Bibliotheken: Kirchen der Digitalen Gesellschaft!

Friedenskirche in Sanssouci (Photo: Landeshauptstadt Potsdam/Michael Lüder)

Gestern (7.1.2018) hatte ich die Gelegenheit, vor einem gänzlich anderen Publikum über Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sprechen: im Hochschulgottesdienst Potsdam in der Friedenskirche. Dieses Semester findet der Hochschulgottesdienst unter dem Motto „Medien – Übers Limit“ statt. Nach einem medienwissenschaftlichen Vortrag über den Koran und einem Vortrag von Prof. Meinel (HPI) konnte ich sehr schön anknüpfen an die gesetzten Themen und habe mit einer „beeindruckenden“ (Reaktion des Publikums)  Dia-Show begleitend zu meinem Vortrag („Predigt“) deutlich machen können, wie wichtig Institutionen wie Bibliotheken und Archive für Gemeinschaften sind. So wichtig, dass gerade „neue“ Communities hierauf erhöhten symbolischen Wert legen.

Technische Universität Delft: Bibliothek (mecanoo 1998) (Photo: Hobohm)

Die Ankündigung (Abstract):

Bibliotheken: die Kirchen der digitalen Gesellschaft! 

Hochschulgottesdienst Friedenskirche Potsdam, 7. Januar 2018, 18 Uhr

In der Zeit der Hyperdigitalisierung und der kommerziell verwertbaren Datenflut hat die Suche nach Wahrheit und sinnvollem Wissen Konjunktur. Das Überhandnehmen des Digitalen ruft das Analoge auf den Plan: den Raum, den Ort der menschlichen Begegnung und des menschlichen Austauschs. Das erklärt die zur Zeit äusserst bemerkenswerte Renaissance der Institution Bibliothek in einem völlig neuen Gewand. Bücher sind nur noch symbolisches Beiwerk in dieses Orten der Wissensgemeinschaften, deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung in vielen Städten und Ländern spektakulär in Szene gesetzt wird. Lassen Sie sich überraschen und überdenken Sie unser altes Vor-Urteil, das sich aus dem Bild der Klosterbüchereien speist. Im Digitalen haben die Bibliotheken ihre Rolle neu gefunden als community space, co-working space, maker space, dritter Ort … oder einfach nur als Funktionsgedächtnis gegen das kulturelle und soziale Vergessen in einer schnellen Zeit.

Hier der (unbereinigte) Vortragstext in voller Länge.

Am Anfang war das Wort – ursprünglich griechisch „logos“. Ich will hier nicht eine theologische Auslegung dieser schwierigen Bibelstelle wagen, noch will ich Sie in das Mittelalter der Klosterbibliotheken entführen wie Kollege Hafner beim letzten Mal vermutete. Ich möchte Ihnen Bibliotheken des aktuellen Jahrtausends zeigen und Ihnen zeigen, wie sehr sie sich gewandelt und doch ihrem ursprünglichen Auftrag treu geblieben sind: dem Lesen von „Medien“.

National- und Stadtbibliothek, Doha, Katar – Eingang zum „Heritage Centre“ mit dem Schriftzug „Iqra!“ Centre (Photo Matti Stöhr)

Hier sehen wir eine der neuesten und spektakulärsten Bibliotheken der Welt  (noch nicht offiziell eröffnet): die Nationalbibliothek des Emirats Katar, gebaut vom Rotterdamer Architekturbüro Rem Koolhaas im neuen Stadtviertel Education City. Gleich sehen wir den Eingang zum Zentrum für kulturelles Erbe (Heritage Centre) mit dem Zitat des ersten Wortes aus der Sure 96 des Koran „iqra!“ „lies!“, „lies vor!“, rezitiere!“. Wie wir im vorletzten Hochschulgottesdienst erfahren haben, gilt dies als der Anfang des Korans trotz seiner anderen Zählung.  Der Engel Gabriel sagt zu Mohamed:

Lies [vor] im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat,
den Menschen erschaffen hat aus geronnenem Blut.
Lies, und dein Herr ist der Allgütigste,
Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat,
den Menschen gelehrt hat, was er nicht wußte.

Wir haben auch gehört, dass der Koran nicht wirklich in unserem Sinn als Buch gelesen, sondern laut rezitiert, vorgetragen wurde, und dass Mohamed anders als Moses den Text nur aus Erinnerung aufschreibt. Das erste geschaffene Ding war hier also die Schreibfeder, die erste Tätigkeit das Weitergeben von Wissen. Auch hier ist die theologische Exegese mindestens abendfüllend.

