Tag Archives: Lesen

„Brauchen wir in Zukunft noch Bücher“ 
(oder ist dann alles digital)?

Screenshot 2015-07-26 14.41.59So lautete die Anfrage  der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) für die Beteiligung an einem „Diskurs“, einem ggf. polarisierenden Statement zu einem eher wissenschaftlichen Thema, bei dem zwei Autoren fast eine ganze Seite eingeräumt bekommen und gegensätzlich Stellung nehmen. Der Text erschien gekürzt und leider mit einer anderen Überschrift am 1. Juli 2015 in der MAZ. Hier die Langfassung:

Die Frage ist paradoxerweise noch dramatischer, als sie sich anhört, sie müsste eher umgekehrt lauten: brauchen uns die Bücher, denn sie sind jetzt schon „digital“. Ohne nur auf akademischen Spitzfindigkeiten zu bestehen, sollte man darauf hinweisen, dass das Wort ‚Buch‘ vom frühgermanischen ‚Bok-s‘ kommt, das Buchstabe, Rune, im Plural Schriftstück bedeutet (und nicht wie Grimm noch vermutete von dem Baum ähnlichen Namens kommt), genauso wie das lateinische ‚liber‘ den Beschreibstoff Bast oder das griechische ‚biblos‘ den Papyrus meint, auf dem Schrift und Text transportiert werden. Interessanterweise wird Buch im Frühgotischen mit Bildung gleichgesetzt genauso wie ‚litera‘ (die Buchstaben) im Lateinischen die Gelehrsamkeit ist. In diesem Sinn brauchen wir „Bücher“ sicher sogar vermehrt. Continue reading

Tag der Bibliotheken in Berlin Brandenburg

5. Tag der Bibliotheken (Graphic Recording Sophia Halamoda)

5. Tag der Bibliotheken (Graphic Recording Sophia Halamoda)

Eine kleine Rückschau auf den 5. Tag der Bibliotheken Berlin-Brandenburg gestern in der Stabi. Laut Aussagen der Veranstalter fand die Veranstaltung soviel Zuspruch wie selten. Es trafen sich fast alle „BIbliothekswesen“ (Lippolt), die in Berlin/Brandenburg „Rang und Namen“ haben, u.a. auch viele Potsdamer Absolventen an diesem sonnigen Samstag. Besonderes Highlight war das begleitende visuelle Protokollieren durch Sophia Halamoda. Continue reading

Jean Philippe Toussaint im Literarischen Colloquium in Berlin

Jean-Philippe Toussaint im LCB (Mitte sitzend)

Jean-Philippe Toussaint im LCB (Mitte sitzend)

Ein Wiedersehen nach 25 Jahren: 1988 hatte ich die Ehre, Jean-Philippe Toussaint („Das Badezimmer“), den nun recht berühmten, aber damals gerade erst entdeckten französischen Autor der Post-Nouveau-Roman Szene Frankreichs, nach Stuttgart zu einer Lesung ins Institut Français einzuladen. Dazu gab es dann auch ein Radio-Interview, in dem ich ihn im SWR vorstellen konnte. Es war eine meiner ersten Aktivitäten als Wissenschaftler in meiner ersten Anstellung am Institut für Literaturwissenschaft der Uni Stuttgart. Die zweite Aktion war übrigens die Einladung von Gérard Genette („Paratext“) nach Stuttgart.

In der Reihe „Wiedereinladungen“ war Toussaint gestern zum 50 jährigen Jubiläum des Literarischen Colloquiums (LCB) in Berlin, weil  er dort schon mehrfach Gast war.

