Schulbibliotheken statt Bibliotheksgesetz!

An vielen Stellen wurde auf dem Bibliothekartag übereinstimmend thematisiert, dass ein wesentlicher Grund für die z.B. im Vergleich mit Vereinigten Staaten so andere Einstellung zu Bibliotheken von der in Deutschland dramatisch unbefriedigenden Situation im Bereich der Schulbibliotheken herrührt. Ist man von Kind auf gewöhnt, die Ressourcen der Bibliothek zu nutzen, hat man eben auch später stets den Reflex zuerst in die Public Library zu gehen. Daraus ziehen mittlerweile sogar Hochschulbibliotheken die Konsequenz: die UB Heidelberg macht Schülerarbeit und die Stadtbibliothek Frankfurt(M) lässt sich ihre sehr erfolgreich arbeitende „sba – schulbibliothekarische Arbeitsstelle“ durch das Schulamt finanzieren. Immer steht die strategische Überlegung im Vordergrund, die zukünftigen eigenen Nutzer der net-generation „abzuholen“ in die Bibliothekswelt.

Die Pädagogen teilen im Übrigen ihre Zeitrechnung in ante- und post-Pisa ein: Pisa scheint wirklich auch in der pädagogischen Praxis einiges bewirkt zu haben. Neben der Einführung der Ganztagsschule gehen z.B. die didaktischen Methoden weg von der reinen Input-Orientierung (Nürnberger Trichter des übervollen Lehrpläne) zu aktiven, selbstbestimmten Lernformen, die den Zugriff auf vielfältige Wissensressourcen voraussetzen. Hier reicht es natürlich eigentlich nicht, im Unterricht nur auf Wikipedia hinzuweisen. Aber dazu fehlt nicht nur die Bibliothek als Alternative, es fehlt auch den Lehrern die nötige Informationskompetenz. Gut zu wissen, dass z.B. in Hessen, Lehrer „Fortbildungspunkte“ sammeln müssen.

Wenn man also bedenkt, dass Gesetze letztlich vom Souverän – also dem Volk – entschieden werden, sollten wir zunächst eher in Weiterbildung von Lehrern und in Schulbibliotheken (bzw. Kita-Bibliotheken) investieren. Dann kommen die Gesetze schon von selbst… Oder?

5 thoughts on “Schulbibliotheken statt Bibliotheksgesetz!

  1. Karsten Schuldt

    Ich würde eher sagen, die Idee, dass Schulbibliotheken zu einer erhöhten Bibliotheksnutzung im Lebenslauf führen würden, weil dies in den USA angeblich auch so funktionieren würde, ist bestenfalls ein Wunsch. Oder ein weiterer Ausdruck dieser im deutschen Bibliothekswesen verbreiteten Angewohnheit, sich eine Meinung zu bilden, dann zu schauen, ob das irgendwo im Ausland ungefähr funktioniert und dieses Funktionieren gleich als Beweis anzusehen. Bei aller Sympathie für Schulbibliotheken: der Vergleich funktioniert einfach überhaupt nicht. Wenn man von Schulbibliotheken in den USA redet, redet man auch von einem ganz anderen Schulsystem mit anderen Unterrichtsansätzen, man redet von einer gänzlich anderen Ausstattung (ausgebildetes Personal, 30+x Medieneinheiten pro Schülerin/Schüler, ordentliche Räume, die 10-Prozent-des-Bestandes-als-Erwerbungsetat-Regel etc.), man redet von einem eigenständigen Beruf School Library Media Specialist mit bibliothekarischer UND pädagogischer Ausbildung und einer von deutschen Schulbibliothekspersonal relevant abweichenden Tätigkeitsvorstellung. Das hat mit deutschen Schulbibliotheken nichts zu tun. Tja: und letztlich redet man bei solchen Vergleichen einfach nicht davon, dass es auch Ländern mit Schulbibliotheken gibt, in denen Bibliotheken auch kaum genutzt werden. [Nicht zu vergessen, dass es auch genügend Bibliotheken in den USA gibt, die mit Problemen und Streichungen zu kämpfen haben. Wer Libvibe verfolgt wird das oft genug hören.] Und wenn man bemerkt, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht ausreichende Informationskompetenzen hätten, muss man auch anmerken, dass ein Großteil des schulbibliothekarischen Personals in Deutschland diese Kompetenzen auch nicht haben. Woher auch bzw. wozu? Real existierende Schulbibliotheken sehen sich eher selten als Informationszentren an. Das hätten Bibliothekarinnen und Bibliothekare vielleicht gern, aber mit Projektmitteln und Spenden werden sich solche Bibliotheken als Informationszentren und Lernort für die weiter Bibliotheknutzung nicht aufbauen lassen. Das geht nur mit einer kontinuierlichen Finanzierung, die am besten per Gesetz abzusichern ist.

