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Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft: raus aus der Komfortzone! Beobachtungen auf dem Panel „(Öffentliche) Bibliotheken in Forschung und Lehre“

Panel zu „Bibliotheken in der Lehre“ IBI/HU am 4.12.2018

Die vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin (HU) initiierte Podiumsdiskussionen reagierte auf das offensichtliche Verschwinden des Themas „Bibliothek“ an den deutschen Hochschulen speziell an der HU. (Die Veranstaltung wurde professionell aufgezeichnet!) Ein Problem, das im angloamerikanischen Raum vor ca. 15 Jahren unter dem Stichwort „Dropping the L-Word“ (=„Library“-School) auch schon in der Diskussion war. In unserem europäischen bibliothekswissenschaftlichen Projekt ALMPUB wurde interessanterweise von den ausländischen Kollegen mehrfach konstatiert, wie weit Deutschland stets hinter den internationalen Diskussionen her ist. 

Die Diskussion vergangenen Dienstag (4.12.2018) fand bezeichnenderweise in einer wissenschaftlichen Bibliothek (WB) statt, obwohl doch die „Öffentliche Bibliothek“ (ÖB) thematisiert werden sollte. Der Leiter der Universitätsbibliothek der HU, Prof. Degkwitz, eröffnete die Veranstaltung mit Hinweisen auf die aktuelle Erfolgsstory der Stadtbibliotheken mit Roboterparks, Bibliotheksfestivals und der Eröffnung spannender „Dritter Orte“ in vielen deutschen Städten. Dabei erwähnte er äußerst lobend den positiven Einfluss, den die Herausgabe und deutsche Veröffentlichung von Expect More von David Lankes (durch mich) gehabt hat.
Hier beginnt meine Irritation: wie kann es sein, dass einer der führenden Universitätsbibliothekare Deutschlands nicht sieht, dass es sich um eine grundsätzlich neue Rolle für Bibliotheken handelt, die die großen WBs genauso betrifft wie die „kleinen“ ÖBs? Warum fragt er sich nicht, warum seine Nutzer vorwiegend die illegalen Schattenbibliotheken nutzen und nicht seine tollen Daten und Informationsdienste? Dafür zieht er sich darauf zurück, dass ja die Revolution „nur“ in den armen ÖBs stattfindet. Stattdessen bleiben die WBs in der Komfortzone der Datenverifikation der postfaktischen Gesellschaft und einer Hypostasierung der Computerphilologie der 1980er Jahre, d.h. dort wo es aktuell Geld gibt von der offiziellen Digitalisierungsideologie.
Es gab erstaunlicherweise zwei Panels: eines zu Forschung und eines zu Lehre: und das an der Universität, dessen Namensträger für eine Integration von beiden steht: keine akademische Lehre ohne Forschung und umgekehrt. Und es kam, was kommen musste: der Forschung wurde vorgeworfen, im Elfenbeinturm zu sein (und zwar ernsthaft, wiederholt und vehement). Von gleicher Seite kam aber auch das Geständnis keine Forschung zu kennen, außer den Abschlussarbeiten, die man selber mitbetreut hätte. Gerne hätte ich wirklich mehr gehört was es denn für Elfenbein-Forschung gibt, die sich mit Bibliotheken und speziell Stadtbibliotheken beschäftigen und ihnen bei der Weiterentwicklung helfen. Ich habe eher den Eindruck, dass der Elfenbeinturm-Eindruck deshalb entsteht, weil man die Forschung nicht sieht, weil es sie gar nicht gibt. Der Hinweis darauf, dass ein großer Anteil von Abschlussarbeiten (Bachelor und Master sich mit ÖB Themen beschäftigten würde mir an dieser Stelle nicht ausreichen. An den Hochschulen zumindest können wir ja die „Forschung“ durch unsere Absolventen nicht wirklich als unsere Forschung verbuchen…
