Europäisches Verlegertreffen

Arnoud de Kemp, im Informationsbereich bekannt als langjähriger Präsident der DGI, in Potsdam wichtig, weil er in seiner Funktion als DGI Präsident vor 20 Jahren half, die Informationswissenschaften geballt an die Fachhochschule zu bringen, veranstaltet seit Jahren eine Reihe von wichtigen Konferenzen. Darunter war die neu geschaffene Informare im letzten Jahr ein besonderer Erfolg und Impulsgeber im IuD-Bereich. Die “Academic Publishing Europe” (APE2012) fand mit großem Zuspruch vom 24.-25. Januar in der Akademie der Wissenschaften zum siebten Mal in Berlin statt. Thema war die Begegnung der neuen technologiene wie Semantic Web und Datenmanagfement mit der großen Verlagswelt wie Elsevier, Springer oder de Gruyter. Es war eine sehr interessante Veranstaltung, die die Franzosen als einen dialogues des sourdes bezeichnen würden. Quintessenz auf der einen Seite (Verleger): “Jesus Christ, what are you talking about”, Aufforderung auf der anderen (Semantic Web): “Lassen Sie uns doch in Ruhe drüber reden, dann verstehen Sie den Nutzen der neuen Techniken” und Fazit aus dem Publikum (MPDL): “Technik ist doch klasse; “then you can rid of the librarians” (sic). Die Konferenz wurde betwittert mit dem Hashtag #ape2012 und Hugo E. Martin blogte live

Ich hatte das Vergnügen, dabei zu sein und für Password zu berichten. Der Text wird in den nächsten Ausgaben dort print und online erscheinen – eine Langfassung in akademischerem Stil und mit informationswissenschaftlichen Hintergrundreflexionen poste ich danach hier im Blog.

Zunächst einmal freuen wir uns auf das erneute persönliche Treffen mit Arnoud anlässlich der Jubliäumsvortragsreihe “Das Buch im digitalen Zeitalter” am 8. Februar in der Druckerei Rüss in Potsdam (um 18h).

Zwei Bibliotheksmeldungen

Entwurf der neuen Fassade der SLB

Entwurf der neuen Fassade der SLB

In der Lokalpresse gab es letzte Woche zwei Notizen zum Bibliothekarischen, die sich gegenseitig “beleuchten”. Am 23. Mai 2011 erscheint unter “Nachrichten” in den “Potsdamer Neuesten Nachrichten” (PNN) die (leider nicht mehr online zu lesende) Kurznotiz, dass auf der nächsten Stadtverordnetenversammlung der Antrag auf ein Projekt “öffentlicher Bücherschrank” eingebracht werden soll. Hier der Scan:

Bücherschrank im öffentlichen Raum
In Potsdam könnte es bald “offene Bücherschränke” geben – eine Art Kasse des Vertrauens für Bücher im öffentlichen Raum. Ein Projekt dieser Art, wie es unter anderem in Potsdams Partnerstadt Bonn seit Jahren funktioniert, regen CDU, FDP und Grüne in einem gemeinsamen Antrag für die nächste Stadtverordnetenversammlung am 1. Juni an. Bis August soll im Rathaus geprüft werden, ob es so ein besonderes Stadtmöbelstück in Potsdam geben kann. Konkret sollen die Bücherschränke laut Antrag für alle Bürger 24 Stunden am Tag frei zugänglich sein und durch Spender oder die Nutzer selbst mit Büchern aller Art bestückt werden. Bürger können sich kostenfrei ein Buch aussuchen und zum Lesen mitnehmen. “Nach dem Auslesen oder wenn es nicht gefällt, kann das Buch direkt wieder zurückgestellt und ein neues Buch ausgesucht werden”, heißt es in dem Antrag. So ein Schrank sei “eine schnelle, preiswerte und unkomplizierte Ergänzung zu einer Bibliothek”, so die Antragsteller. Als Ort wird etwa der Platz der Einheit vorgeschlagen.

