Mär 07 2008

Aktionsrat Bildung: alles ist gut!

Wunderbar. Endlich erklärt uns ein gewichtiges Expertengremium, dass es eigentlich alles gut läuft mit der Reform der tertiären Bildung in Deutschland. Der Bolognaprozess sei in erster Linie eine Markenbildung (verstehe), bei der es darauf ankomme, die Sozialkompetenzen zu erhöhen z.B. durch Alteritätserfahrung (mmh, verstehe ich das?).

Der Bologna-Prozess impliziert auch ein verändertes Modell des Lernens, dem zufolge kompetenzorientierte, aktivierende Lehr- und Lernformen in den neuen Studiengängen gestärkt werden sollen. Hinsichtlich des Erwerbs globalisierungsrelevanter Kompetenzen müssen eine Reform der Studiengänge in Richtung eines veränderten Grundverständnisses erfolgen und solche Kompetenzen gestärkt werden, die in einer globalisierten Welt erforderlich sind: Ambiguitätstoleranz, Entscheidungsfähigkeit und Transferfähigkeit. Aber auch unmittelbar globalisierungsrelevante Kompetenzen wie Fremdsprachenkenntnisse oder interkulturelle Kompetenz gewinnen an Bedeutung.

Die neuen Studiengänge müssten sich nur mehr nach dem Arbeitsmarkt richten, dann würde alles gut. Das verstehe ich allerdings dann nicht mehr: wie kann durch das aktuelle zunehmend verschulte und sich zusammenziehende (verkürzende) Bildungssystem “Transferfähigkeit” und “Ambiguitätstoleranz” (übrigens ein ganz wichtiges Schlagwort in der Bibliothekarsausbildung) gelernt werden, wenn noch nicht mal die Zeit reicht für ein Auslandssemester? Und was ist “Transferfähigkeit” nichts anders als “abstraktes Denken”. Lernt man das durch Auswendiglernen und Creditpunkte sammeln?

Interessant vor allem, dass der zweite von der Informationszentrale der Bayerischen Wirtschaft in Auftrag gegebene Bericht unter dem Titel “Bildungsrisiken und -chancen im Globalisierungsprozess“erscheint und unter anderem den “sprunghaften Fortschritt neuer Informations- und Kommunikationstechnologien” als Motor notwendiger Veränderungen im Bildungssystem benennt. Natürlich stelle ich mir dabei dann die Frage, was denn die verstärkte Ausrichtung auf den Arbeitsmarkt im Hinblick auf “neue Marktsegmente” für neue Studiengänge bedeutet: brauchen wir also mehr MOS’ (Microsoft Office Specialists, da hat ja MS einen Markt geschaffen!) oder mehr Spezialisten zur Sichtung und Bewertung der Informationsfluten?

Wir in Potsdam versuchen - Don Quichotte ähnlich - der technokratischen Bildungsfront immer noch die Stirn zu bieten: vgl. die Pressemeldung von heute.

Vgl. auch die schöne Einschätzung des “Expertengremiums” bei Telepolis.

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Feb 20 2008

IKT Branche unzufrieden mit Hochschulen

Der Berlin-Brandenburger Verband der Informations- und Kommunikationsindustrie (SIBB) ist unzufrieden mit der Kooperation mit den Hochschulen! In seinem Report zur Entwicklung der IT-Branche ist er recht optimistisch, was die Auftragslage angeht, konstatiert aber einen Rückgang der Zufriedenheit seiner Mitglieder mit den Hochschulen.

Die Informations- und Kommunikationsindustrie in Berlin und Brandenburg – IKT – ist im Jahr 2008 weiter auf Erfolgskurs. Der erstmals veröffentlichte SIBB-Branchenindex der führenden Querschnittsindustrie steigt im Vergleich zum Vorjahreswert um 3 auf über 60 Punkte. Damit setzt sich der Aufschwung in der regionalen
IT-Industrie mit noch positiveren Vorzeichen fort.
Der Geschäftsklimaindex würde noch positiver ausfallen, hätten die befragten IT-Anbieter aus der Hauptstadtregion die Zusammenarbeit mit Hochschulen nicht deutlich negativer bewertet. Der Wert zu Kooperationen mit Wissenschaft und Forschung sank im Vergleich zu 2006 und 2007 nochmals deutlich ab. Damit werden zunehmend gegenläufige Interessen von regionaler Wirtschaft und Wissenschaft sichtbar.

Während auch das BMWi in der IKT Branche den Wachstumsmotor für Deutschland sieht (vgl. die Studien „Monitoring Informations- und Kommunikationswirtschaft“), scheint auf der Hochschulseite eher Selbstbeschäftigung mit “Studienreformen” an der Tagesordnung zu sein.

Besonders in der reichen Hochschullandschaft in Berlin-Brandenburg erstaunt die Aussage der SIBB-Branchenmitglieder zunächst. Denken wir aber an die Bachelorisierung und die zersplitterte Projektförderung so kann man die Entwicklung schon verstehen. Es hat also nicht wirklich etwas mit den Hochschulen zu tun, sondern mit der Hochschulpolitik!

Heise zitiert dazu Norbert Gronau, den Potsdamer Wissensmanagament-Guru, mit ähnlicher, aber eher interner Problemeinschätzung, ja Entschuldigung:

Der Potsdamer Wirtschaftsinformatiker Norbert Gronau machte dafür unter anderem einen Generationswechsel im Lehrpersonal an den Unis verantwortlich, durch den aufgebaute Beziehungen zur Industrie zunächst gekappt würden. Zudem würden die Zyklen der Ausbildung in beiden Sektoren nicht mehr so gut miteinander harmonieren.

Hier der Report2008 der SIBB (verspätet auf der Website).

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Feb 19 2008

Maschine Bibliothek

Die Welt von vorgestern und die Berliner Morgenpost von gestern sind begeistert über die Einführung der Selbstbedienung in Bibliotheken. Ausgerechnet Marzahn-Hellersdorf ist der Berliner “Pilotbezirk” zur Einführung von RFID “bis 2013″.

Kulturstadtrat Stefan Komoß (SPD): “Mit diesen neuen Stationen wollen wir unsere Bibliotheken kostengünstiger machen und dem eigentlichen Service wie qualifizierte Beratung der Nutzer viel besser nachkommen.”

Interessant ist an der Meldung - neben dem Bildaufmacher - vor allem, dass dies immer noch als so wichtig empfunden werden kann, dass sogar überregionale Zeitungen dazu Stellung nehmen. Der Tenor hätte eher sein sollen:

Im RFID-Konzept des Senats steht, dass für 2009 bis 2013 EU-Mittel im Rahmen des Förderprogramms “Innovation in Bibliotheken” beantragt worden sind. Berlin steht unter Zeitdruck, kommt doch der gerade veröffentlichte Bibliotheks-Jahresbericht 2006 zu der Erkenntnis: Von den Bemühungen, Berlin an bundesweit erreichte Leistungs- und Ausstattungsstandards heranzuführen, sei man genau so weit entfernt wie vor Jahren, heißt es.

Bei dem Artikeltitel “Maschinen ersetzen Bibliothekare” habe ich natürlich zunächst an andere Maschinen gedacht… Das zeigt nur wie wenig Bibliotheken mittlerweile in Deutschland bekannt sind.

Aber 2013 ist noch lange hin.

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Okt 25 2007

Bibliotheken auf der politischen Tagesordnung

Bibliotheksanzeige

Eigentlich wollte ich nur in Ruhe einen guten Cappuccino trinken, mich in meinen Lieblingssessel setzen und Zeitung lesen: über die Waldbrände der Welt, die fliehenden Ehegattinnen von Staatspräsidenten und die anderen normalen Katastrophen, die wir so täglich lesen…

Diesmal konnte ich nicht “vernünftig” Zeitung lesen: auf fast jeder Seite schreit sie mir entgegen, wie wichtig und gut BIBLIOTHEKEN sind. Schon auf der ersten Seite: die Notiz auf S. 11 weiterzulesen zur Kampagne: “Wissen wo’s steht”

Mona Lisa liest Dalai Lama, Adam über Frauen: Mit einer originellen Kampagne wollen die Bibliotheken weg vom staubigen Büchereiimage und so mehr Nutzer gewinnen.

Die Kampagne “Orte des Wissens” startete am Tag der Bibliotheken mit einer Pressekonferenz und einer Roadshow, auf der die von Heymann+Schnell entworfenen Anzeigen vorgestellt wurden.


Es wird die Landesvorsitzende Cornelia Stabroth zitiert:

Die Kampagne, die Teil der landesweiten Initiative „Bilde deine Zukunft! – Bibliotheken in Brandenburg“ist, „soll das Interesse und die Wahrnehmungen der öffentlichen Bibliotheken verbessern“, sagte die Vorsitzende des Landesverbandes, Cornelia Stabrodt.

So ist die Bibliothek schon längst keine verstaubte Bücherei mehr. Vielmehr sei sie „ein Raum des Wissens und der Bildung“. Ein Treffpunkt zum Dialog, der neben Büchern, weitere Medien wie Zeitschriften, CDs, DVDs und den Zugang zum Internet anbiete.

Schade nur, dass die Kampagne zunächst auf Brandenburg, das Land mit den geringsten Bildungsausgaben in Deutschland beschränkt bleibt. Der Bundesvorstand des DBV hatte sie gegen eine Ausweitung auf andere Länder ausgesprochen.

Dennoch: ich kann mich nicht erinnern, jemals in Deutschland eine Werbeanzeige für Bibliotheken in den Medien gesehen zu haben. (Deshalb das Photo meiner Tageszeitung oben.)

Auf Seite 30 meiner Lokalzeitung wird dann berichtet von unseres Bundespräsidenten “beste Rede” seiner Amtszeit (Welt Online), in der er anläßlich der Wiedereröffnung des Rokoko-Lesesaals der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar das Motto von Claudia Lux’ IFLA Präsidentschaft aufgreift und fordert:

Bibliotheken müssen auf die politische Tagesordnung!

Herren im Anzug, Kapital, das geräuschlos Zinsen brignt, bewundernd

Mehr dazu im IBI Weblog.

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Sep 25 2007

Sondersammelgebiet Buchwesen: Entscheidung gefallen

Published by Hans-Christoph Hobohm under Allgemeines

Die Entscheidung zur Vergabe des Sondersammelgebietes Buch- und andere -wesen ist offensichtlich gefallen. Ab jetzt werden in München Bücher über Bücher und über Bücher-Bücher (u.a. über die “Geschichte und Theorie der Bibliographie”) gesammelt.

Wie im b2i-Forum zu lesen ist:

Aus wohl informierten Kreisen ist zu hören, dass die Wahl auf die Bayerische Staatsbibliothek gefallen ist. Die offizielle Bestätigung steht wohl noch aus.

Ich beglückwünsche die bayerische Informationswissenschaft (Kollege Hammwöhner) und die bayerische Buchwissenschaft (Kolleginnen Rautenberg und Haug) zu dem Erfolg!

Ich bitte um Wortmeldungen dort (bitte Anmeldung mit Klarnamen).

