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Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne

Photo: Andrea Berger via Twitter

In der Blockwoche des Fachbereichs ergab sich für mich die Gelegenheit auf einer äusserst gut strukturierten und exzellent vorbereiteten Tagung zum Thema „Nationalismus im Digitalen Zeitalter“ an mein ursprüngliches Forschungsgebiet „Zensur in der Frühaufklärung“ mal wieder anzuknüpfen. Die Grafik von Dirk Helbing im Digital Manifest 2015 („Feudalismus2.0“) hatte mich an meine eigenen Forschungen in den damals noch nicht so genannten Digital Humanities erinnert, bei denen ich mit erstaunlich ähnlichen Kurven den Beginn der Moderne am Beispiel des bürgerlichen Romans für das Jahr 1737 darstellen konnte. Und ca. 280 Jahre später zeigen sich Tendenzen, die nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, sondern vielleicht tatsächlich sogar auf das Ende der Aufklärung hinweisen. Besonders interessant: in der Woche der Tagung veröffentlicht Tim Berners-Lee seinen Vorschlag für einen „Contract for the Web“ als neuen Gesellschaftsvertrag. Als Romanist ergibt sich damit die Parallele zu Rousseaus Contrat Social (1762), der zu einem vergleichbaren historischen Zeitpunkt die neuen hegemonialen Instanzen zu gesellschaftlichem Engagement und Commitment aufforderte. Bei Berners-Lee zeigt sich eine für den Informationswissenschaftler interessante Entwicklung im SSP-Schema der Semiotik: 1989: die Syntax des Web (html/http) – 2001: die Semantik des Web („Semantic Web“ als Forderung) – 2019: die Pragmatik mit „a contract for the web“. Hätte man nicht gleich bei allen Ebenen der Kommunikation beginnen sollen, wie Warren Weaver dies in seinem Begleitpapier zu Shannons Mathematical Theory of Communication 1945 schon suggerierte?

Klaus Ceynowa – These 6

Auf der Tagung wurden ansonsten recht tiefgreifend die informationsethischen Fragen der Digitalisierung diskutiert, die dadurch entstehen, dass Digitalisierung stets die Möglichkeit einer De-Kontextualisierung beinhaltet und deshalb eine ständige Re-Kontextualisierung (z.B. in Form von Aufklärung und Förderung von Geschichtsbewusstsein) erfordert. Klaus Ceynowa (BSB) betonte dabei, dass angesichts der schieren Menge an potenteiell aus dem Kontext gerissenenen Digitalisaten, die mit Metadaten zu re-kontextualisieren seien, diese Aufgabe nur maschinell zu lösen ist: diese Frage der Ethik also von der Maschine übernommen werden sollte. Wollen wir hoffen, dass diese tatsächlich „the context, this unruly beast“ (Brenda Dervin) in den Griff bekommt.

Thomas Bürger – These 4

Thomas Bürger (SLUB) empfahl einen gegensätzlichen Weg, ausgehend von der Beobachtung, dass „Wissenschaften und Gedächtniseinrichtungen es sich im akademischen Umfeld zu leicht gemacht haben und die offenkundigen Herausforderungen öffentlicher Aufklärung nicht angepackt haben“ (These 1). Die Tabuisierung des Bösen müsse angesichts seiner erneuten Verbreitung in der Digitalität „wieder auf den Tisch“ und der Giftschrank der NS-Geschichte zu einer digitalen Werkstatt der Demokratie mit starker Bürgerbeteiligung werden. Ein erfrischender Optimismus auf der der Maschine eher abgewandten Seite…

Dies nur zwei – wenn auch sehr konträre Positionen – von der Tagung, auf der mit vielen plastischen Beispielen aus unterschiedlichsten Domänen die Imminenz des Problems und das Aufscheinen einer gesellschaftlichen Disruption zum ersten Mal auf so hohem Niveau thematisiert wurde. Dank an die mutigen Organisatoren Markus Stumpf und Hans Petschar! Der in Vorbereitung befindliche Tagungsband wird mit Sicherheit ein mustread.

