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smart city – smart country

Podiumsdiskussion im BMEL am 20.Juli 2017 (Photo G. Swarat)

Gestern (20. Juli 2017) war ich auf einer Veranstaltung im Bundeslandwirtschaftsministerium zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Angesichts meiner Publikation von Expect More hatte ich das Vergnügen auf die Bedeutung von kommunalen Bibliotheken als Inkubatoren der Digitalisierung hinzuweisen. Das Thema der Veranstaltung war:

Vernetzt, digital, mobil – Ländliche Regionen im Wandel

Es handelte sich um eine gemeinsame Konferenz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des Bundesverbands Deutsche Startups. Also eine interessante Mischung an Teilnehmern.

Mein Beitrag sollte sein:

Die Digitalisierung hat bewirkt, dass sich Bibliotheken auf ihre ursprünglichen Funktionen als Bildungseinrichtung und Lernort zurückbesinnen und nicht mehr nur Bücher, Musik und Filme verleihen. Im Urbanen, aber besonders auch in kleinen Gemeinden sind sie der besondere offene Ort geworden, der vielen gesellschaftlichen Gruppen erlaubt, Digitalisierung „auszuprobieren“ und die neuen notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. Vielfach sind sie der einzige Ort geblieben, der gemeinschaftliche Aktivitäten informeller Art ermöglicht, der einzige „Dritte Ort“ der Zivilgesellschaft. Bibliotheken helfen bei den ersten Schritten in die Digitalität und unterstützen gerade Bevölkerungsgruppen, die sich die teueren digitalen Dienste nicht leisten können. Besonders erfolgreiche Beispiele für die neue Rolle von Stadtbibliotheken kommen häufig aus PISA Ländern Skandinaviens, aber auch in der Fläche in Deutschland sind die kleinen Bibliotheken gut vorbereitet, den Sprung ins Digitale zu machen und alle dahin mitzunehmen.

Die Diskussion auch mit dem Publikum machte jedoch mal wieder deutlich, wie weit entfernt wir in Deutschland tatsächlich von dieser Situation sind. Mich erinnert dies vor allem auch an unsere Tagung „Stadt der Ströme“ vor ziemlich genau fünf Jahren, auf der wir noch über „Smart Cities“ gesprochen haben. Der berühmte Architekt der Seattle Public Library Rem Koolhaas sagte allerdings einmal (sinngemäß): „Was interessiert mich die Stadt – viel interessanter ist doch das was übrig bleibt, wenn alle urban werden.“

Ich empfehle deshalb im Nachgang zu der gestrigen Tagung, noch einmal mein Interview im Vorfeld unserer Stadt der Ströme-Tagung (z.B. ab Minute 10′):

Stadt der Ströme // Hans-Christoph Hobohm from user11997307 on Vimeo.

Dem ist mittlerweile kaum etwas hinzuzufügen, außer dass im Ausland noch viele weitere Beispiele zu finden sind, die meine Aussagen bestätigen (Aarhus, Oslo …)

Desinformation

Auch wir können Fake News! Hier mein Vortrag auf dem 7. I-Science Day der FH Potsdam. Als Foliensatz:

bzw. als Vortragsmitschnitt:


OK

Danke an Stephan Büttner für das unermüdliche Aufrechterhalten der Tradition des I-Science Days. Der erste war im März 2010 zum Thema des vierten Paradigmas (mit Tony Hey, MicroSoft) und zum damals so gehypeten E-Science. Was aus unserer damaligen Datenliebe geworden ist erklärt uns Roberto Simanowski (Data Love. Berlin: Matthes & Seitz, 2014): „zweifelslos die heikelste Liebesbeziehung des 21. Jahrhunderts“. In dem Vortrag gehe ich nicht darauf ein, aber ich bin überzeugt, dass der Zusammenhang zwischen Desinformation und industriell betriebener Datenliebe des Informationalismus (Castells) sehr groß ist.

Symposium zur 100 Jahr Feier der Landesfachstelle

Banner der Landesfachstelle auf dem Symposium (Photo: Hobohm)

Am 14. Juni 2017 feierte die Landesfachstelle für Archive und Öffentliche Bibliotheken des Landes Brandenburg das 100 jährige Bestehen der bibliothekarischen Fachstellenarbeit mit einem großen Fachsymposium, zu dem über 150 Teilnehmeraus ganz Brandenburg und Berlin angereist waren.

Teilnehmer des Symposiums (Photo Andrea Hansen)

Es war das (wie oft in Deutschland:) ehrenamtliche Schaffen eines Schulbibliothekars, das vor ca. 100 Jahren den Anstoß gab (ähnlich wie fast 90 Jahre vorher Karl Preusker in Großenhain). Noch während des ersten Weltkriegs (im Jahr 1917) „wurde der Lehrer und nebenamtliche Leiter der „Bücher- und Lesehalle“, wie man es damals formulierte, der Stadt Frankfurt an der Oder, Felix Plage, vom dort ansässigen Regierungspräsidenten zum Leiter der staatlichen Volksbüchereiberatungsstelle für den Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder berufen“, so berichte der aktuelle Leiter der Landesfachstelle Michael Scholz in seinem Eröffnungsvortrag die Geschichte.

