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Nikolaus Wegmanns ‚Bücherlabyrinthe‘ immer noch aktuell

Cover Wegmann 2000In seiner Antrittsvorlesung als nebenberuflicher Professor unseres Fachbereichs wies Prof. Dr. Thomas Stäcker (Vortrag 22.11.17 mit dem schönen Titel: „Die Bibliothek als Schnittstelle – Überlegungen zur Funktion von Bibliotheken im digitalen Zeitalter„) an mehreren Stellen auf Nikolaus Wegmanns Bücherlabyrinthe [1].

Neben den Kopenhagener Papieren wie dem Four-Spaces/Three Functions model, das die Basis bildete für DOKK1 in Aarhus, dem New Librarianship von David Lankes, der französischen Analyse zum Digitalen Dokument mit der Gruppe Roger T. Pédauque, dem neuen Blick auf den Katalog durch Markus Krajewski gehört dieses Buch für mich immer noch zum Kanon der deutschen LIS (Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Thomas Stäcker, der lange Jahre in Wolfenbüttel im wahren Sinne des Wortes im dortigen Bücherlabyrinth gearbeitet hat und seit kurzem die Universitätsbibliothek der TU Darmstadt (mit seiner restlichen 75%-Stelle) leitet, erwähnte und zitierte Wegmann und Pédauque recht zentral. Lankes, Four Spaces und Krajewski kamen jedoch (noch) nicht vor.

Interessant ist aber vor allem, dass hier versucht wurde, eine Verbindung zu schaffen zwischen dem eher medienwissenschaftlichen Ansatz zur Erklärung des Dokuments im Digitalen Zeitalter (Pédauque und Wegmann) mit aktuellen Entwicklungen der Bibliotheksinformatik. Passend war ja auch, dass der Semantic Layer Cake von Tim Berners-Lee in die Argumentation eingebracht wurde, wo wir im Masterkolloquium in der Sitzung davor beim Thema Blockchain (Vortrag von Lambert Heller) ebenfalls über „Vertrauen“ in der Digitalen Transformation diskutiert haben. Unser Masterstudiengangs Informationswissenschaften hatte ja zudem das Thema „Schnittstelle/Interface“ und „Transfer/Vermittlung“ selbst schon als gemeinsamen Ausgangspunkt auf der ersten Klausurtagung des Fachbereichs im Jahre 2009 gewählt. Bemerkenswert an der Reise des Masterstudiengangs bis zur Re-Akkreditierung in diesem Jahr ist allerdings vor allem, dass wir zunehmend betonen, dass beim Konzept Information „genauer hingeschaut“ werden muss. Im Übrigen haben wir auf unser Modul zu Semantic Web verzichtet, nicht nur weil es in der Praxis (noch?) keine Rolle gespielt hat, sondern, weil hier offensichtlich eine eher konzeptionelle Sackgasse vorliegt. Der Keynote Vortrag von Manfred Thaller auf dem letzten Masterday wies ja ebenfalls darauf hin und gab weitere Unterstützung und Anregung dafür, dass die LIS („Library and Information Sciences“) „have to digg deeper“ …. und das von einer eigentlich unverdächtigen Autorität der Digital Humanities, in deren Richtung der Fachbereich nun gerne gehen möchte (vgl. dazu hier im Blog).

Vieles fügt sich für mich zusammen: so wie Pédauque und Jean Michel Salaün den digitalen Wandel der Institutionen über die Funktionen des Dokuments neu deklinieren (und die Bibliothek als Ort der Lesbarmachung des Textes definieren), die Kopenhagener um Henrik Jochumsen dies über den dritten Ort und partizipativen Raum der Bibliothek in der Community machen, so schaut Markus Krajewski [2] besonders genau auf die Schnittstelle in ihrem Wandel und weist auf verlorene Funktionen dieser Urinstitution. Insbesondere bei David Lankes ist dann die Schnittstelle der Kommunikation mit der Kybernetik Gordon Pasks die Fundierung für eine neue Sicht auf Bibliotheken als Katalysatoren des Wissens in den Communities [3]. Auch die noch offene Diskussion über die Grundlagen der Informationswissenschaft im engeren Sinn, zeigt für mich in die gleiche Richtung [4], wenn z.B. Jonathan Furner, aber auch Michael Buckland darauf insistieren, dass LIS eher eine kulturwissenschaftliche als eine technologische Basis haben (sollten) [5].

