Die Fachinformation ist tot. Es lebe der Fachinformationsdienst!

webisEin wichtiges Thema auf dem diesjährigen Bibliothekartag war das Ende des Sondersammelgebietssystems (SSG) der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mit dem seit dem 20sten Jahrhundert das Fehlen einer gewachsenen, deutschen Nationalbibliothek durch verteilte Spezialsammlungen ausgeglichen werden sollte. Mit erstaunlich geringen Mitteln und vor allem aufbauend auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit der großen Universitätsbibliotheken war so eine umfassende, hochspezialisierte Sammlungen in praktisch allen Wissensgebieten entstanden. Ein kooperatives System, um das uns die Welt beneidet.

Aus welchen Gründen auch immer hatte die LIS Kommission der DFG entschieden, dass das System im Zeitalter von Google und Digitalisierung neu gestaltet werden sollte. Und man/frau ist auf den Gedanken gekommen, dass die „Informationsversorgung“ zusammen mit und für die Wissenschaftler gemacht werden soll und nannte das Neue dann ironischerweise „Fachinformationsdienst“. Offenbar in Unkenntnis der traurigen Geschichte der Fachinformationslandschaft in Deutschland [1], die mit der gleichen Argumentation einer geforderten „Nutzerorientierung“ aus der deutschen Wissenschaftsinfrastruktur langsam verbannt wurde. Dies entspricht allerdings einem internationalen Trend, denn zum Ende diesen Jahres werden sogar auch die beiden großen französischen Datenbanken (PASCAL und FRANCIS) ihren Betrieb einstellen.

Es wurden also die Wissenschaftler der jeweiligen Fachgebiete gefragt, welche Informationsressourcen sie für ihre Arbeit benötigen. Der Rücklauf war (zumindest in dem von mir beobachteten Fachgebiet der Informationswissenschaft) niederschmetternd. Wie soll auch ein Wissenschaftler wissen, was er in 10 Jahren oder auch schon beim nächsten Forschungsprojekt an Ressourcen benötigt? Außerdem verlässt wohl auch er/sie sich eher auf Google (Scholar?): irgendwie wird es schon klappen.

Leider liegt hier m.E. ein vollständiges Missverständnis dessen vor, was eine Bibliothek ist und zu leisten vermag. Trotz aller Rede vom Ende der Gutenberg Galaxis[2] bleibt ein wesentlicher Anteil der grundlegenden bibliothekarischen Funktion die Sammlung [3]. Besonders perfide Ironie des Schicksals ist, dass bei diesem Umbau des Sondersammelgebietssystems tatsächlich als einer der ersten wirklich Leidtragenden die Metawissenschaft, der hier anstehenden Problematik betroffen sein wird: die Bibliotheks- und Informationswissenschaft und ihr Portal „b2i“. Logo b2i-kleinDie virtuelle Fachbibliothek „Buch-, Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (zwei „b“s werden zu „i“, so das Branding durch den Göttinger Bibliotheksdirektor und damaligen Leiter des Sondersammelgebiets Elmar Mittler). Die Fachwelt nimmt sich damit der Möglichkeit von evidenzbasierten Entscheidungen („evidence based library and information practice„) – was jedoch ganz im Trend der „Praxis“ zu liegen scheint[4].  Der Aufbau von b2i war 2007/2008 ein gemeinsames DFG Projekt des Fachbereichs Informationswissenschaften in Potsdam, des Informationszentrums Informationswissenschaft und des Sondersammelgebietes in Göttingen. Mit der Pensionierung von Elmar Mittler kam das SSG und das Portal, dessen (von der DFG abgelehnte) Projektantragsidee die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells war, an die Bayrische Staatsbibliothek, wo vor allem die Buchwissenschaft gepflegt und der Nachhaltigkeitsaspekt vergessen wurde (Einbindung der Fachcommunity durch einen wissenschaftlichen Beirat, der nie tagte).

Die aktuelle Ausgabe von Bibliothek. Forschung und Praxis widmet sich mit mehreren Beiträgen dem Thema der Fachinformationsdienste, und man gewinnt den Eindruck, dass diese Idee auf breite Ablehnung stösst. Selbst die Autorinnen aus dem Kontext der entscheidenden DFG Kommission wirken nicht sehr überzeugend. Besonders lesenswert m.E. der bibliothekswissenschaftlich fundierte Text von Elmar Mittler.

Ende Dezember – ca. 5 Minuten vor Schluss – tagt auf Einladung des BID und der KIBA eine Gruppe von Interessierten, um über das Schicksal von b2i zu diskutieren. Man darf gespannt sein.

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[1] Hobohm, Hans-Christoph (2008): Das Verhältnis zur Dokumentation – Fachinformation in den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. In: Peter Vodosek und Werner Arnold (Hg.): Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft. Bibliotheken in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: Harrassowitz (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, 43), S. 115–134.

[2] Hobohm, Hans-Christoph (2013): Bibliothek im Wandel. Kap. D12. In: Rainer Kuhlen, Wolfgang Semar und Dietmar Strauch (Hg.): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. 6. Aufl. Berlin: De Gruyter Saur, S. 622–632.

[3] Degkwitz, Andreas (2014): Von Texten zu Daten – Zukunft der Bibliothek. Vorträge und Texte anlässlich der Ernennung zum Honorarprofessor der Fachhochschule Potsdam. herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Hans-Christoph Hobohm. Berlin: Logos (Berliner Arbeiten zur Bibliothekswissenschaft, 26).

[4] Hobohm, Hans-Christoph (2009): Wie werden innovative Ideen aufgespürt und umgesetzt? Qualitative Erhebung zu Environmental Scanning und Trendbeobachtung an deutschen Bibliotheken. In: BuB Forum Bibliothek und Information 61 (6), S. 454–459.

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