 

Bibliotheken sind wesentliche Orte in der Digitalität

Photo: An_ti via Twitter

Am 6. November 2019 hatte ich Gelegenheit, einige weitere Ergebnisse aus unserem europäischen Forschungsnetzwerk ALMPUB auch in Potsdam auf der Tagung der Landesfachstelle für Archive und Öffentliche Bibliotheken vorzustellen. Das Thema der Tagung war: „Die Öffentliche Bibliothek – Ankerpunkt im kommunalen Umfeld“ und damit wie geschaffen für einen Beitrag aus ALMPUB „Archives, Libraries, Museums in the public sphere„. Da sich das Projekt in der Schlussphase befindet, konnte ich aufbauend auf meinen Vortrag auf dem Bibliothekskongress im März noch weitere Ergebnisse hinzufügen, die im Sammelband des Projektes Anfang 2020 bei de Gruyter veröffentlicht werden. Vgl. z.B. die Statistiken zur Bibliotheksnutzung und -finanzierung im europäischen Vergleich, Folie 38 (s.Bidl hier) oder das Resultat der Regressionsanalyse über alle Daten, die deutlich macht, wie wichtig das Vertrauen in öffentliche Institutionen ist, was ich ab Folie 31 diskutiere. Natürlich ersetzen die Folien nicht die gesamte Präsentation, weshalb ich umso mehr auf die aktuell in Vorbereitung befindlichen Publikationen des Projektes hinweisen möchte (Schlussfolie). Ich muss insgesamt sagen, dass ich durch das dreijährige Projekt viel gelernt habe: über Demokratie, über Europa, über Bibliotheken, aber auch über die deutsche Bibliothekswissenschaft (im Kontrast).

Das Highlight der Tagung unserer Landesfachstelle war nicht die Verabschiedung ihrer langjährigen Leitung, Frau Doris Stoll – das war eher ein trauriger Moment, da mit ihrem Ausscheiden die gesamte Zukunft der Bibliotheken in Brandenburg in Frage gestellt ist. Das Highlight war der Vortrag von Aat Vos, dem Leiter des Architekturbüros, das derzeit in ganz Europa Bibliotheken zu veritablen Dritten Orten umbaut. Eigentlich konnte ich diesem Vortrag wenig hinzufügen, von der Ästhetik, der Performanz des Vortrags und von seinen Beispielen.

Andreas Mittrowan machte deutlich, dass unsere Moderationsausbildung im Master Informationswissenschaften genau das ist, was die Praxis derzeit braucht (von Personas, über Open Spaces, Fokus Gruppen und World Cafés bis zu Design Thinking). #ZW09 sei gegrüßt!

Alle Vorträge passten wunderbar zusammen und ineinander, so dass auch der leicht pessimistische, technologische Ausblick von Thorsten Koch (KOBV) einiges abrunden konnte, was vorher von anderen gesagt wurde. Aber auch er konnte damit sehr gut begründen, wie nötig öffentliche Infrastruktur und vertrauensbildende Einrichtungen des Gemeinwohls wie Bibliotheken sind und bleiben. Von wegen Tragedy of Commons! Eher die Wiederentdeckung der Fundamentalökonomie.

Ein Brief an die Informationswissenschaft

Nassehi, Armin: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft.  München: C.H.Beck, 2019. 352 S. – Hardcover, EUR 26,-, ISBN 978 3 406 74024 4

Das Buch des „wohl einflussreichsten deutschen Soziologen“ (Verlagswerbung), erschien am 28. August. Schon in den folgenden Wochen war es auf allen Feuilleton Seiten und in vielen Sachbuch Bestsellerlisten. Der Verlag vermeldet sehr bald eine zweite Auflage „Aufgrund der großen Nachfrage “ (pers. Mitteilung des Verlags). Es scheint also ziemlich den Nerv der Zeit zu treffen, die nach etlichen alarmistischen Beschreibungen der Digitalen Transformation wie der von Yuval Harari (Homo Deus), jetzt doch von einem Gesellschaftsexperten erklärt bekommen möchte, was es mit der aktuellen Computerrevolution nun so auf sich hat.  Continue reading

