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Informationswissenschaftliche Urbanistik

Smart Cities im internationalen Vergleich

(aus Open Password Online #502 vom 28.1.2019) (reprint with permission)

Es wird Zeit für einen transdisziplinären Dialog

Besprechung von: Agnes Mainka (2018): Smart World Cities in the 21st Century. Berlin, Boston: De Gruyter Saur (Knowledge and Information). Online verfügbar unter https://doi.org/10.1515/9783110577662 – ISBN: 978-3-11-057766-2; 288 S. ; 99,95 €

Von Hans-Christoph Hobohm, Potsdam

„Warum noch ein Buch zum Thema Stadt?“ fragt die Umweltpsychologin und Stadtforscherin Antje Flade in ihrer Einleitung zu dem interdisziplinären Sammelband „Stadt und Gesellschaft im Fokus der Stadtforschung“ (Flade 2015). Auch zum Thema Smart City oder zu der Frage, wie sich die Urbanisierung in der globalisierten Welt in oder nach der Informationsgesellschaft verändert, wird viel publiziert. Aber angesichts der stark zunehmenden Tendenz zur Urbanisierung der Welt – dazu der Stadtforscher Ricky Burdett von der London School of Economics: „Über 80% der urbanen Infrastruktur muss erst noch geschaffen werden“ – bleibt das Thema „Stadt“ und Stadtentwicklung eines der wichtigsten unserer Zeit.

Es erstaunt, wie wenig die Bibliotheks- und Informationswissenschaft („LIS“) sich tatsächlich an diesem Diskurs beteiligt. Eines der interessantesten Statements aus unserer Zunft liegt leider nur auf Dänisch vor (Hvenegaard, Jochumsen u. Skot-Hansen 2011), auch wenn sich das daraus in der Praxis realisierte physische Ergebnis, die Bibliothek DOKK1 in Aarhus, durchaus sehen lassen kann (Jochumsen 2018). In Potsdam hatten wir schon 2012 diese Fragestellung mit einer interdisziplinären internationalen Konferenz unter dem Titel „Stadt der Ströme – Interdisziplinäre Perspektiven auf die digitale Stadt in analogen Räumen“ (http://www.stadt-der-stroeme.de/) aufgegriffen und gewannen dort zum ersten Mal Einblick in das Open Innovation Projekt der Stadtbibliothek Aarhus. Die Aktivitäten des Innovationskollegs „Stadt – Klima – „Potsdam“, das diese Tagung organisierte, mündeten an der FH Potsdam in das dort angesiedelte „Institut für angewandte Forschung“ und den Masterstudiengang „Urbane Zukunft“ mit – wenn auch begrenzter – informationswissenschaftlicher Beteiligung.

Es ist das große Verdienst der Düsseldorfer Informationswissenschaft, sich diesem Thema seit bald nunmehr zehn Jahren angenommen zu haben. Hier fanden wir auch die Anregungen für eines der ersten Studienprojekte des Masterstudiengangs „Informationswissenschaften“, dessen Ergebnisse ebenfalls auf der erwähnten Tagung präsentiert wurden (Hobohm/Szepanski 2012). Im universitären Düsseldorfer Umfeld konnte das Forschungsfeld jedoch prächtig gedeihen, während es in der Community zunächst auf Skepsis stieß. Ich erinnere mich an eine Anfrage als Reviewer für die Zeitschrift „Information. Wissenschaft und Praxis“, ob denn dieses Thema „informationswissenschaftliche Urbanistik“ überhaupt Informationswissenschaft sei.

Nach zahlreichen Aufsätzen mit unterschiedlichen Autorenteams stellte Agnes Mainka aus diesem fruchtbaren Forschungskontext (Barth et al. 2017, 2018) Anfang 2017 ihre Dissertation fertig, die nun in physischer und elektronischer Form als Verlagsprodukt auf dem internationalen Markt erscheint. Die auf dem Publikationsserver der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf schon seit 2017 zugängliche Dissertation weicht nur an wenigen Stellen (z.B. in der Seitenzählung) von der nun vorgelegten Version ab. Es ist also eine materialisierte Erinnerung an dieses gewichtige Buch informationswissenschaftlicher Stadtforschung. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Es ist in aus verschiedensten Perspektiven heraus empfehlenswert.

