Reuß: das Buch fördert kritische Reflektion zu Tage

Prof. Dr. Roland Reuß am 11.1.12 in Potsdam

Roland Reuß in der Druckerei Rüss in Potsdam

Der mit Spannung erwartete Vortragsabend mit Roland Reuß in der Reihe “Das Buch im Digitalen Zeitalter” hat alle Erwartungen erfüllt. Der streitbare Literatur-wissenschaftler und Medienkritiker lieferte frei und ohne Powerpoint Untermalung ein Feuerwerk seiner Argumente für einen qualitätsbezogenen Wissenschafts- und Medienumgang. Sein Vortrag war nicht nur eindimensional auf den angekündigten Titel “Das Buch als Individuum” ausgerichtet. Man hätte hier reichlich Reflektionen zu Buchgeschichte, Philologie oder Typographie erwarten können. Vielmehr belegte Reuß viele seiner auch aus der breiteren Presse bekannten Thesen mit sehr persönlichen, anschaulichen Beispielen, so dass es auch kritischen Zuhörern schwer fiel zu kontern. Der Vortrag bewies somit eine seiner zentralen Thesen durch sich selbst: das Buch in seiner (haptischen und analogen) Materialisierung fördert kritische Reflektion zu Tage, und zwar im Zusammenhang mit seiner Produktion und seiner Rezeption. Beim Verfassen eines Buches gibt es den Zeitpunkt ab dem die Publikation “gilt” und nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann und die Rezeption eines Buches (bzw. hier: eines Vortrags) erfordert, oder zumindest: ermöglicht, die konzentrierte Hinwendung auf die Gedanken des anderen. Die Materialisierung des Gedankens in der analogen Welt – und sei es die der persönlchen Begegnung mit dem Autor – hat andere Qualitäten als das Digitale und Vernetzte. Mit dem Digitalen, so Reuß, ist es wie mit anderen Drogen: irgendwann ist man es leid. Oder wie mit Masern: die gehen vorbei. Die Geschwindigkeit des Produzierens und Konsumierens in der aktuellen Digitalen Gesellschaft behindert zumindest die Konzentrationsfähigkeit und reduziert damit die kritische Urteilskraft.

Begrüßung durch den Hausherrn, Christian Rüss

In diesem Zusammenhang beklagte er auch eine Immunisierung gegenüber Kritik bei der Reflektion über das Neue, die mit eben jenem Verlust von Urteilskraft einhergehe. Er sieht deshalb seine Interventionen als eminent politisch und bezogen auf die uralte Kernfrage: “wie erhöht man den Bildungsstand einer Gesellschaft?”. Er las hierzu aus dem Buch von John Ruskin “Sesam und Lilien”, der 1864 schon forderte, für die Slums in Manchester “Schatzkammern des Königs” (=Bibliotheken) zu errichten um den Bildungsstand zum Wohle der Volkswirtschaft zu heben.  Reuß betonte immer wieder, dass er sich nicht als konservativ verstehe. Er verweist dabei auf seine intensive und langjährige Zusammenarbeit mit dem Stroemfeld Verlag / Roter Stern, beklagt aber: “Linke können nicht um die Ecke denken” und verstehen nicht die Vorgehensweisen und Positionen der Großkonzerne gerade im Medienbereich. Seine Kritik am Internet fasst er provokativ zusammen: es ist für Leute, die Materialität haben wollen, aber nicht kriegen können, er nennt es deshalb pornographisch – die quantitaitiv große Verbreitung von Pornographie im Internet als Beleg dafür nennend. Zusätzlich verleitet die neue Technologie mit seiner unendlichen Perfektibilität dazu, nie einen Abschluss zu finden. Das Analoge, als Verkörperungdes Gedankens zwingt zu einer verantwortlichen Repräsentation dessen, “was gilt”. Es zwingt zu Autorschaft durch seine Stabilität und Referenzierbarkeit. “Zitieren Sie mal aus einem eBook!” Der Open Access Gedanke der freien Zugänglichkeit von Publikationen im Netz sei nicht neu (“ein Märchen”): dies haben Bibliotheken immer schon geboten. Warum nun zur “weltweiten Befreiungsbewegung” die Verfügbarmachung von schlecht digitalisierten Handschriften ohne kritischen Editionsapparat, der das Verständnis alter Kulturproduktionen überhaupt erst ermöglicht, gehöre, sei nicht nachvollziehbar. “Was soll der Onlinezugriff auf eine unleserliche Handschrift von Hölderlin in Ghana?”

