Rechnungshöfe und Bibliotheken

Die Meldung ist zwar schon 14 Tage alt, aber sie erfordert doch noch eine Kommentierung, gerade unter dem Eindruck einer Auslandsreise. (Man mag ja kaum noch wieder nach Hause kommen oder deutsche Nachrichten lesen.)

Tagesspiegel und IB Weblog u.a. berichteten über die Jahrespressekonferenz des Berliner Landesrechnungshofes, in dem u.a. die Halbierung des Berliner Bibliotheksnetzes gefordert wird. (Da saß ich gerade im Flugzeug über dem Atlantik.)

Schon der 1995 vorgelegte Berliner Bibliotheksplan sah eine Modernisierung der Stadtbibliotheken durch Straffung des Bibliotheksnetzes und Ausbau der verbleibenden Standorte zu leistungsstarken Einrichtungen vor. Bisher ist es aber weder den Bezirksämtern noch dem für kulturelle Angelegenheiten zuständigen Senatsmitglied gelungen, die Bibliotheksstrukturen über den Verbund Öffentlicher Berliner Bibliotheken hinaus aus gesamtstädtischer Sicht konzeptionell weiterzuentwickeln und den geänderten Rahmenbedingungen anzupassen. Die Berliner Stadtbibliotheken weisen vielmehr – mit wenigen Ausnahmen – eine hohe Kostenintensität auf. Allein durch eine Anpassung der Personalstruktur an die Standards der kommunalen Bibliotheken anderer bundesdeutscher Großstädte wären Einsparungen von bis zu 7,3 Mio. € jährlich zu erzielen. Darüber hinaus hält der Rechnungshof eine – bezirksübergreifend abgestimmte – Reduzierung der Standorte von jetzt 82 auf bis zu 42 für möglich und zumutbar. Dadurch würden finanzielle Ressourcen freigesetzt, die neben weiteren Einsparungen in Millionenhöhe auch zum Ausgleich von Flächenverlusten und zur qualitativen Verbesserung des Bibliotheksangebots und damit zur Steigerung der Attraktivität der öffentlichen Bibliotheken genutzt werden könnten (T 82 bis 98, s. Anlage). (Pressemitteilung des Landesrechnungshofes Berlin vom 14. Mai 2007)

Es erfordert dies ein erneutes Nachklappen (auch weil die Kommentarfunktion im Tagesspiegel geschlossen ist), weil ähnliche Argumente auch aus den Reihen des Brandenburgischen Rechnungshofes zu hören sind.

Dies ist m.E. recht unverständlich, habe ich doch immer vermutet, dass sich in diesen Institutionen vor allem Volkswirte befinden. Diese sollten z.B. auch im internationalen Vergleich wissen, wie sehr sich Investition in Wissen und Bildung „rechnet“ (vgl. mein Themenwiki „Wert von Bibliotheken“ bzw. der tag outcome hier im Blog). Sind denn für solche Überlegungen zur Förderung der Wirtschaft nicht Volkswirte da? Gut: vielleicht ist Herr Dr. Harms auch eher Betriebswirt (deutsche Prägung). Aber auch dann sollte der Rechnungshof sich einmal die Realität im Berliner Bibliothekssystem ansehen:

  • seit Jahren keine neuen Stellen für innovative Kompetenzen junger Mitarbeiter
  • damit eine Personalpolitik, die gar keine andere Kennzahlenergebnisse zeitigen kann (vgl. Anlage)
  • ein Kosten- und Leistungsrechnungssystem, von dem ich (unter vor gehaltenener Hand (!)) von den Berliner Kollegen immer nur höre, dass es demotivierend sei (kann ich nicht wirklich beurteilen, ich glaube aber den Teilnehmern meiner Managementweiterbildungen, die mir das berichten.)
  • marode und abschreckende Gebäude (weshalb die Nutzerzahlen unter „Standard“ liegen (?))
  • versteckte, weit entfernte Bibliotheken
  • zu normalsterblichen Zeiten geschlossene Bibliotheken (d.h. dann wenn Bürger Zeit hätten dorthin zu gehen).
  • eine Bildungs- und Sozialpolitik, die Bibliotheksarbeit völlig ausklammert (im Gegensatz zu wirtschaftlich und „PISA-technisch“ erfolgreichen Ländern wie Finnland, USA, Großbritannien)

Eine Reduzierung der Standorte wäre nur in dem Sinn eine Alternative, wenn es gleichzeit einen Umbau nach dem Modell z.B. der Idea Stores in London gäbe und in die verbleibenden Standorte viel investiert würde sowie zusätzlich tatsächlich in eine zentrale, große öffentliche Bibliothek wie in anderen Metropolen Wien, Paris, Montréal geschaffen würde.