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Sep 17 2007

SLB Potsdam: Weichen auf Innovation gestellt

Blick in den neugestalteten Bibliotheksbau

Am Wochenende gab es die “erste Bibliotheksnacht” in der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam. Gleichzeitig wurde Jubiläum gefeiert: 85 Jahre Landesbibliothek und 15 Jahre “SLB”. Die anwesende höchsprominente Politik feierte dies würdig und betonte die gesellschaftliche und wirtschaftliche (!) Bedeutung der Bibliothek für Potsdam und für Brandenburg. Als Höhepunkt der Jubiläumsveranstaltung stellte Bibliotheksleiterin Marion Mattekatt die neu erarbeiteten 10 Leitlinien der Bibliothek vor (verkürzt):

  1. Kulturelles Gedächtnis
  2. Bildung und Wissen für alle
  3. Generationen übergreifend, kommunikativ und einladend
  4. Kooperativ
  5. Leseförderung
  6. Lebenslanges Lernen
  7. Medien und Medienkompetenz
  8. 24 Std. Bibliothek
  9. Architektur für das Medienzeitalter
  10. Kondenorientiert und kostenbewusst

Passend zu Punkt 9 zeigte dann das Architekturbüro Reiner Becker den Entwurf zur Umgestaltung des Gebäudes. Wer das jetzige Gebäude (und die bisherige Potsdamer Bibliothekspolitik) kennt, wagt es kaum zu glauben, wie die Bibliothek im Jahre 2011 aussehen soll. Becker machte deutlich, wie der genius loci im Zentrum Potsdam gewahrt bleiben kann unter Beibehaltung der Assoziationen des Gebäudes an Mies van der Rohe (!). Mich erinnert der Entwurf auf den ersten Blick an das Gebäude der Stadtbibliothek Gütersloh. Das dort zentrale Café ist auch geplant, allerdings naturgemäß mit Öffnung zum “Platz der Einheit”. Im Erdgeschoss ist außerdem ein Bürgersaal vorgesehen und eine akustisch abgrenzte Kinderbibliothek. Eine ganze Etage ist den Brandenburgica vorbehalten und es gibt Gespräche über einen Umzug der Volkshochschule in das Gebäude. Die Innengestaltung (Medienpräsentation) auf den Computeranimationen sind bisher bloße Platzhalter, versicherten mir Frau Mattekatt und der Bauherr (KIS).

Die Besucher der Ausstellung konnten es sich kaum vorstellen: das bisherige Eingangsfoyer hat lediglich die Tiefe eines der Raster des Skelettbaus: es soll jetzt die ganze Fläche umfassen. Eine Großzügigkeit, die eigentlich gar nicht zu Preußen passt, die aber dem gesellschaftlichen Raum Bibliothek sicher angemessen ist.

Interessanterweise führt der auf der Website der Bibliothek angegebene Link zum Beschluss der SVV ins Leere. Und in den offiziellen Niederschriften der Stadtverordnetenversammlungen ist bisher kein Beschluss dieser Art zu verzeichnet. So dass ich bei aller Euphorie bezüglich der allmählichen Realisierung neuer Bibliothekskonzepte in Deutschland doch dem Beitrag ein Fragezeichen hinzufügen müsste. Kultusministerin Wanka machte allerdings deutlich, dass es keine finanziellen Auseinandersetzungen mit dem Land diesbezüglich gebe….

vgl. auch meinen früheren Beitrag.

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Aug 20 2007

Stellungnahmen von KIBA und HI zur DFG-Ausschreibung des Sondersammelgebietes

b2i Logo

Im Diskussionsforum von b2i sind jetzt die koordinierten Stellungnahmen von KIBA (Konferenz der informatorischen und bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen) und HI (Hochschulverband Informationswissenschaft) nachzulesen.

Anfang September tagt der entsprechende Ausschuss der DFG um über die Anträge von Bibliotheken zu entscheiden, die willens sind, das Sondersammelgebiet „Informations-, Buch- und Bibliothekswesen“ und dann die dazugehörige ViFa zu betreiben.