Zum einen wird hier exemplarisch vorgeführt, wie informationswissenschaftliche Forschung abläuft: Mit sauberer Problem- und Konzeptanalyse, theoretischem Aufschlag und ausgewählter, dem Thema angemessener Methodik werden Forschungshypothesen aufgestellt, die im Laufe des Buches empirisch beleuchtet werden.

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Feldforschung in 31 Städten rund um die Welt.

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Das theoretische Konzept basiert vorwiegend auf Manuel Castells „Informational Cities“ (Castells, 1989). Daher kommt auch der Titel der Dissertation, der sicher aus Verkaufsüberlegungen im Verlagsprodukt auf den Akzent der „Smart Cities“ verschoben wird, welcher, wie wir lernen, nur einen Teil der informationellen Städte kennzeichnet. Interessant und auch für den informationswissenschaftlichen Laien sicherlich wichtig ist die Bezugnahme auf die Diskussion um die Kondratieff-Zyklen als Erklärungsmuster für die Entwicklung zur Informations- und Wissensgesellschaft. Die Frage, was die aktuelle Gesellschaft ausmacht und was daraus für ihre Entwicklung, Steuerung und Planung an Erkenntnissen gezogen werden kann, wird für jede Gegenwart stets eine zentrale sein, vor allem dann, wenn sich der Wandel beschleunigt. Insofern ist es begrüßenswert, wenn in der informationswissenschaftlichen Urbanistik nach großen Strukturen und Konzepten gesucht wird, die Erklärungsmuster bieten. Dies tut allerdings auch die Stadtforschung und Stadtsoziologie selber, so dass es hier eine disziplinübergreifende Herausforderung ist, aus der Vielfalt der Konzepte auszuwählen und dennoch anschlussfähig zu bleiben. Schon allein der Begriff „Stadt“ – noch dazu in globaler Perspektive – ist ja eher schillernd (Prell 2017). Die vorliegende Arbeit – und damit der gesamte Düsseldorfer Ansatz – bleibt hier innerhalb des für eine empirisch arbeitende Informationswissenschaft Machbaren.

Auch methodisch wird pragmatisch vorgegangen. Mit dem Grundverständnis der Grounded Theory wird das Thema und das Feld vorsichtig erkundet und mit 158 Experteninterviews in 31 ausgewählten Städten, Fallstudien und Sekundäranalysen regionaler und internationaler Studien umfassend ausgeleuchtet. Insbesondere internationale Vergleichsstudien liegen bei dem Themengebiet „Digitalisierung, Digitale Spaltung und ökonomische Entwicklung“ in großer Zahl und in verlässlicher Qualität vor. Es werden die großen ITU- und UN-Studien z.B. zum ICT Development Index (IDI) ausgewertet. Die Fülle der möglichen zur eigenen Auswertung heranziehbaren statistischen Daten, Erhebungen und Benchmarks ist so groß, dass es nicht wirklich verwundert, dass die großen ähnlich angelegten Studien etwa der London School of Economics (Burdett/Rode 2018) oder von PricewaterhouseCoopers (2016) nicht herangezogen werden, obwohl sie zu vergleichbaren Rankings kommen. Zu dem Themenkomplex „Kognitive Infrastruktur“, der von der ICT Infrastruktur abgegrenzt wird und sich auf Lernen und Informationskompetenz konzentriert, hätten vielleicht auch die internationalen Vergleichsstudien wie ICILS oder PIAAC einbezogen werden können, auch wenn diese auf Länder- und nicht auf Stadtebene aggregieren (vgl. Bos et al. 2014 bzw. Rammstedt 2013). Aber das sind nur Anregungen auf einem nicht beckmesserisch gemeinten hohen Niveau. Der Studie und dem gesamten Düsseldorfer Forschungsansatz kann nicht hoch genug angerechnet werden, die Feldforschung tatsächlich zum größten Teil persönlich vor Ort in den 31 Städten auf der ganzen Welt durchgeführt zu haben! (Und das ist jetzt nicht der Neid eines Würdegerneauch-Weltreisenden.) Die Auswahl der Städte erfolgte stringent anhand einer umfangreichen Systematic Review, die tabellarisch im Anhang nachvollziehbar dargestellt ist.

