Demographische Chance: einen Digitalen Eingeborenen in die Stadtbibliothek mitnehmen!

Reihe „Demographische Chance“ in den Potsdamer Neuesten Nachrichten am 18. September 2013 – Printausgabe, S. 23

Originalversion – in der Veröffentlichung von der Redaktion geändert: u.a. im Titel: „Treffen zwischen Büchern

Demographische Chance: einen Digitalen Eingeborenen in die Stadtbibliothek mitnehmen!

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Die harsche Gegenüberstellung von „Digital Natives“ vs. Immigranten im Internetland, die vor allem darauf abzielt, Generationen pauschal in ihren Verhaltensweisen und Fähigkeiten gegeneinander (ab) zu qualifizieren, erweist sich empirisch als nicht haltbar. Selbst der Erfinder dieser Begriffe (Marc Prensky), der als einer der ersten behauptete, dass der ständige Umgang mit den neuen Technologien die Gehirnstrukturen verändert, rückt in letzter Zeit von diesem scharfen Kontrast ab. Im Gegenteil, er spricht sogar von möglicher „Digitaler Weisheit“, die uns die Daten- und Informationsflut zusammen mit den allgegenwärtigen Computerkapazitäten bescheren kann.

Natürlich gibt es Kohortenunterschiede: je jünger desto Internet affiner sind wir, aber in der Entwicklung der Lebensalter erweist sich, dass das Mediennutzungsverhalten generationenspezifisch ähnlich bleibt. So ist deutlich, dass die „Jugend“ grundsätzlich medienaffiner ist und im zunehmenden Alter andere Prioritäten im Zeitbudget hinzukommen. Das eigentliche Verhalten bleibt in jeder Altersphase sehr ähnlich: Alter allein ist nicht der alleinige erklärende Faktor für geringere Internetnutzung. Das einzige, was empirische Studien sicher belegen ist, dass die Technologie Internet die gleichen Inhalte (Nachrichten, Filme etc.) anders nutzbar macht. Zeitung wird eben nicht mehr nur auf Papier gelesen und Filme werden nicht mehr nur am Fernseher gesehen, sondern über das Netz. Die Inhalte sind in gewisser Weise unabhängig von der Medientechnologie und der Mensch verteilt seine zur Verfügung stehende Zeit eher auf Inhalte als auf Technologietypen.

In jüngeren Studien wird immer wieder belegt, dass nicht die Technologie, sondern die (familiäre) Sozialisation und der Lebensstil Verhaltensweisen gerade auch im Medienumgang prägen. Sind in der Familie Bücher, Zeitungen oder Internet präsent gewesen, so öffnet dies Welten und prägt ein Leben lang. In einer bundesweiten Repräsentativbefragung wurde unlängst deutlich, dass die (relativ wenigen) Personen, die aktuell keine Bibliothek benutzen, auch durch ihr Elternhaus nicht in eine solche mitgenommen wurden. Interessanterweise korreliert ebenfalls Ausbildungsstand und Haushaltseinkommen mit dem Grad der Bibliotheksnutzung. So könnte man hier von einer demographischen Chance besonderer Art sprechen: vor allem die zukünftigen Alten, die die Amerikaner die Baby Boomers nennen (also die zwischen Mitte 1940 und Mitte 1960 Geborenen), erweisen sich auch im Alter als besonders informationshungrig, unternehmungslustig und engagiert – in einem gewissen Gegensatz zu ihrer Vorgängergeneration, die auch die „Stille Generation“ genannt wird. Und viele Bibliotheken nutzen die Potenziale dieser Generation sei es in der ehrenamtlichen Mitarbeit oder in der Ausgestaltung spezifischer Angebote.

So z.B. die Stadtbibliothek Delft (Niederlande), in der Multitouch-Screen Tische stehen, auf denen historische Photos auf dem Stadtplan gemeinsam angeklickt werden können. Dies führt dazu, dass ältere und jüngere Generationen sich hier treffen zum Erzählen ihren (Lebens-)Geschichten. Die Bibliothek nennt sich deshalb auch „House of Stories“: Geschichtenerzählen wird mit neuer Technologie unabhängig vom Medium Buch…

In Deutschland wurde aus den Erkenntnissen der Studie zur Bibliotheksnutzung u.a. die Konsequenz gezogen, dass Lesen und Geschichten vorlesen schon sehr früh in die Wiege gelegt werden muss. Mit dem Projekt Lesestart der Stiftung Lesen und in Kooperation mit dem Deutschen Bibliotheksverband erhalten seit 2009 Eltern mit einjährigen Kindern im Rahmen der U6-Vorsorge in der Kinderarztpraxis ein erstes Set mit (Vorlese-)Medien. Ab November diesen Jahres können Eltern mit dreijährigen Kindern ein weiteres Lesestartset in der Stadtbibliothek abholen.