In dieser Reihe sehe ich schon immer Nikolaus Wegmanns Buch als einen Ausgangspunkt. In der Lehre nutzen wir ja auch immer wieder einzelne Kapitel als Einstiegslektüre z.B. zum Thema „Informationsbewertung“ oder zu Fragen der Intertextualität bei Lektüre und Retrieval. Seine Herangehensweise bringt die Diskussion ähnlich wie die Krajewskis oder in anderem Kontext: die Gedächtniskonzeptionen von Aleida und Jan Assmann, immer wieder auf prinzipielle Fragen wie sie bei der Institution Bibliothek, dem wissensvermittelnden und -produzierenden Medium und der Informationssuche immer schon zentral waren. Wie das Kaninchen vor der Schlange der Digitalisierung stehend vergessen wir zuviele solcher Grundlagen. Offensichtlich haben wir aber z.Zt. die Chance einer Rückbesinnung, weil viele aufgrund der Auswirkungen der Digitalen Disruption und ihrer Beschleunigung doch prinzipiellere Fragen stellen. Eine ruhigere und tiefergehende Reflexion der Grundlagen tut Not – nicht nur um das eigene informationstechnische Tun zu verstehen, sondern vielleicht auch um zu erkennen, was das alexandrinische Zeitalter mit uns macht. Wegmann lässt dabei immer wieder (bis jetzt noch:) vertrauenswürdige Autoritäten wie Goethe, Lessing, Herder, Nietzsche, Musil, Derrida oder Gumbrecht zu Wort kommen, die sich schon länger mit Fragen der Informationsflut und des Findens wertvoller Informationen beschäftigt hatten.

Dank an Thomas Stäcker, hieran erinnert zu haben.

[1] Wegmann, Nikolaus (2000): Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter. Köln u.a.: Böhlau.

[2] Krajewski, Markus (2011): Gewandelte Zentralinstanz. Vom Bibliotheksdiener zum OPAC. In: Uwe Jochum und Armin Schlechter (Hg.): Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des Analogen. Frankfurt am Main: Klostermann, S. 37–52. (spannend auch seine: Paper machines. About cards & catalogs, 1548-1929. Cambridge, Mass: MIT Press, 2011  (History and foundations of information science)).

[3] Lankes, R. David (2011): The atlas of new librarianship. Cambridge, Mass: MIT Press.

[4] Ibekwe-SanJuan, Fidelia; Dousa, Thomas M. (Hg.) (2014): Theories of Information, Communication and Knowledge. A Multidisciplinary Approach. Dordrecht: Springer Netherlands (Studies in History and Philosophy of Science, 34).

[5] Furner, Jonathan (2015): Information Science is Neither. In: Library Trends 63 (3), S. 362-377; Buckland, Michael (2017): Information and Society. Cumberland: MIT Press (The MIT Press Essential Knowledge Series).

Document numérique / Digitales Dokument

Zur Renaissance des Dokumentbegriffs konnte ich unlängst anlässlich einer internationalen Tagung Stellung nehmen (vgl. vorherigen Post).

Hier ein Auszug aus diesem Text (Can Digital Libraries Generate Knowledge? In: Historical Social Research 37 (2012) 3, S. 218–229.):

[…]

Information and Documents
“Information” technology is such an omnipresent and powerful domain that the fact that it bears this term in its name would indicate a clear understanding of what information is. Digital libraries show how wonderful the information age can be, leaving us to play with vast amounts of ”information” – or at least information objects processed by information technology. It might seem astonishing, but from the perspective of an information scientist it is legitimate to question this immediate assumption that IT is all about information.
A group of French information scientists publishing under the pseudonym “Roger T. Pédauque” (2006, 2007) recently discussed the development of widespread digitisation under the topic of “re-documentarisation of the world”. By this they were pointing to the fact that we are experiencing global movements similar to when documentation was first invented some 150 years ago. Paul Otlet, Melvil Dewey and others developed the idea that a universal knowledge classification system might help us to master the information flood and at the same time might even advance mankind. The concept of the World Wide Web and especially the semantic web is not far removed from this idea. On the other hand, Pédauque brings to mind the old epistemological discussion of what a document is. Early information scientists did not talk about information but about documents and the process of documentation. It is only fairly recently that institutions such as specialised graduate schools, journals or organisations dropped the word “documentation” and sometimes even “library” in order to concentrate on the word “information”, like the so-called iSchools which mostly started off as “library schools”. A striking example of this quest