Methodisch werden die qualitativen Experteninterviews (drei bis fünf pro Stadt) begleitet von einem quantitativen Fragebogen nach dem Modell des ServQual-Konzepts einer vergleichenden Befragung von gewünschter und erfahrener Dienstleistung. Leider wird die Durchführung der Vor-Ort-Erhebungen nicht sehr explizit gemacht, so dass eine Diskussion des Einsatzes dieses recht speziellen Instruments in abgewandelter Form hier nicht möglich ist. Der Grundgedanke einer Gap-Analyse dieser Art ist jedoch der Forschungsfrage angemessen und zeitigt auch trotz aller selbst thematisierter Begrenzungen interessante Ergebnisse. Die geringen Fallzahlen der Befragten und die Mischung aus qualitativer und quantitativer Stichprobenauswahl kann also nur Tendenzen zeigen und keine unbedingt validen Aussagen. Diese werden jedoch gekonnt mit Einzelaussagen der Interviewpartner und mit weiterem Material aus Dokumenten angereichert, so dass sich ein anschauliches Bild zu den einzelnen Städten im Rahmen der jeweiligen Rankings ergibt.

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12 Hypothesen zu Metropolen: teilweise bestätigt, teilweise falsifiziert.

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Im Problemaufriss am Anfang der Studie werden zwölf Forschungshypothesen aufgestellt, die es zu überprüfen gilt. Es ist im internationalen informationswissenschaftlichen Kontext bemerkenswert, dass hier forschungslogisch sauber von Hypothesen in Aussageform ausgegangen und nicht wie häufig zu beobachten mit allgemeinen „Research Questions“ (RQ) gearbeitet wird. Es wird also z.B. die Hypothese untersucht, dass Bibliotheken als physischer Ort der Begegnung in der informationellen Stadt wichtig sind (H7) und nicht etwa die wenig überprüfbare Frage: „Welche Rolle spielen Bibliotheken in der informationellen Stadt?“ An einzelnen Stellen hätte jede der Hypothesen mit einem weiter gehendem Literaturbericht vertieft werden können. Gerade bei dieser exemplarisch ausgewählten Hypothese wäre es interessant gewesen, die Publikationen, die in dem im Anschluss an die oben erwähnte Potsdamer Konferenz entstandenen „Network on Libraries in Urban Space“ in verschiedenen europäischen Ländern veröffentlicht wurden (vgl. z.B. Vallet 2013), einzubeziehen. Aber auch hier gilt gerade für eine Dissertation, dass eine sinnvolle Beschränkung vorgenommen werden musste, um beim Machbaren zu bleiben.

Die zwölf Hypothesen sind recht breit gefächert und reichen von der Frage der Infrastruktur wie dem Vorhandensein eines primären Informationssektors über die ICT-Infrastruktur, die Wissenschaftsnähe, die Kreativität, den Begegnungsmöglichkeiten etwa in Café oder Co-Working Spaces und dem Zugang zur Information bis zur Frage, ob Bibliotheken ebenfalls „Meeting Places“ sein sollten. An vielen Stellen wird berichtet, dass die Interviewpartner sehr spezielle Sichten auf die Frage nach den Erfordernissen einer informationellen Stadt haben und bei einzelnen Items offensichtlich zum ersten Mal mit einer entsprechenden Aussage konfrontiert wurden – wie im Fall der Aussage, dass Bibliotheken Orte der Begegnung und des Wissensaustausches sein können.

Ein weiterer Hypothesen- und Analyseblock adressiert eher politische und allgemeine Aspekte wie den politischen Umsetzungswillen in der Stadt, die konkrete Realisierung von E-Government-Angeboten, die Informationsfreiheit, die Nähe zum Finanz- und Bankensektor sowie die Frage, ob die informationelle Stadt stets eine „globale“ Stadt (mit Weltbedeutung) sein muss.

Die Bestätigungen der Hypothesen aus dem zweiten Block fallen eher gemischt bis negativ aus: Eine informationelle Stadt muss nicht unbedingt eine Megacity mit Weltbedeutung sein, die Anwesenheit des klassischen Finanzsektors in der Stadt ist keine hinreichende Bedingung genauso wenig wie der offizielle politische Wille zur Smart City. E-Government-Services sind zwar wichtig, sind aber trotzdem noch wenig realisiert, und die Frage der Informationsfreiheit scheint auch in den westlichen untersuchten Städten zum Problem zu werden.

Demgegenüber erhärten sich praktisch alle Hypothesen – wenn auch nicht in allen Städten gleichermaßen -, die zu Fragen der Infrastruktur im weiteren Sinne aufgestellt wurden: „The main infrastructures of an informational world city are digital and cognitive“ (S. 259). Dabei nimmt sowohl in der Analyse als auch in der Ergebnisdarstellung der räumliche Aspekt einen großen Raum ein. In einer Arbeit, die eine ganz andere Fragestellung zum Ziel hatte, scheinen plötzlich Bibliotheken als ein zentraler Akteur in den lokalen Aspekten der Globalisierung auf – wie man früher sagte: „Think global, act local“.

Das führt mich zu dem Fazit, dass die Informationswissenschaft ihre Stimme unbedingt im Chor der interdisziplinären Stadtforschung zu Gehör bringen sollte und durchaus kann. Leider fehlt sie eklatant im Standardwerk „Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch“ (Mieg/Heyl 2013) und auch in dem eingangs erwähnten, ebenfalls explizit interdisziplinär angelegten Sammelband von Antje Flade (2015). Umgekehrt kann aber auch die Informationswissenschaft im Sinne von LIS immer noch von den Diskursen anderer Disziplinen lernen, etwa denen die den Spatial Turn, das Raumparadigma, entdeckt haben (Döring/Thielmann 2008), was ja derzeit als „Dritter Ort“ in Bibliotheken und Museen erfolgreich praktisiert wird.

Die vorliegende Studie ist hervorragend geeignet, dazu den transdisziplinären Dialog zu beginnen.

Referenzen

Barth, Julia; Fietkiewicz, Kaja J.; Gremm, Julia; Hartmann, Sarah; Henkel, Maria; Ilhan, Aylin et al. (2017): Informationswissenschaft in der Urbanistik. Teil 1: Konzeptioneller Forschungsrahmen und Methoden. In: Information – Wissenschaft & Praxis 68 (5/6), 365-377. DOI: 10.1515/iwp-2017-0066.

Barth, Julia; Fietkiewicz, Kaja J.; Gremm, Julia; Hartmann, Sarah; Henkel, Maria; Ilhan, Aylin et al. (2018): Informationswissenschaft in der Urbanistik. Teil 2: Erste empirische Ergebnisse zu smarten Städten. In: Information – Wissenschaft & Praxis 69 (1), S. 31–46. DOI: 10.1515/iwp-2018-0006.

Bos, Wilfried; Eickelmann, Birgit; Gerick, Julia; Goldhammer, Frank; Schaumburg, Heike; Schwippert, Knut et al. (Hg.) (2014): ICILS 2013. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in der 8. Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich. Münster, Westf: Waxmann.

Burdett, Ricky; Rode, Philipp (Hg.) (2018): Shaping Cities in an Urban Age. Berlin: Phaidon. (vgl. https://lsecities.net/ua/).

Castells, Manuel (1989): The informational city. information technology, economic restructuring, and the urban-regional process. Oxford UK Cambridge Ma. USA: B. Blackwell.

Döring, Jörg; Thielmann, Tristan (Hg.) (2008): Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld: transcript.

Flade, Antje (Hg.) (2015): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung. Konzepte – Herausforderungen – Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS.

Hobohm, Hans-Christoph; Szepanski, Christoph (2012): Berlin / Potsdam = Informationelle Stadt? unter Mitarbeit von Studierenden des Masterstudiengangs Informationswissenschaften: Matthias Forster, Stefan Neitzel, Christina Stergiou, Franziska Sylvester. Vortrag auf der Konferenz „Stadt der Ströme – Interdisziplinäre Perspektiven auf die digitale Stadt in analogen Räumen“; 12.-14. Juli 2012. Innovationskolleg der Fachhochschule Potsdam. Online verfügbar unter https://fabdav.fh-potsdam.de/video/ec/Super/2012.SoSe/Stadt-der-Stroeme/Stadt/Hobohm_Szepanski.mp4.

Hvenegaard, Casper; Jochumsen, Henrik; Skot-Hansen, Dorte (2011): Biblioteket i byudviklingen. Oplevelse, kreativitet og innovation. Kopenhagen: Danmarks Biblioteksforening; Det Informationsvidenskabelige Akademi.