Karen Falke (Leiterin des Informationszentrums Informationswissenschaft und der Hochschulbibliothek) führt in den Vortragsabend ein

Es ist eben einfacher, schnelle Quantität zu produzieren als bildungsrelevante mühevolle Qualität. Dies diene eher im Grunde den Großkonzernen des Verlagswesens bzw. der Politik (in Gestalt der DFG). Er bezeichnet die Open Access Bewegung deshalb als den Versuch der “Abkoppelung der schreibenden Intelligenz vom Verlagssystem”. Die staatliche subventionierte Publikationsmaschine in Form von Repositories, Publikationszuschüssen und der Verpflichtung von Autoren für die Publikation zu zahlen, sieht er im Gegensatz zur Verwertung durch die Nachfrage der Leser und der darauf bezogenen privaten Investition eines Verlegers in die Kreativität von Autoren als tendenziell forschungsfeindlich und totalitär. Wissenschaft sei in erster Linie intrinsisch motiviert und ließe sich nicht über Publikationsquoten und Repository-Eintragspflichten der Universität steuern. Als typischer Geisteswissenschaftler verortet er die meiste wissenschaftliche Erkenntnisproduktion in der Freizeit des Wissenschaftlers – der ja sowieso schon eine Arbeitszeit von 80 Wochenstunden habe. Hier staatlich zu regeln und auf die kreativitätsfördernde Atmosphäre der verlegerischen Betreung und Förderung verzichten zu wollen, sei außerordentlich gefährlich. Jeder Prof könne seine Amtspflichten allein mit Lehr- und Verwaltungsaufgaben auf die ‘normalen’ 40 Wochenstunden reduzieren.

Aufmerksame Zuhörer

Zur weiteren Erklärung der aktuellen Situation stellte Reuß die Rede von der Gutenberg Galaxis in Frage: der eigentliche Wandel in den Medien sei nicht durch Gutenbergs typographische Mechanisierung der Schrift erfolgt, sondern durch den Wechsel von der Papyrusrolle zum Kodex, der den besseren Zugriff auf das Wissen bzw. vor allem die Stablisierung seiner Referenzierbarkeit ermöglichte. Die aktuelle Entwicklung sei deshalb eine “Rolle rückwärts” (mit Verweis auf den EDV-Begriff des ‘volume‘ für Festplatte). “Wie enthemmt baden die Leute in Vagheit” in Zeiten des Digitalen und der Vernetzung. Auch das Gerät, mit dem heutzutage gearbeitet werde, der vernetzte Computer, sei eine unglückliche Verschmelzung von Schreib-, Vergnügungs- und Einkaufsmaschine und fördere damit nicht die inhaltliche Konzentration auf den Gedanken. Bücher brauchen Zeit und Aufmerksamkeit: das ‘Ping’ der ständig eintreffenden oder gerade nicht eintreffenden E-Mail lenke nur ab. Jede Hypertextseite verführe zum Öffnen der Links wie ein Adventskalender, der mit seinen Türchen neugierug macht, und damit zum Verlust des roten Fadens des Gedankens. Reuß ging dabei nicht soweit wie andere Internetkritiker, die behaupten, das menschliche Denken, ja das Gehirn würde sich deshalb zurückentwickeln, sondern blieb bei der Beschreibung dieser alltäglichen Erfahrung, die jeder macht.