Am gleichen Platz liegt denn auch der Neubau der Stadt- und Landesbibliothek, die zwei Tage später Presse macht: am 25. Mai 2011 wird in den PNN vom Fortgang des Baus berichtet und gleichzeitig auf die Entwicklung eines Zukunftspapiers hingewiesen, das mit Meinhard Motzko auf einem Workshop erarbeitet wurde. Schöner Titel des Zeitungsberichtes: “Vom Bücherverwalter zum Problemlöser” und schöner Kommentar aus dem Ministerium: Bei Bibliotheken handele es sich um die “am meisten nachgefragten Kultureinrichtungen”.

vgl. Blogposts hier zu Bücherschränken und zum “Wissensspeicher” in Potsdam

Informationswissenschaften bleiben im Abrißbau

fotos-aus-der-luft.de

fotos-aus-der-luft.de

Ziemlich unvermittelt erhielt die Fachhochschule Potsdam die äußerst demotivierende Nachricht, dass die vielen Planungs- und Baubesprechungen der letzten Monate für den Neubau auf dem Campus umsonst waren. Das Ministerium (mittlere Verwaltungsebene) stattete diese Woche dem Rektor einen Besuch ab und gab bekannt, dass der fast schon begonnene (zumindest in der Planung fertige) Neubau für die Fachbereiche Informationswissenschaften und Sozialwesen, die bisher noch am Alten Markt neben dem Schlossneubau fast vergessen wurden, nun doch nicht mehr gebaut wird. Es wurde keine weitere Perspektive genannt. Die Begründungen sind (natürlich?) rein fiskalischer Natur: die anderen Hochschulbauten in Brandenburg sind zu teuer geworden, unser Neubau ist der einzige, der noch nicht physisch begonnen wurde. Trotz schriftlicher Zusagen des Ministeriums.

Das bedeutet, dass, wenn die städtischen Bauten (Schloss und historische Mitte) ab 2012 realisiert werden, wovon auszugehen ist, das Haus, in dem derzeit die einzige Archivwissenschaft in Deutschland und einige andere informationswissenschaftliche Aktivitäten von nationalem Rang betrieben werden, peu à peu Räume wird aufgeben müssen, weil diese von außen her abgerissen werden. (Das ist in weniger als 1,5 Jahren!)

Wäre ich nicht Beamter altdeutscher Mentalität, würde ich mich jetzt zu Bemerkungen hinreißen lassen, die meine Pension gefährden würden.

M.E. zeugt dies wieder einmal davon, dass die Politik ziemlich konzeptlos ist – um nicht zu sagen beratungsresistent. Wieso bekommen Fachbereiche der alten Welt riesige Neubauten und die Wissenschaften, die die Probleme der neuen Welt bearbeiten könnten, werden vor den Kopf gestoßen? Für mich reiht sich das in eine Reihe mir nicht wirklich verständlicher politischer Entscheidungen der letzten Zeit: allen voran die ebenfalls sehr unvermittelte Beendigung der Förderung von FIZ Technik. Warum mache ich eigentlich noch Informationswissenschaft, wenn es keiner hören will. Richtig Herr Bredemeier!

Bitte lesen Sie die ausführliche und weniger polemische Presseerklärung der Fachhochschule Potsdam.

Presseresonanz: Potsdamer Neueste Nachrichten am 22.8.2010, Märkische Allgemeine Zeitung am 21.8.2010

Braucht eine Landeshauptstadt eine Stadt- und Landesbibliothek?

Entwurf des Innenraums

Entwurf des Innenraums des zunächst geplanten Umbaus

In Potsdam gibt es eine interessante Debatte der Nachwendezeit, die sich leider an der Stadtbibliothek entzündet. Auf einer öffentlichen Bürgerversammlung (einberufen von der “Potsdamer Bibliotheksgesellschaft”) wurde in dieser Woche recht deutlich, dass es, wie die Potsdamer Neueste Nachrichten heute schreiben, eine große “Bibliothekslobby” gibt. Leider werden die Argumente der Bibliothekslobby entweder nicht gehört oder nicht verstanden. Die Debatte entzündet sich an dem Argument der historischen Bedeutung des Ortes und vor allem der außergewöhnlichen städtebaulichen Ästhetik, die dieser Innenstadtbereich im 18. und 19. Jahrhundert (aber auch zu DDR-Zeiten) gehabt hatte. Die Fronten werfen sich gegenseitig vor, in unterschiedlicher historischer Distanz Revisionisten zu sein und sparen nicht mit Polemik und sogar Drohungen.