Jochumsen, Henrik (2018): How to Qualify the Debate on the Public Library by the Use of Research-Developed Tools. In: Bibliothek Forschung und Praxis 42 (2), S. 344–350. DOI: 10.1515/bfp-2018-0041.

Mainka, Agnes (2017): Informational world cities. An empirical investigation of cities in the 21st century. Dissertation. Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf. Philosophische Fakultät » Institut für Sprache und Information » Informationswissenschaft. Online verfügbar unter https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=41536.

Mieg, Harald A.; Heyl, Christoph (Hg.) (2013): Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler.

Prell, Uwe (2017): Die Stadt: zwölf Sprachen – fünf Bedeutungen. Ein Beitrag zur Theorie der Stadt. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

PricewaterhouseCoopers LLP (2016): Cities of Opportuinity 7. New York: pwc. Online verfügbar unter www.pwc.com/cities.

Rammstedt, Beatrice (2013): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich. Ergebnisse von PIAAC 2012. Münster. Online verfügbar unter http://www.gesis.org/fileadmin/piaac/Downloadbereich/PIAAC_Ebook.pdf.

Stock, Wolfgang G. (2011): Informationelle Städte im 21. Jahrhundert. In: Information. Wissenschaft und Praxis 62 (2-3), S. 71-94.

Vallet, Nathalie (2013): Becoming partners in urban development. A case-study research on the strategic roles of Flemish and Dutch public libraries in the future development of cities. In: Library Management 34 (8/9), S. 650–663. DOI: 10.1108/LM-0

Fokus Mensch

war das Thema des diesjährigen Bibliotheksleitertags von OCLC am 28. November 2018.

Dr. Roman Szeliga, OCLC Bibliotheksleitertag 2018

Keynote war Dr. Roman Szeliga, der Gründer der Clown Doktoren. Er vermittelte den ca. 250 anwesenden Bibliothekar*Innen, dass auch Humor eine wesentliche Kompetenz in Zeiten der Digitalisierung sein sollte.

Das war umso interessanter, als im SRF Literaturclub vom Oktober 2018 den Analysen von Yoval Harari Humorlosigkeit attestiert wurde. Und wenn man es genau ansieht, sind auch Bibliotheken oft keine spaßigen Einrichtungen (ssshh!).

Leider war die Tagung dann thematisch sehr divers ausgerichtet: es gab einen DH/FDM Track für die „wissenschaftlichen Bibliotheken“ und einen „Dritter Ort“ Track für die „Öffentlichen Bibliotheken“. Eine größere Diskrepanz ist eigentlich nicht vorstellbar. Entsprechend war wahrscheinlich auch die Zusammensetzung der Teilnehmer.

auf dem Bibliotheksleitertag 2018

Ich hatte die Ehre, einen der letzten Vorträge zu halten, mit dem ich die Anwesenden „beruhigen“ sollte. „Digitalisierung na und. Warum Bibliothekare das Zeug für die neuen Aufgaben bereits in der Tasche haben.“ war der mit OCLC vereinbarte Titel meines Vortrags. Ich berichtete vorwiegend aus den vergangenen und laufenden Forschungsprojekten, die Kompetenzen und Aufgabenprofile von information professionals im Blick haben. Meine Quintessenz: Bibliotheken sollten mit ihrem Gepäck als Informations- und Wissenseinrichtung Transformationsagenturen werden. Ganz im Sinne von David Lankes Mission Statement, dass Bibliothekare zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen sollten. Ob wir nun davon ausgehen, dass die Digitalisierung (z.B. mit Verstärkung von Echokammern in den Social Media) die gesellschaftliche Entwicklung in einem problematischen Licht erscheinen lässt oder nicht: eine Rolle auf der einen oder anderen Seite (Daten/FDM oder Mensch/Dritter Ort) haben sie.

Podiumsdiskussion auf dem Bibliotheksleitertag

Zum Abschluss gab es eine Podiumsdiskussion, bei der interessanterweise mal wieder die Frage aus dem Publikum  gestellt wurde, was denn die Hochschulen für die Ausbildung von Famis (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste) tun würden. Im Laufe der Diskussion dazu gab es Szenenapplaus für 12 Jahre Engagement der FH Potsdam in diesem Bereich.

Die Diskutanten auf dem Podium (alle Referenten des Tages) waren sich einig, dass Neugier, Kreativität, Ausprobieren und Mut zum Risiko Bibliotheken voran bringen werden.