Man darf gespannt sein, wer bzw. welche Uni in Deutschland die Fächer

  • “Theorie und Geschichte der Bibliographie…
  • Buchhandel und Verlagswesen…
  • Informations-, Dokumentations-, Buch- und Bibliothekswesen einzelner Länder…
  • Schriftwesen…
  • Druck- und Vervielfältigungstechnik…
  • Museumswesen…
  • Ausstellungswesen…“

in Forschung & Lehre so hochkarätig vertritt, dass die Hochschulleitung dieser Sonderaufgabe der Hochschulbibliothek zustimmt…

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Jul 12 2007

Bibliothekswissenschaft und Medienwissenschaft: Meinung des Wissenschaftsrates

Am 25. Mai publizierte der Wissenschaftsrat seine “Empfehlung zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Deutschland“. Zunächst nichts besonderes, wäre da nicht Methode, Anhang und ein blinder Fleck.

Aber erst einmal der Inhalt: der WR konstatiert, dass von den Kommunikations- und Medienwissenschaften

wesentliche Impulse für ökonomische, technische und kulturelle Entwicklungen unserer Gesellschaft ausgehen und dass umgekehrt der Bedarf seitens Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, vermehrt auf diese Forschungen zurückgreifen [zu] müssen, steigen wird. (S. 10)

weiter wird festgestellt, dass

  • die Zahl der Studierenden in diesem Fachgebiet kontinuierlich steigt
  • das disziplinäre Feld sich zwar anhand der “Methoden, Gegenstände, Paradigmen, Terminologien und Traditionen” deutlich in drei Hauptrichtungen (Kommunikationswissenschaft, Medientechnologie, Medialitätsforschung) differenzieren lässt, die sich stark gegeneinander abschotten, es aber in der Lehre und im Studienangebot “eine bisweilen sorglose Kombinatorik herrscht” (8).
  • “Der Wissenschaftsrat ermutigt die genannten Wissenschaften, gezielt Kooperationen zwischen den drei Ausrichtungen, aber auch mit den jeweiligen Ursprungsdisziplinen, anzustreben.”
  • Der WR schlägt Modellcurricula vor (hat es das schon jemals gegeben, dass sich der WR in die Lehre so konkret einmischt?) und empfiehlt neben der stärkeren Integration technologischer Komponenten, den “medialitätswissenschaftlichen” Themenbereich dem Masterabschnitt vorzubehalten [Hoppla: Wolfgang Ernst (s.o.) und Friedrich Kittler ab in den Elfenbeinturm!?]
  • Der WR betont, dass medientechnologische Studiengänge teuer sind
  • dass der wissenschaftliche Nachwuchs fehlt
  • und erinnert an seine Empfehlung, die Durchlässigkeit zwischen den Hochschularten zu erhöhen.
  • Er empfiehlt den Internationalisierungsgrad zu erhöhen und
  • die Bedeutung dieser Fächer in der Politikberatung ernst zunehmen.
  • Als letztes wird sehr intensiv auf die Langzeitarchivierung audiovisueller Quellen für die Disziplinen eingegangen, die Deutsche Nationalbibliothek bemüht und die RVK kritisiert.

Wie gesagt, an sich für den WR nichts besonderes, bis auf zwei, drei “Kleinigkeiten, die konkret mit LIS zu tun haben.

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Mai 30 2007

Rechnungshöfe und Bibliotheken

Die Meldung ist zwar schon 14 Tage alt, aber sie erfordert doch noch eine Kommentierung, gerade unter dem Eindruck einer Auslandsreise. (Man mag ja kaum noch wieder nach Hause kommen oder deutsche Nachrichten lesen.)

Tagesspiegel und IB Weblog u.a. berichteten über die Jahrespressekonferenz des Berliner Landesrechnungshofes, in dem u.a. die Halbierung des Berliner Bibliotheksnetzes gefordert wird. (Da saß ich gerade im Flugzeug über dem Atlantik.)

