Zum Tode von Jean Baudrillard

Jean Baudrillard, 2001 in Stuttgart

Heute ist Jean Baudrillard gestorben. Einer der letzten großen französischen Philosophen aus den Reihen der in Deutschland von manchen so verschrieenen „Poststrukturalisten“. Eigentlich wie viele seiner philospohischen Zeitgenossen von ganz links kommend, wurde auch er wie z.B. Foucault oder Derrida zunehmend schillernd – im doppelten Wortsinn.

Berühmt und wichtig wurde früh auch bei uns das Bändchen 81 des merve Verlags: „Agonie des Realen“ (1978), an das man unter ganz anderer Perspektive heute immer wieder denken kann. In Vielem ist er nicht nur Philosoph und Soziologe gewesen, sondern oft eher Medienwissenschaftler und Semiotiker und insofern für uns interessant.

Das ganze Szenario der öffentlichen Information und alle Medien haben keine andere Aufgabe als die Illusion einer Ereignishaftigkeit bzw. die Illusion der Realität von Einsätzen und der Objektivität von Fakten aufrechtzuerhalten. All diese Ereignisse müssen gegen den Strich gelesen werden oder man muss sich darüber klar werden, dass diese Geschichten […] immer in einer Geschichte der Verzögerung, in einer retardierenden Spirale zu spät ans Licht kommen. Schon lange bevor sie auftauchen, ist ihr Pulver verschossen und ihr Sinn verbraucht. Sie können nur auf dem künstlichen Nährboden der Zeichen gedeihen. In völliger Äquivalenz von größten Widersprüchlichkeiten entbehrt die Abfolge dieser Ereignisse jeder Logik. Sogar ihren Konsequenzen gegenüber verhalten sie sich völlig indifferent […] – auf diese Weise vermittelt jeder aktuelle Film mit einem Schlag den zwielichtig-kitschigen Eindruck eines Oldies und Pornos zugleich – obwohl es jeder weiß, ist niemand bereit es zu akzeptieren. Die Realität der Simulation ist unerträglich […] S. 62f

Diese allgemeine Medienschelte konnte er noch vor relativ genau 30 Jahren so schreiben („La lutte enchantée ou la flute finale“ in: Utopie, n° 15, April 1977). Ob er dies angesichts von YouTube, MySpace und Weblogs auch heute noch mal so geschrieben hätte, kann ich nicht beurteilen. Wenn man versucht, dieses Zitat aus seinem historischen Kontext in unsere Zeit zu beamen, so wirft es noch immer ein Licht auf unsere anders gewordene Medienwelt und auf andere Medien.

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