Für mich persönlich war es interessant zu spüren (auch in den Diskussionen am Rande), dass die Bibliothekare den richtigen Weg gegangen sind, den wir am gleichen Ort vor genau 10 Jahren in Mannheim angestoßen hatten mit der Gründung der Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V.. Die Mitbegründerin Julia Bergmann, die ebenfalls unter den Referenten war, meinte zwar, wir würden nun wieder zum Analogen (zum Ausgangspunkt) zurückkehren, nachdem wir Gaming und Digitales versucht hatten in die Bibliotheken zu bringen. Ich denke aber ein wesentlicher Punkt auch damals war, das Neue zuzulassen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Spannend nun, dass die zweite Förderphase des Programms hochdrei (Kulturstiftung des Bundes) nun genau dies tut: mit organisierten Exkursionen zusammen mit kommunalen Entscheidern im Ausland über den Tellerrand schauen. Die auf der Tagung vorgestellten deutschen Projekte zu Bibliotheken als Dritten Orten (z.B. Köln Kalk, Würzburg) waren ziemlich beeindruckend vor allem, weil häufig das Konzept des Architektur Büros Aat Vos umgesetzt wurde, der z.B. auch bei Biblo Tøyen in Oslo nie gefragt hatte „was“, sondern immer nur „warum“ eine Bibliothek gebaut werden solle und diese dann vorwiegend von Mitgliedern der Zielgruppe gestaltet wurde – nicht von Bibliothekaren.

Der Track zum Forschungsdatenmanagement erinnerte mich stark an meine Vergangenheit als Computerphilologe an der Universität Stuttgart Ende der 1980er Jahre. Die jetzt sogenannte DH Welt ist zwar bunter, interaktiver und komplexer geworden, die entscheidende Frage ist aber immer noch weder gestellt noch beantwortet: warum. Nur als verzweifelte Akquise einer neuen Aufgabe für wissenschaftliche Bibliotheken reicht die Dateneuphorie IMHO nicht aus. Und für die Infrastruktur sorgt die Wissenschaft ja schon selber… gerade wenn Bibliotheken sich verweigern. Aals Beispiel wurden die Elsevier Lizenzkündigungen genannt und mit nur mäßigem Erstaunen konstatiert, dass die Wissenschaft trotzdem weitergeht – ohne bibliothekarischen Access. Die von Kollegen Stefan Schmunk aus Darmstadt erwähnten Analyseergebnisse, dass die illegale Nutzung der Schattenbibliothek Sci-Hub zu einem großen Teil von innerhalb der Bibliotheksräume geschieht, gab – soweit ich das verfolgen konnte – kaum Anlass zum Nachdenken.

Hier die etwas für die nicht-live Lektüre bearbeiteten Folien meines Vortrags:

Atlas of New Librarianship – endlich Open Access

Vorbei das Schleppen, das Finger wund blättern und haptische Suchen: endlich ist der Atlas transportabel und in jedem Seminar vorzeigbar! Dank an David Lankes und den MIT Verlag – wenn auch mit sieben Jahren Verspätung.

Den Download des Buches finden Sie hier.

Hoffen wir dass MIT nun auch die Bücherlabyrinthe (Wegmann 2000) wie geplant herausbringt.

 

 

 

Next Library Science (Themenschwerpunkt in BFP)

Für das soeben erschienene Heft 42 (2018) Nr. 2 der Zeitschrift „BIBLIOTHEK. Forschung und Praxis“ hatte ich die Gelegenheit, einen Themenschwerpunkt zum Stellenwert einer erneuerten Bibliothekswissenschaft herauszugeben unter dem Motto „Next Library Science“ (leider im Heft falsch abgedruckt) (ab Seite 333).

Ausgangspunkt war selbstredend David Lankes „New Librarianship“. Allerdings stellte sich auch in Vorbereitung der Next Library Conference hier in Berlin heraus, dass es viele ähnliche „moderne“ Ansätze einer Bibliothekswissenschaft gibt, die wenig oder nichts voneinander wissen. Bis auf Markus Krajewski und Thomas Stäcker konnten alle eingeladenen Autoren zum gewünschten (recht knappen) Redaktionsschluss liefern, so dass ich finde, dass ein interessanter Themenschwerpunkt entstanden ist. Besonders spannend wird es, wenn man wie ich als Herausgeber alle Artikel parallel liest. Die jeweils einzelnen Positionen sind sicher unabhängig voneinander bekannt, aber wenn man die Argumente und Formulierungen des einen Textes unter anderer Prämisse im nächsten Text fast identisch wiederfindet, so ergibt sich ein gänzlich neues Bild einer Bibliothekswissenschaft.

