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Fachgeschichte – Richtungsstreit und Öffnung der Bibliotheken in den letzten 100 Jahren

Auf der Podiumsdiskussion letzte Woche und in einem meiner Seminare wurde der sog. Richtungsstreit und die „Bücherhallenbewegung“ des deutschen Bibliothekswesens angesprochen. Nur um uns alle auf den Informationsgleichstand zu bringen, möchte ich hier aus dem Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Stuttgart 2014, S. 779f) zitieren und desweiteren auf den Beitrag von Ragnar Audunson hinweisen, von dem ich dieses sicher nicht unproblematische Argument habe, dass wir ein auch historisches Fachverständnis (eine “ ‘professional civic self-cultivation’ (Bildung)“ (sic), wie er schreibt) brauchen.

Ragnar Andreas Audunson (Oslo): Do We Need a New Approach to Library and Information Science? In: BIBLIOTHEK 42 (2018) Nr. 2, S. 357–362.

Ich bitte diesen Blogpost nicht misszuverstehen.

Stellensituation für (angehende) Bibliothekar*Innen

Stellenausschreibungen August bis November 2018 (Quelle: Veröffentlichungen in Mailinglisten)

Zur Vorbereitung der Paneldiskussion am IBI am 4.12.2018 „Öffentliche Bibliotheken in Forschung und Lehre“ habe ich mir mal die Stellenausschreibungen des letzten Vierteljahrs angeschaut, die bei mir via Inetbib, ForumOEB, BAK-Bibliojobs etc. eintrudeln. Ich beobachte die Anzeigen bisher nicht systematisch, sondern nur um Vorbeiflug in meiner Mailbox (ich lösche diesen Ordner nicht). Mit meiner kurzen Strichlistenauszählung bestätigt sich mein Eindruck, dass trotz aller Euphorie für Stadtbibliotheken die Zahl der ausgeschriebenen Stellen nicht befriedigend ist – vor allem angesichts der sehr viel grösseren Anzahl an Bibliotheken in diesem Bereich. Auffaflend ist auch die vergleichsweise höhere Anzahl an FAMI-Stellen in ÖBs, aber auch die Tendenz, innerhalb der Besoldungsstufen die Eingruppierungsstufen auszureizen, d.h. z.B. FAMI-Stellen bis zu E9 auszuschreiben. Außerdem fällt auf, dass eine große Anzahl an Stellen von den ganz großen Playern im Berufsfeld kommen (TIB, ZBW, SBB, DNB) – aber auch viele Stellen bei nicht universitären Forschungseinrichtungen angeboten werden.

Eine tiefergehende inhaltliche Analyse könnte zusätzlich zu Tage bringen, dass der Anteil der „Bibliotheksinformatiker“ nicht so hoch ist wie erwartet (aber vielleicht werden diese Stellen woanders veröffentlicht: die wenigen reinen Informatikerausschreibungen oder Stellen mit Anforderungen mit gänzlich nicht bibliothekarischem Anforderungen (Finanzen, Recht) habe ich nicht berücksichtigt.), dass aber doch der Themenbereich Data-Kurator, Daten-Management, und Open Access z.Zt. gut vertreten ist.

 

Fokus Mensch

war das Thema des diesjährigen Bibliotheksleitertags von OCLC am 28. November 2018.

Dr. Roman Szeliga, OCLC Bibliotheksleitertag 2018

Keynote war Dr. Roman Szeliga, der Gründer der Clown Doktoren. Er vermittelte den ca. 250 anwesenden Bibliothekar*Innen, dass auch Humor eine wesentliche Kompetenz in Zeiten der Digitalisierung sein sollte.

Das war umso interessanter, als im SRF Literaturclub vom Oktober 2018 den Analysen von Yoval Harari Humorlosigkeit attestiert wurde. Und wenn man es genau ansieht, sind auch Bibliotheken oft keine spaßigen Einrichtungen (ssshh!).

