Nach dem Projekt ist vor dem Projekt?

Projektgruppe

Im Wissensmanagement gibt es die Instrumente des „lessons learned“ bzw. des „project debriefing“, bei denen versucht wird, aus der vergangenen Projektarbeit zu lernen. Bei Projekten im Hochschulbereich ist es schwierig, diese anzuwenden. Aus verschiedenen prinzipiellen Gründen. Zum einen gibt es meist keine direkte Fortsetzung, da Projektfinanzierung durch die Geldgeber wie BMBF oder DFG grundsätzlich begrenzt ist und meist solche Rahmenbedingungen aufweist, dass jeweils ein „fertiges “ Projektergebnis vorelegt werden muss, auf dessen Erstellung der Projektplan ausgerichtet ist und das von den Gutachtern entsprechend bewertet wird. Als Antragsteller ist man also gehalten, stets neue Projektthemen bzw. -produkte zu erfinden, um Drittmittel akquirieren zu können. Und die Drittmittelquote zählt als ein wesentlicher Mittelvergabemodus für Haushaltsmittel auch im Fachhochschulbereich. Zusätzlich zu der grundsätzlichen Befristung von Personalstellen von Projektmitarbeiterstellen bedeutet das eine geringe personelle Kontinuität außerhalb des antragstellenden Teams an Hochschullehrern. Weiterhin sind viele Projekte heutzutage gehalten, sich möglichst breit interdisziplinär und interinstitutionell mit sehr heterogenen Kooperationspartnern aufzustellen, so dass das Team an Projektleitern nach Projektende mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit entweder mit dem realisierten Produkt „nach Hause“ geht oder aber schnell in anderen Netzwerken eingespannt ist.