Der Hinweis von Karsten Schuldt, der einzelne Untersuchungen zu Schweizerischen Bibliotheken gemacht hat (sowie zu Schulbibliotheken und der Bildungsfrage für Bibliotheken), dass es sich hier oft um zwar nachgefragte, aber dann gar nicht genutzte konkrete Beratungsleistungen handelt, zeigt ähnlich wie in anderen Disziplinen das typische Theorie-Praxisphänomen auf, dass „Forschung“ eines bestimmten Bereichs von dem Bereich selber nicht zur Kenntnis genommen oder zumindest nicht umgesetzt wird (Schulforschung vs. Schulunterrichtspraxis). Die Situation in der Schweiz ist allerdings zusätzlich eine andere als in Deutschland, weil es hier offensichtlich auch andere Finanzierungssituationen gibt und die Hochschulen sich teilweise aus realen Gelder tatsächlich refinanzieren müssen und Forschung nicht wie in Deutschland mit dem Spielgeld von DFG und BMBF geschieht.
Bezeichnend zum Theorie-Praxis Problem war denn auch die Forderung der Praxis vom Podium, es solle mehr Weiterbildungen geben, die wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln. Meine Erfahrungen sind aber eben leider genau die, dass Wissensvermittlung in Weiterbildungskursen nicht gut ankommt, weil „zu theoretisch“. Auch unsere Studie vor Jahren zu der Frage, wie sich Bibliotheken über Trends und Innovationen informieren belegte ja deutlich ein allgemeines Desinteresse an neuen Erkenntnissen: man bleibt auch in der ÖB lieber in der Komfortzone des Business as usual (vgl. Hobohm, H.-C. (2009). Wie werden innovative Ideen aufgespürt und umgesetzt? Qualitative Erhebung zu Environmental Scanning und Trendbeobachtung an deutschen Bibliotheken. BuB. Forum Bibliothek und Information, 61(6), 454-459.)
Das zweite Panel zu Lehre und Ausbildung zum gehobenen Dienst war noch problematischer: es gab nicht nur die Klage über nicht existierende nebulöse Elfenbeintürme, hier wurden die Forderungen an dieses Gespenst Hochschule noch drastischer. Nicht nur wurde gefordert, dass wir verhindern, dass Literatur- oder Datenliebhaber und introvertierte Bibliotheksfans unsere Studiengänge wählen (also Auswahlverfahren außerhalb von NC einzurichten), es wurde den Hochschulen sehr konkret eine Palette von Module ins Stammbuch geschrieben, was denn alles unterrichtet werden solle. Ich habe sogar den Eindruck, dass das die über 20 Module, die gefordert wurden, nicht ironisch gemeint waren. Es lachte auch keiner – vor Entsetzen über so viel Unkenntnis der Hochschulrealitäten.
Gerhard Hacker, HTWK Leipzig, brachte es auf den Punkt, dass wir nur ein/zwei Menus liefern können mit den vorhandenen Köchen und Rezepten. Wenn man eine so große Vielfalt wolle (die eierlegende Wollmilchsau), solle man vielleicht doch einen anderen Lieferdienst auswählen. Wir müssen mit unseren Ressourcen effizient und strategisch umgehen. Mein Argument war in diesem Zusammenhang, dass ich tatsächlich aus den Stellenausschreibungen des letzten Vierteljahrs nicht den von den anwesenden ÖB-Praktikern empfundenen Boom an Stellen in diesem Bereich feststellen konnte (nicht gezählt habe ich dabei befristete und Teilzeit Stellen).