Kostensparend ist die aktuelle Politik des Wenigtuns, kostenintensiv wäre eine Vernachlässigung der Bildungsinvestitionen mit Bibliotheken (das ist langfristig verheerender als die Klimakatastrophe), aber gewinnbringend wäre eine massive Investition in Bibliotheken als der zentralen Bildungs- und Wissensinstanz der demokratischen Gesellschaften. Nicht kurzsichtige Kürzungen.

Eine kleine historische Erinnerung: es war das Bundesrechnungshofgutachten 1962, das den massiven Ausbau der Fachinformation für die deutsche Wirtschaft und Wissenschaft forderte.

Anlage der Rechnungshofsberichts:

Einsparpotenziale im System der bezirklichen Bibliotheken
T 82 bis 98

Das Land Berlin unterhält derzeit ein Netz von 82 Stadtbibliotheken. Obwohl schon der 1995 vorgelegte Berliner Bibliotheksentwicklungsplan eine Modernisierung der Stadtbibliotheken durch Straffung des Bibliotheksnetzes und Ausbau der verbleibenden Standorte zu leistungsstarken Einrichtungen vorsah, ist es bisher nicht gelungen, die Bibliotheksstrukturen konzeptionell weiterzuentwickeln und den geänderten Rahmenbedingungen anzupassen.
Die Stadtbibliotheken sind weiterhin durch uneinheitliche Organisationsstrukturen und Aufgabenwahrnehmung bei hoher Kostenintensität sowie durch den zu niedrigen Qualitätsstandard im Vergleich zu anderen bundesdeutschen Großstädten gekennzeichnet. Beispielsweise liegt die Zahl der Entleihungen pro Vollzeitstelle in Berlin mit durchschnittlich 20 500 deutlich unter dem bundesweit anerkannten Richtwert von 25 000. Die Vernetzung der Stadtbibliotheken im Verbund Berliner Bibliotheken (VÖBB) seit 1999 und der Einsatz von Informationstechnik haben zwar die Tätigkeit erleichtert,
sind jedoch ohne personelle Folgerungen geblieben. Eine Ursache der hohen Kostenintensität bildet die große Zahl der von den Bezirken ohne Abstimmung und Berücksichtigung der gesamtstädtischen Bedürfnisse geschaffenen Bibliotheksstandorte, insbesondere im Innenstadtbereich. Während einige Bezirke lediglich 3 oder 4 leistungsfähige Standorte geschaffen haben, besitzen andere Bezirke 10 oder sogar 13 öffentliche Bibliotheken, ohne dass dies unter Qualitäts- oder Kostengesichtspunkten gerechtfertigt ist. Der Rechnungshof hat empfohlen, die derzeit 82 Bibliotheksstandorte – bezirksübergreifend abgestimmt – auf bis zu 42 Standorte zu reduzieren und damit verbundene Nachteile für die Nutzer der Bibliotheken insbesondere durch den gezielten Einsatz von Fahrbibliotheken sowie den Ausbau des berlinweit angebotenen Bestell- und Lieferservices aufzufangen.
Der Rechnungshof schätzt das mögliche Einsparpotenzial allein durch eine Anpassung der Personalstruktur an die Standards der Bibliotheken anderer Großstädte und eine Verbesserung der Verwaltungsabläufe auf bis zu
7,3 Mio. € jährlich. Mit der vorgeschlagenen Straffung des bezirklichen Bibliotheksnetzes könnten darüber hinaus Ressourcen freigesetzt werden, die neben weiteren Einsparungen in Millionenhöhe zum Ausgleich von Flächenverlusten sowie zur qualitativen Verbesserung des Bibliotheksangebots und damit zur Steigerung der Attraktivität der öffentlichen Bibliotheken Berlins genutzt werden könnten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *