Tag Archives: Geschichte

Fachgeschichte – Richtungsstreit und Öffnung der Bibliotheken in den letzten 100 Jahren

Auf der Podiumsdiskussion letzte Woche und in einem meiner Seminare wurde der sog. Richtungsstreit und die „Bücherhallenbewegung“ des deutschen Bibliothekswesens angesprochen. Nur um uns alle auf den Informationsgleichstand zu bringen, möchte ich hier aus dem Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Stuttgart 2014, S. 779f) zitieren und desweiteren auf den Beitrag von Ragnar Audunson hinweisen, von dem ich dieses sicher nicht unproblematische Argument habe, dass wir ein auch historisches Fachverständnis (eine “ ‘professional civic self-cultivation’ (Bildung)“ (sic), wie er schreibt) brauchen.

Ragnar Andreas Audunson (Oslo): Do We Need a New Approach to Library and Information Science? In: BIBLIOTHEK 42 (2018) Nr. 2, S. 357–362.

Ich bitte diesen Blogpost nicht misszuverstehen.

Vom Ort zum Akteur

Vortrag auf dem Sympsoium 10 Jahre Libreas (Photo: @kartens)

Vortrag auf dem Symposium 10 Jahre Libreas (Photo: @kartens)

Wie sehr sich Vortrag und Zeitschriftenbeitrag unterscheiden werden nur diejenigen sehen, die bei dem Symposium „10 Jahre Libreas“ dabei waren. Ich danke den Herausgebern der Libreas, dass Sie so viel Geduld hatten mit der Publikation der Jubiläumsausgabe 28 „Bibliothek als Idee“, zu der ich meinen Vortrag vom Symposium als Beitrag einreichen durfte. Semesterbeginn und eine Reihe von weiteren Tagungen brachten die Verschriftlichung meines Textes etwas in Verzug.

In der Vortragsversion hatte ich viele Bilder, die in der eigentlichen Publikation aus urheberrechtlichen Gründen nicht aufgenommen werden konnten, so z.B. die beiden Photos, die man hier unscharf sehen kann. Sie zeigen den Prozess der Reduktion und der Amplifikation, die Bruno Latour (1996) als die Sammlungs- und Erschließungsarbeit des Wissenschafters in Zusammenarbeit mit seiner (Informations-)Infrastruktur in „Ces réseaux que la raison ignore – laboratoires, bibliothèques, collections“ beschreibt.

In Vortrag und Text habe ich den gewagten Versuch unternommen, Michel Foucault und Bruno Latour über das Phänomen Bibliothek zusammenzudenken. Beide sind für mich fast die einzigen der „großen Denker“, die sich ernsthaft mit der Bibliothek auseinander gesetzt haben – wenn auch selbst nur am Rande. Vieles was ich hier versuche, ergab einen großen Bogen zu meinen frühen Studien der Literaturwissenschaft bei Greimas-Schüler Philippe Hamon in Rennes, dem Narratologen Gerard Genette oder der Semiotikerin Julia Kristeva in Paris. Ich hätte nicht gedacht, dass mein oft von Kollegen belächelter Text zur „Weisheit des Textes“ (1991) doch erneut Früchte trägt. Und die Sage-Femme Aleida Assmann immer wieder ihre Hebammenweisheit austrahlt.

Allerdings ergibt dies für Bibliothekare zugegeben schwer verdauliche Kost: Hans-Christoph Hobohm, „Vom Ort zum Akteur. Heterotopologie + Akteur-Network-Theorie auf die Bibliothek bezogen“. LIBREAS. Library Ideas, 28 (2015). http://libreas.eu/ausgabe28/06hobohm/

 

Geschichte – revisited

Cover Geschichte in den Fächern

Cover Geschichte in den Fächern, FHP 2015

Als Ergebnis des neuen Diskussionsformats „Kompetenztisch“ an der Hochschule erschien diese Woche der erste Band im FHP Verlag mit den Texten aus verschiedenen Fächern herausgegeben von Susanne Freund. Naturgemäß dominiert etwas der Fachbereich Informationswissenschaften vor allem mit seinem Bereich Archivwissenschaft. Hartwig Walberg berichtet über Stadtgeschichtsforschung, Karin Schwarz über das Entstehen von Geschichte im Digitalen und Susanne Freund über Interdisziplinarität in der Digitalisierung als Zukunftsperspektive. Aber auch der genuin informationswissenschaftliche Anteil an dem Band ist beachtlich mit einem Text von Angela Schreyer (mit Andreas Kahlow) zur historischen Dokumentation bei der Holzmann AG und einem Text von mir zur Geschichte der Fachinformation, der größere Aktualität gar nicht haben konnte angesichts der Neueinführung von Fachinformation im deutschen Bibliothekswesen.

