Archive for the 'Web2.0' Category

Mai 20 2008

IuD Neuauflage? Dokumentare vor der Wende

Auf einem Workshop bei der GESIS hatte ich am Freitag (17.5.) und Montag (19.5.) die Gelegenheit über neuere Entwicklungen und Tendenzen in der Informationswissenschaft zu sprechen, speziell über den Kernbereich IuD/Retrieval/Informationsvermittlung. Es war deshalb so spannend, weil die Dokumentare des IZ Sozialwissenschaften und die dort forschenden Informationswissenschaftler ja unlängst von der BLK zur Speerspitze der informationswissenschaftlichen Entwicklung erhoben wurden (Arbeitsgruppe ‘Zukunft der Fachinformation’).

Marc Rittberger und Christa Womser-Hacker waren die beiden anderen Referenten, die insgesamt ein sehr differenziertes Bild von “Fachinformation aktuell” zeichneten. Marc Rittberger stellte die integrativen Dienstleistungen des IZ Bildung vor und Christa Womer-Hacker berichtete über die aktuellen Entwicklungen in der klassischen Retrieval Forschung. Mein Hauptthema war die von Ingwersen und Järvelin postulierte Wende in der Retrieval Forschung und der Neuansatz von Informationsverhaltensforschung, der sich in den letzten 15 Jahren herausgebildet hat:

Kombiniert mit der 2.0-Debatte, den Technologie-Hypes und einigen klassischen Erkenntnissen der Informationswissenschaft ergibt sich zunächst für mich ein erstes Bild einer gänzlich anderen Ausrichtung von Informationsarbeit generell. Wie diese konkret aussehen soll, kann ich allerdings auch noch nicht sagen: ich weiß nur, dass die Informationsnutzer, für die Dokumentare produzieren, auch schon (wo)anders sind. Und die Fachinformation muss diesen neuen Geschäftsmodellen folgen und nicht nur weiter an nutzerfernen Informationssystemen basteln.

Was ich vor Jahren im Bibliotheksbereich mit eingeführt habe - nämlich einmal über Dienstleistungsqualität nachzudenken - scheint im IuD-Bereich noch nicht sehr angekommen zu sein. Es gab im Auditorium Erstaunen darüber, dass der Nutzer bstimmt, was er für Qualität hält, selbst wenn die gelieferte Information schlecht oder falsch ist. Unsere tägliche Erfahrung mit Google zeigt es uns aber täglich am eigenen Leib, wie schnell wir mit Information zufrieden sind.

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Mai 17 2008

Bibcamp in Potsdam und Berlin

Bibcamp im FHP Schaufenster

Erste bibliothekarische Unkonferenz in Deutschland im Schaufenster der Fachhochschule Potsdam!

Die zweite Inetbib-Tagung war vor 10 Jahren in Potsdam. Damals war das “Internet in Bibliotheken” und deren Mailinglisten noch recht revolutionär. An diesem Wochenende fand in Potsdam die erste Unkonferenz statt zum Thema Web2.0 in Bibliotheken. Vom Thema her gesehen auch wieder mit der gleichen Verspätung: in der Außenwelt ist es längst schon nicht mehr hype.

Die Tagung machte aber auch deutlich, dass die jungen und alten Wilden der Bibliothek2.0 Bewegung, den Paradigmenwechsel doch schon weitergehend verstehen: es dreht sich nicht bloß um eine neue Technik, sondern ganz einfach um einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel. Neben technischen Details wurde deshalb vorwiegend diskutiert, wie die Informationsinfrastruktur, die die Bibliotheken mit Steuergeldern aufrecht erhalten, den aktuellen Nutzergewohnheiten angepasst werden können. Hauptproblem scheinen die starren bürokratischen Verkrustungen in Deutschland zu sein: die passen ganz und gar nicht zu der neuen Welt der multiplen spielerischen Möglichkeiten des Web2.0.

Ca. 80 bis 100 “Innovatoren” der Bibliotheks- und IT-Welt trafen sich in Potsdam am Freitag und debattierten am Samstag in der HU Berlin weiter. Ein paar Bilder davon haben Dierk Eichel und ich geschossen; vielleicht gibt es auch einen Film. Mehr dazu auf bibcamp.de und in den News des Fachbereichs Informationswissenschaften der FHP.

