Tumultartige Szenen bei Joseph Weizenbaum

Weizenbaum Film Plakat

Anläßlich der Potsdampremiere des Weizenbaumfilms „Rebel at Work“ gab es in Anwesenheit des Hauptdarstellers tumultartige Szenen im sonst beschaulichen Potsdamer Filmmuseum. Ausgerechnet ein Potsdamer Archivwissenschaftler (Absolvent des Fachbereichs) bekannte sich mehrfach als völliger Computerignorant und hinterfragte sämtliche Sinnghaftigkeit des für andere Informationswissenschaftler absolut sehenswerten Films. Er bestätigte damit den deutschen Titel des Buches von Weizenbaum: „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“: offensichtlich war der äusserst unhöfliche und respektlose Archivar von den EDV-Anteilen seines Studiums in Potsdam so sehr traumatisiert worden, dass er nur noch „Ohmacht der Vernunft“ demonstrieren konnte. Ich glaube nicht, dass dieser Coup vom charmanten Filmteam oder gar von unserem Dekan inszeniert worden war. Dazu klangen die Injurien zu echt.

Wirklich schade, dass über dem Abend jetzt ein solcher Misston liegt. Der Film und vor allem der große Alte der Computerwelt hatten es nicht verdient. Äusserst bewunderswert, wie ‚Joe‘ die Situation (bis zur Eskalation) meisterte. Einen Rebellen stellt man sich übrigens anders vor. Es mag Neid sein, aber ich sah in ihm vielmehr den verdienten MIT Wissenschaftler und genialen Erfinder von Eliza.

Wie schon bei seinem letzten Auftritt in Potsdam schockierte er viele Anwesende vor allem durch seinen rationalen, naturwissenschaftlichen Pessimismus, was das Überleben der Welt betrifft („höchstens noch 50-60 Jahre“). Allerdings gibt er dann doch als Person wieder ernorm viel Hoffnung, dass es doch „Inseln der Vernunft“ geben könne und macht Mut, diese zu bevölkern. Der Film zeigt ihn als Momument des zwanzigsten Jahrhunderts – mit allen seinen Facetten: die Dialektik der Aufklärung in Person.

Die Fragen des Publikums waren offensichtlich die gleichen, die er schon immer wieder beantwortet hatte auf seinen Vortragsreisen: wie z.B. warum er „so plötzlich“ wieder in Deutschland sei (seit 12 Jahren) – seine Antwort: er sei zwar amerikanisch sozialisiert, aber dennoch sei wohl die (deutsche) Sprache seine Heimat; oder: wie er es mit der Religion halte – er habe, als Jude, Gott zu sehen gelernt als er sich mit Auschwitz beschäftigte.

Eine Frage war für ihn offensichtlich so neu, dass er wirklich kaum Worte fand: die Direktorin des Filmmuseums, Dr. Bärbel Dalichow, fragte ihn, wie er sich selbst habe im Film ins Gesicht sehen können – nach einigem Zögern und Wortesuchen sagte Weizenbaum, es sei eine „angenehme Begegnung“ gewesen. Wer kann das schon sagen, wenn man sich in den Medien sieht oder hört…

Ein gelungender Film, der zurecht nicht im öffentlich rechtlichen TV akzeptiert wird. Er ersetzt zwar nicht die persönliche Begegnung, bietet aber viel Stoff zur Oral History unseres Faches. Er gehört in jede Instituts-, Uni- und vor allem Privatbibliothek. –> Il Mare Film

Nachtrag 20.4.2007:  der Film ist mittlerweile mit dem Wolfgang von Kempelen Preis für Informatikgeschichte ausgezeichnet worden.

9 thoughts on “Tumultartige Szenen bei Joseph Weizenbaum

  1. Sebastian Post

    Ein Archivar, der keine Computer mag und auch noch unhöflich ist. Shocking! Ja, das ist schon einen Artikel, der mit seiner Überschift frappierend an die Tageszeitung mit den vier großen Lettern erinnert, wert… Schade nur, dass gerade solche Nichtigkeiten in der Blogosphäre (-> Archivalia) Beachtung finden. Man wünscht sich als derzeitiger Archivstudent andere Nachrichten aus Potsdam…

  2. Jutta Oehme

    diesen satz verstehe ich nicht, das widerspricht doch der aussage ihres berichts…hat der fehlerteufel da mitgewirkt oder fehlt mir gerade die eingebung?

