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Künstliche Intelligenz als Apotheose des Kapitalismus

In dem vorher erwähnten Tagungsband „Kapitalismus am Limit“  hatte ich, wie erwähnt, die Möglichkeit, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung aus informationswissenschaftlicher Perspektive einzubringen. Wesentlicher Antrieb waren dabei für mich Manuel Castells (Informationalismus [1]), Dirk Baecker (nächste Gesellschaft [2]) und Luciano Floridi (4. Revolution [3]) sowie Ansätze aus der Evolutionstheorie wie z.B. Daniel Dennetts [4] , Richard Gregorys und Lew Vygotskys mind tools., die Gesellschaft und Kognition zusammenbringen.

Den eher marxistischen Kontext der Tagung habe ich schließlich eher weniger aufgegriffen, weil Marx – wie Bernard Stiegler [5] schon argumentierte – im Neganthropozän der „neuen“ industriellen Revolution nicht gerecht wird (worauf ja auch schon Deleuze und Guattari hindeuteten).

Zu der Diskussion der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, wie wir sie im Arbeitskreis Gesellschaftsanalyse geführt hatten, kamen für mich die Überlegungen zum Ur-Informationsbedürfnis des Menschen hinzu, wie ich sie thesenhaft aus transdisziplinärer Perspektive in meinem Buch „Informationsverhalten“ entwickelt hatte.

So ist es für mich einigermaßen evident, dass mit der KI die Endstufe einer evolutionären „Teleologie“ vorliegt, nach der der Mensch als informationsfressendes und Werkzeug nutzendes Wesen, sich seiner Umwelt bemächtigt bis sie unverfügbar (Hartmut Rosa [6]) wird. Nancy Fraser hatte das noch – auf den klassischen Kapitalismus bezogen – mit dem Terminus „Allesfresser“ belegt. Aber nicht erst mit dem Rationalismus entsteht der Wille zur Weltbeherrschung, der sich m.E. überdeutlich bei den Akteuren der Künstlichen Intelligenz wiederfinden lässt. In der KI Debatte kommen jetzt auf ganz natürliche Weise post- und transhumanistische Konzepte des Akzelerationismus hinzu.

Bei genauerer Betrachtung ist die aktuelle Entwicklung nicht nur wegen der Tendenz zum Faschismus [7] ziemlich gruselig. Ich hatte meinen Text noch ausschließlich auf Sprachmodell basierte KI bezogen: die Ausbeutung der Sprache als letztem und ureigensten menschlichem Merkmal. Zum Zeitpunkt der Tagung und der Redaktion des Textes war noch nicht die Rede von KI auf der Basis von „Weltmodellen“, die auch unsere Lebenswelt und Kontext ausbeutet. Was wird bleiben?

Die Frage ist, ob man der KI auch positive Tendenzen zuschreiben kann, z.B. dass sie anders als Social Media dem Nutzer als eher „vernünftiges“ Gegenüber erscheint, dass lediglich manchmal halluziniert, aber meist doch recht freundlich, ja empathisch und sogar ehrlich und wahrhaftig daher kommt. Es wäre wohl eine Studie wert, ob KI die negativen kommunikativen Merkmale von Social Media (Aufmerksamkeitserregung, Desinformationsverbreitung, Meinungsverengung, Shitstorms/Hatespeech, Group Think etc.) ebenfalls entwickeln kann oder ob sie ausgleichend wirkt…

Hier mein Beitrag als PDF Auszug.

und das Abstract vorab:

Zunächst wird festgestellt, dass aktuelle Gesellschaftsanalysen oft wenig zielführend sind, da in vielen Fällen Beschreibungen der kapitalistischen Gesellschaft dieser lediglich ein neues Attribut hinzufügen. Für eine ausreichende Analyse der Gesellschaft muss jedoch eine viel längere Zeitspanne betrachtet und nach grundlegenden menschlichen Eigenschaften gesucht werden, die die aktuelle Situation am Ende des Kapitalismus beschreiben. Hier ist es hilfreich, einen Blick auf die Entwicklung der Computertechnologie und der Mediengeschichte zu werfen. Der Mensch als informationsfressendes und werkzeugbenutzendes Wesen ist somit die Grundlage und der Auslöser für höherwertige Informationstechnologie. Künstliche Intelligenz lässt sich in Phasen unterteilen, deren letzte die Ausbeutung der menschlichen Sprache ist. Dies führt jedoch zur Entstehung posthumaner Akteure, die durch bewusste Beschleunigung im Akzelerationismus zu neuen Gesellschaftsformen führen und den Kapitalismus ad absurdum führen.

Das Beitragsbild stammt von Claude auf der Basis des Abstracts. (typischer AI Slop 😉 )

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[1] Castells, Manuel (2017): Das Informationszeitalter. Wirtschaft – Gesellschaft –
Kultur. 3 Bde., 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.

[2] Baecker, Dirk (2018): 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt. Leipzig: Merve
Verlag.