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Mär 27 2008

Fundierte Kritik: Web2.0 ist böse!

pageHeaderLogoImage Fundierte Kritik: Web2.0 ist böse!

Die März Ausgabe von FirstMonday fasst das zusammen, was alle schon immer gedacht haben: Web2.0 ist nur eine von geheimen Wirtschaftsmächten getriebene Blase und noch dazu eine böse. Das ist schon erstaunlich bei FirstMonday zu lesen:

Preface: Critical Perspectives on Web 2.0
Michael Zimmer

Market Ideology and the Myths of Web 2.0
Trebor Scholz

Web 2.0: An argument against convergence
Matthew Allen

Interactivity is Evil! A critical investigation of Web 2.0
Kylie Jarrett

Loser Generated Content: From Participation to Exploitation
Søren Mørk Petersen

The Externalities of Search 2.0: The Emerging Privacy Threats when the Drive for the Perfect Search Engine meets Web 2.0
Michael Zimmer

Online Social Networking as Participatory Surveillance
Anders Albrechtslund

History, Hype, and Hope: An Afterward
David Silver

Vielen Dank, Ed Valauskas, für diese erfrischende Ausgabe, deren Zielrichtung uns Michael Zimmer in der Einleitung so zusammenfasst:

The goal of this special issue on Critical Perspectives on Web 2.0 is to remove the blinders that Neil Postman warns us of, and in reading the essays that follow, we hope to help and expose, explore and explain the ideological meanings and the social, political, and ethical implications of Web 2.0.

Allerdings kommen wir mit den Statements nicht wirklich weiter. Zimmer selbst muss auf Neil Postmans Vor-Internet-Essay Technopoly rekurrieren, und auch die anderen Beiträge sind nicht gerade Empirie geschwängert oder argumentativ stringent. Einen Versuch ist es aber sicher wert; viele Aspekte erinnern ja doch an die Weizenbaum Debatte oder den digitalen Maoismus. Gut, wenn dies wiederholt wird. Am meisten gefällt mir Kylie Jarretts Text (nicht nur weil sie auf Foucault kommt…).

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Mär 14 2008

Social Software immer noch Hype

Ich hatte gestern das Vergnügen, mal wieder einen Vortrag zu halten über “neue Informationsarbeit” und konnte dabei versuchen, Begeisterung für die schöne neue Welt zu wecken. PatrickD hatte dies im gleichen Kreis schon vorher versucht, war aber offensichtlich nicht nur auf Gegenliebe gestoßen. Ich habe es natürlich theoretischer verpackt (denke ich) und hatte den Eindruck, dass die Lektion “es handelt sich um einen ganz grundlegenden Wandel der Welt” angekommen ist. Lösungen kann ich aber auch nicht bieten: nur den Anstoß, es doch auch mal zu versuchen… In der Diskussion des Librarian2.0 Manifesto kam dann wirklich auch der Wille zum Ausdruck, es doch einmal auszuprobieren.

Mir fällt dabei auf, dass die Jaron Lanier Debatte ja immer noch gilt - vielleicht sogar noch mehr angesichts von Projekten wie LinkingOpenData. In der Diskussion kam ich dann auch ganz schnell auf die Potenzkurve und die Schwarmintelligenz und die Frage, wie wertvoll diese für den Menschen sei. Warum vertrauen nur alle Wikipedia und Google als Informationsquelle? Warum nicht mehr der eigenen Intuition oder dem Kollegen? Passend dazu das Titelblatt DER ZEIT von dieser Woche:

012_001 Social Software immer noch Hype

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Feb 15 2008

Horizon zieht Bilanz: alles wird “social”

HR08cover Horizon zieht Bilanz: alles wird social

Der neue Horizon Report ist da. Mit allen in Web1.0 und 2.0 zur Verfügung stehenden Mitteln wird er bearbeitet und präsentiert: sehenswert die Videopräsentation von Educause und das Wiki von NMC.

