etwas gewonnen, wenn über die eigene These hinaus, die Informationswissenschaft (und nicht nur die Informationstheorie) in die Überlegungen mit einbezogen worden wäre.

[1] Feustel, Robert (2019): „Am Anfang war die Information“. Digitalisierung als Religion. Berlin: Verbrecher Verlag.

[2] Dretske, Fred I. (2003 [1981]): Knowledge and the flow of information. Stanford, Calif: CSLI Publications (David Hume series).

 

Fachgeschichte – Richtungsstreit und Öffnung der Bibliotheken in den letzten 100 Jahren

Auf der Podiumsdiskussion letzte Woche und in einem meiner Seminare wurde der sog. Richtungsstreit und die „Bücherhallenbewegung“ des deutschen Bibliothekswesens angesprochen. Nur um uns alle auf den Informationsgleichstand zu bringen, möchte ich hier aus dem Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Stuttgart 2014, S. 779f) zitieren und desweiteren auf den Beitrag von Ragnar Audunson hinweisen, von dem ich dieses sicher nicht unproblematische Argument habe, dass wir ein auch historisches Fachverständnis (eine “ ‘professional civic self-cultivation’ (Bildung)“ (sic), wie er schreibt) brauchen.

Ragnar Andreas Audunson (Oslo): Do We Need a New Approach to Library and Information Science? In: BIBLIOTHEK 42 (2018) Nr. 2, S. 357–362.

Ich bitte diesen Blogpost nicht misszuverstehen.

Stellensituation für (angehende) Bibliothekar*Innen

Stellenausschreibungen August bis November 2018 (Quelle: Veröffentlichungen in Mailinglisten)

Zur Vorbereitung der Paneldiskussion am IBI am 4.12.2018 „Öffentliche Bibliotheken in Forschung und Lehre“ habe ich mir mal die Stellenausschreibungen des letzten Vierteljahrs angeschaut, die bei mir via Inetbib, ForumOEB, BAK-Bibliojobs etc. eintrudeln. Ich beobachte die Anzeigen bisher nicht systematisch, sondern nur um Vorbeiflug in meiner Mailbox (ich lösche diesen Ordner nicht). Mit meiner kurzen Strichlistenauszählung bestätigt sich mein Eindruck, dass trotz aller Euphorie für Stadtbibliotheken die Zahl der ausgeschriebenen Stellen nicht befriedigend ist – vor allem angesichts der sehr viel grösseren Anzahl an Bibliotheken in diesem Bereich. Auffaflend ist auch die vergleichsweise höhere Anzahl an FAMI-Stellen in ÖBs, aber auch die Tendenz, innerhalb der Besoldungsstufen die Eingruppierungsstufen auszureizen, d.h. z.B. FAMI-Stellen bis zu E9 auszuschreiben. Außerdem fällt auf, dass eine große Anzahl an Stellen von den ganz großen Playern im Berufsfeld kommen (TIB, ZBW, SBB, DNB) – aber auch viele Stellen bei nicht universitären Forschungseinrichtungen angeboten werden.

Eine tiefergehende inhaltliche Analyse könnte zusätzlich zu Tage bringen, dass der Anteil der „Bibliotheksinformatiker“ nicht so hoch ist wie erwartet (aber vielleicht werden diese Stellen woanders veröffentlicht: die wenigen reinen Informatikerausschreibungen oder Stellen mit Anforderungen mit gänzlich nicht bibliothekarischem Anforderungen (Finanzen, Recht) habe ich nicht berücksichtigt.), dass aber doch der Themenbereich Data-Kurator, Daten-Management, und Open Access z.Zt. gut vertreten ist.

 

Fokus Mensch

war das Thema des diesjährigen Bibliotheksleitertags von OCLC am 28. November 2018.

Dr. Roman Szeliga, OCLC Bibliotheksleitertag 2018

Keynote war Dr. Roman Szeliga, der Gründer der Clown Doktoren. Er vermittelte den ca. 250 anwesenden Bibliothekar*Innen, dass auch Humor eine wesentliche Kompetenz in Zeiten der Digitalisierung sein sollte.

Das war umso interessanter, als im SRF Literaturclub vom Oktober 2018 den Analysen von Yoval Harari Humorlosigkeit attestiert wurde. Und wenn man es genau ansieht, sind auch Bibliotheken oft keine spaßigen Einrichtungen (ssshh!).

Leider war die Tagung dann thematisch sehr divers ausgerichtet: es gab einen DH/FDM Track für die „wissenschaftlichen Bibliotheken“ und einen „Dritter Ort“ Track für die „Öffentlichen Bibliotheken“. Eine größere Diskrepanz ist eigentlich nicht vorstellbar. Entsprechend war wahrscheinlich auch die Zusammensetzung der Teilnehmer.

auf dem Bibliotheksleitertag 2018

Ich hatte die Ehre, einen der letzten Vorträge zu halten, mit dem ich die Anwesenden „beruhigen“ sollte. „Digitalisierung na und. Warum Bibliothekare das Zeug für die neuen Aufgaben bereits in der Tasche haben.“ war der mit OCLC vereinbarte Titel meines Vortrags. Ich berichtete vorwiegend aus den vergangenen und laufenden Forschungsprojekten, die Kompetenzen und Aufgabenprofile von information professionals im Blick haben. Meine Quintessenz: Bibliotheken sollten mit ihrem Gepäck als Informations- und Wissenseinrichtung Transformationsagenturen werden. Ganz im Sinne von David Lankes Mission Statement, dass Bibliothekare zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen sollten. Ob wir nun davon ausgehen, dass die Digitalisierung (z.B. mit Verstärkung von Echokammern in den Social Media) die gesellschaftliche Entwicklung in einem problematischen Licht erscheinen lässt oder nicht: eine Rolle auf der einen oder anderen Seite (Daten/FDM oder Mensch/Dritter Ort) haben sie.