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for a more legitimising naming of an institution is the “American Society of Information Science and Technology”. It began in 1937 as the “American Documentation Institute” (ADI), adopted Information Science (ASIS) in 1968 and only in 2000 added the word “Technology” to its name to become ASIS&T.
New technological possibilities which give rise to the semantic web remind us that what is distributed via networks is not information but objects, even if they are treated “semantically”. When these objects play a role in an information process, they become documents which indeed not only transport information but also represent evidence, like the antelope in the zoo which often serves as an example of a non-textual document made famous by Susan Briet (1951). In this respect digital library resources are documents.

Figure 1: The Three Dimensions of the Document: As Sign and Form (S) As Text and Content (T) and As Medium or Relationship (M) (Pédauque 2006)

Pédauque sees digital documents in three dimensions which correspond to the semiotic triangle: they are a sign and they have a form and a digital structure (S) which must be perceived (seen, heard: “vu”), thus emerging from chaos (silence, noise). They serve as a “text” or content (T) which can be read and understood (“lu”), which helps to surmount “cacophony” (confusion, sensation). And finally they are a communication medium (M) which is known (“su”) at a certain level of relationship, serving as a function against oblivion (ephemeral, intimate).
This reconceptualisation of the document “reformulated for electronic documents” (Pédauque 2006) sheds light on the resources of Digital Libraries. We recognise the objects that are processed, described and stored in our systems. Taking all three dimensions as being equally important, we also understand a certain bias or perhaps certain underdeveloped aspects. My impression is that the existing Digital Library frameworks (Candela et al. 2007, Gonçalves et al. 2008) still continue to stick too closely to the “forms and signs” dimension of the document, neglecting understanding (“lu”) and social knowledge (“su”). Having said above that a resource in the Digital Library becomes “published information” when it is integrated into the system

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(and thus perceivable by a user), it now becomes clear that this statement was not far reaching enough. If we accept that the objects we integrate into the Digital Library are documents, we should also acknowledge their role both as a text and as a medium.

[…]

References for this extract:

Briet, Suzanne. 1951. Qu’est-ce que la documentation? Paris: Éditions documentaires, industrielles et techniques.

Candela, Leonardo et al. 2007. Setting the Foundations of Digital Libraries. The DELOS Manifesto. D-Lib Magazine 13. Available online at <http://www.dlib.org/dlib/march07/castelli/03castelli.html>, (Accessed April 15, 2012)

Gonçalves, Marcos André, Edward A. Fox, and Layne T. Watson. 2008. Towards a digital library theory: a formal digital library ontology. International Journal of Digital Libraries 8 (2): 91-114.

Pédauque, Roger T. 2006. Le document à la lumière du numérique. Caen: C & F éditions. (English version: Document : form, sign and medium, as reformulated for electronic documents <http://archivesic.ccsd.cnrs.fr/docs/00/06/22/28/PDF/
sic_00000594.pdf>. (Accessed March 10, 2011)

Pédauque, Roger T. 2007. La redocumentarisation du monde. Toulouse: Cépaduès-éditions.

 

 

Beitrag zur Digitalen Bibliothek veröffentlicht

Mein Text zur Debatte um Digitale Bibliotheken in der Computerphilologie auf dem „Cologne Dialogue on Digital Humanities“ ist in print erschienen:

Hobohm, Hans-Christoph (2012): Can Digital Libraries Generate Knowledge? In: Historical Social Research 37 (3), S. 218–229.

Endlich einmal wieder eine Publikation in der HSR!

Ich möchte auf diesen Text besonders aufmerksam machen, weil ich hier das Dokumentkonzept von R.T.Pédauque vorstelle, das Stefan Gradmann in der aktuellen Ausgabe der IWP im Editorial erwähnt. Ich hoffe, dass meine Darstellung des digitalen Dokuments in der digitalen Bibliothek etwas zur Verbreitung dieses interessanten und wie ich finde richtige Ansatz beitragen kann. Das ausgefeilte Modell von Pédauque und Salaün ist nicht ganz einfach in germanische Ohren übertragbar und ich würde mich über Kommentare dazu sehr freuen, ob dies gelungen ist (hier der entsprechende Auszug). Ich hatte dies schon öfter in meinen Seminaren erwähnt und entsprechendes Material in Moodle hochgeladen, bzw. hier im Blog thematisiert.

Die Publikationspolitik der GESIS ist leider noch nicht bei Open Access angekommen, deshalb ist der Hinweis auf die Tagungsseite erneut angebracht: dort befindet sich die Vortragsversion sowie die Präsentation samt Video des Vortrags. Außerdem gibt es hier auch Kommentare des Dialogpartners Ed Fox.

Der Hauptunterschied zwischen der Printpublikation und der „Endversion“ auf der Tagungswebsite ist die Paginierung bzw. einige kleinere Fehlerkorrekturen.

Hier auch gleich der direkte Link zu dem YouTuve Video:

Reuß: das Buch fördert kritische Reflektion zu Tage

Prof. Dr. Roland Reuß am 11.1.12 in Potsdam

Roland Reuß in der Druckerei Rüss in Potsdam

Der mit Spannung erwartete Vortragsabend mit Roland Reuß in der Reihe „Das Buch im Digitalen Zeitalter“ hat alle Erwartungen erfüllt. Der streitbare Literatur-wissenschaftler und Medienkritiker lieferte frei und ohne Powerpoint Untermalung ein Feuerwerk seiner Argumente für einen qualitätsbezogenen Wissenschafts- und Medienumgang. Sein Vortrag war nicht nur eindimensional auf den angekündigten Titel „Das Buch als Individuum“ ausgerichtet. Man hätte hier reichlich Reflektionen zu Buchgeschichte, Philologie oder Typographie erwarten können. Vielmehr belegte Reuß viele seiner auch aus der breiteren Presse bekannten Thesen mit sehr persönlichen, anschaulichen Beispielen, so dass es auch kritischen Zuhörern schwer fiel zu kontern. Der Vortrag bewies somit eine seiner zentralen Thesen durch sich selbst: das Buch in seiner (haptischen und analogen) Materialisierung fördert kritische Reflektion zu Tage, und zwar im Zusammenhang mit seiner Produktion und seiner Rezeption. Beim Verfassen eines Buches gibt es den Zeitpunkt ab dem die Publikation „gilt“ und nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann und die Rezeption eines Buches (bzw. hier: eines Vortrags) erfordert, oder zumindest: ermöglicht, die konzentrierte Hinwendung auf die Gedanken des anderen. Die Materialisierung des Gedankens in der analogen Welt – und sei es die der persönlchen Begegnung mit dem Autor – hat andere Qualitäten als das Digitale und Vernetzte. Mit dem Digitalen, so Reuß, ist es wie mit anderen Drogen: irgendwann ist man es leid. Oder wie mit Masern: die gehen vorbei. Die Geschwindigkeit des Produzierens und Konsumierens in der aktuellen Digitalen Gesellschaft behindert zumindest die Konzentrationsfähigkeit und reduziert damit die kritische Urteilskraft.

Begrüßung durch den Hausherrn, Christian Rüss

In diesem Zusammenhang beklagte er auch eine Immunisierung gegenüber Kritik bei der Reflektion über das Neue, die mit eben jenem Verlust von Urteilskraft einhergehe. Er sieht deshalb seine Interventionen als eminent politisch und bezogen auf die uralte Kernfrage: „wie erhöht man den Bildungsstand einer Gesellschaft?“. Er las hierzu aus dem Buch von John Ruskin „Sesam und Lilien“, der 1864 schon forderte, für die Slums in Manchester „Schatzkammern des Königs“ (=Bibliotheken) zu errichten um den Bildungsstand zum Wohle der Volkswirtschaft zu heben.  Reuß betonte immer wieder, dass er sich nicht als konservativ verstehe. Er verweist dabei auf seine intensive und langjährige Zusammenarbeit mit dem Stroemfeld Verlag / Roter Stern, beklagt aber: „Linke können nicht um die Ecke denken“ und verstehen nicht die Vorgehensweisen und Positionen der Großkonzerne gerade im Medienbereich. Seine Kritik am Internet fasst er provokativ zusammen: es ist für Leute, die Materialität haben wollen, aber nicht kriegen können, er nennt es deshalb pornographisch – die quantitaitiv große Verbreitung von Pornographie im Internet als Beleg dafür nennend. Zusätzlich verleitet die neue Technologie mit seiner unendlichen Perfektibilität dazu, nie einen Abschluss zu finden. Das Analoge, als Verkörperungdes Gedankens zwingt zu einer verantwortlichen Repräsentation dessen, „was gilt“. Es zwingt zu Autorschaft durch seine Stabilität und Referenzierbarkeit. „Zitieren Sie mal aus einem eBook!“ Der Open Access Gedanke der freien Zugänglichkeit von Publikationen im Netz sei nicht neu („ein Märchen“): dies haben Bibliotheken immer schon geboten. Warum nun zur „weltweiten Befreiungsbewegung“ die Verfügbarmachung von schlecht digitalisierten Handschriften ohne kritischen Editionsapparat, der das Verständnis alter Kulturproduktionen überhaupt erst ermöglicht, gehöre, sei nicht nachvollziehbar. „Was soll der Onlinezugriff auf eine unleserliche Handschrift von Hölderlin in Ghana?“