Aus den nun vorliegenden fünf Delphi Studien zur zukünftigen Entwicklung von Lerntechnologien werden diesmal “Metatrends” ausgemacht und diskutiert:

2008-metatrends-sm Horizon zieht Bilanz: alles wird social

Die aktuellen Trends Anfang 2008 sind:

“Time to Adoption” unter einem Jahr:

Grassroots Video
Collaboration Webs

“Time to Adoption” zwei bis drei Jahre:

Mobile Broadband
Data Mashups

“Time to Adoption” vier bis fünf Jahre:

Collective Intelligence
Social Operating Systems

In meiner Interpretation: neben der dafür notwendigen Technik ist vor allem der Antrieb die zunehmende Erkenntnis, dass Information etwas soziales ist. Vor dem Hintergrund der Brockhaus Entscheidung letzte Woche, nur noch online zu publizieren (also der Wikipedia das Feld zu überlassen) erstaunt die Einschätzung der Collective Intelligence als einer erst in fünf Jahren reifen Entwicklung. Auch die anderen “Time-to-Adoption” sind vergleichsweise konservativ gesehen. Könnte dies eine amerikanische Entwicklung sein und Europa holt auf?

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Jan 20 2008

Innovationspreis für Jin Tan und Second Life

Published by Hans-Christoph Hobohm under FHP Fb5, Web2.0

SL als Brücke zwischen Digital und Analog

Der Potsdamer Diplom Bibliothekar Jin Tan wird auf dem nächsten Bibliothekartag (Juni 2008) mit dem B.I.T. Online Innovationspreis des BIB ausgezeichnet werden. Dieses Jahr hatten sich mehrere Potsdamer Diplomanden zu Recht um diesen Preis beworben. Jin Tan hat das Rennen gemacht: Herzlichen Glückwunsch! Den anderen zum Trost: hier gilt zum einen das Olympische Prinzip: toll, dass Sie mit gemacht haben! und zum anderen der Matthäus Effekt: denn der hat, dem wird gegeben. Verständlich ist aber vor allem, dass die BIB Kommission nur einen der drei Preise nach Potsdam vergeben konnte.

Die Diplomarbeitspräsentation von Jin Tan ist natürlich (wie die Arbeit) bei ihm im Blog noch einmal erlebbar: und ist wirklich sehens- und hörenswert.

Mehr dazu auf den Webseiten des Fachbereichs.

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Okt 26 2007

Wissen und Alterität

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Über die Notwendigkeit des Anderen im Zusammenhang mit Wissens- und Bildungsprozessen.
Eröffnungsvortrag der VIII. Civitas Ringvorlesung der Fachhochschule Potsdam (Wintersemester 2007/08):

Das andere - das fremde

am 29.10.2007 im Schaufenster der Fachhochschule Potsdam, Friedrich-Ebert-Str. 4
Die Begegnung mit dem Anderen ist stets prägend in Lernprozessen: nur über die Erfahrung des Neuen - des noch nicht Gewussten und Ungewohnten - können wir uns unserer eigenen Position bewusst werden und diese weiter entwickeln. Dies ist eine Erkenntnis, die viele Studierende nach einem Auslandssemester mitbringen, nach dem sie einen ‘anderen’ Blick auf ihr eigenes Land und damit auf sich selbst werfen konnten. Sich selbst von außen betrachten, über den Dingen stehen zu können, ist ein Kennzeichen für die Souveränität des Meisters, dem der Schüler begegnet auf seinem Weg zur eigenen Weisheit.

Die globale Digitalisierung und Vernetzung der Welt macht uns zunehmend bewusst, wie wichtig die (physische) Begegnung mit dem anderen Menschen ist, und wie sehr wir doch eher durch das Analoge geprägt sind. Computerkritiker wie Weizenbaum und Dreyfus haben darauf schon lange hingewiesen, jetzt rufen uns dies die aktuellen Erscheinungsformen des (sozialen) Netzes wie Second Life und MySpace selber grell ins Bewusstsein: der Mensch ist ein soziales Wesen und jede Informations- und Wissenstätigkeit funktioniert nur durch eine Einbettung in personale und gesellschaftliche Kontexte - durch ‘Verortung’. Nichts anderes passiert derzeit im Internet selbst. Die neuen Möglichkeiten des Web2.0 machen deutlich, wo die Stärken der großen Informationsmaschine Internet liegen: in der Vernetzung von Personen. Alle künstliche oder konstruierte Intelligenz der Suchmaschinen kann die persönliche Begegnung an einem ausgewählten Ort nicht ersetzen. Dies ist der Tenor der aktuellen Überlegungen führender Wirtschaftsexperten, wenn sie das Internet als Marktplatz erklären wollen (”Märkte sind Gespräche”) oder wenn Potenziale des “Humankapitals” im Wissensmanagement des Unternehmens aktiviert werden sollen (”Management by Story Telling”). Informations- und Wissensprozesse geben sich - befreit von der Techniklast - zunehmend (wieder) als hermeneutische Dialoge zwischen Menschen zu erkennen.