Wir leben im Conceptual Age (Dan Pink 2006, fig. 3.2)

Die Moderatorin dieses Panels, die Vorsitzende der KIBA, Prof. Frauke Schade, Hamburg, brachte dann den interessanten Hinweis auf Simon Sinek ein, mit dem man die Frage nach dem Kern der Ausbildung für Leitungspositionen auf den Punkt bringen könne: die Erfolgreichen Organisationen fragen zuerst nach dem Warum (First ask why) und dann nach dem Was ihres Angebotes. Traurigerweise konterkarrierte sie ihre eigene Anregung, indem sie dann in der Schlussmoderation sagte, wir wüssten ja genau, was der Kern bibliothekarischer Arbeit sei, nämlich Sammeln, Erschließen, Vermitteln … (im Video: 3:24:00 ff). Ich denke, dass auch die Ausbildung (die m.E. nicht existierende Bibliothekswissenschaft aus der Komfortzone „Bibliotheken = Informationseinrichtung“ heraus müssen. Das erstaunt um so mehr, als dass Frauke Schade als Marketingexpertin bekannt ist. Und die zentrale Aussage der Marketingtheorie ist schon unwiderlegt seit Jahrzehnten, dass man mit der Feststellung des Kernproduktes (nämlich des Kundenproblems) beginnen muss, erst dann kann man das Wie (z.B. Distributionskanäle) bestimmen und das Was (das eigentliche Produkt: Sammeln …) machen. Auch hier liegt m.E. ein grundlegende Missverständnis der aktuellen „Marktentwicklung“ vor. Wir befinden uns nicht mehr im „information age“, in dem man Informationen oder Informationsmedien sammelt und vermittelt, das können andere sehr viel besser (Google, Library Genesis …). Wir befinden uns mittlerweile im „conceptual age“ (Dan Pink (2008). Unsere kreative Zukunft: Warum und wie wir unser Rechtshirnpotenzial entwickeln müssen (Dt. Erstausg.). München: Riemann.) Und man/frau sollte sich fragen, warum wir uns Bibliotheken leisten, bzw. warum diese so vehement genutzt und von Bürgern gefordert werden: first ask why! So wie dies Aat Vos beim Neubau von Bibliotheken macht: Biblo Tøyen (Oslo), Köln Kalk, etc.

Mein „Statement auf dem Podium ab 2:09:24

Bei diesen geänderten Rahmenbedingungen könnte man auf die Idee kommen, dass wir nicht mehr im alten Sinn „Knowledge Workers“ brauchen, sondern „creators und empathizers“. Mein Punkt auf dem Podium, der vielleicht hier noch mal klarer gemacht werden sollte, ist der, dass wir vor allem für die mit dem Bachelor-Niveau (und darüber) angestrebte Hierarchieebene die Frage des Warum (= Marketing = Kulturwissenschaft + Wissenschaftssoziologie) fokussieren sollten sowie besonders Wert legen sollten auf Schlüssel- und Metakompetenzen wie kognitive Kompetenz (vgl. unser Forschungsprojekt AKIB) und Social Skills für Servicekonzeption und Personalmanagement: auch hier liefert die gemeinsame Lektüre von Dan Pink und Simon Sinek die – wenn auch abstrakte – Fokussierung: Vertrauen und Kooperation machen den guten Manager aus (siehe sein TED Talk). Der „Rest“ des Fachwissens und der konkreten Fertigkeiten wird sowieso aufgrund der zunehmenden Geschwindigkeit der Entwicklung bei zu großer Konkretheit sehr schnell obsolet sein und sich „on the job“ anpassen müssen.
Aber auch für diese Denkweise müssen wir alle aus der Komfortzone!

Fokus Mensch

war das Thema des diesjährigen Bibliotheksleitertags von OCLC am 28. November 2018.

Dr. Roman Szeliga, OCLC Bibliotheksleitertag 2018

Keynote war Dr. Roman Szeliga, der Gründer der Clown Doktoren. Er vermittelte den ca. 250 anwesenden Bibliothekar*Innen, dass auch Humor eine wesentliche Kompetenz in Zeiten der Digitalisierung sein sollte.

Das war umso interessanter, als im SRF Literaturclub vom Oktober 2018 den Analysen von Yoval Harari Humorlosigkeit attestiert wurde. Und wenn man es genau ansieht, sind auch Bibliotheken oft keine spaßigen Einrichtungen (ssshh!).

Leider war die Tagung dann thematisch sehr divers ausgerichtet: es gab einen DH/FDM Track für die „wissenschaftlichen Bibliotheken“ und einen „Dritter Ort“ Track für die „Öffentlichen Bibliotheken“. Eine größere Diskrepanz ist eigentlich nicht vorstellbar. Entsprechend war wahrscheinlich auch die Zusammensetzung der Teilnehmer.

auf dem Bibliotheksleitertag 2018

Ich hatte die Ehre, einen der letzten Vorträge zu halten, mit dem ich die Anwesenden „beruhigen“ sollte. „Digitalisierung na und. Warum Bibliothekare das Zeug für die neuen Aufgaben bereits in der Tasche haben.“ war der mit OCLC vereinbarte Titel meines Vortrags. Ich berichtete vorwiegend aus den vergangenen und laufenden Forschungsprojekten, die Kompetenzen und Aufgabenprofile von information professionals im Blick haben. Meine Quintessenz: Bibliotheken sollten mit ihrem Gepäck als Informations- und Wissenseinrichtung Transformationsagenturen werden. Ganz im Sinne von David Lankes Mission Statement, dass Bibliothekare zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen sollten. Ob wir nun davon ausgehen, dass die Digitalisierung (z.B. mit Verstärkung von Echokammern in den Social Media) die gesellschaftliche Entwicklung in einem problematischen Licht erscheinen lässt oder nicht: eine Rolle auf der einen oder anderen Seite (Daten/FDM oder Mensch/Dritter Ort) haben sie.