Zunächst stand die Frage im Raum, ob es einer Erneuerung der Bibliothekswissenschaft bedarf. Die Autoren greifen die Frage im Titel ihrer Artikel auf – beantworten sie jedoch stets mit „ja“ und geben meist auch sehr konkrete Hinweise auf curriculare Notwendigkeiten, die sich in den letzten Jahren für die Ausbildung für Bibliotheken ergeben haben.  Nicht englischsprachige Texte wurden speziell für diese Ausgabe übersetzt.

Ich möchte den beteiligten Autoren und Übersetzern an dieser Stelle nochmals herzlich für die Mitarbeit danken.

Die noch unlektorierten Preprints sind frei zugänglich auf dem edoc-Server der HU. (Ich empfehle allerdings bei einer Weiterverwendung dringend die eigentliche Ausgabe der Zeitschrift zu verwenden. In den unlektorierten Preprint-Versionen sind einzelne Fehler noch nicht bereinigt.)

Hans-Christoph Hobohm (Potsdam): Warum brauchen wir eine (neue) Bibliothekswissenschaft? Editorial, In: BIBLIOTHEK 42 (2018) Nr. 2, S. 333–337.

Zusammenfassung: Die Medienschwelle, an der wir uns befinden, stellt viele Institutionen infrage. Nicht aber die Bibliothek, wie viele äußerst erfolgreiche neue Bibliotheksprojekte (ÖB und WB) belegen. Der Themenschwerpunkt lässt (auch anlässlich der Next Library Conference in Berlin im September 2018) unterschiedliche Wissenschaftler zu Wort kommen, die dafür plädieren, sich auch wissenschaftlich mit dem Phänomen Bibliothek (wieder) zu befassen, um besser zu verstehen, wie ihre Potentiale den digitalen Wandel positiv begleiten können.

Schlüsselwörter: Bibliothekswissenschaft; Erneuerung; Dataismus; Wissen; soziale Erkenntnistheorie Continue reading

Erwarten Sie mehr … auch von Universitätsbibliotheken – Inspired by Lankes

Erwarten Sie mehr!
Aktuelle Trends in Universitätsbibliotheken

Gastbeitrag von Dr. Erdmute Lapp, Universitätsbibliothek Bochum *)

Die Direktorin der Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität Bochum, Dr. Erdmute Lapp.

Dr. Erdmute Lapp

 

Der Titel „Erwarten Sie mehr!“ spielt auf das gleichnamige Buch des Kollegen David Lankes an, das ich zusammen mit dem Journalisten Willi Bredemeier aus dem Amerikanischen übersetzt habe und das die Zeitschrift für Information Professionals, Open Password, zur Publikation des Jahres 2017 gewählt hat.

 

 

0. Einführung: Die klassischen Bibliotheksdienste im digitalen Wandel (Informationsversorgung, Recherche, Benutzung)

Nach wie vor besteht eine zentrale Aufgabe von Universitätsbibliotheken in der Versorgung mit Informationen für Forschung, Lehre und Studium. In der digitalen Welt verändert sich aber die Art, wie diese Informationsversorgung erfolgt. Früher waren die Fachreferenten der UB hauptsächlich mit dem Bucherwerb beschäftigt, heute bestellen wir über Warenkorbsysteme direkt, die Vorakzession gibt es nicht mehr, und die Fachreferenten verwenden Zeit für die Kommunikation mit den Wissenschaftlern. Die Benutzer wollen lange Öffnungszeiten der Bibliothek und möglichst viel Selbstbedienung. Mittlerweile haben die meisten Bibliotheken die RFID-Technologie eingeführt, die ermöglicht, dass die Bücher bei der Rückgabe nach der Ausleihe automatisch sortiert werden. (In der UB Bochum ist das Sortierkriterium die Etage, auf die sie zurückgeräumt werden müssen.)