Der Informationswissenschaftler Hans-Christoph Hobohm macht insgesamt eine Renaissance des Analogen aus und betont in seinem Vortrag wie sehr in anderen Ländern das Umdenken in der Bildungspolitik schon begonnen hat.

Die traditionelle Winter-Ringvorlesung der FHP (immer montags 18 h) bringt Kollegen der Hochschule und andere Interessierte aus Potsdam und Umgebung zu interdisziplinären Vorträgen mit anschließender Diskussion und Umtrunk zusammen. Es wurden Themen behandelt wir “Geometrie und Lebenswelt”, “Bildersturm und Gedächtnis” oder “Leerstand und Fülle”. Der langjährige Erfahrungsaustausch macht deutlich: man kann sogar mit Bauingenieuren reden und manche Architekten und Designer verstehen. Eingeladen sind nicht nur Studierende.

Pressereaktion in den Potsdamer Neuesten Nachrichten

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Jun 12 2007

und sonst: Weinberger deklariert die Welt als Restkategorie

Everything is Miscellaneous

Nun wird es doch nichts mit einer ausführlichen Besprechung. Da gibt es doch tatsächlich noch andere, die sich das Buch auch sofort bei Erscheinen haben kommen lassen (amazon feature).

Nachdem David Weinberger uns allen die geschäftlichen Grundfunktionen des Internet (1.0) erklärt hat: im Cluetrain Manifesto und in Small Pieces Loosely Joined, erläutert er nun vor allem den Bibliothekaren, was Metadaten sind und warum Folksonomies doch gut sind. Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder. heißt sein neuer Thriller, der vor wenigen Wochen ins Haus flatterte - nein “plumpste”. “Miscellaneous” ist in einer Klassifikation oder Typologie stets die Restkategorie “Sonstiges” oder “Vermischtes” - die letzte Seite der Tageszeitung, die gerade unsere Aufmerksamkeit besonders fesselt, ohne dass wir es wollen. (Die Signatur “Y²” in der frühen Bibliothèque Royale in Paris, die die Romane enthielt, die keiner sonstwo klassifizieren wollte oder “Z” für Mélanges“.) Der Krämerladen im Gegensatz zu der marketingtechnisch und aufmerksamkeitsstrategisch gut durchsortierten Warenhauskette.

Weinberger zeigt nun, dass die eigentliche Macht des Web2.0 gerade seine Unordnung ist und es eben nicht auf die definierte Semantik ankommt, sondern mehr auf die Relationen zwischen den realen Objekten, auf das “Soziale” der Beziehungsebene mehr als das Objektive der Inhaltsebene des Web 1.0. Auch schon die erwies sich ja ursprünglich als zu kurzsichtig, da die reine PR im Internet bzw. der reine Warenkatalog im Webshop das Produkt im Marketing-Mix auf die Preisfunktion reduzierte. Man könnte meinen, diese Reduktion in der Repräsentation von Welt, wie wir sie im Web 1.0 erlebt haben, hat Web 2.0 mit bedingt: die Empfehlungsfunktionen bei Amazon und Ebay sind ja entstanden, ohne dass wir diese als Versionswechsel des E-Commerce angesehen hätten. Beruhigend für uns: die urspünglich schwarz an die Wand gemalte Disintermediation hat das Wunder bewirkt, sich selbst zu verhindern. Da es keine intermediären Instanzen mehr im Netz gab, hat es sich diese selbst geschaffen durch Verstärkung der Beziehungsebene der Nutzer. Diese intermediären Instanzen sind und waren neben den klassischen logistischen Strukturen die Institutionen: die renommierte Fachzeitschrift, das Lexikon oder Enzyklopädie, die Taxonomie, die Bibliothek, die Datenbanken der Hosts. Ich würde weiter gehen und vermuten, dass auch andere Institutionen bald betroffen sein werden: wie die Universität, das Buch oder das Fernsehen. “User driven content” bedeutet eben auch die Diversität der Welt anzuerkennen: so heterogen wie die Nutzer und ihre Befindlichkeiten, sind eben auch deren Informationsstrukturen, sie lassen sich durch keine noch so ehrfurchtsvoll gelehrte Erschließungsinstanz der Bibliothekare oder anderer Klassifikateure bändigen. Und: muss es denn sein?