Photo: Andrea Hansen

Mit musikalischer Umrahmung, sehr leckerem Catering, sehr feierlichen Grußworten der Kultusministerin des Landes, des Präsidenten der Hochschule, von DBV und Fachstellenkonferenz und bei schönstem Wetter wurde vor allem die Zukunft der Bibliotheken „vor dem Hintergrund von Digitalisierung und demographischem Wandel“ thematisiert.

Franz Reinhard Habbel (DStGB) Photo: Andrea Hansen)

Dazu sprach der Festredner Franz-Reinhardt Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) sehr anschaulich zu »Digitale Strategien für ländliche Regionen«.

Aus dem TRAFO Programm Modelle für Kultur im Wandel, sprach Samo Darian zur  Transformation von Kultureinrichtungen im ländlichen Raum. 

Und als besonders Highlight hatten wir Henrik Jochumsen aus Kopenhagen einladen können, der das an der dortigen Bibliotheksschule entwickelte „Vier-Räume/Drei-Funktionen-Modell“ für Bibliotheken mit sehr konkreten Beispielen erläutern konnte. Henrik behauptete, dass sein Deutsch nicht gut genug sei, so dass ich seinen Vortrag konsekutiv dolmetschte. Uns beiden hat diese Situation recht viel Spaß gemacht und ich glaube durch die zweisprachige Doppelung der Erläuterung der Präsentationsfolien war sein Vortrag besonders eindrucksvoll. Es ist ja auch faszinierend wie sehr eine gute konzeptionelle Durchdringung des Phänomens Bibliothek tatsächlich auch zu neuen erfolgreichen Bibliotheksrealisierungen wie DOKK1 führen kann, ohne dass alte Aktivitäten aufgegeben werden.

Henrik Jochumsen (Photo: Andrea Hansen)

Es wird nur klarer, was Bibliotheken eigentlich machen. (Gerne verweise ich hier dann doch auf meinen Text: Bibliothek im Wandel. Kap. D12. In: Rainer Kuhlen, Wolfgang Semar und Dietmar Strauch (Hg.): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis. 6. Aufl. Berlin: De Gruyter Saur, 2013, S. 623–633.)

Konsekutivdolmetschen (Photo: Andrea Hansen)

 

Angekündigt war der gemeinsame Vortrag wie folgt: »Erlebnis, Empowerment, Beteiligung und Innovation: Die neue Öffentliche Bibliothek«
Prof. Henrik Jochumsen PhD
Royal School of Library and Information Science, University of Copenhagen
Prof. Dr. Hans-Christoph Hobohm, Fachhochschule Potsdam.

Den Abschluss bildete die für die Landesfachstelle etwas jüngere Perspektive der Archivberatung mit einem Vortrag von Markus Stumpf, LWL-Archivamt für Westfalen zum Thema: »Auswirkung der Digitalisierung auf die kommunalen Archive«, der besonders viel Diskussion hervorrief, da offensichtlich langsam erkannt wird, was Digitalisierung wirklich bedeutet.

Schlange am Mittagsbuffet (Photo: Andrea Hansen)

 

 

 

New Librarianship auf dem Tag der Bibliotheken in Cottbus

Am 11. März 2017 konnte ich das New Librarianship Konzept von David Lankes auf dem Berlin-Brandenburger „Tag der Bibliotheken“ vorstellen. Im Minute Madness und mit kleinen Guerilla-Marketing Aktionen machten der Verlag und ich gleichzeitig auf das gerade erschienene Buch in deutscher Übersetzung aufmerksam. Die Resonanz war groß, obwohl es ja in einem recht kurzen Vortrag eher irritierend erscheint, davon zu sprechen, dass die Aufgabe von Bibliotheken nicht Bücher, sondern „Konversationen“ sind.

 

Community, Gemeinschaft, Gemeinde

Anfang März 2017 hatte ich eine Einladung zu Rudolf Mumenthaler und Karsten Schuldt, einen Gastvortrag zu halten im Seminar „Aktuelle Trends in der Bibliothekswissenschaft“ an der HTW Chur. Ein schöner Anlass, einmal genauer zusammenzutragen, was es mit dem Konzept der Community auf sich hat, von der wir nicht nur im Wissensmanagement („communities of practice“), sondern gerade auch im „New Librarianship“ von David Lankes zunehmend sprechen.  Interessant vor allem, dass z.Zt. tatsächlich Ferdinand Tönnies ohne jede Vorbehalte „wieder entdeckt“ wird. Für mich klingt Gemeinde noch immer etwas eigenartig. Als Hartmut Rosa in einer ersten Reaktion auf seine Zeitdiagnose damit anfing, „Heimat“ als Gegenindikation zu diskutieren, war ich recht irritiert. Umso interessanter ist dann seine umfassende Studie „Resonanz“ ausgefallen. Aber auch Capurros „Whoness“ oder selbst Floridis Sorge um die Aufmerksamkeit“ (im „Onlife Manifesto“) passen hier sehr gut ins das Gesamtbild: wir brauchen wieder ein Bewusstsein der Notwendigkeit von Gemeinschaft – in einem ganz anthropologischen, neutralen Sinn.