Materialisierte Bücher als Anschaungsmaterial

Gegen Ende des Vortrag gab es noch einige explizite Kritiken an der aktuellen, oft unstrukturierten und wenig qualitativen Digitalisierungspraxis im deutschen Bibliothekswesen. Er bezog sich dabei auch auf den publizierten Vortrag von Frau Schneider-Kempf in der gleichen Vortragsreihe und löste damit eine Reihe von Fragen und Kritiken der anwesenden Bibliothekare und anderer Fachkollegen aus. In der Diskussion wurden dann die unterschiedlichen Positionen von produktionsorientierter Wissenschaft und eher rezeptionsorientierter Informationsinfrastruktur deutlich. Reuß wurde vorgehalten, dass er die neuen Möglichkeiten des Suchens und schnellen Zugriffs auf Informationen und Medien sowie die neuen Möglichkeiten des Digitalen Arbeitens unterschätze. Dem konnte er entgegenhalten, dass er in seinen kritischen Editionen und anderen Publikationen schon sehr früh digital gearbeitet (“Kennen Sie noch Ventura Publisher?”) und stets, wenn möglich, hybrid (mit CD) publiziert hat. Er warb dann erneut für die Position des kreativen Wissenschaftlers und einen qualitätshaltigeren Bildungsbegriff, der mehr Langsamkeit und materialisierte Verantwortung auf allen Seiten brauche. Sein zentrales Beispiel war dabei das Argument, dass es wohl aufgrund der beschleunigten Entwicklung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft seit mindestens 20 Jahren keine umfassende Theorie der Wirtschaft mehr gäbe, die die aktuelle Wirtschaftslage erklären könne. Mir persönlich wurde auch in der Vorbereitung u.a. klar, dass wir noch viel genauer auf die Entwcklungen des Medienwandels schauen und auch auf die Positionen der jeweiligen Diskutanten dazu hören müssen. So ist Roland Reuß mit Sicherheit nur zu verstehen, wenn man seine (auch sehr persönlich vorgetragenen) Erfahrungen als Herausgeber großer kritischer Editionen, zuletzt die Brandenburg-Ausgabe der Werke von Kleist, nachvollziehen kann. Ich selbst war eine Zeit lang intensiv beteiligt an der ersten großen Ausgabe der Werke von Montesquieu und fühlte mich in die Zeiten meiner wissenschaftlichen Anfänge als Philologe versetzt. Reuß selbst schreibt aber auch, wie wichtig für den Philologen, dem Freund der Rede [und der Vernunft], die Arbeit mit dem Originalmaterial in den Archiven ist (vgl. dazu seine überaus lesenswerten Notizen zum Grundriss der Textkritik). Hier schließt sich ein wichtiger Kreis zu den Informationswissenschaften als Basis für wissenschaftliche Arbeit: in den Informationsinfrastrukturen (wie dem Archiv) aber eben auch mit einem ‘kritischen’ Ansatz ähnlich seiner Textkritik (hier dann information criticism oder Informationsbewertung). Ich kann aber auch gut verstehen, dass Naturwissenschaftler bisher die Positionen von Reuß nicht nachvollziehen können…. es sei denn, der Bibliothekswissenschaft gelingt es, die analoge Funktion von Datensätzen als “Dokument” für diese Seite der zwei Wissenschafts-Welten darzulegen. Wir arbeiten daran (vgl. das jüngst erschienene Handbuch Forschungsdatenmanagement).

Diskussion bei Rotwein

Es war in der Tat ein anregender, und sicher für die Informations-wissenschaften in Potsdam wichtiger Abend. Beim abschließenden Gespräch in kleinen Runden herrschten die Kommentare vor, dass mittlerweile die Vortragsreihe ein repräsentatives und spannendes Bild auf den Wandel im Digitalen Zeitalter biete. Der Wunsch nach einer Fortsetzung – z.B. als Podiumsdiskussion aller Referenten – wurde schon jetzt laut. Den informationswissenschaftlichen Aufhänger der Vortragsreihe “Das Buch als Riff in den Netzwerkströmen?” aufgreifend gab es schließlich sogar eine korrekte und anschauliche Darstellung in der heutigen Presse (Potsdamer Neueste Nachrichten, 13.1.2012, S. 20) mit dem Titel und Fazit:

Das Buch wird bleiben! Doch nicht als Riff, sondern als Leuchtturm!