Bibliotheken und Demokratie

Photo: Barbara Fischer (@fischerdata via Twitter)

Auf dem BID Kongress letzte Woche gab es dazu eine Reihe von Sessions und Podiumsdiskussionen. Im „Themenkreis“ 1: Politisch sein / Politisch handeln konnte ich einige erste Ergebnisse unseres europäischen Netzwerkprojektes ALMPUB vorstellen (20.03.2019, 09:00 – 11:00 Uhr, Saal 5). Der nicht kleine Saal 5 war besetzt bis auf den letzten Platz  und einige Zuhörer mussten stehen. Obwohl der Kongress 4600 Teilnehmer hatte, soll dies nicht bei allen Vorträgen der Fall gewesen sein (z.B. bei Datenthemen…?, heißt es). Ein bemerkenswertes Zeichen.

In der Vorbereitung zu dem Vortrag (der auch ausformuliert für die Proceedings eingereicht wird) hatte ich das Vergnügen, mich auch mal wieder in politische Theorie einzuarbeiten und musste feststellen, dass der alte Habermas mit seinem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, der im nordischen und anglo-amerikanischen mit dem Schlagwort „public sphere“ gerade gut rezipiert wird, in der frankophonen Politikwissenschaft schon einige Gegenmodelle erfahren hat, die teilweise auch schon länger in meinem Regal stehen (Lyotards Différend). Der Ansatz und Antrag zum Forschungsprojekt ALMPUB geht jedoch noch von Habermas aus und noch nicht einmal von Adorno/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“). Vielleicht wird die noch nicht abgeschlossene Diskussion im Projekt dies noch auffangen können.

Der Foliensatz ist natürlich nicht in allen Fällen für sich selbst sprechend. Dazu fehlt der Audioanteil ;-). Dennoch hier die Slideshare-Fassung, die leicht abweicht von der OPUS Publikation des BIB. Letztere hat jedoch eine zitierbare URN: urn:nbn:de:0290-opus4-161932

Digitalisierung als Religion

Ja, es ist wohl dringlich, sich weiter mit der „Informationsgesellschaft“ auseinanderzusetzen. Die Publikationen dazu häufen sich, mal kritisch, mal alarmistisch, mal metaphysisch. Insbesondere ist der erste Bestandteil des Kompositums offensichtlich irritierend, wenn zu beobachten ist, dass „Information“ nicht mehr (wie früher) mit Wahrheit zu tun haben muss.

Der Jenaer Politologe Robert Feustel hat dazu eine spannende Studie [1] vorgelegt, die unter den Konzepten der Informationstheorie und der Kybernetik, den der Postmoderne-Diskussion in die Schuhe geschobene Werteverlust nun der „Informationstheorie“ vermacht.

Der Aufmacher seines Buches ist ein Zitat eines unserer großen Informationswissenschaftler, Fred Dretske, das ich persönlich im Kontext des Vorworts von „Knowledge and the Flow of Information“ anders lesen würde.

„In the beginning there was information. The word came later. The transition was achieved by the development of organisms with the capacity for selectively exploiting this information in order to survive and perpetuate their kind. It is common to think of information as a much later arrival on the evolutionary scene, as something that depends on the interpretive efforts—and, hence, prior existence—of intelligent life. According to this view, something only becomes information when it is assigned a significance, interpreted as a sign, by some cognitive agent. Beauty is in the eye of the beholder, and information is in the head of the receiver. To speak of information as out there, independent of its actual or potential use by some interpreter, and antedating the historical appearance of all intelligent life, is bad metaphysics. Information is an artifact, a way of describing the significance for some agent of intrinsically meaningless events“ ([2] S. VII).

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