Podiumsdiskussion auf dem Bibliotheksleitertag

Zum Abschluss gab es eine Podiumsdiskussion, bei der interessanterweise mal wieder die Frage aus dem Publikum  gestellt wurde, was denn die Hochschulen für die Ausbildung von Famis (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste) tun würden. Im Laufe der Diskussion dazu gab es Szenenapplaus für 12 Jahre Engagement der FH Potsdam in diesem Bereich.

Die Diskutanten auf dem Podium (alle Referenten des Tages) waren sich einig, dass Neugier, Kreativität, Ausprobieren und Mut zum Risiko Bibliotheken voran bringen werden.

Für mich persönlich war es interessant zu spüren (auch in den Diskussionen am Rande), dass die Bibliothekare den richtigen Weg gegangen sind, den wir am gleichen Ort vor genau 10 Jahren in Mannheim angestoßen hatten mit der Gründung der Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V.. Die Mitbegründerin Julia Bergmann, die ebenfalls unter den Referenten war, meinte zwar, wir würden nun wieder zum Analogen (zum Ausgangspunkt) zurückkehren, nachdem wir Gaming und Digitales versucht hatten in die Bibliotheken zu bringen. Ich denke aber ein wesentlicher Punkt auch damals war, das Neue zuzulassen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Spannend nun, dass die zweite Förderphase des Programms hochdrei (Kulturstiftung des Bundes) nun genau dies tut: mit organisierten Exkursionen zusammen mit kommunalen Entscheidern im Ausland über den Tellerrand schauen. Die auf der Tagung vorgestellten deutschen Projekte zu Bibliotheken als Dritten Orten (z.B. Köln Kalk, Würzburg) waren ziemlich beeindruckend vor allem, weil häufig das Konzept des Architektur Büros Aat Vos umgesetzt wurde, der z.B. auch bei Biblo Tøyen in Oslo nie gefragt hatte „was“, sondern immer nur „warum“ eine Bibliothek gebaut werden solle und diese dann vorwiegend von Mitgliedern der Zielgruppe gestaltet wurde – nicht von Bibliothekaren.

Der Track zum Forschungsdatenmanagement erinnerte mich stark an meine Vergangenheit als Computerphilologe an der Universität Stuttgart Ende der 1980er Jahre. Die jetzt sogenannte DH Welt ist zwar bunter, interaktiver und komplexer geworden, die entscheidende Frage ist aber immer noch weder gestellt noch beantwortet: warum. Nur als verzweifelte Akquise einer neuen Aufgabe für wissenschaftliche Bibliotheken reicht die Dateneuphorie IMHO nicht aus. Und für die Infrastruktur sorgt die Wissenschaft ja schon selber… gerade wenn Bibliotheken sich verweigern. Aals Beispiel wurden die Elsevier Lizenzkündigungen genannt und mit nur mäßigem Erstaunen konstatiert, dass die Wissenschaft trotzdem weitergeht – ohne bibliothekarischen Access. Die von Kollegen Stefan Schmunk aus Darmstadt erwähnten Analyseergebnisse, dass die illegale Nutzung der Schattenbibliothek Sci-Hub zu einem großen Teil von innerhalb der Bibliotheksräume geschieht, gab – soweit ich das verfolgen konnte – kaum Anlass zum Nachdenken.

Hier die etwas für die nicht-live Lektüre bearbeiteten Folien meines Vortrags:

Bibliotheken in Litauen

Vilnius University Library, Science Communication And Information Center / Paleko Arch Studija

Anläßlich eines Workshops zum Thema Nutzerforschung für Bibliotheken, den ich für ca. 40 litauische Bibliothekarinnen in Vilnius geben durfte, konnte ich wieder einmal den alten Spruch „Reisen bildet“ erleben. Nicht nur die grandiose neue Universitätsbibliothek („IKMZ“), in der der Workshop stattfand, sondern auch eine Reihe anderer Eindrücke gaben mir Eindrücke in ein mir bis dahin wenig bekanntes Land. Dank auch der professionellen Begleitung und Betreuung durch das Goethe Institut eröffnete sich mir eine Kultur, die erstaunt und begeistert.

Historischer Lesesaal der UB Vilnius (1570)

 

Bibliothek in einer Zelle im KGB Gefängnis Vilnius

Die alte Universitätsbibliothek aus dem Jahre 1570 zeugt von der alten Tradition, die Bibliothek im KGB Gefängnis vom Trauma der Geschichte und die Little Free Library am Rande der „Freien Republik“ Uzupis in Vilnius zeugt von einer der unglaublichen Kreativität und Offenheit der Litauer.

Little Free Library am Rande der Freien Republik Uzupis

 

Literatu gatve, Vilnius

 

Die Literaturstraße (Literatu gatve) belegt seit 2008 die literarische Weltoffenheit der Stadt: hier werden mit kleinen Kunstwerken und Texten an der Wand internationale Autoren gewürdigt, die einen Bezug zu Litauen haben, Günther Grass ist z.B. darunter.

Interessanterweise hat gerade der Leiter des Goethe-Instituts Detlef Gericke (in Zusammenarbeit mit Laura Survilaite) in der Zeitschrift „Politik und Kultur“ (3, 2018) einen  sehr lesenswerten Bericht über Literatur in Litauen geschrieben. Das kleine Land Litauen ist überaus beeindruckend und strahlt ein kulturelles Leben aus, von dem man versteht, dass dies die Grundlage ist, die jahrhundertelangen Unterdrückungen überstanden zu haben.

Beitrag von D.Gericke auf S.14: „Europa ist Rückhalt“ (Link zum Text)

 

Dank an Goethe, mal wieder.