Schon der 1995 vorgelegte Berliner Bibliotheksplan sah eine Modernisierung der Stadtbibliotheken durch Straffung des Bibliotheksnetzes und Ausbau der verbleibenden Standorte zu leistungsstarken Einrichtungen vor. Bisher ist es aber weder den Bezirksämtern noch dem für kulturelle Angelegenheiten zuständigen Senatsmitglied gelungen, die Bibliotheksstrukturen über den Verbund Öffentlicher Berliner Bibliotheken hinaus aus gesamtstädtischer Sicht konzeptionell weiterzuentwickeln und den geänderten Rahmenbedingungen anzupassen. Die Berliner Stadtbibliotheken weisen vielmehr - mit wenigen Ausnahmen - eine hohe Kostenintensität auf. Allein durch eine Anpassung der Personalstruktur an die Standards der kommunalen Bibliotheken anderer bundesdeutscher Großstädte wären Einsparungen von bis zu 7,3 Mio. € jährlich zu erzielen. Darüber hinaus hält der Rechnungshof eine - bezirksübergreifend abgestimmte - Reduzierung der Standorte von jetzt 82 auf bis zu 42 für möglich und zumutbar. Dadurch würden finanzielle Ressourcen freigesetzt, die neben weiteren Einsparungen in Millionenhöhe auch zum Ausgleich von Flächenverlusten und zur qualitativen Verbesserung des Bibliotheksangebots und damit zur Steigerung der Attraktivität der öffentlichen Bibliotheken genutzt werden könnten (T 82 bis 98, s. Anlage). (Pressemitteilung des Landesrechnungshofes Berlin vom 14. Mai 2007)

Es erfordert dies ein erneutes Nachklappen (auch weil die Kommentarfunktion im Tagesspiegel geschlossen ist), weil ähnliche Argumente auch aus den Reihen des Brandenburgischen Rechnungshofes zu hören sind.

Dies ist m.E. recht unverständlich, habe ich doch immer vermutet, dass sich in diesen Institutionen vor allem Volkswirte befinden. Diese sollten z.B. auch im internationalen Vergleich wissen, wie sehr sich Investition in Wissen und Bildung “rechnet” (vgl. mein Themenwiki “Wert von Bibliotheken” bzw. der tag outcome hier im Blog). Sind denn für solche Überlegungen zur Förderung der Wirtschaft nicht Volkswirte da? Gut: vielleicht ist Herr Dr. Harms auch eher Betriebswirt (deutsche Prägung). Aber auch dann sollte der Rechnungshof sich einmal die Realität im Berliner Bibliothekssystem ansehen:

  • seit Jahren keine neuen Stellen für innovative Kompetenzen junger Mitarbeiter
  • damit eine Personalpolitik, die gar keine andere Kennzahlenergebnisse zeitigen kann (vgl. Anlage)
  • ein Kosten- und Leistungsrechnungssystem, von dem ich (unter vor gehaltenener Hand (!)) von den Berliner Kollegen immer nur höre, dass es demotivierend sei (kann ich nicht wirklich beurteilen, ich glaube aber den Teilnehmern meiner Managementweiterbildungen, die mir das berichten.)
  • marode und abschreckende Gebäude (weshalb die Nutzerzahlen unter “Standard” liegen (?))
  • versteckte, weit entfernte Bibliotheken
  • zu normalsterblichen Zeiten geschlossene Bibliotheken (d.h. dann wenn Bürger Zeit hätten dorthin zu gehen).
  • eine Bildungs- und Sozialpolitik, die Bibliotheksarbeit völlig ausklammert (im Gegensatz zu wirtschaftlich und “PISA-technisch” erfolgreichen Ländern wie Finnland, USA, Großbritannien)

Eine Reduzierung der Standorte wäre nur in dem Sinn eine Alternative, wenn es gleichzeit einen Umbau nach dem Modell z.B. der Idea Stores in London gäbe und in die verbleibenden Standorte viel investiert würde sowie zusätzlich tatsächlich in eine zentrale, große öffentliche Bibliothek wie in anderen Metropolen Wien, Paris, Montréal geschaffen würde.

