Category Archives: Hinweis, Tipp

Digitalität in der Krise

Tweet aus Marrakesh

Eine „interessante“ Erfahrung, vom Auswärtigen Amt aus dem Urlaub evakuiert zu werden. Lange bevor uns unsere Reiseagentur informierte, erschien in der App der Fluggesellschaft die Information, dass der Flug annulliert worden sei. Eine direkte Push-Information kam nie. Später erfuhren wir, dass schon über eine Woche vor unserem Rückflug bekannt war, dass Marokko den Luftraum gesperrt hatte und vor allem von und nach Deutschland keine regulären Flüge mehr durchkamen.

Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes wurde zunächst beruhigt und empfohlen, sich bei „Elefand“ einzutragen: einem Webdienst für „Deutsche im Ausland“. Aber schon kurze Zeit später wurde deutlich, dass der Elefant überlastet war: er war nur noch mit Mühen zu erreichen. Dazu gab es dann die Information auf der Website der Botschaft, man solle sich per E-Mail melden. Continue reading

Jubiläum

Screenshot aus der Wayback-Machine ca. 1997: www.fh-potsdam.de/~hobohm

Heute vor 25 Jahren betrat ich dieses surreale, ja kafkaeske Universum des deutschen Fachhochschulwesens. Ich hatte zwar u.a. Erziehungswissenschaften studiert. Mir war aber nicht klar, dass ich besser ein Referendariat an einer Berufsschule sowie zusätzlich meine eigenen Rahmenlehrpläne und eigenen Lehrbücher hätte mitbringen müssen. Mich hatte natürlich der Professorentitel und die (vermeintliche) Aussicht, unabhängige Wissenschaft betreiben zu können, aus einer deutlich besser gestellten Position an die Fachhochschule gelockt. Continue reading

Ein Brief an die Informationswissenschaft

Nassehi, Armin: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft.  München: C.H.Beck, 2019. 352 S. – Hardcover, EUR 26,-, ISBN 978 3 406 74024 4

Das Buch des „wohl einflussreichsten deutschen Soziologen“ (Verlagswerbung), erschien am 28. August. Schon in den folgenden Wochen war es auf allen Feuilleton Seiten und in vielen Sachbuch Bestsellerlisten. Der Verlag vermeldet sehr bald eine zweite Auflage „Aufgrund der großen Nachfrage “ (pers. Mitteilung des Verlags). Es scheint also ziemlich den Nerv der Zeit zu treffen, die nach etlichen alarmistischen Beschreibungen der Digitalen Transformation wie der von Yuval Harari (Homo Deus), jetzt doch von einem Gesellschaftsexperten erklärt bekommen möchte, was es mit der aktuellen Computerrevolution nun so auf sich hat.  Continue reading

Digitalisierung als Religion

Ja, es ist wohl dringlich, sich weiter mit der „Informationsgesellschaft“ auseinanderzusetzen. Die Publikationen dazu häufen sich, mal kritisch, mal alarmistisch, mal metaphysisch. Insbesondere ist der erste Bestandteil des Kompositums offensichtlich irritierend, wenn zu beobachten ist, dass „Information“ nicht mehr (wie früher) mit Wahrheit zu tun haben muss.

Der Jenaer Politologe Robert Feustel hat dazu eine spannende Studie [1] vorgelegt, die unter den Konzepten der Informationstheorie und der Kybernetik, den der Postmoderne-Diskussion in die Schuhe geschobene Werteverlust nun der „Informationstheorie“ vermacht.

Der Aufmacher seines Buches ist ein Zitat eines unserer großen Informationswissenschaftler, Fred Dretske, das ich persönlich im Kontext des Vorworts von „Knowledge and the Flow of Information“ anders lesen würde.

„In the beginning there was information. The word came later. The transition was achieved by the development of organisms with the capacity for selectively exploiting this information in order to survive and perpetuate their kind. It is common to think of information as a much later arrival on the evolutionary scene, as something that depends on the interpretive efforts—and, hence, prior existence—of intelligent life. According to this view, something only becomes information when it is assigned a significance, interpreted as a sign, by some cognitive agent. Beauty is in the eye of the beholder, and information is in the head of the receiver. To speak of information as out there, independent of its actual or potential use by some interpreter, and antedating the historical appearance of all intelligent life, is bad metaphysics. Information is an artifact, a way of describing the significance for some agent of intrinsically meaningless events“ ([2] S. VII).

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Fachgeschichte – Richtungsstreit und Öffnung der Bibliotheken in den letzten 100 Jahren

Auf der Podiumsdiskussion letzte Woche und in einem meiner Seminare wurde der sog. Richtungsstreit und die „Bücherhallenbewegung“ des deutschen Bibliothekswesens angesprochen. Nur um uns alle auf den Informationsgleichstand zu bringen, möchte ich hier aus dem Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Stuttgart 2014, S. 779f) zitieren und desweiteren auf den Beitrag von Ragnar Audunson hinweisen, von dem ich dieses sicher nicht unproblematische Argument habe, dass wir ein auch historisches Fachverständnis (eine “ ‘professional civic self-cultivation’ (Bildung)“ (sic), wie er schreibt) brauchen.

Ragnar Andreas Audunson (Oslo): Do We Need a New Approach to Library and Information Science? In: BIBLIOTHEK 42 (2018) Nr. 2, S. 357–362.

Ich bitte diesen Blogpost nicht misszuverstehen.