Die FAZ (Harald Staun) bespricht das Buch gleich zweimal: am 11.6. im Bereich Wirtschaft:

Der Zweifel an der Kompetenz der Institutionen, zu deren Kernaufgaben die Selektion und Präsentation von Informationen gehört, ist aber längst kein theoretisches Projekt mehr: Millionen sorgfältiger Internetnutzer dekonstruieren die Autorität jener Institutionen wirkungsvoller als jeder Essay Derridas, ganz ohne ideologische Absicht.

und am 10.6. in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

Zweifellos stellen solche “Folksonomies”, wie die kollaborativ erarbeiteten Wissensordnungen genannt werden, auch das Selbstverständnis klassischer Medien in Frage. Wenn die Leser selbst entscheiden, welche Nachrichten ihnen wichtig sind, konkurrieren sie mit der Expertise professioneller Redakteure. Das klingt für die Branche zunächst einmal beunruhigend, vor allem da man sich ja gerade erst mit den sogenannten Leserreportern inoffiziell auf eine Art Arbeitsteilung geeinigt hatte: Als Lieferant von Augenzeugenberichten und Fotos sind sie ja ganz brauchbar, was gedruckt wird, entscheiden dann die Profis.

Auch dieses kann man aus Bloggersicht bezweifeln.

Richard Akerman hatte am 21.5. in seinem Science Library Pad ausführlich darüber berichtet. Und Karen Schneider bespricht in Ihrem ALA TechnSource Blog das Buch schon am 3.5. sehr ausführlich und inhaltsreich. Ihr Blog-Eintrag generiert eine recht lange Diskussion, die sie selbst in einem Kommentarposting zusammenfasst:

I would encourage you to read his book. Weinberger isn’t writing about the death of the library… he’s writing about changes in the organization of information. I believe you are correct: libraries can survive quite nicely, as long as they know what their game is.

Tja, aber das ist (und bleibt) die Frage: was ist das Game? Diese Änderungen der Alltagsorganisation von Information, obwohl schon so oft mit “the long tail” beschrieben, scheinen doch so fundamental zu sein, dass man sie nicht wirklich auf den Punkt bringen kann. Ich habe etwas Probleme (ähnlich wie Herr Staun von der FAZ) mit dem amerikanischen Stil des Buches (ähnlich aber auch schon Small pieces…). Es kommt im Grunde wissenschaftlich daher, lässt aber dann die stringente Argumentation doch vermissen. Ganz zentral sagt er dem Essentialismus dem Tod an (S.219), begründet seine These aber nur mit simplen genetischen Überlegungen zur ethnischen Mischung der amerikanischen Bevölkerung. Oder er spielt Nature gegen arXiv aus, nur um am Schluss zu sagen: alles ist relativ und man muss ja doch weiter nuancieren.

Auch wenn Herr Staun dies so nicht gemeint hat: die Lektüre von Derridas Schrift und die Differenz hat mir damals im grundsätzlichen Verständnis mehr gebracht, vielleicht gerade weil ihm der Hype fehlte.

Dennoch: Weinbergers Veranschaulichung von Taxonomie im Alltag bzw. die Unmöglichkeit der stringenten (”essenziellen”) Klassifikation, wie sie in der Folksonomie deutlich wird und die plastische Erläuterung, was uns der long tail bedeuten kann/muss, macht das Buch unbedingt lesenswert. Ob es einen “Paradigmenwechsel” darstellt (oder was heißt “Pageturner”?), wage ich allerdings zu bezweifeln. Es ist vor allem ein schön geschriebener, kluger Essay über unsere Zeit, die sich durch die neue Kommunikationstechnologie mit großer Sicherheit mehr ändert, als noch die Gesellschaft vor zwanzig Jahren nach der Einführung des Internet. Eine zentrale Aussage von Weinberger ist: “Internet is still underhyped”. Na, mindestens das freut uns: die Reise geht weiter.