Interessant ist aber die Parallele zu Johannes – hier noch einmal aus dem Kontext gerissene Auszüge der heutigen Bibellesung:

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

9 Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht.
11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben;
13 welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Für mich als Bibliothekswissenschaftler ist nicht nur Frage des Mediums an sich interessant, sondern in erster Linie die Frage, was wir mit den vielen Medien machen. Woher sie kommen und wo unsere Aufgabe als Leser und als Bibliothekar für Leser im Umgang mit ihnen ist. Wer liest, wer liest was, wer liest vor und wird überhaupt genug gelesen bzw. vorgetragen? Woher kommen die Worte in den Büchern und wem können sie Licht in einer wie auch immer gearteten Finsternis des Nichtwissens im Leben bieten? Welche Rolle spielen Worte, Medien und die sie vermittelnden Instanzen im Leben der Menschen und wie schaffen wir wahrhaftiges Licht – z.B. gegen die dunklen Fake News oder auch gegen Bildungsungerechtigkeit unserer Gesellschaften? Das sind die Fragen eines Bibliothekswissenschaftlers, die ich im übertragenen Sinn schon bei Johannes finde, aber auch in der Sure 96, dem Beginn des Korans mit ihrem das ganze Buch prägenden Wort Iqra.

Bibliotheken haben in der Informations- und Wissensgesellschaft und eigentlich schon immer mit Informationsvermittlung zu tun. Deshalb ist die Frage bedeutsam, was und für wen tatsächlich in Bibliotheken etwas vermittelt wird. Die ersten Bibliotheken waren eigentlich Archive, die auf mesopotamischen Keilschrifttafeln oder mit indianischen Knotenschriften Informationen darüber aufbewahrten, wie bestimmte Riten im Tempel abzulaufen hatten, wie bei bestimmten Krankheiten vorzugehen sei und last but not least, was wem gehört und wer wem was schuldet. Sie sammeln nicht alles, sondern nur das, was in der jeweiligen Gesellschaft wichtig und aktuell ist oder später gebraucht wird. Sie sammeln und vermitteln aber eben nicht die Medien an sich, sondern die Information und das Wissen darin. Das griechische „biblio“ heißt ja auch nicht Buch, sondern „das Aufgeschriebene“. Bibliotheken sammeln strukturieren und informieren also das aufgeschriebene Wort, das die Wahrheit bekundet. Und Information hat als Grundeigenschaft, wahr zu sein, sonst wäre es Desinformation oder „alternative Fakten“.

Tianjin Binhai Stadtbibliothek (MVRDV-GMP Architects 2017)

Die Bilder, die Sie hier sehen, sind Beispiele von Bibliotheken der jüngsten Zeit, die aufzeigen sollen, wie sehr Gemeinschaften – in vielen Fällen Städte aber auch andere Institutionen wie Hochschulen oder ganze Länder – die Bedeutung von Bibliotheken als physische Orte wiedererkannt haben und in sie imposant investieren. Wie früher in Kathedralen investiert wurde, wird jetzt in Tempel des Lernens und Wissens investiert – in aller Welt. Von den arabischen Emiraten über Großbritannien, Skandinavien bis nach China. Die spektakuläre Stadtbibliothek in Tianjin im Stadtteil Binhai in China ist besonders interessant: sieht man dort doch zwar auch noch Bücher in der großen weißen Kuppel, aber wenn man genauer hinschaut, sind dies bloß noch gestalterische Elemente (Klebefolie) um die riesige Kuppel zu dekorieren wie die in Buchregalen in einem Möbelhaus. Ähnlich die Technische Universitätsbibliothek im holländischen Delft, mit ihrem ikonischen Pylon als Kuppel und der nur noch dekorativen riesigen Bücherwand.

IKMZ der BTU Cottbus (Photo Hobohm)

Dass in einer Bibliothek keine Bücher mehr stehen müssen, macht das Rolex Learning Center der ETH Lausanne deutlich. Es dreht sich mittlerweile vorwiegend um den Akt des Lernens – meist in Gruppen, mit welchen Medien auch immer – vielleicht eher mit dem Medium „Kommilitone“ im Dialog oder in der Projektgruppe. Auch die goldene Stadtbibliothek in Birmingham, die wir vorher gesehen haben, ist exemplarisch, weil sie zeigt, wie sehr hier an einem sozial problematischen, ehemaligen Industriestandort an die Macht von Kultur und Bildung geglaubt wird. Viele andere neue Bibliotheken, gebaut durch Stararchitekten, den Seismographen unserer Gesellschaft, stehen dafür, welche ikonische und symbolische Bedeutung dieser Institution zugeschrieben wird. Die Cottbusser Unibibliothek von Herzog & de Meuron z.B. steht praktisch mittlerweile für das ganze Bundesland Brandenburg und ihr  Bild wird oft als Hintergrund für alle wichtigen Fernsehinterviews mit Politikern aus dem Land verwendet.

