Empathie!

Jeremy Rifkin: Empathische Zivilisation

“Empathie” ist bekanntlich ein zentraler Begriff der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, da es in diesem Disziplinen ja vorwiegend um die Zielgruppen gerechte Aufbereitung von Information und Wissen geht und dabei diesen gegenüber Empathie walten muss. In diesen Tagen ist “dazu” ein viel beachtetes Buch des amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin (Autor von “Access: das Verschwinden des Eigentums”) erschienen. Er zeichnet ein sehr positives Menschenbild, in dem er dem Menschen eben jene Empathie als Grundcharakteristikum des Menschseins zuspricht und dies mit großem interdisziplinärem Geschütz (von der Phylogenese bis zur Neurobiologie und der Geschichte) auch belegen kann. Er vermutet, dass wir uns an einem sehr entscheidenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte befinden und diesen auch meistern können.

Nicht nur die deutsche Presse hat das neue Buch des Erfolgsautors und Beraters der EU ziemlich verrissen. Es ist ein Buch, das dem aktuell immer noch stark vorherrschenden Neoliberalismus nicht geheuer sein kann. Ich frage mich dennoch, ob es nicht auch das positive Menschenbild dieses weisen (?) Mannes ist, dass so aneckt. Das Buch bzw. die These von Rifkin weckt Hoffnung angesichts von so viel offensichtlicher Unvernunft auf der Welt. Und: wenn sich hier dann auch noch Argumente für bessere Bildung vielleicht sogar mit Bibliotheken finden lassen, könnte ich mir eine Lektüre trotz aller Feuilleton Kritik schon vorstellen.

Auch ihm zuschauen macht Hoffnung und Spaß:

Die heutigen Kritiken:

DRadio (mit Podcast),  Tagespiegel (Interview) und mehr dazu im Perlentaucher.

Gesten-Computer und optischer Spass mit Daten in 5 Jahren – sagt Horizon2010!

Eigentlich hat man noch nicht die letzten Horizon Reports verdaut, da ist schon der neueste. Seit 2004 mittlerweile erscheint jährlich der Delphi Bericht zu neuen Technologien im Bildungsbereich, der aber eher zu einem allgemeinen Technologie-Trend Bericht geworden ist und Gartner im Open Content Bereich Konkurrenz macht (meiner Meinung nach).

Zwei kleine Zitate aus dem Executive Summary seien herausgepickt, die ich immer noch für bedeutsam halte:

The role of the academy — and the way we prepare students for their future lives — is changing. In a 2007 report, the American Association of Colleges and Universities recommended strongly that emerging technologies be employed by students in order for them to gain experience in “research, experimentation, problem-based learning, and other forms of creative work,” particularly in their chosen fields of study.

(…)

Institutions increasingly focus more narrowly on key goals, as a result of shrinking budgets in the present economic climate. Across the board, institutions are looking for ways to control costs while still providing a high quality of service. Schools are challenged by the need to support a steady — or growing — number of students with fewer resources and staff than before. In this atmosphere, it is critical for information and media professionals to emphasize the importance of continuing research into emerging technologies as a means to achieve key institutional goals.

Genau diese Situation hindert (zusätzlich zum Bologna-Prozess) die Entwicklung in Deutschland.

Die jetzt ausgemachten nächsten Trends:

Im laufenden Jahr:

  • mobile computing
  • open content

in den nächsten zwei bis drei Jahren:

  • eBooks
  • simple augmented reality

bis in fünf Jahren:

  • gesture-based computing
  • visual data analysis

Vor allem die letzten Punkte sind faszinierend. Er zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind in Potsdam mit der neu ausgeschriebenen Professur “Information Visualization” und unseren Projekten zu Datenmanagement.

Ich empfehle aber zunächst das Video der Präsentation des Reports:

Horizon2010 presentation, jan. 19, 2010

vgl. auch frühere Postings hier.

W3C Tagung an der FH Potsdam

Die heutige Tagung zur Eröffnung des deutsch-österreichischen Büros des W3C an der Fachhochschule Potsdam wurde von allen Teilnehmern als sehr erfolgreich empfunden. Rund 250 Teilnehmer waren gekommen, davon recht viele Studierende, aber auch viele Praktiker und Webtechnologen aus der Region. Das Thema der Tagung “Teaching the Web” hatte Felix Sasaki, der neue Leiter des Büros,  passend zum neuen Träger gewählt: eine Fachhochschule als Ort angewandter Lehre und Forschung.

Klaus Birkenbihl vom W3C machte in seiner Eröffnungsrede zudem darauf aufmerksam, dass Tim Berners-Lee schon von Anfang an auch nationale Büros vorgesehen hatte, das deutsche war ursprünglich bei der GMD. Dass es nun letztlich ähnlich wie das IZ Informationswissenschaften eben falls von der GMD nach Potsdam gelangt ist, halte ich für mehr als Ironie der Geschichte. Mit dem IID (Institut für Information und Dokumentation) zusammen sind jetzt alle drei “Institutionen” der Informationswissenschaft am gleichen Ort…

Wie üblich wurde zur Tagung angeregt getwittert Hashtag #w3c09 und das E-Campus Team der Hochschule bereitet eine Videodokumentation der Tagung vor, die bald online sein wird: http://ecampus.klisch.net. Auch auf der Tagungswebsite wird ein Wrap-up inklusiver der Auswertung der Tagungssurvey zu finden sein. Ein schöner live-Blog-Beitrag stammt von Harald Sack …more semantic.