Eine Stadt streitet über die Ästhetik und Symbolkraft einer Bibliothek

Fassadenentwurf für die SLB Potsdam (Architekt R.Becker)

Fassadenentwurf für die SLB Potsdam (Architekt R.Becker)

Eigentlich ist es fast eine Alltäglichkeit. Und das ist ja auch gut so. So war es in Münster und Ulm, in Den Haag und Amsterdam. Der immer mal wieder notwendige Neubau der zentralen Stadtbibliothek spaltet die Gemüter. In letzter Zeit sind die Debatten oft überschattet von der Rede vom Ende der Gutenberg-Galaxis. Dennoch sind gerade die Neubauten von neuen, zentralen Bibliotheken in der Stadt oft recht spektakulär wie Seattle, Montreal oder eben auch Stuttgart21 anschaulich zeigen.  In Potsdam gibt es allerdings bemerkenswerte Kuriositäten. Hier dreht es sich um die komplette Rekonstruktion der historischen Stadtmitte aus vor-DDR-Zeit. Es ist also im Grunde weder eine wirkliche Diskussion um Ästhetik noch um die Frage der Symbolkraft der Bibliothek für den städtischen Raum. Kaum jemand scheint die Bibliothek als solche in Frage zu stellen. Man spricht vor allem über die alten Stadtgrundrisse in der “mental map” der Potsdamer und die Frage, dass eines der ersten Gebäude in der rekonstruierten Struktur der Altstadt neben dem Schloss Vorbildcharakter hat für zukünfige Investoren, die den Rest der neu zu errichtenden Barockgebäude bauen sollen.

Für die eine Fraktion ist die historische Anmutung und das äussere Stadtbild als Ganzes das Wichtige, für eine zweite die mögliche und ggf. notwendige Reminiszenz gerade an die DDR-Stadtstruktur und für die Dritte (die Stadtverwaltung und die Bibliotheksbenutzer) ist es die Bibliothek als zentraler städtischer Ort und ihre prinzipielle Realisierbarkeit.

Vielleicht aus Angst, über die wirkliche Funktion und den Inhalt der Bibliothek als “Palais des Wissens” sprechen zu müssen, wird nur die (äussere) Form thematisiert. Die Architektenseite sprach gestern sogar davon, dass “die Bibliothek das ganze System sprengt” und dass man doch einfach “die Luft aus der Bibliothek rauslassen” solle. Das zeugt m.E. sehr davon, dass man sich keine Gedanken über ‘die Bibliothek’ macht, bzw. das sie als nachfeudale Institution doch immer noch Sprengkraft besitzt: wird doch hier ein vorwiegend feudaler Stadtgrundriss rekonstruiert. Bezeichnend ist auch, dass man in diesem Zusammenhang kaum eine Stimme vom Land hört, entsteht doch auch die Landesbibliothek. Das Gebäude hätte also nicht nur die übliche hohe Symbolkraft für die bürgerliche Civitas der Stadt, sondern in diesem Fall sogar zusätzlich für ein ganzes Bundesland mit herausragender Geschichte (Dieses Symbol des Landes ist derzeit einer Unibibliothek zugewiesen: dem IKMZ Cottbus). Die Symbolkraft wird ausschließlich der Stadtstruktur bzw. der Kubatur und dem Standort des Gebäudes zugeschrieben. Darüber nachzudenken, dass für beide Seiten hier von (je verschiedener) hochaufgeladener symbolischer Zukunftswirksamkeit (Tourismus, Wirtschaftskraft, Stadtidentifikation) gesprochen wird, man dabei aber dem eigentlichen Inhalt des Symbols ‘Bibliothek’ (Wissen, Bildung, Innovation, Medien, Begegnung am anthropologischen Ort) nicht gerecht wird, dazu fehlt die Zeit, das Geld (?) und vor allem der Mut.