Doch kurz zurück zu Johannes. Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος – En archē ēn ho logos.

Schon Goethes Faust (Faust I) hat seine Probleme mit dieser Bibelstelle:

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!

Natürlich hat Faust Recht: logos heißt nicht nur  „Wort“, sondern eben auch „Sinn“ und „Bedeutung“. Sehr schön deutlich wird dies in dem Wort Dialog, das nicht meint, dass hier zwei mit Wörtern reden, sondern dass der Sinn der Rede durch das Gespräch fließt (wie bei Diapositiv oder Diagramm, Diagnose).

Logos gibt also Sinn, wir müssen ihn nur verstehen und dann gibt dies Kraft und Tatendrang – wie für Faust. Wir müssen den Sinn aber auch vermitteln, Sure 96: „iqra!“ : „trage vor!“, damit er sich verbreiten kann. Damit das Wissen auf längere Zeit gesichert ist, bedarf es dann des Schreibfeder. Wir erinnern uns, dass auch andere große „Bücher“ unserer Kultur, z.B. die Ilias und die Odyssee ursprünglich nicht aufgeschriebene Bücher waren, sondern Gesänge eines gewissen Homer.

Zu bestimmten Zeitpunkten wurde es eben doch wichtig, Dinge aufzuschreiben, zu dokumentieren, Dokumente und Zeugnisse herzustellen als Beleg für Fakten. Lange Zeit reichte es aus, für die Gemeinschaft Wichtiges durch Dialog und Vortragen zu bewahren und zu überliefern. Auch heute noch gibt es Kulturen, die das Schreiben bzw. vor allem die Verschriftlichung nicht kennen und ihre kulturelle Identität, ihr kulturelles Erbe mündlich mittels Rezitieren der Geschichte durch ausgewählte Personen bewahren. So sagt man z.B., wenn ein westafrikanischer Griot stirbt, so stirbt eine ganze Bibliothek (Amadou Hampâté Bâ, Philosoph und Literat aus Mali 1960 in einer Rede vor der UNESCO). Der Schamane hatte die gesamte Kultur und Identität seines Stammes in seinem Kopf aufbewahrt.

In unserer daten- und informationsüberfluteten Welt erleben wir eine Rückbesinnung auf die Fragen des Logos, der Wahrheit, des Vortragens und Lesens ja sogar des Dialogs – und: wie die Bilder zeigen sollen, deshalb auch auf die Bibliothek als Institution und Ort. Wir merken, dass wir „übers Limit“ geraten sind und kommen ins Nachdenken, ob denn das Medium Computer mit seiner künstlichen Intelligenz die Oberhand gewinnen wird. Zumindest erlebt man ein zunehmendes Bewusstsein für die Daten und Informationen, die man an den Computer im Netz weitergibt und fragt sich, ob sie dort auch in einer für uns sinnvollen Weise genutzt und nicht für das reine Gewinnstreben anderer missbraucht werden. Hier haben wir ja sogar von Prof. Meinel, einem der führenden Vertreter der deutschen Computerwelt, nachdenkliche Töne beim letzten Mal gehört.

Nicht von ungefähr habe ich die beiden kanonischen Stellen der religiös-ethischen Gründungsdokumente unserer Kulturen gewählt. Sie zeigen interessanterweise im Kern die Grundfragen der Informationswissenschaften (zu denen sich die Bibliothekswissenschaft zählt): wie entsteht aus so materiellen Dingen wie Atomen und oder rein energetischen Signalen überhaupt Sinne und Bedeutung und damit Information? Was ist eigentlich Information?