Der Blick über den Tellerrand (vulgo „Interdisziplinarität“) ist gerade hier besonders interessant, wenn z.B. Andreas Kahlow (Fachbereich Bauingenieurwesen) über Konstruktionsgeschichte schreibt oder der Medientheoretiker Jan Distelmeyer über „Wechselwirkungen – Geschichte und Theorie der technischen Medien“, so ergeben sich spannende Interferenzen zur Raumdiskussion bzw. zur Frage des Interface in den Informationswissenschaften.

Dennoch: gerade die Nebeneinanderstellung der Texte (Distelmeyer würde sagen: die „mise-en-scène“) macht deutlich, wie wenig selbst an einem so fassbaren Konzept wie „Geschichte“ der interdisziplinäre Diskurs fehlt und es zu keinem Austausch kommt. Selbst innerhalb des einen Fachbereichs, der diesen Band besonders bestimmt. Eine Transdisziplinarität, wie der Untertitel des Bandes sie suggeriert ist via Geschichtswissenschaft nicht wirklich erkennbar wenn es keine gemeinsame fachliche Basis – etwa in Form einer geschichtswissenschaftlichen Methodendiskussion oder eines gemeinsamen didaktischen Ansatzes – gibt.

-> Hier der komplette Band Open Access.

 

 

Rezension von R. Birn: Royal Censorship of Books in Eighteenth Century France

Birn 2012 - Royal censorship of booksNicht nur, dass mir der 5. I-Science Day zum Thema Digital Humanities die Gelegenheit gab, an meine wissenschaftlichen Ursprünge reflektierend zurückzukehren – gleichzeitig hatte sich auch die Gelegenheit ergeben, wieder einmal genuin (wenn auch nur mit einer Rezension) zu meinem alten Dissertationsthema zu veröffentlichen.

In der renommierten Francia-Online auf der perpectivia.net Publikations-Plattform der Geisteswissenschaften ist soeben eine Rezension von mir erschienen zu dem interessanten Buch von Raymond Birn, mit dem ich in den 1980er Jahren immer wieder zusammen in den heiligen Hallen der Pariser Bibliotheken und Archive nach Zensurakten gestöbert hatte.

Hier die elektronische Kopie der Rezension im Originalwortlaut (aus Dokumentations- und Archiverungsgründen, sowie die PDF Version):

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Francia-Recensio 2014/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Raymond Birn, Royal Censorship of Books in Eighteenth-Century France, Palo Alto (Stanford University Press) 2012, XII–195 p., ISBN 978-0-8047-6359-2, EUR 55,99.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Hans-Christoph Hobohm, Potsdam

Die Faszination des Verbots trägt schon seit jeher das Interesse an Zensurforschung. Allzu häufig wird dabei eine Dichotomie aufgebaut zwischen intoleranter Rückwärtsgewandtheit und der Unterdrückung »moderner« Ideen. Die Rezeption des achtzehnten Jahrhunderts als Zeitalter des Durchbruchs der Aufklärung ist hierfür ein Paradebeispiel: der Kampf der aufklärerischen Ideen gegen das Ancien Régime führt zur Revolution und dem Sturz des Regimes! Dass diese Weltsicht eine verkürzte ist, wird immer wieder vermutet, auch wenn der Mythos eines grundsätzlichen Antagonismus weiterhin sehr präsent ist. Es ist das Verdienst des vorliegenden Buches auf sehr anschauliche und gut lesbare Weise die eigentliche Komplexität der Verhältnisse zu beleuchten. Die Standards und Praktiken der Zensoren zu Beginn des 18. Jahrhundert legen z. B den Grundstein für Exaktheit und empirische Evidenz wie sie später die Autoren der Aufklärung prägen. Unter Kanzler Louis II Phélypeaux, comte de Pontchartrain (1643–1727) entsteht im Grunde die Zensurverwaltung, die die französische Buchproduktion das folgende Jahrhundert prägt. So wird im Jahre 1718 das offizielle Register der »permissions tacites« angelegt, mit dem eine Praxis dokumentiert wird, die Jahrzehnte existiert oder es wird gerade auch in Auseinandersetzung mit dem Parlement de Paris die Repressivzensur explizit geregelt, die später in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur systematisch organisierten Police de Livres führt1.