Der Aspekt Ästhetik ist noch bezeichender: mehr oder weniger offen wirft die eine Seite der anderen vor, einen unzureichenden Ästhetikbegriff zu haben. Die DDR habe ja auch daran gearbeitet, ihren Bürgern den Sinn für Ästhetik zu nehmen. Deshalb kann die andere Fraktion, die ästhetische Qualität des Fassadenentwurfs und des genazen Gebäudes ja auch gar nicht richtig einschätzen. Hier bleibt aber die Ästhetik dann schließlich auch verkürzt auf Form und Struktur und hinterfragt nicht den Gehalt des ästhetischen Empfindens. Ich denke gerade eine Diskussion um die Funktion der Ästhetik bei dieser Art Gebäude und an diesem Standort könnte zu anderen Ergebnissen als zu den beiden vorgeschlagenen führen. Die bibliothekswissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre hat m.E. deutlich gezeigt, dass das Phänomen der Ästhetisierung unserer aktuellen Lebenswelt und die Frage des ästhetischen Raumempfindens gerade bei öffentlichen Bibliotheken besonders bedeutsam ist. Eine Bibliothek ist eben mitnichten ein Ort für Bücher (“Biblio” heißt nicht “Buch”!).

Insofern ist in der Tat der vorgelegte Fassadenentwurf in vielerlei Hinsicht ungünstig,

wegen

  • der unzulässigen und zu flachen Buchmetapher
  • der deutlichen ästhetischen Bezugnahme auf die Architektur der 70er Jahre (in Ost und West)
  • des mangelnden künstlerischen, ästhetischen Mutes (es sei denn die ersten beiden Aspekte sind als mutig gemeint?)
  • der Vernachlässigung der Symbolkraft von Ort und Funktion und damit
  • der mangelnden Zivilcourage (oder stadtökonomischem Weitblick) im Verfahren und in der Diskussion
  • die Überbetonung der Form in der gesamten Debatte und insgesamt damit wegen
  • der grundsätzlichen Verkennung dessen, was eine Bibliothek für das städtische und staatliche Gemeinwesen bewirkt in wirtschaftlicher wie in institutionenpsychologischer Hinsicht.

siehe auch:

Bücherregal aus Glas PNN 12.2.2010
Potsdam TV aus dem Kulturauschuss, 12.2.2010
Cinemaxx-Architektur in Stadtrandlage PNN 13.2.2010
Architekturstudenten stellen eigenen Entwurf vor MAZ 12.2.2010
Ein leuchtendes Bücherregal MAZ 12.2.2010
Wie ein Cineplex am Stadtrand MAZ 13.2.2010

Blogbeitrag hier: Braucht eine Landeshauptstadt eine Bibliothek? 3.12.2009

Zweidimensionale Bildschirme lassen das Gehirn verkümmern

Die Debatte um die Gefährlichkeit der vernetzten und zweidimensionalen Bildschirmwelten hatte im Laufe des Jahres 2009 schon eine gewichtige neurophysiologische Stellungnahme von Seiten eines Mitglieds des britischen House of Lords Baroness Susan Greenfield, Professorin für Neurophysiologie in Oxford, erhalten, die immer noch anschauenswert ist.  “Die Gefahr des Social Networking”: Vortrag am 4.10.2009 im Sydney Opera House:

Die Reaktionen und Verwertungen des Vortrags (z.B. der hier vernetzte Ausschnitt) zeugen von der in ihm vermittelten These, dass die meisten Menschen eine Art Aufmerksamkeitsdefizit haben und den Film nicht zu Ende bzw. ganz anschauen. Tut man dies, so erkennt man den Tenor der Debatte vor allem ab dem Zeitpunkt an dem Lady Greenfield (“eine der 50 mächtigsten Frauen Englands”) über die neuen Medien spricht. Die Argumentation gibt sich den Anschein ganz hoher Wissenschaftlichkeit mit vielen Beispielen aus der Gehirnforschung, aber wo es darauf ankäme, zu den eigenen Thesen im Hinblick auf die neuen Medien Belege vorzuweisen, werden immer nur Analogien zu alten Forschungsergebnissen gezogen. Die gewählten “Filmzitate” während des Vortrags erscheinen mir ebenfalls eher tendenziös – um nicht zu sagen manipulativ. Ich empfehle den ganzen Vortrag zu hören/sehen (mp4-Langfassung).