Wer sollte also Lektionen lernen, oder ge-debrieft werden? Der Lernprozess der Mitarbeiter ist oft an dieser Stelle auch begrenzt, da diese prinzipiell in einem fremdgesteuerten Zielsystem der Projektleitung arbeiten und berechtigterweise wenig intrinsisches Interesse aufweisen, institutionelles Wissensmanagement zu betreiben. Leider geht es den Projektantragstellern meist ebenso, sind doch die Möglichkeiten der Drittmittelakquise auch inhaltlich durch die Förderprograme und Förderstrukturen begrenzt. Forschung in diesem Sinn ist also ebenfalls grundsätzlich nicht intrinsisch motiviert. In den meisten Fällen handelt es sich eher um Wissenschaftlerarbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen und ein Politik gesteuertes ‚Forschungspunkte sammeln‘. In der Welt der Creditpunkte nicht vewunderlich. Aber beobachten wir das gleiche Demotivationsproblem nicht auch bei den Studierenden ?
Ich hatte die Chance, in den letzten Jahren vier große Projekte am Fachbereich (b2i, CoPAL, Datacreativity, AKIB) zu initiieren und zu steuern, die neun wissenschaftlichen Mitarbeitern eine Zeit lang mageres ‚Lohn und Brot‘ gegeben haben, vier Kinder gezeugt haben und ca.  eine Million an klassischen Drittmittelpunkten für Fachbereich und Hochschule eingebracht haben. Hinzu kamen zeitgleich acht „Projekte“ in der Fernweiterbildung, die nicht nur Drittmittel zur Finanzierung von mehreren Personen, sondern vor allem auch Absolventen zur Reduzierung der statistischen Abbrecherquote im Fachbereich gebracht haben (Durch die Quereinsteiger der Fernweiterbildung erreichten wir offensichtlich teilweise 105% Studienerfolgsquote – aber diese Zahl wird bei der Mittelvergabe an Hochschulen noch nicht berücksichtigt. Nur Studienanfänger und eingeworbene Drittmittel zählen – bisher. Es kommt aber der sog. „Kerndatensatz Forschung„, der Hochschulen sehr viel „transparenter“ machen soll).
Die Frage der Nachhaltigkeit von Projektinitiativen lässt sich am Beispiel dieser Projekte etwas verdeutlichen: Die aktuelle Diskussion um die Informationsinfrastruktur und die Abschaffung der Sondersammelgebiete betrifft z.B. b2i recht zentral, weil die BSB sie nach dem Umzug aus Göttingen nun doch nicht mehr weiterführen will und aktuell intensive Bestrebungen im Gange sind b2i „zu retten“. Die Implementierung einer Wissensmanagementstrategie im Leibnizinstitut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim (CoPAL) wurde kurzfristig als erfolgreich empfunden: aber wie langfristig wirkten die eingeführten community of practice Instrumente wirklich? Ein Follow-Up wäre wichtig zur Sicherung der wissenschaftlichen Ergebnisse… Auch bei Datacreativity wäre es notwendig, weiterhin intensiv am Projektergebnis zu arbeiten: hatte wir doch in einem ersten Anlauf einen Patentantrag erfolgreich auf den Weg gebracht. Diesen bis zu einem wirklichen Patent zu bringen erfordert jedoch erstaunlich viel weitere Zeit und Arbeit, z.B. bei den Verhandlungen mit den Patentanwälten zur Erläuterung der Einzigartigkeit unseres Modells. Auch dem letzten der Projekte „AKIB“, das gerade endet, ergeht es nicht anders: die Konzepte und Entwicklungen, die erarbeitet wurden, erfordern nun zumindest Follow-Ups zur mittelfristigen Erfolgskontrolle und/oder weitere Publikationen und Nachfolgeanträge.
Selbst das großangelegte Innovationskolleg der Hochschule, dessen Mitglied ich eine zeitlang sein durfte und das mit seiner Tagung „Stadt der Ströme“ wichtige Anstöße auch im bibliothekswissenschaftlichen Bereich gegeben hat, lässt institutionelle Nachhaltigkeit vermissen. „Schön“ wäre es, wenn in dem in diesem Zusammenhang gegründeten Institut für urbane Zukunft gerade auch diese Thematik weitergeführt werden könnte – z.B. um nur in dem nunmehr etablierten europäischen Netzwerk (NLUS) mitzuwirken… . Ob ich jedoch die Ressourcen haben werde, dieses für mich nun doch etwas zentralere Projektthema aufzugreifen, wage ich zu bezweifeln, z.B. angesichts der anstehenden Curriculumreform in den in Studiengang Bibliotheksmanagement und der Re-Akkreditierung des Masterstudiengangs.
Kurz: ich bereue mein altruistisches Engagement für die Community und den Fachbereich, in einem Fachgebiet „Drittmittelpunkte“ gesammelt zu haben, das im Grunde dafür noch gar nicht bereit ist für diese traditionelle Forschungsevaluierung. Als interdisziplinäre Fächer haben Informations- und Bibliothekswissenschaft zwar immer wieder die Chance attraktive Projekte durchzuführen, aber wie in allen inter- oder transdisziplinären Kontexten wäre es eigentlich wichtiger, die eigene eher metatheoretische Position zu festigen, statt den Ansinnen nach Produktentwicklung und Ergebnis orientierten Projekten der Forschungsprogramme von BMBF und DFG nachzugeben. Aber saubere epistemologische Reflexion ist aber leider heutzutage nicht als „Forschung“ zu verkaufen. (Ob der Kerndatensatz Forschung das ändern wird, beliebt abzuwarten.) Da gibt es zwar immer wieder den Verweis auf die Antwort Niklas Luhmanns auf die Frage nach seinen Forschungsprojekten: „Theorie der Gesellschaft; Laufzeit 30 Jahre; Kosten: keine“ (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 4.1.2013, vgl. auch den Beitrag meines ehemaligen Studienkollegen Jürgen Gerhards: „Der deutsche Sonderweg in der Messung von Forschungsleistung„, 2013), aber allein schon sein Thema „Theorie der Gesellschaft“ hört sich fachspezifischer und „relevanter“ an als „Theorie der Information“ oder „Rolle der Bibliothek in der Gesellschaft“, denn zu diesem Themen kann ja jeder etwas sagen, dazu braucht man keine Fachwissenschaft, wie die Soziologie für das „Forschungsobjekt Gesellschaft“.
Damit kann an dem kleinen Beispiel meiner Forschungen gezeigt wie sehr Jürgen Gerhards recht hat, dass die ausschließlich Drittmittel orientierte Forschungsförderung „die falschen Anreize setzt“ (a.a.O.) und sogar wie in diesem Fall für „kleine Fächer“ noch nicht einmal den Matthäus Effekt materieller Gratifikationen hervorruft und es schließlich eher zum Wettbewerbsnachteil gereicht, wenn nicht auf Nachhaltigkeit der Forschungen z.B. im Sinne publizierter Diskurse geachtet wird. (Ob ich zu den Ergebnissen der Drittmittelprojekte publiziere, interessierte im Nachhinein niemanden – wohl wissend, dass mir wegen der notwendigen Folgeaktivitäten dazu die Zeit fehlt – und die Mitarbeiter sowieso nicht mehr „dabei“ sind.) Gerhards weist darauf hin, das Deutschland damit einen volkswirtschaftlich nachteiligen Sonderweg eingeschlagen hat im Vergleich zu anderen Ländern, die mehr Wert auf szientometrische Indikatoren legen.  
Ein lesssons learned also nach vier großen Projekten und viel Engagement für die Sache? Es bleibt eigentlich nur die Frage wofür? Von der Sache bleibt recht wenig. Es dreht es sich also nur um die Personen, die damit finanziert wurden. Wenn man sich darüber im Klaren ist, kann gerne das nächste Projekt folgen…

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