Vgl. sein Präsentationsvideo bzw. seinen eigenen Blog sowie den Beitrag bei “Elektrischer Reporter“.

Weinberger, David: Everything Is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder. New York: Times Books, 2007. (Deutsche Ausgabe ist für März 2008 angekündigt.)

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Mai 31 2007

LIS in Potsdam: erst ein Jahr dabei

LIS in Potsdam Layout vor einem Jahr

Am Anfang sah es anders aus: das Weblog LIS in Potsdam. Aber nicht sehr. Seit dem 26. Mai letzten Jahres frisst dieses Web-Monster meine Zeit. 170 posts seitdem sowie 93 comments und 28 categories.

In manchen Fällen hat es sich in der Tat als das herausgestellt, als das es gedacht war. Manchmal wundere ich mich aber immer noch wie wenig Studenten (auch online) lesen. Andererseits ergaben sich aber wirklich auch soziale Vernetzungen mit diesem Medium.
Wesentliches Ergebnis dieses Experiments ist vor allem das jedes Schreibens: nur über die eigene Bearbeitung eines Themas, die gedankliche Zusammenfassung lernt man wirklich.

Vielfach habe ich hier publiziert, auf eine Art und auch Frequenz, in der ich sonst nicht hätte publizieren können. Auch der Stil dieser Textsorte ist immer noch anregend.

Deutlich unterscheidet sich dieses Medium von anderen Web2.0 Anwendungen. Zum bookmarken eignet es sich z.B. nicht so sehr - aber doch zum inhaltlichen Sammeln von Themen, die sich dann in einem Wiki noch weiter kristallisieren - sofern die Zeit bleibt.

Wichtig aber auch gerade heute wieder die Bestätigung der These: ein Jahr sind in der Tat vier Web-Jahre - so kommt es mir zumindest vor.

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Mai 28 2007

OCLC Studie zu Social Networking - Vorveröffentlichung

Published by Hans-Christoph Hobohm under LIS, Web2.0, Zukunft

CBPQ-Konferenz- Vortrag Daniel Boivin

Wie versprochen mehr von der CBPQ-Konferenz in Québec. Wohl das Spannendste war ein Vortrag eines OCLC Vertreters, Daniel Boivin, der erste Ergebnisse aus der neuen OCLC Studie vortrug. “Frisch ins Französische übersetzt”. Leider ist sein Vortrag (noch?) nicht in den “actes du congrès” enthalten. Ich habe seine Folien photographiert, aber damit bleiben sie auf Französisch. Vielleicht ein paar Highlights in einer Weiterübersetzung….

Wesentliches Thema der neuen Studie ist die Frage, ob Social Networking nur ein vorrübergehendes Phänomen ist und ob Bibliotheken sich diesem widmen sollten und wenn ja wie. Begleitende Frage ist, wieviel Vertrauen die Nutzer bzw. die Bibliothekare den neuen Funktionen des Webs entgegenbringen. Dazu gibt es auf der Startseite des Reports auch schon 5 spannende kleine Filme mit Aussagen der Interviewten in der Studie (leider wieder nur mit IE anschaubar.).

Wichtig ist aber vor allem auch, dass die Erhebung diesmal wieder wirklich global war: in den Ländern Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Niederlande, Japan, Kanada, USA wurden jeweils relativ große Repräsentativbefragungen durchgeführt (N= 800 bis 1800 jeweils). So sind also in erster Linie die internationalen Vergleiche interessant. Z.B. die Frage: “Haben Sie in den letzten 12 Monaten eine Bibliothek besucht (vor Ort oder online)?”
Darauf antworten weltweit insgesamt 27% mit “nein - aber früher“, in den USA 28%, in Kanada 31%, in Großbritannien 35%, in Frankreich 23%, in Japan 18% und in Deutschland 35%. Überhaupt nie in eine Bibliothek gekommen sind insgesamt 17%, in den USA 7%, in Kanada 10%, in Großbritannien 11% in Frankreich 29%, in Japan 40% und in Deutschland 22%. In beiden Fällen schneidet Deutschland also schlecht ab. Vor allem scheint gerade im letzten Jahr ein besonderer Rückgang an Bibliotheksbesuchern zu verzeichnen zu sein.