Lady Greenfield sagt allerdings selber am Schluss, dass alles, was sie vorher gesagt hat nur Meinung war und nicht durch Forschung belegt ist: “man solle das doch mal sagen dürfen… ” Als publikumswirksame Psychologin sollte sie wissen, was sie damit anrichtet.

vgl. auch mein Beitrag zu Schirrmacher

Payback: perfekte Vermarktung in der alten Welt

Informationsflut oder Logorhroe

Schön, dass sich jemand dieses Themas (Informationsentropie) annimmt. Frank Schirrmacher zeigt uns gleichzeitig, wie Informations- und Kommunikationsmedien (vor allem die klassischen) funktionieren. Und produziert selber Informationsfluten, denn er beherrscht die Klaviatur perfekt. Und darf in allen (wirklich allen: sogar in “Bild” wird er abgedruckt) sein Buch bewerben. Man muss dabei eben wissen, dass er Chef des Feuilletons der FAZ ist: er als Person ist eine Institution in unserer Rest-Gelehrtenrepublik. Und er schreibt gerne solche Bücher, die sich gut verkaufen. Trotzdem sind mir andere medienwissenschaftliche Reißer wie Neil Postman oder Richard Sennett um einiges lieber.

Dazu gibt es heute eine fast erfrischende Rezension im Berliner Tagesspiegel:

„Payback“ ist das Buch eines Journalisten, der im Angesicht seiner eigenen Überforderung durch den information overload von Internet und Handy in konsequenter Ich-Perspektive dem Leser erklären will, „warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“. Das Ganze ist im vollen Bewusstsein, dass jedes maschinenstürmerische Ansinnen nur lächerlich wäre, halb kulturkritisches Pamphlet, halb Ratgeber: in der Fülle des ausgebreiteten Materials immer anregend, mit leichter, gedanklich allerdings oft fahriger Hand geschrieben und in der Verengung des Horizonts auf die unmittelbare Gegenwart legitim.

Frank Schirrmacher beschreibt den historischen Wendepunkt, den er in den sich verselbstständigenden Informationstechnologien sieht, mit einer Dringlichkeit, die das bisher nur vage Empfundene begrifflich klar zu konturieren versucht – auch wenn die Klagen über Zerstreuung und Überreizung älter sind als das Netz. Mit Recht fürchtet er ein Lesen, das ins maschinelle Gelesenwerden umschlägt, ein Denken, das uns denkt: den Übergang von Selbstbestimmung zu Fremdbestimmung.

Ob der Rezensent (Gregor Dotzauer) mit seiner Kritik das Buch wirklich treffend beschreibt, werde ich nicht beurteilen können, denn ich werde es nicht lesen, werde ich ggf. bei Living Social in einer Kurzrezension berichten. Ich habe mich doch überreden lassen, es zu kaufen und muss gestehen, dass die Lektüre faszinierend ist. (Nachtrag Jan. 2010)

Vielmehr bringt es mich erneut auf die These von Wayne Wiegand, der von den beiden blinden Flecken der Bibliothekswissenschaft sprach: dem Raum und dem Lesen. Dem Raum haben wir uns mittlerweile schon etwas gewidmet, aber wie Lesen in und mit Informationsinfrastrukturen funktioniert, ist weder erforscht noch benennbares Thema: vielmehr kann man einfach vom “maschinellen Gelesenwerden” sprechen. Die Rede von der Informationsflut ist so alt wie die Information selbst – wenn man so sagen darf. Jedes Zeitalter hat seine Medien und seine spezifischen Informationsfluten, und jedes Mal gibt es Personen des alten Paradigmas, die den Verlust der Informationskultur ja der Welt überhaupt beklagen. Die Klage über die Informationsflut: ein Generationenproblem?