  2. K.P.

    Ob die Gesetze bei entsprechend sensibilisierten Lehrer (und vielen anderen Menschen) dann von selbst kommen halte ich für fragwürdig!

    Es ist ja nicht so, dass nicht letztlich fast jede im Bildungssystem involvierte Person Fehler entdecken könnte.

    Ich möchte aber nicht 30 Jahre darauf warten müssen, dass „besser“ gebildete Funktionäre unser Bildungssystem zum Besseren wenden.

    Auch PISA hat nicht wirklich viel bewirkt, vielleicht ein bißchen, aber gerade die extreme Sortierung von Kindern ab dem 4. Schuljahr zeigt doch, dass nichts gelernt wurde.

    Solange der Gedanke der Elite in der Bildung vor dem Gedanken der Freude an der Bildung steht, wird sich in diesem Land wenig an der aktuellen Situation ändern.

    Sehr gute Schulbibliotheken gibt es. Das weiß auch eigentlich jeder. Auch um die Vorteile wissen die meisten Menschen. Nur ist aktuell die 35. „vier-spurige Kreisstraße“ wichtiger als Geld für eine Schulbibliothek.

    Solange der Gedanke der Freiwilligkeit kultureller Leistungen in den Köpfen der Menschen verankert ist, solange wird es an uns sein dieses Denken zu ändern.

    Ein Grund mehr Bibliothekar zu werden!

    In diesem Sinne:

    Lesen heißt, mit einem fremden Kopf
    statt mit dem eigenen zu denken.

    Arthur Schopenhauer

  3. Hans-Christoph Hobohm Post author

    @Karsten Schuldt

    Genau das meine ich. Ich denke, aber dass Deutschland doch eher mit USA vergleichbar ist als mit vielen anderen Ländern. Unsere Politiker nehmen dieses Land ja so oft als Vorbild.

    Unser ganzes Hochschulsystem wird gerade nach amerikanischem Vorbild umgebaut, ohne dass jemand die unterschiedlichen Rahmenbedingungen verstanden hätte.

    Und warum darf man deshalb nicht darauf hinweisen? Und fordern, dass Informationskompetenz auf allen Ebenen Thema werde?

    Im Übrigen kann man ja auch in andere Länder schauen: Frankreich kennt z.B. die Centre de Documentation und das Berufsbild des documentalist an der Schule. Auch das eine Land, dass unseren Politikern lieb ist.

    Ich denke, deutsch ist eher, zu sagen alles sei deutsch und deshalb unbeweglich.

    Vielleicht sollte man eben das eine tun und das andere nicht lassen: Bibliotheksgesetze werden m.E. auf die Schulbürokratie wenig Einfluss haben.

    Lieber Herr Schuldt: herzlichen Dank für die Aufnahme des Balls.

  4. K.P.

    Jetzt können wir es erneut lesen: im Jahr 2006 haben 10,2 der Schüler aus Brandenburg die Schule ohne Schulabschluss verlassen.
    Diese Tatsachen stehen letztlich schon allein als Argument für mehr Schulbibliotheken, sowie vorschulische Bibliotheksangebote.
    Was kommt nun?
    Ein nationaler Bildungsgipfel. Ein wunderschönes Schlagwort.
    Aber wir harren der Dinge die da kommen.

  5. K.P.

    Nun ist es geschehen, das neue Gesetz ist da:

    Zitat: „Skandalös sei aber, dass im Gesetz ausdrücklich steht, dass Bibliotheken freiwillige Aufgaben seien. Damit seien sie durch Weisungen von Aufsichtsbehörden bei finanziellen Engpässen geradezu zum Abschuss freigegeben.“

    Man kann nur hoffen, dass dieses Gesetz keinen Vorbildcharakter hat für weitere Länder!

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