Karen Falke (Leiterin des Informationszentrums Informationswissenschaft und der Hochschulbibliothek) führt in den Vortragsabend ein

Es ist eben einfacher, schnelle Quantität zu produzieren als bildungsrelevante mühevolle Qualität. Dies diene eher im Grunde den Großkonzernen des Verlagswesens bzw. der Politik (in Gestalt der DFG). Er bezeichnet die Open Access Bewegung deshalb als den Versuch der „Abkoppelung der schreibenden Intelligenz vom Verlagssystem“. Die staatliche subventionierte Publikationsmaschine in Form von Repositories, Publikationszuschüssen und der Verpflichtung von Autoren für die Publikation zu zahlen, sieht er im Gegensatz zur Verwertung durch die Nachfrage der Leser und der darauf bezogenen privaten Investition eines Verlegers in die Kreativität von Autoren als tendenziell forschungsfeindlich und totalitär. Wissenschaft sei in erster Linie intrinsisch motiviert und ließe sich nicht über Publikationsquoten und Repository-Eintragspflichten der Universität steuern. Als typischer Geisteswissenschaftler verortet er die meiste wissenschaftliche Erkenntnisproduktion in der Freizeit des Wissenschaftlers – der ja sowieso schon eine Arbeitszeit von 80 Wochenstunden habe. Hier staatlich zu regeln und auf die kreativitätsfördernde Atmosphäre der verlegerischen Betreung und Förderung verzichten zu wollen, sei außerordentlich gefährlich. Jeder Prof könne seine Amtspflichten allein mit Lehr- und Verwaltungsaufgaben auf die ’normalen‘ 40 Wochenstunden reduzieren.

Aufmerksame Zuhörer

Zur weiteren Erklärung der aktuellen Situation stellte Reuß die Rede von der Gutenberg Galaxis in Frage: der eigentliche Wandel in den Medien sei nicht durch Gutenbergs typographische Mechanisierung der Schrift erfolgt, sondern durch den Wechsel von der Papyrusrolle zum Kodex, der den besseren Zugriff auf das Wissen bzw. vor allem die Stablisierung seiner Referenzierbarkeit ermöglichte. Die aktuelle Entwicklung sei deshalb eine „Rolle rückwärts“ (mit Verweis auf den EDV-Begriff des ‚volume‚ für Festplatte). „Wie enthemmt baden die Leute in Vagheit“ in Zeiten des Digitalen und der Vernetzung. Auch das Gerät, mit dem heutzutage gearbeitet werde, der vernetzte Computer, sei eine unglückliche Verschmelzung von Schreib-, Vergnügungs- und Einkaufsmaschine und fördere damit nicht die inhaltliche Konzentration auf den Gedanken. Bücher brauchen Zeit und Aufmerksamkeit: das ‚Ping‘ der ständig eintreffenden oder gerade nicht eintreffenden E-Mail lenke nur ab. Jede Hypertextseite verführe zum Öffnen der Links wie ein Adventskalender, der mit seinen Türchen neugierug macht, und damit zum Verlust des roten Fadens des Gedankens. Reuß ging dabei nicht soweit wie andere Internetkritiker, die behaupten, das menschliche Denken, ja das Gehirn würde sich deshalb zurückentwickeln, sondern blieb bei der Beschreibung dieser alltäglichen Erfahrung, die jeder macht.