(Immer noch lesbar: Wiegand, Wayne A. (1999): Tunnel Vision and Blind Spots. What the Past Tells Us about the Present; Reflections on the Twentieth-Century History of American Librarianship. In: Library Quarterly, Jg. 69, S. 1–32.)

Nachtrag 1.2.2010: Sehr schöner Kommentar im Blog “Indiscretion Ehrensache” von Thomas Klüver.

LIS Berufe: Ausmaß der Änderungen unklar

Die Märkische Allgemeine Zeitung berichtet heute über die Tagung des Fachbereichs in knapper, aber recht korrekter Weise. (Nach den vielen negativen Erfahrungen, die wir mit der Presse in den letzten Wochen gemacht haben eher ein positives Beispiel). Schade nur, dass wieder so wenig Platz für das so wichtige Thema der Informationsgesellschaft bleibt.

TAGUNG: Archivar im Zeitalter des Internets

Potsdamer Diskussion über die Zukunft eines Berufsstandes / Ausmaß der Änderungen oft nicht klar

„Wer braucht noch Archivare?“, fragte unlängst Ulrich Kampffmeyer von der Hamburger Project Consult Unternehmensberatung auf einer Tagung an der Fachhochschule Potsdam (FHP). Tatsächlich scheint im Zeitalter digitaler Informationsverarbeitung diese Frage nicht abwegig. Doch bei dem Potsdamer Treffen mit 95 Teilnehmern stellte sich heraus, dass der Berufsstand des Archivars und Bibliothekars auch in der Welt des Internets und der E-Books nicht am Ende ist.

In gewisser Weise würden Vermittler von Information sogar wichtiger, so Kampffmeyer. Ähnlich denken Marc Rittberger vom Hochschulverband Informationswissenschaften und Matthias Ballod von der Universität Koblenz. Kampffmeyer selbst konnte allein 18 Firmen benennen, die neue Archivare einstellen wollen. Die Beschäftigten in solchen Unternehmen verstehen sich heute als Informationsspezialisten, die wissen, wo wichtige Informationen zu finden sind und was überhaupt als wichtige Information zu gelten hat.

Diese Einschätzungen teilt auch der Dekan des Fachbereiches an der FHP, Hans-Christoph Hobohm. „Wir haben ein eher optimistisches Bild von der Zukunft, das allerdings getrübt wird durch die extrem schnelle Entwicklung.“ Die Innovationen moderner Kommunikations- und Informationstechnologien überforderten manchmal auch die Möglichkeiten der FHP. Die Hochschule versucht, den Zeitläuften mit Lehrangeboten wie „Einführung in relationale Datenbanken“ oder „Internetrecherche und Informationssysteme“ gerecht zu werden. Das größte Problem sei allerdings, dass den im Beruf stehenden Archivaren der Umfang des Umbruchs meist noch nicht ausreichend bewusst sei. Zum Beispiel müssten sie sich erst noch daran gewöhnen, dass ihnen angesichts digitaler Verwaltung und Kommunikation nicht mehr automatisch wichtige Papiere zur Verwahrung übergeben würden.

„Archivare müssen heute am Anfang stehen, nämlich dort, wo die Entscheidungen und Prozesse beginnen“, so Hobohm. Sie müssten die Entscheidungsträger zum Beispiel in Unternehmen auf die Wichtigkeit bestimmter Informationen hinweisen und bewahrenswerte Information von vorneherein auswählen. „Unternehmen müssen außerdem davon überzeugt werden, dass sich Investition in Information auszahlt.“ Das erfordere soziale Kompetenz und Kenntnis des jeweiligen Fachbereiches, etwa einer bestimmten Unternehmensstruktur oder eines wissenschaftlichen Feldes.

Dass diese komplexen Aufgaben jemals von Rechnern automatisiert werden könnten, glaubt der Dekan nicht. Nur Menschen seien in der Lage, sich schnell ändernde Realitäten richtig zu erfassen. Und nicht zuletzt liefen die wirklich wichtigsten Informationen nach wie vor von Mensch zu Mensch. (Von Rüdiger Braun)

MAZ vom 14.5.2009

vgl. vorherige Posts