Elektronische Informationen machen einen immer größeren Teil unserer Erwerbungen aus. Wir stellen immer mehr Datenbanken bereit. (Bibliographische Werkzeuge wie z.B. der SCI in gedruckter Form waren ohnehin nicht attraktiv.) Wir haben mittlerweile fast die gesamte Zeitschriftenversorgung auf e-only umgestellt. Zuletzt haben auch e-books geschafft, eine hohe Akzeptanz bei den Benutzern zu erreichen. Dabei hat sich schnell gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, die elektronischen Quellen einfach hinzustellen. Vielmehr müssen sie von einer Reihe von Dienstleistungen begleitet werden. Zunächst ist das die Vermittlung von Informationskompetenz. Und hier haben wir schnell verstanden, dass wir eine Chance erhalten haben, die zuvor nicht bestand, nämlich den Entstehungsprozess neuen Wissens zu begleiten und zu unterstützen. Natürlich haben Wissenschaftler ihre Forschungsfragen auch in früheren Zeiten mit Bibliothekaren und auch mit Buchhändlern diskutiert, aber die Möglichkeit, die Literatursuche unterstützend zu begleiten und die Kollaboration der Wissenschaftler untereinander zu fördern, ist in der digitalen Welt von einer neuen Qualität. Die Leichtigkeit, mit der man im Internet Informationen findet, hat Druck auf uns ausgeübt, die Suche einfacher zu machen statt von den Studierenden und Forschern zu verlangen, dass sie sich mit unseren Informationsrecherche- und Informationsbeschaffungswegen befassen.

Wir stellen Discovery-Systeme zu Verfügung, die ermöglichen, dass gedruckte und elektronische Ressourcen sowie Bücher und Zeitschriftenartikel gleichzeitig durchsucht werden. (Vor der Zeit der Discovery-Systeme konnten Zeitschriftenartikel nur über den Titel der Zeitschrift in unseren Katalogen gefunden werden und den Benutzern war schwer zu vermitteln, dass sie Zeitschriftenaufsätze nicht ebenso wie Buchtitel suchen konnten.) Außerdem werden nicht nur unsere eigenen Bestände durchsucht. Vielmehr wird die Bibliothek auf der Basis umfassender Indizes, die durchsucht werden, zum Gateway zu dem gesamten Wissen der Fachcommunity. Wir bieten linkauflösende Software an, mit deren Hilfe man direkt aus der Suche auf den Katalogeintrag eines gedruckten Buches oder auf den elektronischen Volltext springen kann, wenn er zur Verfügung steht. Die Recherchewelt hat sich grundlegend verändert und ihr Potential noch längst nicht ausgeschöpft. Zunehmend wird nicht nur nach bibliographischen Angaben/Volltexten gesucht, sondern auch nach Forschungsdaten, Bildern, Filmen, Sourcecodes und anderen Quellen. Je weiter die digitale Welt sich entwickelt, desto mehr steigen die Erwartungen, dass der Informationszugriff aus den Umgebungen und von den Endgeräten und in dem Workflow möglich ist, an die die Benutzer gewöhnt sind.

Wir arbeiten an Herausforderungen, die in viel höherem Maße den ständigen Aufbau neuer Dienstleistungen und ihre Verbesserung, die Zusammenarbeit mit neuen Partnern, den Aufbau neuer Infrastrukturen sowie das Denken und die Zusammenarbeit in Netzwerken, außerdem Internationalität und fachliche Fortbildung erfordern, als es lange Zeit in unserer Branche der Fall war. Wir denken und agieren anders als die Generation vor uns.

Voraussetzung dafür, dass Universitätsbibliotheken auch in der digitalen Welt erfolgreich sind, ist, dass wir eine ausreichende Personal- und Sachmittelausstattung erhalten. Dafür zu kämpfen, war und ist nicht immer einfach, weil das alte Paradigma in den Köpfen der Bibliothekare und ihrer Stakeholder noch nicht völlig vergangen ist. (Die digitale Welt erfordert einen ganz anderen Typ Bibliothekar. Allerdings ist eine UB, die nur eine große Bücherkiste ist und nicht Mittel für vielfältige Aufgaben fordert, bequemer als eine, die ständig neue Anträge stellt.)

Nun zu einigen weiteren Bereichen, in denen moderne Universitätsbibliotheken aktiv sind.

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