    „Ein gelungender Film, der zurecht nicht im öffentlich rechtlichen TV akzeptiert wird.“

  3. Frank Müller

    Unhöflich?
    Erstens: Seit wann bildet Potsdam Archivwissenschaftler aus. Unsere ARCHIVARINNEN sind da doch breitgefächerter!
    Zweitens, wenn der Film für InformationWISSENSCHSCHAFTLER sehenswert ist so sollten die InformationsWISSENSCHAFTLER die kontroverse Diskussion nicht abwürgen und pauschal kritisieren, sondern geradezu suchen – denn das ist das Markenzeichen einer Auseinandersetzung unter Wissenschaftlern und Herr Post spricht ja von ArchivWISSENSCHAFTLER und InformationWISSENSCHAFTLER. Wobei sich die Trennung nicht erschließt, da die Archivwissenschaften sowohl nach Wersig wie nach Potsdamer Verständnis zu den Informationwissenschaften zählen.
    Was das Archivstudium angeht, kann man geteilter Meinung sein, was auch die Praxis zeigt. Da von Bestätigung des Filmttitels “Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft” zu sprechen ist schlicht peinlich und entspricht nicht dem Potsdamer Selbstbewußtsein. Herr Weizenbaum ist eine wissenschaftliche Persönlichkeit, doch gerade deswegen ist auch eine kontroverse Auseinandersetzung erstrebenswert. Diesem Vorgehen Respektlosigkeit vorzuwerfen und Kritiker damit in die „Schäm Dich-Ecke“ zu stellen ist so unwissenschaftlich wie schlicht unsachlich frei nach dem Motto „Bitte nur bewundern – Fragen und Kritik unerwünscht“ – Es lebe die (wissenschaftliche) Vernunft!

    Wann haben die Potsdamer Studierenden des FB 5 die Größe über solche Anwürfe hinwegzugehen, denn gerade dass zeichnet gesundes Selbtbewußtsein aus? Wann bügeln die Studies nicht mehr kontroverse Kritik ab, anstatt dieser mit Sachargumenten zu begegnen? Wann werden die Potsdamer Studies (so) groß? Der Blog von Herrn Post ist blanke Polemik. Was wirklich passiert ist wird ideologisch verbrämt. Als INFORMATIONSwissenschaftler sollte bekannt sein, dass zunächst die INFORMATION im Vordergrund steht!

    PS:
    Aus meiner Sicht sind die EDV-Anteile noch zu gering und allein aus den Gründen kann ich über den Anwurf des von Herrn Post beschriebenen Kollegen nur lächelnd hinweggehen!

  4. peg koedel

    och, archivstudent in potsdam hin oder her, wenn das kommunikative mittel der archivare nicht über den konversationstil eines klaus graf hinausreicht, bin ich ja schon ein bisschen beschämt. aber ich versichere hiermit feierlich: … es sind nicht alle so! 😉

    sonstigens fand ich den film ganz ok, mir fehlte n bissl die message, der „vortrag“ letztes jahr war da besser. die tolle diskussion hab ich leider verpasst. 🙁

  5. library mistress

    war er unhöflich zu Weizenbaum oder zu den FilmemacherInnen oder was genau hat er gesagt? Was kann man sich unter „tumultartigen“ Szenen in diesem Zusammenhang vorstellen?

  6. Sebastian Post

    Werter Herr Müller,

    meinen Sie in Ihrem Kommentar zufällig Herrn Prof. Hobohm? Oder sprechen Sie mich an? Ich kann mich, und vor allem meinen Blog, in KEINEM Ihrer Anmerkungen und Kritikpunkte wiederfinden…

    Sebastian Post

    P.S.: In Anlehnung an Ihre Fragen: Wann werden manche Menschen lernen, zunächst richtig zu lesen und dann zu posten???

  7. Frank Müller

    @ Herrn Post:

    Zum Thema „Erst lesen“: Ihr Name ist der einzige, der in meiner Anmerkung explizit erwähnt wird… und auf Ihren Beitrag wirde explizit Bezug genommen…

  8. Pingback: Watson kommt nach Potsdam zur ISI Konferenz -LIS in Potsdam

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