Die Bibliothek bietet als Medium selbst eine Reihe von Chancen für Generationen übergreifende Aktivitäten. Gerade hier als einem Raum der Möglichkeiten können und sollten sich Internetgeneration und „elektromechanische“ Generation treffen und voneinander profitieren.

 

Literaturhinweise:

Best, Stefanie; Engel, Bernhard (2011): Alter und Generation als Einflussfaktoren der Mediennutzung. Kohortenanalysen auf Basis der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation. In: Media Perspektiven (H. 11), S. 525–542.

Buchholz, Helen; Gorki, Philip (2012): Den sozialen Charakter der Information verdeutlichen. Einsatz der Multi-Touch-Technologie in Kulturinstitutionen wie Bibliotheken, Archiven oder Museen. Kolumne der Zukunftswerkstatt e.V. In: BuB. Forum Bibliothek und Information 64 (2), S. 110–111.

Deutscher Bibliotheksverband e.V.; Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen (Hg.) (2012): Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland. Repräsentative Telefonbefragung von 1.301 Personen im Alter von 14 bis 75 Jahren. Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages und weiteren Sponsoren. Online verfügbar unter http://www.stiftunglesen.de/bibliothekstudie.

Hales-Mabry, Celia (1993): The world of the aging. Information needs and choices. Chicago: American Library Association.

Kampmann, Birgit; Keller, Bernhard; Knippelmeyer, Michael; Wagner, Frank (Hg.) (2012): Die Alten und das Netz. Wiesbaden: Gabler Verlag.

Prensky, Marc (2009): H. Sapiens Digital: From Digital Immigrants and Digital Natives to Digital Wisdom. In: innovate. Journal of Online Education 5 (3), S. n.p. Online verfügbar unter http://www.innovateonline.info/index.php?view=article&id=705.

Sackmann, Reinhold; Winkler, Oliver (2013): Technology generations revisited: The internet generation. In: Gerontechnology 11 (4), S. 493–503.

Skot-Hansen, Dorte; Hvenegaard Rasmussen, Casper; Jochumsen, Henrik (2013): The role of public libraries in culture-led urban regeneration. In: New Library World 114 (1), S. 7–19.

Williamson, K.; Bannister, M.; Sullivan, J. (2010): The crossover generation: Baby boomers and the role of the public library. In: Journal of Librarianship and Information Science 42 (3), S. 179–190.

1 thought on “Demographische Chance: einen Digitalen Eingeborenen in die Stadtbibliothek mitnehmen!

  1. Hans-Christoph Hobohm Post author

    Sehr geehrter Herr Hobohm, Ihr Artikel http://hobohm.edublogs.org/2013/09/18/demographische-chance-einen-digitalen-eingeborenen-in-die-stadtbibliothek-mitnehmen/#more-1309 knüpft auch an mein Thema meiner Abschlussarbeit Intergenerationellen Lernen an, bei dem ich mich mit den didaktischen Zugängen zum intergenerationellen Lernen beschäftigte und hierzu auch Beispiele aus dem Ausland vorstellte. Wie immer, im Ausland (Kanada, England und Frankreich) wird in dieser Richtung schon mehr gemacht. Dennoch ist überall zu beobachten, dass es aber keine echten pädagogisch-didaktischen Konzepte gibt, die in der Lage sind eine Generation Mainstreaming so zu organisieren, dass die jüngere, als auch die ältere Generation explizit voneinander, übereinander oder miteinander lernen können, so dass Wirkmessungen bereits vorgenommen wurden. An der HTWK Leipzig gibt es das Projekt GeNuMedia (http://genumedia.htwk-leipzig.de), mit denen ich auch schon in Kontakt war. Herzliche Grüße, Wolfgang Kaiser

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