Materialisierte Bücher als Anschaungsmaterial

Gegen Ende des Vortrag gab es noch einige explizite Kritiken an der aktuellen, oft unstrukturierten und wenig qualitativen Digitalisierungspraxis im deutschen Bibliothekswesen. Er bezog sich dabei auch auf den publizierten Vortrag von Frau Schneider-Kempf in der gleichen Vortragsreihe und löste damit eine Reihe von Fragen und Kritiken der anwesenden Bibliothekare und anderer Fachkollegen aus. In der Diskussion wurden dann die unterschiedlichen Positionen von produktionsorientierter Wissenschaft und eher rezeptionsorientierter Informationsinfrastruktur deutlich. Reuß wurde vorgehalten, dass er die neuen Möglichkeiten des Suchens und schnellen Zugriffs auf Informationen und Medien sowie die neuen Möglichkeiten des Digitalen Arbeitens unterschätze. Dem konnte er entgegenhalten, dass er in seinen kritischen Editionen und anderen Publikationen schon sehr früh digital gearbeitet („Kennen Sie noch Ventura Publisher?“) und stets, wenn möglich, hybrid (mit CD) publiziert hat. Er warb dann erneut für die Position des kreativen Wissenschaftlers und einen qualitätshaltigeren Bildungsbegriff, der mehr Langsamkeit und materialisierte Verantwortung auf allen Seiten brauche. Sein zentrales Beispiel war dabei das Argument, dass es wohl aufgrund der beschleunigten Entwicklung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft seit mindestens 20 Jahren keine umfassende Theorie der Wirtschaft mehr gäbe, die die aktuelle Wirtschaftslage erklären könne. Mir persönlich wurde auch in der Vorbereitung u.a. klar, dass wir noch viel genauer auf die Entwcklungen des Medienwandels schauen und auch auf die Positionen der jeweiligen Diskutanten dazu hören müssen. So ist Roland Reuß mit Sicherheit nur zu verstehen, wenn man seine (auch sehr persönlich vorgetragenen) Erfahrungen als Herausgeber großer kritischer Editionen, zuletzt die Brandenburg-Ausgabe der Werke von Kleist, nachvollziehen kann. Ich selbst war eine Zeit lang intensiv beteiligt an der ersten großen Ausgabe der Werke von Montesquieu und fühlte mich in die Zeiten meiner wissenschaftlichen Anfänge als Philologe versetzt. Reuß selbst schreibt aber auch, wie wichtig für den Philologen, dem Freund der Rede [und der Vernunft], die Arbeit mit dem Originalmaterial in den Archiven ist (vgl. dazu seine überaus lesenswerten Notizen zum Grundriss der Textkritik). Hier schließt sich ein wichtiger Kreis zu den Informationswissenschaften als Basis für wissenschaftliche Arbeit: in den Informationsinfrastrukturen (wie dem Archiv) aber eben auch mit einem ‚kritischen‘ Ansatz ähnlich seiner Textkritik (hier dann information criticism oder Informationsbewertung). Ich kann aber auch gut verstehen, dass Naturwissenschaftler bisher die Positionen von Reuß nicht nachvollziehen können…. es sei denn, der Bibliothekswissenschaft gelingt es, die analoge Funktion von Datensätzen als „Dokument“ für diese Seite der zwei Wissenschafts-Welten darzulegen. Wir arbeiten daran (vgl. das jüngst erschienene Handbuch Forschungsdatenmanagement).

Diskussion bei Rotwein

Es war in der Tat ein anregender, und sicher für die Informations-wissenschaften in Potsdam wichtiger Abend. Beim abschließenden Gespräch in kleinen Runden herrschten die Kommentare vor, dass mittlerweile die Vortragsreihe ein repräsentatives und spannendes Bild auf den Wandel im Digitalen Zeitalter biete. Der Wunsch nach einer Fortsetzung – z.B. als Podiumsdiskussion aller Referenten – wurde schon jetzt laut. Den informationswissenschaftlichen Aufhänger der Vortragsreihe „Das Buch als Riff in den Netzwerkströmen?“ aufgreifend gab es schließlich sogar eine korrekte und anschauliche Darstellung in der heutigen Presse (Potsdamer Neueste Nachrichten, 13.1.2012, S. 20) mit dem Titel und Fazit:

Das Buch wird bleiben! Doch nicht als Riff, sondern als Leuchtturm!

Was ist eigentlich…

Web2.0 – fragte Mario Sixtus stets am Ende seines Elektrischen Reporters.
Daran anschließend könnte man fragen: was ist eigentlich … Informationswissenschaft?