Er stellte sein neues Buch (in deutscher Übersetzung von Joachim Unseld) vor: „Urgence et Patience“ („Die Geduld und die Dringlichkeit“ FVA 2012). Es ist sein erstes nicht-belletristisches Buch, eine Art Poetik und Reflexion zum Prozess des Schreibens und der literarischen Kreativität. U. a. zeigte er Ausschnitte aus einem Projekt, dass er letztes Jahr im Louvre durchführen konnte rund um das Thema Lesen und Buch. Ein wichtiger Punkt für ihn war die Hirnforschung der letzten Jahre, die ihn so sehr beeindruckte, dass er im Selbstexperiment dazu eine Performance veranstaltete. (vgl.: http://livre-louvre.arte.tv/2012/05/31/jean-philippe-toussaint/)

Interessant ist, dass er versucht mit „Urgence et Patience“ im Grunde die klassische Ablehnung der „Inspiration“ durch den Nouveau Roman zu relativieren: nicht nur Arbeit schafft Kreativität, gerade die Spannung zwischen Dringlichkeit („Urgence“) als Druck und Dauer der Arbeit (Patience) erzeugt dann doch so etwas wie Inspiriertheit im Schaffen.

Dies lässt sich m.E. auch auf den wissenschaftlichen Schreibprozess übertragen.

Das Literarische Colloquium Berlin gestern Abend: "Arkadien"

Das Literarische Colloquium Berlin gestern Abend: „Arkadien“

Die Notwendigkeit von Fahrbibliotheken

in der Fahrbibliothek

Ein schönes Feature im RBB Inforadio berichtet darüber, wie notwendig Bücherbusse gerade auf dem Land sind. Die Reportage ist aus Südbrandenburg: 25 Kilometer bis zum nächsten Buch, kein Konsum, keine Post und kein Führerschein…

In der Anmoderation ist der Aufhänger allerdings die zunehmende Schließung von Fahrbibliotheken in der Fläche Nordbrandenburgs und in Mecklenburg-Vorpommern.

Öffentliche Bücherregale und Bücherschränke

Ist es ein Zeichen für das Ende der Gutenbergalaxis? Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, vor einem Bücherregal zu stehen, das keinem gehört, in das man seine Bücher hineinstellen und die anderer herausnehmen kann – mitten in der Stadt. Anders als bei Bookscrossing fehlt hier der spielerische Aspekt. Es scheint eher eine Art Bibliothek im Kleinen zu sein. Ursprünglich wohl auch eher als Kunstaktion gedacht, scheint dieses Modell sehr gut zu funktionieren. In Münster z.B. wurde im Dezember 2009 sogar ein zweites eröffnet. Offensichtlich kommen kaum Fälle von Vandalismus vor: das Buch gilt immer noch als sakrosankt. Es gibt zwar auch Bibliotheken, die sich das Instrument zu nutze machen wie in Marburg, doch sind die „Regalpaten“ wohl eher Personen oder Organisationen der Zivilgesellschaft, angefangen beim Lions-Club oder Bürgervereinen bis hin zu Cafés und Restaurants.

Offener Bücherschrank in Bonn (Photo Hobohm 2014)

Offener Bücherschrank in Bonn (Photo Hobohm 2014)

Eine wirtschaftswissenschaftliche Analyse zu diesem irrealem Tauschsystem steht dem Phänomen eher ratlos gegenüber: „ein merkwürdiges Versorgungssystem“. (Prof. Piorkowsky und Studierendengruppe der Uni Bonn: Bonner_Buecherschrank_Dies2008). Die befragten Passanten und Nutzer beurteilten den öffentlichen Bücherschrank in der Poppelsdorfer Allee in Bonn in erster Linie dann nicht als Alternative zur öffentlichen Bibliothek, wenn sie aus höheren Einkommensschichten kamen. (s. Pressebericht dazu)

In der deutschen Wikipedia gibt es einen Artikel dazu. Beispiele außerhalb Deutschlands konnte ich nicht finden, bis auf die Aktion der British Telecom ihre Telefonzellen zur Verfügung zu stellen. In der Mailingliste Forumoeb gab es Anfang Dezember 2009 eine kurze Diskussion. Auch hier standen die Buchexperten dem Phänomen ratlos gegenüber und verwiesen auf ihre Beratungskompetenz: „Die diskutable Frage ist nur – „großherzige Leseförderung“ vs. Qualitätsangebot mit Beratung?“ hieß es dort.

Für mich ist es ein weiterer Beleg dafür, dass Bibliotheken nur bedingt etwas mit Büchern zu tun haben.