Wer gibt nur der ja meist schweigenden “Bibliothekslobby” Gehör? Bis auf Ausnahmen wie Heidenreich oder Reich-Ranicki sind Leser oder (bibliotheksbenutzende!) Bildungsbürger nicht diejenigen, die die laute Auseinandersetzung suchen. Spricht man die Verfechter der historisierenden Fraktionen darauf an, so gibt es wenig Argumente gegen eine Bibliothek. Nur vereinzelt sind die Stimmen, die immer noch denken, das “B” im Wort habe etwas mit Büchern zu tun. Auch die Symbolkraft einer Stadt- und Landesbibliothek als identifikationsstiftendem Bauwerk in einer Stadt wird keineswegs negiert. Dennoch fehlt dann allen Beteiligten offensichtlich der Mut, in beiderlei Sinn für den ‘Ort in der Stadt’ und die ‘Bibliothek als Ort’ eine gemeinsame Lösung finden zu wollen. Ob die Finanzierungsfrage (“Hauptstadtmittel stehen nur bis Ende 2011 zur Verfügung”) wirklich eine Erpressung der Verwaltung oder gar parteipolitischer Schachzug ist, mag ich nicht entscheiden. Das städtebauliche und haushaltstechnische Beispiel Stuttgarts (das die neue Kulturbürgermeisterin sehr gut kennt) sollte jedoch zu denken geben: hier ist aus eminenter Finanznot von den großen Plänen zu “Stuttgart21″ (Ort der Stadt) nur noch mit Mühe und Not die Bibliothek als Ort übrig geblieben. Und das in einer Stadt Deutschlands von der man annahm, es sei eine der reichsten.

Das Gebäude der ehem. WAB der DDR als Fremdkörper im 18. Jhd.

Das Gebäude der ehem. WAB der DDR als Fremdkörper im 18. Jhd.

Es dreht sich darum, dass es irgendwie nicht gelingen will, in dem historischen Grundriss eine zentrale Funktion des städtischen Lebens zu integrieren (z.B sichtbar wie in Münster oder Ulm). Die in der Grafik eingezeichneten Gebäude existieren alle noch nicht und haben auch noch keine Nutzungsbestimmung bis auf die rosa Ecken. Dennoch sollen auch die rot eingezeichneten gebaut werden. Aber auch in dem bisherigen Entwurf des Architekten ließe sich sicher andere Formen der Raumnutzung und Gestaltung finden, die der Funktion und dem Gehalt einer Bibliothek gerecht würden und gleichzeitig den Ort in der Stadt respektieren. Dafür gibt es ja genügend Beispiele in der jüngeren deutschen und europäischen Baugeschichte.

Ich kann die Situation nur so interpretieren, dass die meisten öffentlichen Diskutanten persönlich keine Stadtbibliothek brauchen. Und das stimmt ja auch. Sie sind meist nicht die eigentliche Zielgruppe, und ob ihre Kinder die Bibliothek brauchen, scheint meist auch keine Rolle zu spielen. Richtig ist auch, dass die aktuellen (Noch-)Nutzer der Stadtbibliothek in gewisser Weise zur “alten Welt” gehören, denn über die nun schon fast zwanzig jährige Nachwende-Debatte um die Stadt- und Landesbibliothek hat diese – vor allem wegen des lange Zeit enorm reduzierten Bestandsaufbaus und der zunehmend schlechten Aufenthaltsqualität im Gebäude – viele ihrer eigentlich gewünschten Nutzer verloren. Ihre “Bibliothekslobby” – ihre Stammnutzer -  scheinen ewig gestrige Buchleser zu sein. Damit erscheinen Nutzer und aktuelles Gebäude in ähnlichem Licht und vielen recht fremd. Wir wissen, dass es in Deutschland das Fremde, das Andere immer sehr schwer hat und schnell in die ‘interessantesten’ Schubladen gesteckt wird. Zum Glück wird von manchen doch noch oder wieder erkannt, dass Bibliotheken Bildungseinrichtungen sind – mit dem Problem allerdings, dass Bildung mit Buch gleichgesetzt wird.

Im gleichen Haus findet in diesen Tagen im anderen, abzureißenden Flügel die play09 statt, die kreativen Umgang mit den Neuen Medien unter dem Stichwort “creative gaming” demonstriert und erproben lässt. Dort sind die jungen und aktiven potenziellen Bibliotheksnutzer, die die Bibliothek verloren hat, und die die Lobby sein könnten. Solche Zielgruppen, Medien und Aktivitäten (die aber paradoxerweise noch fremder erscheinen) gehören in das Herz der modernen Stadt, in ihren normalerweise niederschwelligsten und höchst symbolträchtigen öffentlichen Aufenthaltsort, den die Bibliothek darstellen sollte. Schauen Sie mal im ‘Schaufenster’ der FH Potsdam vorbei für ein mögliches Beispiel für moderne bibliothekarische Arbeit.

weitere Informationen zur gesamten Debatte in der schönen Zusammenstellung hier.

weitere Beiträge: Spielball, Wissensspeicher
in der  tag-Wolke: “Stadt- und Landesbibliothek Potsdam

Stadtbibliothek Potsdam weiter Spielball (öffentliche Diskussion)

pbg

Am Dienstag, dem 1. Dezember 2009, 19.00 Uhr, werden im Alten Rathaus in Potsdam (Alter Markt, neben der FH) die Pläne zum Umbau der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam zum neuen “Wissensspeicher” erneut öffentlich vorgestellt.

