Ich habe ein lebendes Buch gelesen

Eingang zur Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf am 20.4.2007

Freitag Nachmittag in Marzahn. Im Berlin Eastgate gastiert die Eishockey-Mannschaft Berlin Bears. Das Tor spuckt einen aus auf die Marzahner Promenade, eher eine Schlucht zwischen Hochhäusern. An deren Ende das Schwimmbad … und dahinter die Bibliothek. Am Ende des Ganges ein kleines Schild. Davor eine Wäscheleine.

Ich bin spät dran und beeile mich, mein Buch abzuholen. Eine halbe Stunde ist wenig Zeit, einen Menschen kennenzulernen. Deshalb ohne Umschweife erste Fragen in der Hoffnung, dass mein Buch mir Wichtiges erzählt. Großer Sport im Schattendasein? Nö. Messbarkeit der Leistung? Viele ‚Klassen‘. Ich vergesse mich vorzustellen – und doch kommt es auf den Dialog an. Es kommt anders. Plötzlich verdoppelt sich das Buch: der Vater ist mit dabei. Ihn auch lesen? Das Gespräch entspannt sich. Langsam entsteht die Welt des Behindertensports – nicht nur als Veranstaltung im Anschluss der großen Olympiade. Als integrierbar in den Alltag, wenn auch mit größeren Mühen. Verbandsfunktionäre im Hintergrund aber als Sport das Normalste der Welt. Von wegen existenzieller Ausgleich.

Der Autor im Gespräch mit einem Lebenden Buch, dem Paralympic Sportler Matthias Schröder

Hätte ich dies in so kurzer Zeit in einem normalen Buch erfahren? Hätte ich überhaupt ein solches Buch ausgeliehen? Ich hätte lediglich in Wikipedia nachgeschlagen. Vielleicht. Jetzt ist eine Beziehung zu einem Menschen aufgebaut. Ich werde bei den nächsten Paralympics genau hinschauen, wie Matthias Schröder läuft. Ich kann das Buch fast nicht wieder abgeben – wie bei „normalen“ Büchern ja auch. Warum ich dieses Buch ausgeliehen habe? Eben weil ich keinen konkreten Informationsbedarf hatte, sondern am Erfahrungsaustausch zwischen Behinderten interessiert war.

Anderes passiert an diesem Tag. Das ZDF ist da und will unbedingt reissereisch berichten: „Rassist leiht Farbigen aus und beschimpft ihn“. Gedreht wird auf dem Dach der Bibliothek mit Blick auf die Plattenbauten. Mal sehen wie der Filmbeitrag letztlich rüberkommt:

wahrscheinlich: Sonntag, 29.4. um 9 Uhr (morgens) in der Sendung „Sonntags“

Dies bringt in den Diskussionen am Rande gerade das Wertvolle der direkten Kommunikation wieder in den Vordergrund; warum eben nicht die Konfrontation und der Kontrast gesucht wurde. Die Bibliothek ist eher der Ort der Nuancen und hat auch nicht als primäres Zielpublikum jene, die sich in der Machart klassischer (ggf. privater) Medienanstalten wohlfühlen. Nicht ohne Grund sind öffentliche Bibliotheken immer noch öffentlich-rechtliche Medienanstalten.

Die Frage steht im Raum: sind die normalen Bibliotheksbenutzer so kommunikativ, dass sie sich lebende Bücher richtig ‚ausleihen‘ können. Muss man nicht sogar dazu Schulungen anbieten? Sind Bücherwürmer nicht nur die stillen Leser? Der Bedarf scheint aber groß zu sein. Viele der Anwesenden – auch der lebenden Bücher – sind schlichtweg begeistert und wünschen Fortsetzungen.

Eines wird ganz deutlich: Bibliotheken sind richtigerweise auf der Sinnsuche in diesem Zeiten des Wandels. Nicht nur, dass Experimente und neue Erfahrungen notwendig sind, es scheint schon klar zu werden, dass der Ort der Bibliothek als Raum für Kommunikation und Erfahrung zunehmend wichtig wird. Die Präsenz eines (analogen) Mediums allein ist wertvoll. Das heißt nicht, Bibliotheken als Kontrastprogramm zu einer digitalisierten und individualisierten Welt hoch zustilisieren. Man erkennt nur umso deutlicher die eigentlichen Funktionen dieser Orte im Raum-Zeit-Kontinuum, die wir immer schon Bibliothek nennen. Nicht das schwarze Loch Suchmaschine ist es, sondern die Aura des gesellschaftlichen Lebens. Nicht der Haufen gesammelter Medien und Informationen, sondern das, was damit und darin passiert, passieren könnte. Bibliothek als Medium eben.
Mehr Bilder bei Jin Tan

2 thoughts on “Ich habe ein lebendes Buch gelesen

  1. Sabina Baltruweit

    Grossartiges Projekt! Wir haben hier in Lismore vor 7 Monaten die erste Living Library in Australien gestartet – Riesenerfolg! Einmal jeden Monat halten wir einen LL-Tag; wir haben inzwischen 60 Buecher die mitmachen. Und schon ueber 50 Anfragen von ueberall in Australien wo auch eine LL aufgebaut werden soll. So ein einfaches,ueberzeugendes Konzept – statt sich hinter Barrieren verschanzen/seine Vorurteile pflegen einfach mal miteinander sprechen.

  2. Pingback: Sharism und Bibliothek2.0 « Bibliotan

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