Kompetenztisch Geschichte an der FHP

Im Zusammenhang mit dem Projekt Forschende Lehre „FL2“ an der Fachhochschule ist eine Reihe von interdisziplinären Veranstaltungen initiiert worden, die zum Ziel hat, über die Fachbereiche hinweg Kompetenzen deutlich zu machen und Gemeinsamkeiten außerhalb des Curriculums zu fördern.

Interessanterweise ist das Thema des ersten „Kompetenztisches“ Geschichte.

Einer der nächsten Kompetenztische wird „Gestaltung von Information“ als Thema haben: da bin ich gespannt, wo sich diese Kompetenzen verbergen und wer daran teilnehmen wird. Ich hätte meine Befürchtung, dass sich der Fachbereich Informationswissenschaften hier nicht wirklich angesprochen fühlt.

Es stellte sich heraus, dass doch über alle Fachbereichs hinweg Kollegen in historischer Perspektive arbeiten. Teilweise sogar im Rahmen ihrer konkreten Denomination und als Zentralaspekt ihres Faches wie im Falle der Archivwissenschaft. Als „Sozialhistoriker“ und „Literaturgeschichtler“ habe ich mich dann auch angesprochen gefühlt und einen Beitrag präsentiert zu einem Thema, das mich seit langem umtreibt und an dem ich in der Tat weitere Forschung betreiben will:

IuD-Programm-cover„Geschichte der Fachinformation in Deutschland – eine Allmende-Karriere?“
Abstract
Mit dem „Sputnik Schock“ 1957 und dem folgenden Report an den US-Amerikanischen Präsidenten („Science, Government, and Information [Crisis]: The Responsibilities of the Technical Community and the Government in the Transfer of Information.“Weinberg-Report“) wird Information und Dokumentation zum ersten Mal offiziell als staatliche Aufgabe erkannt. In Deutschland (Ost und West) folgt daraufhin ab den 1970er Jahren ähnlich wie in anderen Ländern der Aufbau einer öffentlichen Informationsinfrastruktur.
Mit Ende der Sozialliberalen Koalition und dem ersten CDU Forschungsminister Riesenhuber wird Information zunehmend weniger als staatliche Infrastrukturaufgabe verstanden und diese dem Markt überlassen. Trotz wortgewaltiger Appelle zur Informationsgesellschaft verliert sich ein Verständnis von Information/Wissen/Bildung als öffentlichem Gut (eine typische Allmende-Problematik?).
Aufgrund neuer Aktenlagen (durch Öffnung von Archivbeständen) ergibt sich die Möglichkeit, auch z.B. zusammen mit noch lebenden Zeitzeugen ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum der Wert von Wissen und Bildung in der Politik anscheinend immer mehr an Stellenwert verliert. Gibt es eine Parallele zum zeitgleich entstehenden Internet? Ist der Verlust dieses Wertverständnisses eine Frage der vermeintlichen Ubiquität von Information und der Beschleunigung der Transferprozesse?
Referenzen:
  • Hobohm, Hans-Christoph (1999): Die veränderten wissenschaftlichen Informationsflüsse und ihre Auswirkungen auf die „Fachinformation“ in der Neuen Wissensordnung. In: Sigrid Schade und Georg Christoph Tholen (Hg.): Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien. München: Wilhelm Fink Verlag. [auf Begleit-CD]
  • Hobohm, Hans-Christoph (2008): Das Verhältnis zur Dokumentation – Fachinformation in den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. In: Peter Vodosek und Werner Arnold (Hg.): Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft. Bibliotheken in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: Harrassowitz (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, 43), S. 115–134.
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Fragen, die von den Moderatoren vorher gestellt wurden:
1) Wie kam es dazu, dass Sie historische Ansätze in Ihrer Forschung verwenden?
Ohne Geschichte keine Zukunft. Allein im Werden lässt sich die Gegenwart verstehen und ganz im Sinne des Engels der Geschichte von Walter Benjamin scheint sich das besonders in der jüngeren Entwicklung der Informationsarbeit zu manifestieren: „[Ein] Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm in den Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Der Sturm ist das Moore’sche Gesetz, der Trümmerhaufen unsere Katalogisierungssysteme, Datenbanken, Suchmaschinen und Hardware-Antiquitäten. (ansonsten ist es eine Frage der ursprünglichen wissenschaftlichen Fachkompetenz und Ausbildung: ich verstehe mich (auch) als Historiker)
2) Mit welchen spezifischen historischen Quellen und/oder Methoden arbeiten Sie derzeit?
Das IZ Informationswissenschaften der FH Potsdam bietet einen reichen Fundus Dokumenten, der Ehrensenator der FHP Prof. Hempel und viele Kollegen aus der Zeit der Blüte der Informationsarbeit in den 1970er Jahren sind noch lebende wichtige Quellen für Oral History, offizielle Archivquellen zur Informationspolitik der deutschen Regierungen werden langsam zugänglich für Diskursanalysen. (Dokument- und Diskursanalyse, Oral History)
3) Welche historische Forschung möchten Sie zukünftig betreiben?
Die entsprechenden Quellen sollten im Sinne der Digital Humainites digital vorliegen.

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Nachtrag, 30.1.2014

Die Märkische Allgemeine berichtet: (vgl.: http://dev45.maz-online.de/Themen/Studieren-Forschen/Geschichte-auf-allen-Forschungsfeldern

Fachhochschule Potsdam hat ersten „Kompetenztisch“
Geschichte auf allen Forschungsfeldern
Die interdisziplinäre Arbeit soll ausgebaut werden. Die Fachhochschule Potsdam geht neue Wege.

Potsdam. Mit seinem ersten „Kompetenztisch“ hat der Professor für Designtheorie, Rainer Funke, an der Fachhochschule Potsdam (FHP) offenbar ins Schwarze getroffen. Funke hatte zwölf Kollegen aus allen Fachbereichen zusammengetrommelt, damit sie in Kurzvorträgen untereinander und vor 46 Gästen aktuelle Forschungsinhalte präsentieren konnten. Klammer aller Vorträge war der Begriff „Geschichte“. Die Professoren sollten durch das Treffen Möglichkeiten für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit entdecken. Solche scheint es tatsächlich zu geben.

Arbeitsfelder für größere Projekte sieht Funke zum Beispiel bei der Diskussion um Methoden in der Geschichtswissenschaft. Daneben könne an der FHP eine neuartige zusammenführende Geschichtsdarstellung entstehen. Architektur-, Medien-, und Designgeschichte verfolgten je ihren eigenen Strang. Führten FHP-Forscher hier ihre Kompetenzen zusammen, entstünde ein neuer Blick. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für die Fachhochschule nicht neu. Bei dem vom Bund ausgezeichneten Projekt „Interflex“ werden seit vier Jahren hochschulintern interdisziplinäre Forschung und Lehre gefördert.

So arbeiten Professorin Martina Abri (Fachbereich Architektur und Städtebau) und Professorin Birgit Ammann (Fachbereich Sozialwesen) bei der Erforschung des Stahnsdorfer Friedhofs zusammen. Dort befindet sich unter anderem das Grab von Friedrich Wilhelm Murnau, eines der bedeutendsten deutschen Stummfilmregisseure. „Das von Karl Ludwig Manzel gestaltete Grab ist architekturgeschichtlich interessant, zudem ist Murnau sozial- und mediengeschichtlich wichtig“, sagt Funke. Der Designtheoretiker betont, dass Interdisziplinarität nicht zum Selbstzweck werden dürfe.

Der „Kompetenztisch“ habe Möglichkeiten aufzeigen sollen, wo eine Zusammenarbeit die Fächer tatsächlich voranbringe. Solche Möglichkeiten sieht Bibliothekswissenschaftler Hans-Christoph Hobohm durchaus gegeben. Er berichtete über die Entwicklung der Informationswissenschaften seit dem Sputnik-Schock (so wird die Reaktion des Westens auf den Start des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1957 seitens der Sowjetunion bezeichnet) und löste Diskussionen aus. Hobohm sah sich durch den Vortrag seines Kollegen Andreas Kahlow vom Fachbereich Bauingenieurwesen zu fächerübergreifenden Projekten inspiriert. „Es ist bemerkenswert, dass mit dem Bau der Brooklyn Bridge 1883 in New York auch der Aufbau von Fachbibliotheken begann“, sagt Hobohm. Ein Projekt über den Zusammenhang von Bauen, Wissen und Bibliotheken könnte spannend werden. Konkrete Projekte wurden am „Kompetenztisch“ nicht vereinbart, sie werden aber sicher noch entstehen. Künftig wollen sich die FH-Professoren jedes Semester zusammensetzen. Von Rüdiger Braun

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