Leider war die Tagung dann thematisch sehr divers ausgerichtet: es gab einen DH/FDM Track für die „wissenschaftlichen Bibliotheken“ und einen „Dritter Ort“ Track für die „Öffentlichen Bibliotheken“. Eine größere Diskrepanz ist eigentlich nicht vorstellbar. Entsprechend war wahrscheinlich auch die Zusammensetzung der Teilnehmer.

auf dem Bibliotheksleitertag 2018

Ich hatte die Ehre, einen der letzten Vorträge zu halten, mit dem ich die Anwesenden „beruhigen“ sollte. „Digitalisierung na und. Warum Bibliothekare das Zeug für die neuen Aufgaben bereits in der Tasche haben.“ war der mit OCLC vereinbarte Titel meines Vortrags. Ich berichtete vorwiegend aus den vergangenen und laufenden Forschungsprojekten, die Kompetenzen und Aufgabenprofile von information professionals im Blick haben. Meine Quintessenz: Bibliotheken sollten mit ihrem Gepäck als Informations- und Wissenseinrichtung Transformationsagenturen werden. Ganz im Sinne von David Lankes Mission Statement, dass Bibliothekare zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen sollten. Ob wir nun davon ausgehen, dass die Digitalisierung (z.B. mit Verstärkung von Echokammern in den Social Media) die gesellschaftliche Entwicklung in einem problematischen Licht erscheinen lässt oder nicht: eine Rolle auf der einen oder anderen Seite (Daten/FDM oder Mensch/Dritter Ort) haben sie.

Podiumsdiskussion auf dem Bibliotheksleitertag

Zum Abschluss gab es eine Podiumsdiskussion, bei der interessanterweise mal wieder die Frage aus dem Publikum  gestellt wurde, was denn die Hochschulen für die Ausbildung von Famis (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste) tun würden. Im Laufe der Diskussion dazu gab es Szenenapplaus für 12 Jahre Engagement der FH Potsdam in diesem Bereich.

Die Diskutanten auf dem Podium (alle Referenten des Tages) waren sich einig, dass Neugier, Kreativität, Ausprobieren und Mut zum Risiko Bibliotheken voran bringen werden.

Für mich persönlich war es interessant zu spüren (auch in den Diskussionen am Rande), dass die Bibliothekare den richtigen Weg gegangen sind, den wir am gleichen Ort vor genau 10 Jahren in Mannheim angestoßen hatten mit der Gründung der Zukunftswerkstatt Kultur- und Wissensvermittlung e.V.. Die Mitbegründerin Julia Bergmann, die ebenfalls unter den Referenten war, meinte zwar, wir würden nun wieder zum Analogen (zum Ausgangspunkt) zurückkehren, nachdem wir Gaming und Digitales versucht hatten in die Bibliotheken zu bringen. Ich denke aber ein wesentlicher Punkt auch damals war, das Neue zuzulassen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Spannend nun, dass die zweite Förderphase des Programms hochdrei (Kulturstiftung des Bundes) nun genau dies tut: mit organisierten Exkursionen zusammen mit kommunalen Entscheidern im Ausland über den Tellerrand schauen. Die auf der Tagung vorgestellten deutschen Projekte zu Bibliotheken als Dritten Orten (z.B. Köln Kalk, Würzburg) waren ziemlich beeindruckend vor allem, weil häufig das Konzept des Architektur Büros Aat Vos umgesetzt wurde, der z.B. auch bei Biblo Tøyen in Oslo nie gefragt hatte „was“, sondern immer nur „warum“ eine Bibliothek gebaut werden solle und diese dann vorwiegend von Mitgliedern der Zielgruppe gestaltet wurde – nicht von Bibliothekaren.

Der Track zum Forschungsdatenmanagement erinnerte mich stark an meine Vergangenheit als Computerphilologe an der Universität Stuttgart Ende der 1980er Jahre. Die jetzt sogenannte DH Welt ist zwar bunter, interaktiver und komplexer geworden, die entscheidende Frage ist aber immer noch weder gestellt noch beantwortet: warum. Nur als verzweifelte Akquise einer neuen Aufgabe für wissenschaftliche Bibliotheken reicht die Dateneuphorie IMHO nicht aus. Und für die Infrastruktur sorgt die Wissenschaft ja schon selber… gerade wenn Bibliotheken sich verweigern. Aals Beispiel wurden die Elsevier Lizenzkündigungen genannt und mit nur mäßigem Erstaunen konstatiert, dass die Wissenschaft trotzdem weitergeht – ohne bibliothekarischen Access. Die von Kollegen Stefan Schmunk aus Darmstadt erwähnten Analyseergebnisse, dass die illegale Nutzung der Schattenbibliothek Sci-Hub zu einem großen Teil von innerhalb der Bibliotheksräume geschieht, gab – soweit ich das verfolgen konnte – kaum Anlass zum Nachdenken.