[3] Floridi, Luciano (2014): The 4th revolution. How the infosphere is reshaping
human reality. Oxford: University Press. (dt.: Die 4. Revolution. Wie die
Infosphäre unser Leben verändert. Berlin: Suhrkamp, 2015).

[4] Dennett, Daniel C. (2017): From Bacteria to Bach and Back. The Evolution of
Minds. New York, London: W.W. Norton & Company.

[5] Stiegler, Bernard; Ross, Daniel (2018): The Neganthropocene. London:
Open Humanities Press (CCC2 irreversibility).

[6] Rosa, Hartmut (2018): Unverfügbarkeit. Wien etc.: Residenz.

[7] Mühlhoff, Rainer (2025): Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Stuttgart: Reclam. sowie: Redecker, Eva von (2026): Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. Frankfurt a.M.: S.Fischer

Bibliotheksmanagement (Reflexion und Rezension)

In einer Zeit der Polykrisen und des erstaunlichen Aufschwungs des Autoritarismus weltweit bzw. des Überbordens der apokalyptischen Allmachtsfantasien der neoliberalistischen Tech-Bros stelle ich fest, dass ich in den letzten 30 Jahren auch dem neoliberalen Datenparadigma unterlegen war. Ehrlich gesagt, erst mit David Lankes wurde mir immer verständlicher, was Michael Gorman seinerzeit bei einer von mir 2003 organisierten Konferenz in Potsdam als Keynote meinte, wenn er der Bibliotheks- und Informationswissenschaft vorwarf, nicht „the greater common good“ (das Gemeinwohl) im Fokus zu haben. Zwar hatte ich schon länger den „Wert von Bibliotheken“ und dessen Messung kritisch thematisiert. Der aktuelle Hype um Künstliche Intelligenz könnte es deutlicher nicht machen, dass Institutionen wie Bibliotheken sich um die Werte der freiheitlich demokratischen Gesellschaft kümmern sollten – und wie sehr nicht nur der Planet, sondern auch seine Bewohner unter Stress geraten. Im Nachhinein bedauere ich, so sehr hinter ISO 11620 und LibQual und dem monetären „Wert von Bibliotheken“ hergelaufen zu sein (vgl. auch „Worth Their Weight„).

Aber anders als Michael Gorman dies forderte, würde ich jetzt gerade nicht „mehr Praxis“ in die Lehre aufnehmen, sondern im Gegenteil noch mehr Theorie z.B. zu der Frage, welche konkrete Aufgabe Bibliotheken in der realen Welt der Begegnung von Mensch und Gesellschaft spielen sollten. Natürlich hatte ich in meinen Vorlesungen das immer wieder plakativ thematisiert, aber es fehl(t)en im Grunde die wissenschaftlichen Werkzeuge das Bibliotheksmanagement darauf auszurichten. Studierende, die nach ihrem Abschluss Bibliotheken leiten (=managen) sollen, hätten im Studium sehr viel mehr von Epistemologie und Hermeneutik erfahren sollen oder zumindest von Gesellschaftstheorie und Politik. Aber das gab und gibt das Curriculum nicht her.

Von einem zweibändigen Standardwerk mit einem Titel, der suggerieren könnte, dass er sich mit der Aufgabe des (strategischen?) Managements von Bibliotheken beschäftigt, würde man Beiträge (auch) dazu erwarten. Dem Titel ist nicht zu entnehmen, dass hier lediglich wissenschaftliche (also große Universitäts- und Nationalbibliotheken) adressiert werden, und dass sich die Beiträge zu großen Teilen mit dem Wandel des wissenschaftlichen Publikationsmarktes beschäftigen, wie er sehr deutlich von Rainer Kuhlen beschrieben wurde [1]. Nicht nur, dass diese einschlägige Studie Kuhlens in dem Praxishandbuch gar nicht erwähnt wird, es bleibt insgesamt ein – wenn auch interessanter – Einblick in die eher praktischen Reflexionen der Leiterinnen großer Bibliotheken unter dem Eindruck einer eher technologisch-epistemologischen Krise, die mehr reflektiert werden müsste, bevor auch und gerade die wissenschaftlichen Bibliotheken obsolet geworden sind. (Beinahe lese ich das Handbuch mittlerweile als ein letztes Aufbäumen dieser Institution…)

Ich hatte hierzu die Gelegenheit, im m.E. zentralen Fachorgan Bibliothek. Forschung und Praxis eine Rezension zu veröffentlichen, die hoffentlich dennoch einigermaßen ausgewogen ist und diese metatheoretischen Gedanken nicht enthält.  Sie ist soeben ahead of print Open Access erschienen: https://doi.org/10.1515/bfp-2024-0099 .

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[1] Kuhlen, Rainer (2020): Die Transformation der Informationsmärkte in Richtung Nutzungsfreiheit. Alternativen zur Als-ob-Regulierung im Wissenschaftsurheberrecht. Berlin: De Gruyter Saur (Age of access? Grundfragen der Informationsgesellschaft: 12).