Mein Tagungsbericht auf der Website des Fachbereichs ist leider im Orkus akuter Serverprobleme verschwunden (eine Stunde tippen und schöne Formulierungen umsonst). Deshalb poste ich jetzt hier nur noch die anderen Fundorte. Stimmungen und meine Ansichten zu den Sprechern bei meinen Tweets.

LIS Berufe: Ausmaß der Änderungen unklar

Die Märkische Allgemeine Zeitung berichtet heute über die Tagung des Fachbereichs in knapper, aber recht korrekter Weise. (Nach den vielen negativen Erfahrungen, die wir mit der Presse in den letzten Wochen gemacht haben eher ein positives Beispiel). Schade nur, dass wieder so wenig Platz für das so wichtige Thema der Informationsgesellschaft bleibt.

TAGUNG: Archivar im Zeitalter des Internets

Potsdamer Diskussion über die Zukunft eines Berufsstandes / Ausmaß der Änderungen oft nicht klar

„Wer braucht noch Archivare?“, fragte unlängst Ulrich Kampffmeyer von der Hamburger Project Consult Unternehmensberatung auf einer Tagung an der Fachhochschule Potsdam (FHP). Tatsächlich scheint im Zeitalter digitaler Informationsverarbeitung diese Frage nicht abwegig. Doch bei dem Potsdamer Treffen mit 95 Teilnehmern stellte sich heraus, dass der Berufsstand des Archivars und Bibliothekars auch in der Welt des Internets und der E-Books nicht am Ende ist.

In gewisser Weise würden Vermittler von Information sogar wichtiger, so Kampffmeyer. Ähnlich denken Marc Rittberger vom Hochschulverband Informationswissenschaften und Matthias Ballod von der Universität Koblenz. Kampffmeyer selbst konnte allein 18 Firmen benennen, die neue Archivare einstellen wollen. Die Beschäftigten in solchen Unternehmen verstehen sich heute als Informationsspezialisten, die wissen, wo wichtige Informationen zu finden sind und was überhaupt als wichtige Information zu gelten hat.

Diese Einschätzungen teilt auch der Dekan des Fachbereiches an der FHP, Hans-Christoph Hobohm. „Wir haben ein eher optimistisches Bild von der Zukunft, das allerdings getrübt wird durch die extrem schnelle Entwicklung.“ Die Innovationen moderner Kommunikations- und Informationstechnologien überforderten manchmal auch die Möglichkeiten der FHP. Die Hochschule versucht, den Zeitläuften mit Lehrangeboten wie „Einführung in relationale Datenbanken“ oder „Internetrecherche und Informationssysteme“ gerecht zu werden. Das größte Problem sei allerdings, dass den im Beruf stehenden Archivaren der Umfang des Umbruchs meist noch nicht ausreichend bewusst sei. Zum Beispiel müssten sie sich erst noch daran gewöhnen, dass ihnen angesichts digitaler Verwaltung und Kommunikation nicht mehr automatisch wichtige Papiere zur Verwahrung übergeben würden.

„Archivare müssen heute am Anfang stehen, nämlich dort, wo die Entscheidungen und Prozesse beginnen“, so Hobohm. Sie müssten die Entscheidungsträger zum Beispiel in Unternehmen auf die Wichtigkeit bestimmter Informationen hinweisen und bewahrenswerte Information von vorneherein auswählen. „Unternehmen müssen außerdem davon überzeugt werden, dass sich Investition in Information auszahlt.“ Das erfordere soziale Kompetenz und Kenntnis des jeweiligen Fachbereiches, etwa einer bestimmten Unternehmensstruktur oder eines wissenschaftlichen Feldes.

Dass diese komplexen Aufgaben jemals von Rechnern automatisiert werden könnten, glaubt der Dekan nicht. Nur Menschen seien in der Lage, sich schnell ändernde Realitäten richtig zu erfassen. Und nicht zuletzt liefen die wirklich wichtigsten Informationen nach wie vor von Mensch zu Mensch. (Von Rüdiger Braun)

MAZ vom 14.5.2009

vgl. vorherige Posts

Wir brauchen Info-Öko-Krieger

Die Berufsfeldtagung des Fachbereichs Informationswissenschaften kann jetzt nachgelesen und nachgeschaut werden. Dank des e-Campus Projektes der Hochschule konnten große Teile der Veranstaltung am 24. April an der FH Potsdam aufgezeichnet werden und sind jetzt abrufbar im entstehenden Videoportal der Hochschule.

Weitere Informationen und Berichte ebenfalls jetzt auf der “Special-Seite” der Fachbereichswebsite.

Eines der Ergebnisse: die gelungenen Provokationen von Ulrich Kampffmeyer, der uns zum kriegerisch-dokumentarischen Nachhaltigkeitskampf auffordert…