Hier die etwas für die nicht-live Lektüre bearbeiteten Folien meines Vortrags:

Bibliotheken in Litauen

Vilnius University Library, Science Communication And Information Center / Paleko Arch Studija

Anläßlich eines Workshops zum Thema Nutzerforschung für Bibliotheken, den ich für ca. 40 litauische Bibliothekarinnen in Vilnius geben durfte, konnte ich wieder einmal den alten Spruch „Reisen bildet“ erleben. Nicht nur die grandiose neue Universitätsbibliothek („IKMZ“), in der der Workshop stattfand, sondern auch eine Reihe anderer Eindrücke gaben mir Eindrücke in ein mir bis dahin wenig bekanntes Land. Dank auch der professionellen Begleitung und Betreuung durch das Goethe Institut eröffnete sich mir eine Kultur, die erstaunt und begeistert.

Historischer Lesesaal der UB Vilnius (1570)

 

Bibliothek in einer Zelle im KGB Gefängnis Vilnius

Die alte Universitätsbibliothek aus dem Jahre 1570 zeugt von der alten Tradition, die Bibliothek im KGB Gefängnis vom Trauma der Geschichte und die Little Free Library am Rande der „Freien Republik“ Uzupis in Vilnius zeugt von einer der unglaublichen Kreativität und Offenheit der Litauer.

Little Free Library am Rande der Freien Republik Uzupis

 

Literatu gatve, Vilnius

 

Die Literaturstraße (Literatu gatve) belegt seit 2008 die literarische Weltoffenheit der Stadt: hier werden mit kleinen Kunstwerken und Texten an der Wand internationale Autoren gewürdigt, die einen Bezug zu Litauen haben, Günther Grass ist z.B. darunter.

Interessanterweise hat gerade der Leiter des Goethe-Instituts Detlef Gericke (in Zusammenarbeit mit Laura Survilaite) in der Zeitschrift „Politik und Kultur“ (3, 2018) einen  sehr lesenswerten Bericht über Literatur in Litauen geschrieben. Das kleine Land Litauen ist überaus beeindruckend und strahlt ein kulturelles Leben aus, von dem man versteht, dass dies die Grundlage ist, die jahrhundertelangen Unterdrückungen überstanden zu haben.

Beitrag von D.Gericke auf S.14: „Europa ist Rückhalt“ (Link zum Text)

 

Dank an Goethe, mal wieder.

Bildungsforum in Potsdam: gelungene Integration von Bibliothek, VHS und Wissenschaftsfenster

 

Fünf Jahre Bildungsforum Potsdam

Weil ich als Dekan damals die Ehre hatte, der Stadt- und Landesbibliothek zur Zeit des Umbaus ein Zwischen-Asyl in unserer Hochschule (Turnhalle, ehem FH-Bibliothek) zu gewähren, wurde ich anlässlich des jetzigen Jubiläums von der Märkischen Allgemeine interviewt.

In der Tat war es ein Erfolgsmodell, nicht nur die drei Institutionen in einem Haus zu vereinen, sondern überhaupt den Mut als Stadt zu haben, Bildung und Wissen (-schaft) im Zentrum der Stadt zu positionieren.

Vor allem bei der Stadtbibliothek kann ich beurteilen, dass das neue Gebäude und vor allem die damit gewonnene Aufenthaltsqualität ihr einen enormen Nutzungsaufschwung gebracht hat. Zusammen mit anderen Innovationen kann man sagen, dass das Bild der SLB zurecht in den Broschüren der Verbände als Vorzeigemodell genutzt wird.

Es war denn auch ein würdiger Anlass für eine große Feier und ein Bibliotheksfestival. Der Empfang am 8.9.2018 bot eine tolle Gelegenheit zum Netzwerken gerade auch über die Spartengrenzen hinweg. Und die Geburtstagstorte von Konditor Braune war auch ein Genuss (man beachte aber den Bücherwurm in der Torte!).

Anschnitt der Geburtstagstorte durch OB, Konditor und die Hausherrinnen