Podiumsdiskussion auf dem Bibliotheksleitertag

Zum Abschluss gab es eine Podiumsdiskussion, bei der interessanterweise mal wieder die Frage aus dem Publikum  gestellt wurde, was denn die Hochschulen für die Ausbildung von Famis (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste) tun würden. Im Laufe der Diskussion dazu gab es Szenenapplaus für 12 Jahre Engagement der FH Potsdam in diesem Bereich.

Die Diskutanten auf dem Podium (alle Referenten des Tages) waren sich einig, dass Neugier, Kreativität, Ausprobieren und Mut zum Risiko Bibliotheken voran bringen werden.

Für mich persönlich war es interessant zu spüren (auch in den Diskussionen am Rande), dass die Bibliothekare den richtigen Weg gegangen sind, den wir am gleichen Ort vor genau 10 Jahren in Mannheim angestoßen hatten mit der Gründung der Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V.. Die Mitbegründerin Julia Bergmann, die ebenfalls unter den Referenten war, meinte zwar, wir würden nun wieder zum Analogen (zum Ausgangspunkt) zurückkehren, nachdem wir Gaming und Digitales versucht hatten in die Bibliotheken zu bringen. Ich denke aber ein wesentlicher Punkt auch damals war, das Neue zuzulassen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Spannend nun, dass die zweite Förderphase des Programms hochdrei (Kulturstiftung des Bundes) nun genau dies tut: mit organisierten Exkursionen zusammen mit kommunalen Entscheidern im Ausland über den Tellerrand schauen. Die auf der Tagung vorgestellten deutschen Projekte zu Bibliotheken als Dritten Orten (z.B. Köln Kalk, Würzburg) waren ziemlich beeindruckend vor allem, weil häufig das Konzept des Architektur Büros Aat Vos umgesetzt wurde, der z.B. auch bei Biblo Tøyen in Oslo nie gefragt hatte „was“, sondern immer nur „warum“ eine Bibliothek gebaut werden solle und diese dann vorwiegend von Mitgliedern der Zielgruppe gestaltet wurde – nicht von Bibliothekaren.

Der Track zum Forschungsdatenmanagement erinnerte mich stark an meine Vergangenheit als Computerphilologe an der Universität Stuttgart Ende der 1980er Jahre. Die jetzt sogenannte DH Welt ist zwar bunter, interaktiver und komplexer geworden, die entscheidende Frage ist aber immer noch weder gestellt noch beantwortet: warum. Nur als verzweifelte Akquise einer neuen Aufgabe für wissenschaftliche Bibliotheken reicht die Dateneuphorie IMHO nicht aus. Und für die Infrastruktur sorgt die Wissenschaft ja schon selber… gerade wenn Bibliotheken sich verweigern. Aals Beispiel wurden die Elsevier Lizenzkündigungen genannt und mit nur mäßigem Erstaunen konstatiert, dass die Wissenschaft trotzdem weitergeht – ohne bibliothekarischen Access. Die von Kollegen Stefan Schmunk aus Darmstadt erwähnten Analyseergebnisse, dass die illegale Nutzung der Schattenbibliothek Sci-Hub zu einem großen Teil von innerhalb der Bibliotheksräume geschieht, gab – soweit ich das verfolgen konnte – kaum Anlass zum Nachdenken.

Hier die etwas für die nicht-live Lektüre bearbeiteten Folien meines Vortrags:

Bibliotheken in Litauen

Vilnius University Library, Science Communication And Information Center / Paleko Arch Studija

Anläßlich eines Workshops zum Thema Nutzerforschung für Bibliotheken, den ich für ca. 40 litauische Bibliothekarinnen in Vilnius geben durfte, konnte ich wieder einmal den alten Spruch „Reisen bildet“ erleben. Nicht nur die grandiose neue Universitätsbibliothek („IKMZ“), in der der Workshop stattfand, sondern auch eine Reihe anderer Eindrücke gaben mir Eindrücke in ein mir bis dahin wenig bekanntes Land. Dank auch der professionellen Begleitung und Betreuung durch das Goethe Institut eröffnete sich mir eine Kultur, die erstaunt und begeistert.