Erst in jüngster Zeit konnte in komplexen mathematisch-physikalischen Experimenten belegt werden, dass Information selbst schon neben Materie und Energie eine physikalische Grundeinheit darstellt. Der Münchner Mathematiker, Physiker und Wissenschaftsphilosoph Klaus Mainzer fasste unlängst eine Reihe neuerer Entwicklungen der Mathematik, der Quantenphysik, der Komplexitätsforschung, der Neurologie und anderen Wissenschaftszweigen in dem Satz zusammen:

Im Anfang war nicht die Materie, sondern die (Quanten)Information.
[Klaus Mainzer: „Information.“ Wiesbaden: bup, 2016, S. 98)]

Denn wie soll im Urknall – rein physikalisch – das Universum entstanden sein, ohne die Information, dass dies jetzt genau (d.h. vor 13,8 Milliarden Jahren) geschehen soll? Information als Basis und Ausgangspunkt in der ganz kleinen wie ganz großen Quantenwelt! Rein praktisch wird ja auch schon daran gearbeitet, Quantenzustände in Molekülen und Atomen als Prozessoren und Speicher für Computer – im sog. Quantencomputing – zu verwenden, welches mit einem Schlag eine kaum vorstellbare Erweiterung der Rechenkapazitäten bedeuten würde und uns noch weiter übers Limit schießen würde.

Dennoch ist diese Aussage nicht nur technisch bedeutsam, sondern verweist auch darauf, dass dieses so in aller Munde zu hörende Wort „Information“ sehr viel genauer betrachtet werden muss. Und dann offenbart sich nicht nur für den physikalischen Urknall und die theologische Offenbarung Erhellendes.

Ganz kurz zusammengefasst: Information hat sehr viel mit Logik und mit Wahrheit zu tun, denn sie ist immer nur dann Information, wenn sie etwas repräsentiert, was real vorhanden und unterscheidbar ist. Dies lässt sich sogar mathematisch „beweisen“. Dadurch erst verleiht sie einem Signal oder einem Datenstrom „Bedeutung“. Dieser Sinn ist nicht nur rein symbolisch, sondern kann geeigneten Regeln folgend, auch etwas sehr konkretes bewirken, was wir an der genetischen Informationsübertragung  bei der Entstehung von Leben sehen können.

Information tendiert andererseits nach dem zweiten Gesetz der Thermodynamik dazu, ihre Struktur zu verlieren, zu verschwinden und zu Chaos zu werden, wenn nicht Energie zu ihrer Aufrechterhaltung aufgewandt wird. Denken Sie an Ihre CD Sammlung oder die Dateien auf Ihrem Computer. Reißen Sie ein Atom oder eine Gensequenz auseinander, so werden Sie ihren Sinn und ihre Struktur kaum wieder rekonstruieren können.

Neue Information – auch immer noch aus der Perspektive der Thermodynamik gesehen – kann in einem geschlossenen System nicht entstehen – sie nimmt prinzipiell immer ab. Wir erinnern uns an die Echokammern und Filterblasen, auf die Professor Meinel letztes Mal aufmerksam machte. Es bedarf immer gewisser Aktivatoren von außen, damit neue Strukturen entstehen können: z.B. entstehen bei einem fließenden Wasserstrom erst dann Wellen, Strudel, neue Strukturen wenn sich andere Objekte im Fluss befinden oder etwas von außen wirkt wie Wind. Ein System braucht Informationsübertragung aus seiner Umwelt, damit es nicht an seiner Entropie erstickt.

Ich will Sie nicht weiter in die Verästelungen der Informationstheorie führen, Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass die Erkenntnisse zu diesem Grundbaustein der Welt (Information neben Materie und Energie) schon jetzt in dieser sehr jungen Disziplin „Informationswissenschaft“, nicht nur Analogien und Metaphern sind, sondern auf allen Ebenen durchaus reale Konsequenzen haben: von der kleinsten Mikrophysik, über die Bausteine des Lebens und der Gesellschaft bis zu den schwarzen Löchern in entfernten Galaxien.

Eins ist auf jeden Fall klar: Information braucht keine Materie und keine Medien, sie ist selbst eine ihrer Grundbedingungen. Genau wie die Ur-Information im Quantenbereich als der Auslöser des Urknalls beschrieben werden kann, so entsteht die Sammelwut für Daten, Informationen und Dokumente auch erst, wenn es den Auslöser dazu gibt. Dies mag die Entwicklung von Schreibfeder und Schreib- und Lesekompetenz wie im Koran sein oder die Suche nach der Wahrheit, dem Sinn, dem Logos bei Johannes. Erst dann beginnt das Entstehen von Medien in unserem Sinn, das Aufschreiben von Wissen in Büchern, bzw. das Kopieren in den Skriptorien der Klosterbibliotheken. Information ist aber schon immer und überall da und damit die Notwendigkeit einer sie strukturierenden und informierenden Einrichtung wie der Bibliothek.