An verschiedenen Stellen ist in letzter Zeit der Beschluss zur Renovierung des alten DDR Gebäudes der “Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek” des Bezirks in Frage gestellt, obwohl es einen Stadtverordnetenbeschluss dazu schon gibt. Die öffentliche Diskussion ging so weit, dass der Oberbürgermeister “ein Machtwort sprechen” musste.
Die Debatte um die Zukunft der Potsdamer Stadtbibliothek ist ein Beispiel für die aktuellen Problemlagen und Missverständnisse der Bildungspolitik in Deutschland und speziell in Brandenburg. Interessant ist vor allem der Kontrast zwischen den Empfehlungen der internationalen Unternehmensberatungsgesellschaft (Price Waterhouse Cooper) zur Einsparung und der auf rein architektonische (=Bau-) Fragen fokussierten Diskussion der Potsdamer Bürgerschaft. Den Wert und die Funktion der Bibliothek als qualitätsorientierte Bildungs- und Informationseinrichtung übersieht man gefliessentlich.
Dazu gibt es auch eine Stellungnahme in einem offenen Brief der Potsdamer Bibliotheksgesellschaft e.V. (Auszug):
Die Potsdamer Bibliotheksgesellschaft nimmt mit Verwunderung zur Kenntnis, dass die Standortfrage um die Bibliothek mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit von verschiedenen Interessengruppen thematisiert wird, so auch auf der Veranstaltung „Potsdamer Mitte im Dialog“ am 17. d.M. Hier wurde deutlich, dass man dem Problem auch mit befremdlichen Mitteln zu Leibe rückt. In einer Computer-Simulation über sogenannte Leitbauten wurde in der Art einer Puppenstube die Mitte vorgestellt und ganz allmählich auch auf den gegenwärtigen Zustand der Bibliothek hingeführt. Es war klar, dass der Kontrast beim Publikum den erwünschten Erfolg hatte. Es wurde noch nicht einmal der Versuch unternommen, das Gebäude durch entsprechende Fassadenänderungen, die durch Simulationen ja möglich wären, einzuordnen als Übergang des Ensembles der  historischen Mitte in das eigentliche Zentrum der Stadt.
In der Einladung zu der Veranstaltung heißt es:

„Es geht nicht nur um die dringend notwendige Sanierung und Instandhaltung des Gebäudes, sondern auch um eine neue inhaltliche Ausrichtung. Gemeinsam mit der Volkshochschule wird ein Ort des lebenslangen Lernens für alle entstehen“, so die Direktorin Marion Mattekat. Der Vorsitzende des Fördervereins Potsdamer Bibliotheksgesellschaft e.V., Dr. Jochen Kranert, ergänzt: „Die sanierte Bibliothek wird entscheidend zur Belebung der  Potsdamer Mitte beitragen.“

Die Potsdamer Bibliotheksgesellschaft e. V. mit ihrem Vorsitzenden, die Direktorinnen der Stadt- und Landesbibliothek und der Volkshochschule, die Kulturbeigeordnete, Vertreter des Fachbereichs Stadterneuerung und Denkmalpflege, der Kommunale Immobilienservice sowie der beauftragte Architekt werden an der Veranstaltung teilnehmen.

Mit der Veranstaltungsreihe „Potsdamer Mitte im Dialog” möchte die Landeshauptstadt in Kooperation mit den Innenstadt-Vereinen die Projekte der Potsdamer Mitte einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Auch der Dialog zwischen Bürgern und Verwaltung soll mit der Reihe intensiviert werden. „Der neue Wissensspeicher soll zu einem lebendigen Ort der Begegnung werden. Die öffentliche Diskussion über das neue Gebäude und seine Nutzung ist deshalb ausdrücklich erwünscht“, stimmt [die Kulturbeigeordnete] Dr. Iris Magdowski auf den Abend ein.

Man darf gespannt sein auf den Abend. Schön wäre eine große Beteiligung auch der für Bildung streikenden Studierenden der Bibliothekswissenschaft in Stadt und Land.