Kostensparend ist die aktuelle Politik des Wenigtuns, kostenintensiv wäre eine Vernachlässigung der Bildungsinvestitionen mit Bibliotheken (das ist langfristig verheerender als die Klimakatastrophe), aber gewinnbringend wäre eine massive Investition in Bibliotheken als der zentralen Bildungs- und Wissensinstanz der demokratischen Gesellschaften. Nicht kurzsichtige Kürzungen.

Eine kleine historische Erinnerung: es war das Bundesrechnungshofgutachten 1962, das den massiven Ausbau der Fachinformation für die deutsche Wirtschaft und Wissenschaft forderte.

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Mai 28 2007

Archiv&Bibliothek endlich integriert

Published by Hans-Christoph Hobohm under Allgemeines

Eine ganz wesentliche Erfahrung meines Kanadaaufenthaltes war festzustellen, wie sehr Archive und Bibliotheken hier bereits eine Einheit bilden. Ich mag das nicht aus archivwissenschaftlicher Sicht kommentieren. Ich stelle bisher nur die Fakten fest, dass die beiden Nationalbibliotheken zugleich die Nationalarchive sind: und zwar für den englischsprachigen und für den französischsprachigen Teil Kanadas.

Canada is the first country to fully integrate the services and programs of its national library and national archives. Library and Archives Canada is a new type of knowledge institution designed to collect, to preserve and to provide Canadians with access to our nation’s documentary heritage.

sagt der neue (seit 2004) Nationalbibliothekar und -archivar Kanadas Ian E. Wilson.

Das gleiche gilt seit kurzem auch für das frankokanadische Québec, wobei hier sogar noch verschärfend hinzu kommt, dass das Hauptgebäude der Bibliothèque et Archives nationales Québec zugleich eine  wichtige Rolle als Stadtbibliothek für Montréal spielt: genannt die “Grande Bibliothèque” (in Anlehnung an die französische “Très Grande Bibliothèque”). Das eigentliche Netz der Stadtbibliotheken existiert weiterhin und hat sogar durch die große Konkurrenz ebenfalls Zulauf erfahren. Zu meinem wirklich großen Bedauern ließ die Führung keinerlei Photographie im Innenbereich zu - wie oft bei jungen architektonischen “Wunderwerken”. Die virtuelle Besichtigung lohnt sich - ergibt aber nur einen Teil des Eindrucks.

Bibliothèques et Archives nationales Québec: Grande Bibliothèque à Montréal

Nur zwei Zahlen:

  • 40% der Ausleihen werden von der Multimedia Etage getätigt (bei einer Nationabibliothek!)
  • die Bibliothek ist von 10 h (a.m.) bis 24 h (p.m.) geöffnet

Eine weitere Besichtigung zeitigte noch mehr Konvergenzen: sogar der Museumsbereich ist friedlich vereint mit den Archiven und Bibliotheken im Preservation Centre / Centre de préservation der Library and Archives Canada in Gatineau bei Ottawa:

museale Sammlung im preservation centre der LAC in Gatineau

im Foyer des preservation centre der LAC in Gatineau

Ein beeindruckendes Gebäude mit up-to-date Technologie zur Restaurierung nicht nur von Archivmaterialien, sondern auch von Büchern, Filmen, Handschriften, Gemälden und anderem kulturellen Erbe. Im Übrigen sind beide Gebäude recht jungen Datums (2006).

Die Konvergenz auch zum Museum hin ist eine Tendenz, die die großen amerikanischen “Bibliotheksschulen” seit einiger Zeit - sehr zu Leidwesen der ALA - weiter treiben. Wir sind in Deutschland vergnügt, sagen zu können, dass wir die ÖB/WB Trennung überwunden haben. … Wer erwähnte da “Archivare”?

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