Genau dies tut die Berliner Informationswissenschaft (IBI, HU: hier Libreas) in einer aktuell laufenden Umfrage an 130 Informationswissenschaftler Deutschlands als Vorbereitung zu einem Workshop „Information und Gesellschaft. Zur politischen Dimension der Informationswissenschaft“ auf der Informare. Der Titel des Workshops und die Ansprache der Experten suggeriert leider auch schon die Antwort.

Die Anfrage lautet wie folgt:

Re.: Stand der Informationswissenschaft

„Das Information-Retrieval- und Dokumenten-Paradigma ist für eine zeitgemäße Informationswissenschaft nicht mehr zureichend.
Digitale Räume sind zunehmend solche der Kommunikation sowohl von Fachöffentlichkeiten wie auch der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit an sich, die zugleich ökonomischen Bedingungen unterliegen.
Die Aufgabe einer zeitgemäßen Informationswissenschaft entspricht der Analyse, Reflektion und Innovation aller Prozesse im Umgang mit Wissen und Information. Dies schließt die Bewertung der Folgen dieser Prozesse und ggfs. die Modellierung von Alternativen ein.
Die gesamtgesellschaftliche Dimension der Digitalisierung von Diskursen aller Art erfordert eine bislang nicht zureichend umgesetzte Verbindung von informationstechnischen, informationssoziologischen, informationsökonomischen und informationsethischen Perspektiven.”

Nun, meine Antwort ist eigentlich schon publiziert [1].

Im Prinzip stimme ich also der Aussage voll zu. Als weitere Akzente bei der Formulierung der Konsequenzen für die Informationswissenschaft würde ich jedoch trotz allem Anleihen bei der Informatik machen, die mehr noch als es hier thematisiert wird, die mikrosoziologische, ja psychologische Perspektive für sich entdeckt hat (Stichwort: UX Design). Ingwersen und Järvelin plädieren ja vor allem für die Wende der Retrievalforschung (aka Information Science) in Richtung auf die Untersuchung der Interaktion des (einzelnen) menschlichen Nutzers mit Informationssystemen. Hier hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in der  skandinavischen und anglo-amerikanischen Informationswissenschaft das Paradigma der Erforschung des Information Seeking Behaviour so stark verbreitet, dass sogar die ASIS&T ihre Tagungsstruktur seit 2010 dem dezidert angepasst hat. Wohlgemerkt, jene ehrwürdige Vereinigung von Informationswissenschaftlern weltweit, die vor nicht allzu langer Zeit sich noch genötigt fühlte, ihrem Namen ein „T“ wie „Technology“ hinzuzufügen. Mittlerweile macht die Technologie mehr mit uns, als uns lieb ist. (Womit ich nicht unbedingt auch dem AIBS [2] verfallen möchte und (noch) nicht mit Carr und Schirrmacher mitgehe!).

Ich würde also der Aussage der Umfrage zustimmen unter zwei Prämissen:

  • die Informationswissenschaft braucht weiterhin neben der angesprochenen, dringend notwendigen gesamtgesellschaftlichen Makroperspektive auch noch die Mikro-Perspektive, die sich mit Informationspsychologie (bis hin zur Neurologie à la Interface Design) und Informationsdidaktik benennen ließe. Zu dieser Thematik wird gerade in Potsdam eine Professur mit der Denomination „Wissenstransfer und Informationsdidaktik“ eingerichtet. Der im Sommersemester 2011 angelaufene konsekutive Masterstudiengang (Informationswissenschaften, M.A.) greift genau diese Perspektive in einer der beiden Spezialisierungen explizit auf. Zu der Frage welchen Stellenwert Information im gesellschaftlichen Umgang miteinander hat, gehört deshalb neben dem „Information Seeking Behaviour“ (inkl. IR!) auch das allgemeine „Information Behaviour“ gerade ohne Zuhilfenahme formaler Systeme – z.B. über menschliche oder sozio-technische Netzwerke [3]. Hierzu gehört auch die Untersuchung, mit welchen Mitteln die richtige (d.h. bewertete) Information an wen vermittelt, transferiert [4] werden kann, womit wir nahe an die Medienwissenschaft [5] herankommen, aber auch an Fragen des Interface Design rücken und uns mit Informationsvisualisierung (Tufte) und letztlich sogar wieder mit Logik [6] und vielleicht sogar mit Ontologie im philosophischen Sinn beschäftigen müssen.
  • die zweite Kautele, die ich bei der allgemeinen Zustimmung der Aussage von Libreas hinzufügen möchte, ist, dass auch das in den gleichen Topf geworfene „Dokumentenparadigma“ (wie das IR-Paradigma) nicht sofort ganz mit dem Bade ausgeschüttet werden sollte. Die Re-Dokumentarisierung der Welt [7] und die neue Debatte um die Dokumentwissenschaft [8] sind der Hinweis darauf, dass wir nach einer Phase der Technikeuphorie seit den 1970er Jahren („Bibliotheken sind spezielle Informationseinrichtungen“) uns vielleicht doch wieder auf Erreichtes aus der alten Diskussion um Bibliographie und Dokumentation (FID, Otlet, La Fontaine, Briet)  zurückbesinnen sollten. Die Debatte um das Dokument ist so wichtig wie nie, sie wurde aber damals noch nicht beendet, weil wir zu viel mit der Technik selbst zu tun hatten. Der aktuelle Versuch – ganz im Sinne von Otlet, La Fontaine und (!) Dewey – die Welt komplett zu erschließen (jetzt über verlinkte Ontologien), sollte zu denken geben, ob nicht gerade bei diesen „alten Zöpfen“ wieder angesetzt werden sollte – zumindest bevor man sie abschneidet. Das Dokumentenparadigma ist andererseits in der Praxis so lebendig wie nie zuvor: hier sei nur an den relativ neuen Zweig der Archivwissenschaft, dem Records Management, oder an Fragen des Dokumentenmanagements, des Information Life Cycle Management der Betriebswirtschaft mit dem ungelösten Problem der Digitalen Langzeitarchivierung erinnert. (Auch hierfür bereitet der Potsdamer Master den wissenschaftlich, akademischen Karriereweg…)

Dank an Ben Kaden und das LIBREAS Team für die hoffentlich anregende Debatte.

 

[1] In meinen Rezensionen zu Ingwersen, Peter; Järvelin, Kalervo: The turn: integration of information seeking and retrieval in context, Dordrecht u.a.: Springer, 2005. (Kluwer international series on information retrieval)  (In: Bibliothek. Forschung und Praxis, 31,1 (2007), 90-91.) sowie zu Theories of information behavior. Ed. by Fisher, Karen E.; Erdelez, Sanda; McKechnie, Lynne. Information Today. Medford, NJ 2005. XXII, 431 S. (ASIST monograph series). ISBN 1-573-87230-X (In: Bibliothek. Forschung und Praxis, 34 (2010), S. 303-304).

[2]  Acquired Internet Bashing Syndrom (Piazzi, Tina, and Stefan M. Seydel. Die Form der Unruhe. 2.Bde., Hamburg: Junius, 2009).

[3] ob hierbei die ANT „Actor-Network-Theory“ von Bruno Latour helfen wird bleibt noch näher zu hinterfragen. Einen Ansatz zur Verbindung von Mikro und Makro-Perspektive bietet die Theorie der Information Worlds von Jaeger und Burnett (2010), die sich hierbei auf Habermas und Chatman stützen. Vgl.: Jaeger, Paul T.; Burnett, Gary (2010): Information Worlds: Social Context, Technology, and Information Behavior in the Age of the Internet. New York: Routledge, 2010.

[4] . z.B. im Sinne der jungen Transferwissenschaft, vgl. Wichter, Sigurd; Antos, Gerd: Wissenstransfer zwischen Experten und Laien: Umriss einer Transferwissenschaft. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2001.

[5] Dank an R. Capurro für den Hinweis auf die Mediologie von Régis Debray!

[6] aber im Sinne einer polykontexturalen Logik s.: Günther, Gotthard: Das Bewusstsein der Maschinen: eine Metaphysik der Kybernetik ; mit einem Beitrag aus dem Nachlass: „Erkennen und Wollen“. Baden-Baden: Agis-Verl, 2002. Vgl. Joachim Paul: Trans. Reflexionen über Menschen, Medien, Netze und Maschinen. Berlin: ePubli / Edition Das Labor, 2013.

[7] Pédauques, Roger T.: La redocumentarisation du monde. Toulousse: Cépaduès-éditions, 2007.

[8] vgl. Lund, Niels Windfeld (2009): Document Theory. In: Blaise Cronin (Hg.): Annual Review of Information Science and Technology. Medford, N.J: Information Today (43), S. 399–432.