Historischer Lesesaal der UB Vilnius (1570)

 

Bibliothek in einer Zelle im KGB Gefängnis Vilnius

Die alte Universitätsbibliothek aus dem Jahre 1570 zeugt von der alten Tradition, die Bibliothek im KGB Gefängnis vom Trauma der Geschichte und die Little Free Library am Rande der „Freien Republik“ Uzupis in Vilnius zeugt von einer der unglaublichen Kreativität und Offenheit der Litauer.

Little Free Library am Rande der Freien Republik Uzupis

 

Literatu gatve, Vilnius

 

Die Literaturstraße (Literatu gatve) belegt seit 2008 die literarische Weltoffenheit der Stadt: hier werden mit kleinen Kunstwerken und Texten an der Wand internationale Autoren gewürdigt, die einen Bezug zu Litauen haben, Günther Grass ist z.B. darunter.

Interessanterweise hat gerade der Leiter des Goethe-Instituts Detlef Gericke (in Zusammenarbeit mit Laura Survilaite) in der Zeitschrift „Politik und Kultur“ (3, 2018) einen  sehr lesenswerten Bericht über Literatur in Litauen geschrieben. Das kleine Land Litauen ist überaus beeindruckend und strahlt ein kulturelles Leben aus, von dem man versteht, dass dies die Grundlage ist, die jahrhundertelangen Unterdrückungen überstanden zu haben.

Beitrag von D.Gericke auf S.14: „Europa ist Rückhalt“ (Link zum Text)

 

Dank an Goethe, mal wieder.

Next Library Conference und Bibliotheksfestival in Berlin: Höhepunkt einer Entwicklung

Tweet an > 20 Bibliothek2.0 Anhänger

Tweet an > 20 Bibliothek2.0 Anhänger

Die Next Library® Conference letzte Woche war letztlich so etwas wie ein ZW09 für Erwachsene. Und dass auch noch die Berliner Bibliotheken diese zum Anlass nahmen, für ein „Bibliotheksfestival“, auf dem viele lebendige Neuerungen gezeigt und ausprobiert wurden, hätte ich vor zehn Jahren tatsächlich nicht gedacht.

kreative Konferenzatmosphäre der NE XT Library Conference

2006 begann die erste BIbliothek2.0 Euphorie und wir machten Weiterbildungen in „Social Software“: Maxi Kindling, Ben Kaden und ich. Auf dem Bibliothekartag 2008 standen dann Julia Bergmann, Christoph Deeg, Rudolf Mumenthaler, Jin Tan (frisch gebackener FHP-Diplombibliothekar) und ich beim Empfang im Palmengarten bei einem leckeren Rotwein (kann mich noch genau erinnern!) zusammen und dachten: es muss etwas passieren im deutschen Bibliothekswesen. Anregung dazu war u.a. Michael Stephens, der dann zusammen mit uns auch noch Gründungsmitglied der „Zukunftswerkstatt für Kultur- und Wissensvermittlung e.V.“ (#ZW09) wurde. Es war eine spannende Zeit, die u.a. darin kulminierte, dass der BIB die die nächsten Bibliothekartage etwas aufmischende Beteiligung der Zukunftswerkstatt (mit Gaming, Smartphone Happening, Eye-Tracking und Google Glasses etc.) unterband. Ebenfalls 2008 fand auch noch das erste BibCamp, die bibliothekarische Unkonferenz in Potsdam und Berlin (am IBI), statt. Der Ort in Potsdam war das alte Fachhochschulgebäude, das vor wenigen Wochen abgerissen wurde. Es war damals schon eine kreativ morbide Atmosphäre! Einige der Beteiligten von damals twitterten in einer Gruppe zum Abschluss der Next Library Conference Reminiszenzen daran: fühlen wir uns nun alt? Hat die „Bewegung“ ihr Ende gefunden? Wie kam es überhaupt dazu? Und wäre es schneller gegangen, wenn wir manches von dem was wir heute wissen damals schon gewusst hätten (Ort der Bibliothek, Digitalisierung).