Wenn man also sagt, wir brauchen keine Bibliotheken mehr, wir haben doch alles im Netz und finden alles, was wir brauchen bei Google und bei Wikipedia, so  verkennt das einerseits die gesellschaftliche Ur-Instanz „Bibliothek“ und missversteht den ureigentlichen Begriff von Information. Das meiste, was wir „im Netz“ finden sind Daten und oft nicht wirkliche Informationen. Was hier fehlt, ist vor allem kontextrelevantes Wissen und die sinnvolle Auswahl aus der Flut der Daten, die aus ihnen erst Information macht. Der weise Schamane, der Griot wird auch nicht einfach alles, was er erlebt und gesehen hat, vortragen, sondern nur das, was aus seiner kulturellen Lebenserfahrung wichtig und richtig ist. Die berühmten Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann prägten dazu den Begriff des Funktionsgedächtnisses als der Aufgabe von Bibliotheken.

Stadtbibliothek Aarhus (DOKK1)

In den symbolischen neuen Bibliotheksgebäuden, ja sogar in den vielen schicken, neuen Digitalen Bibliotheken im Netz, sehen wir deshalb nicht mehr nur Bücher, sondern erleben vor allem Aktivitäten. Nicht mehr nur passives Lesen, sondern Dialog. Sicher, auch immer noch der Dialog mit dem Autor eines geschriebenen Textes und seiner Intertextualität mit anderen Autoren. Bibliotheken werden vor allem zu Orten der Begegnung, des Wissensaustausches oder des gemeinsamen Erlebens und Erschaffens, wie in einer der jüngsten ganz neu erfundenen Bibliotheken in Aarhus Dänemark, beim Schachspiel, dem gemeinsamen Erleben neuer Technologien wie 3D-Druck oder dem gegenseitigen Unterstützen des nachhaltigen Bewahrens Erhalts von Dingen im „Repair Café“ – wie es die Stadt- und Landesbibliothek hier in Potsdam anbietet. Makerspace und Co-Working Space sind zwar neudeutsch klingende Worte, aber sie bezeichnen uralte Funktionen von Bibliotheken: das Schaffen von Wissen und Dokumenten wie in den Skriptorien der Klosterbibliotheken, das Schaffen von Wissen durch Vorlesen und Vortragen und das gemeinsame Erarbeiten des für die jeweilige Gemeinschaft dauerhaft wichtigen Wissens im Dia-Logos – durch Sinn und Wahrheit in der Begegnung von wissenden Menschen und eben nicht nur auf der Basis von datengetriebenen Medien.

Aktivitäten in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam (Photo Hobohm)

Die jeweiligen Communities, die Bibliotheken „tragen“ (d.h. finanzieren), erinnern sich an ihre Rolle als Funktionsgedächtnis, das weit über die Datenwelt hinausgeht, so wie im Nervensystem des Menschen weitaus mehr Informationen gespeichert sind als im genetischen Daten-Code der DNA (der nur ca. 400 Bücher umfasst wenn man ihn ausdrucken würde) oder sich im Kulturgut der Menschheit noch weitaus mehr Erfahrung, Wissen und Weisheit angesammelt hat, als das bisschen Information im Netz. Dieses zu aktivieren und strukturiert im Sinne des Logos zu verbreiten, vorzutragen, ist die Aufgabe, die viele Gemeinschaften in ihren Bibliotheken wieder erkannt haben. Ohne diese wird die Gemeinschaft den Tod durch Entropie, Amnesie und Vergessen von Wahrheit erleben.


Begleitend war eine Photoshow zu sehen mit Bildern aus folgenden Bibliotheken:

  1. Doha, Quatar (NB ++) OMA, Rem Koolhaas, Rotterdam, 2018
  2. Tianjin Binahi, China (StB.): MRDV Rotterdam (Winy Maas), 2017
  3. Birmingham (StB) mecanoo, Delft, 2013
  4. Lausanne ETH: Rolex Learning Center (UB) SANAA (Japan), 2010
  5. Cottbus, IKMZ BTU (UB) Herzog & de Meuron, Zürich, Schweiz, 2004
  6. Berlin FU (UB) Norman Foster, London, 2005
  7. Delft TU (UB), mecanoo, Delft, 1998
  8. Stuttgart (StB) koreanischer Architekt Eun Young Yi, Köln, 2011
  9. Seattle PL (StB) OMA, Rem Koolhaas, Rotterdam, 2004
  10. London, idea stores (StB) (verschiedene Architekten) Adjaye Associates (UK/US), 2002 ff
  11. Ulm (StB) Kölner Gottfried Böhm, 2004
  12. Aarhus (StB) Schmidt Hammer Lassen, Kopenhagen, 2015
  13. Potsdam, SLB (StB) Reiner Becker, Potsdam, 2013

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