Haben Sie in den letzten 12 Monaten eine Bibliothek besucht (vor Ort oder online)?

Auch die Frage nach der “Library Card” ist recht deutlich. in Frankreich und Deutschland gibt es die wenigsten “oui” (grün) in allen Altersgruppen.

Haben Sie einen gültigen Bibliotheksausweis?

Das Hauptziel der Studie war die Frage, wieviel Vertrauen die Nutzer dem Web und seinen Diensten geben, wem sie überhaupt persönliche Informationen preisgeben würden. Hier überrascht der internationale Vergleich, hätte ich aus persönlichen Erfahrungen genau das Gegenteil erwartet: die Deutschen sind freigiebiger mit persönlichen Informationen als andere Länder. Allerdings handelt es sich bei dieser spezifischen Fragestellung um die Frage, welche Informationen aus dem Bibliothekskontext man mit wem teilen würde. Vielleicht glauben die Deutschen hier doch auch noch an den vertrauenswürdigen Bibliotheksbeamten… Im Schnitt würden 36% aller Befragten überhaupt keinem mitteilen wollen, was sie in der Bibliothek ausgeliehen haben. Deutsche würden dies nur zu 22% für sich behalten wollen. Hieran anknüpfend stellt sich die Frage nach der Nutzung von Recommending Diensten in Deutschland und anderswo. Angesichts dieser Zahlen verwundert, dass man in Deutschand davon weniger sieht als im Ausland.

Mit wem würden Sie Informationen über die von Ihnen entliehenen Bücher teilen?

Naturgemäß wird die Frage nach dem Vertrauen in Webdienste sehr detailliert abgefragt (so sehr, dass die Folien schwer les- und übersetzbar sind). Grundtenor ist allerdings stets, dass Bibliothekare weitaus vorsichtiger im Umgang mit Ihren persönlichen Daten und ängstlich im bezug auf die Nutzung von Web2.0-Angebote sind, die persönliche Daten verlangen. Die Zurückhaltung hat etwas mit dem Alter der Bibliothekare zu tun, aber auch mit der Erfahrung mit den Diensten selbst. Besonders wenig Erfahrung besteht im Bereich Chat und Instant Messaging, aber die passive Nutzung von Web2.0 Diensten durch Bibliothekare ist doch schon relativ weit verbreitet.

Online Aktivitäten von Bibliothekaren 1

Online Aktivitäten von Bibliothekaren 2

Online Aktivitäten von Bibliothekaren im Vergleich

Wichtige Frage, die nach einer Flut von Zahlen und Folien im Raum stand: soll die Bibliothek eine aktive Rolle übernehmen beim Angebot von Sozialen Netzwerken oder nicht. Ca. 50% der Befragten (USA, Kanada, Bibliothekare) sind sich sicher, dass sie dies nicht sollte. Nur 10-15% würden dies befürworten. Der Referent von OCLC konnte noch so viel Enthusiasmus aufbringen, und noch so sehr an Kundenorientierung appellieren, auch die anwesenden Bibliothekare auf der Konferenz der frankokanadischen Bibliotheksvereinigung konnten ihm ebenfalls mehrheitlich nicht folgen - trotz der authentischen Berichte von Webnutzern, die hierin eine Bereicherung für ihr Leben sehen.

Die Rolle der Bibliothek im Social Networking?

Und schließlich wurde die Frage gestellt, die auch schon die anderen OCLC Studien prägte: Was fällt Ihnen als erstes in Verbindung mit dem Wort Bibliothek ein? Books, just books.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Bibliothek denken?

Ich würde mit Daniel Boivin sagen, dass die Frage im Grunde falsch gestellt ist, bzw. dass es gilt, genau hier etwas zu ändern, wenn Bibliotheken relevant im Leben ihrer bisherigen Nutzer bleiben wollen. Oder wie es ein Unternehmensberater bei einem Berufungsvortrag an der FH Potsdam unlängst sagte: es gibt nur zwei Arten von Organisationen, die die überleben und die anderen.

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