Videoübertragung der Keynote von David Lankes (Open Air im Freiluft Plenum: Link zum Vortrag: Bild-Klick)

Interessanterweise fand ja wirklich zeitgleich seit 10 Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf der Metaebene ebenfalls eine Art Erneuerungsbewegung statt: allem voran, das dänische Konzept der „Four Spaces / Three Functions“, das den Erfolg von DOKK1 und damit der Next Library® Bewegung die Basis gab. Aber auch das New Librarianship von David Lankes und die Redocumentarisation du Monde der Pédauque-Gruppe in Frankreich fielen in den gleichen Zeitraum und haben den gleichen Tenor. Mein Beitrag auf der Next Library® Conference als „Ignite Talk“ (Pecha Kucha) versuchte dies mit Blick auf das aktuelle Themenheft von BIBLIOTHEK Forschung und Praxis zusammenzufassen als „Next Library® SCIENCE“. Schließlich waren auch die dänischen Organisatorinnen der NLC davon überzeugt, dass hier auch die Wissenschaft die Bewegung begleitet hat.

Ragnar Audunson presenting ALMPUB at NLC Berlin

Auch unser Forschungsprojekt ALMPUB konnte schließlich einen Ignite Talk über die demokratische Bedeutung von Bibliotheken in der Stadtgesellschaft halten.

Heilig Kreuz Kirche: Ort der meisten Ignite Talks

Fun Fact am Rande: mein Vortrag war das zweite Mal in diesem Jahr, dass ich in einer Kirche zum Thema Bibliotheken vortragen konnte – nur eben diesmal zur wissenschaftlichen Komponente und nicht nur als reine Predigt.

Bibliotheken: Kirchen der Digitalen Gesellschaft!

Friedenskirche in Sanssouci (Photo: Landeshauptstadt Potsdam/Michael Lüder)

Gestern (7.1.2018) hatte ich die Gelegenheit, vor einem gänzlich anderen Publikum über Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sprechen: im Hochschulgottesdienst Potsdam in der Friedenskirche. Dieses Semester findet der Hochschulgottesdienst unter dem Motto „Medien – Übers Limit“ statt. Nach einem medienwissenschaftlichen Vortrag über den Koran und einem Vortrag von Prof. Meinel (HPI) konnte ich sehr schön anknüpfen an die gesetzten Themen und habe mit einer „beeindruckenden“ (Reaktion des Publikums)  Dia-Show begleitend zu meinem Vortrag („Predigt“) deutlich machen können, wie wichtig Institutionen wie Bibliotheken und Archive für Gemeinschaften sind. So wichtig, dass gerade „neue“ Communities hierauf erhöhten symbolischen Wert legen.

Technische Universität Delft: Bibliothek (mecanoo 1998) (Photo: Hobohm)

Die Ankündigung (Abstract):

Bibliotheken: die Kirchen der digitalen Gesellschaft! 

Hochschulgottesdienst Friedenskirche Potsdam, 7. Januar 2018, 18 Uhr

In der Zeit der Hyperdigitalisierung und der kommerziell verwertbaren Datenflut hat die Suche nach Wahrheit und sinnvollem Wissen Konjunktur. Das Überhandnehmen des Digitalen ruft das Analoge auf den Plan: den Raum, den Ort der menschlichen Begegnung und des menschlichen Austauschs. Das erklärt die zur Zeit äusserst bemerkenswerte Renaissance der Institution Bibliothek in einem völlig neuen Gewand. Bücher sind nur noch symbolisches Beiwerk in dieses Orten der Wissensgemeinschaften, deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung in vielen Städten und Ländern spektakulär in Szene gesetzt wird. Lassen Sie sich überraschen und überdenken Sie unser altes Vor-Urteil, das sich aus dem Bild der Klosterbüchereien speist. Im Digitalen haben die Bibliotheken ihre Rolle neu gefunden als community space, co-working space, maker space, dritter Ort … oder einfach nur als Funktionsgedächtnis gegen das kulturelle und soziale Vergessen in einer schnellen Zeit.

Hier der (unbereinigte) Vortragstext in voller Länge. Continue reading