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Diskursanalyse in der Geschichtswissenschaft

„Très chic“ titelte Oliver Jungen seinen Bericht in der FAZ vom 1.4. über eine Tagung an der Uni Düsseldorf. Die „Internationale Tagung zum Stand der Diskursanalyse in den Geschichtswissenschaften“ – „Diskursiver Wandel“ versammelte die junge Generation der Historiker, die – wie Jungen schreibt –  anders als die „Altvorderen“ Wehler, Evans u.a. nun auch in Deutschland die Foucaultsche Diskursanalyse für die Geschichtswissenschaft entdeckt haben. Die Tagung war sehr gut besucht von den „schwarz gekleideten“ jüngsten Fans von Michel Foucault. Der Tagungsbericht zeigt ein buntes Bild dessen, was z.Zt. unter Diskurs verstanden wird und der FAZ Kommentar dazu weist zurecht auf die Beliebigkeit dieses Begriffs hin, der oft eher Motiv-  und Begriffsgeschichte hervorbringt als die machtanalytische Diskurskritik Foucaults.

Dennoch macht dies auf zweierlei aufmerksam: wie langsam Deutschland in der Aufnahme großer internationaler Trends ist (Foucault ist schon wieder ziemlich out in den USA) und dass eine Art Diskursanalyse dennoch im Begriff ist, Mainstream der Geschichtswissenschaft zu werden. Wenn man sich allerdings genauer anschaut, wie diese „neue“ Geschichtswissenschaft betrieben wird, kann man anfangen, sich ernsthafte Sorgen darüber zu machen, ob denn genügend und die richtigen Informationsquellen für eine Diskursanalyse für die zweite Hälfte der 20sten Jahrhunderts zur Verfügung stehen werden.

Wie auch bei der Präsentation der Zukunftswerkstatt im Münzsalon letzten Mittwoch in Berlin eine Zuhörerin die anwesenden Bibliothekare fragte, warum denn nur Bücher digitalisiert würden – sie meinte, warum nicht auch die digitale Informationsmedien, mit denen jetzt die meisten „Kulturschaffenden“ fast ausschließlich arbeiten, nicht auch in den Digitalen Archiven und Bibliotheken vorgehalten und gesichtert würden.

Auf den Berufungsvorträgen zu unserer archivwissenschaftlichen Eckprofessur letzte Woche wurde mir als Nicht-Archivar (aber Sozialhistoriker) deutlich, dass die Art Material, die ich nutzen konnte zur Diskursanalyse des 18. Jahrhunderts (Prozessdokumentationen der staatlichen Zensurbehörden in Paris) ab Einführung der EDV in den Verwaltungen in der Mitte des 20. Jhds. nicht mehr möglich sein wird. Nicht weil die Daten physisch verloren gehen („digitaler Papierzerfall“), sondern vor allem, weil es keinen gibt, der die seit 30 Jahren angewandten, elektronischen „Fachverfahren“ dokumentiert / sichert. Nicht Zerfall der Informationsträger, sondern Zerfall der Institution – oder fehlende Ausdifferenzierung: aufgrund der GEschwindigkeit der Entwicklung noch (?) fehlende neue Institutionen. Archivare und Bibliothekare sollten wohl doch mehr selber fachwissenschaftliche Forschung betreiben, damit sie verstehen, was sie dokumentieren müssen.

Wieder einmal sieht man dabei, dass Information ziemlich wenig mit Informationstechnik zu tun hat, sondern eher der „Balken im Auge“ ist. Und in diesem Sinn bin ich recht froh, schon zur älteren Generation zu gehören. Nur meinen Sohn bedauere ich.