Category Archives: Lehre & Studium

Studien-Projekt Präsentation

Ankündigung der Projektpräsentation im Grimmzentrum der HU

Ankündigung der Projektpräsentation im Grimmzentrum der HU

Das Masterstudienprojekt „Eye-Tracking und andere Logging Verfahren in der Informationsverhaltenforschung“ neigt sich nach einem Semester intensiver Arbeit dem Ende zu. Letzte Woche wurde es bei den offiziellen Projektpartnern im Grimmzentrum präsentiert.  Aus beiden Bibliotheken, die sich dankenswerter Weise für das Eye-Tracking Experiment zur Verfügung gestellt hatten (HU Grimmzentrum und FU Philologicum) kamen eine Reihe interessierter Zuhörer.

Die drei durchführenden Masterstudierenden Melanie Pitschel, Franka Kopleck und Steffie Müller stellten souverän die Ergebnisse ihrer Untersuchung vor.

Ziel des Projektes war es, neue Instrumente der menschlichen Verhaltensbeobachtung wie das unlängst im Fachbereich angeschaffte mobile Eye-Tracking System (SMI Eye-Tracking-Glasses) oder andere ähnliche Werkzeuge, die mittlerweile sind erschwinglich geworden sind, auf ihren Einsatz in der Informationsverhaltensforschung zu überprüfen und testweise einzusetzen.

Die Mobilität der neuen Werkzeuge generiert ein neues Interesse in Bezug auf die konkreten Räumlichkeiten und aktuellen Lebenswelten und –weisen von Menschen. Hier vereint sich ubiquitäres Computing und der Spatial Turn der Sozialwissenschaften mit dem Perspektivwechsel in der Informationswissenschaft: weg von Artefakten hin zu menschlichen und sozialen Gegebenheiten. Ergänzend zu Experimenten mit der Eye-Tracking Brille kamen schließlich Tracking-Tools als Apps und in Form von Armbändern (Jawbone und FitBit) zum Einsatz. 

Die Fragestellungen waren:
• Lässt sich das neue Raumparadigma für Informationseinrichtungen über mobiles Eye-Tracking erfassen und evaluieren?
• Ist Aufenthaltsqualität in Einrichtungen der Bildung „messbar“ mit Logging-Verfahren?
• Hat Mobilität / Bewegung / Fitness Einfluss auf den Lernerfolg?
• Gibt es tatsächlich biorhythmische Tagesphasen, die das Lernen und die Informationsaufnahme beeinflussen?

SMI Eye Tracking Brille

SMI Eye Tracking Brille

Die Ergebnisse waren in einem gewissen Sinn ernüchternd. Die Beschäftigung mit den Instrumenten belegte vor allem, dass diese Art experimenteller Forschung einen komplexen Grad an Operationalisierung erfordert und mit den „Bordmitteln“ einer kleinen Seminargruppe nur schwer zu bewältigen ist. Im Zusammenhang mit den Eye-Tracking Experimenten erwies sich die Gruppengröße (N=3) und die zur Verfügung stehende Zeit als grösstes Hindernis. Vor allem die Auswertung mit Hilfe des komplexen Softwaretools BeGaze erwies sich als überaus aufwändig. In gewisser Weise unterlag die Projektgruppe jedoch den Verlockungen der technischen Möglichkeiten und probierte erst einmal viel aus. Es war vor allem interessant, den praktischen Einsatz auch der neuen Armbändern und Apps konkret auszuprobieren und dann wurde die Zeit knapp für die Erarbeitung des State-of-the-Art und des technischen Trainings. Man muss dazu sagen, dass unsere Masterprojekte auch nur 5 Creditpunkte umfassen und nur ein Semester laufen.

Analyse der Konzentration bei der Informationsverarbeitung auf den "Leseterrassen" des Grimmzentrums mit Hilfe von Eye-Tracking

Analyse der Konzentration bei der Informationsverarbeitung auf den „Leseterrassen“ des Grimmzentrums mit Hilfe von Eye-Tracking

Dennoch ist ein sehr beachtliches Resultat vorgelegt worden, das die komplexe Fragestellung aus eigener Anschauung und Erfahrung gut erfasst hat. So wurde mit der Eye-Tracking Brille untersucht, wie das Verhalten bei der Suche eines Mediums im Freihandbereich von Bibliotheken aufgezeichnet und analysiert werden kann. Dabei zeigte sich relativ deutlich, dass die Komponente „Mobilität“ des Eye-Tracking Systems wenig zur Analyse des Informationsverhaltens zusätzlich beiträgt. Vieles hätte durch teilnehmende Beobachtung oder zumindest durch (ggf. nachträgliches) „thinking aloud“ erfasst werden können. Es würde also eher (wenn überhaupt) eine kleine Kamera mit Aufzeichnung der Blickrichtung ausreichen. Jedenfalls ist die aufwändige software-seitige Analyse der AOIs (areas of interest: die farbigen Felder in der Abbildung) nicht notwendig. In der Besprechung mit den Teilnehmern der Projektpräsentation kamen jedoch noch weitere Analyseansätze zur Diskussion, die sich z.B.  den Vergleich verschiedener Aufstellungssystematiken oder klassische (weniger mobile) Regalanalysen ins Spiel brachten.

Die Untersuchung der Konzentrationsfähigkeit (Informationsverarbeitung/Lektüre eines Fachtextes) in unterschiedlichen Raumsituationen in den zwei Bibliotheken, s. Abb.) ergab deutlichere Ergebnisse. So wurde von allen Probanden angemerkt, dass sie den Eindruck gehabt hätten, sehr viel öfter abgelenkt zu sein durch die teilweise ungewohnte Situation, als das Eye-Trackingsystem es in der konkreten Messung nachweisen konnte. Zumindest der zeitliche, prozentuale Anteil der Blick-Fokussierung außerhalb des Textes war erstaunlich gering. Hier müsste natürlich eine weitergehende Methode der Evaluierung des Erfolgs der Informationsaufnahme erfolgen als nur die Beobachtung des Blicks.  Auch eine größere Anzahl von Untersuchungen könnte ggf. Unterschiede in der Kategorisierung der Störquellen identifizieren, was bei der geringen Untersuchungszeit und der Stichprobengröße nicht möglich war. Ebenfalls nicht valide ist die Aussage einzelner Probanden, dass besonders in den ruhigeren Zonen der Bibliotheken Störungen wahrgenommen wurden, was in der Tat ja auch Common Sense wäre.

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Jawbone Tracking Armband

Der zweite Ansatz des Projektes war, ob sich weitere Analyseinstrumente der Verhaltensbeobachtung im Zusammenhang damit finden lassen. Auch hier ist sicher der Zeitdruck, dies innerhalb eines Semesters zu realisieren, ein konkretes Hindernis gewesen. So konzentrierte sich die Projektgruppe auf schnell und einfach einsetzbare Instrumente wie die erwähnten Armbänder und allgemeinen Apps zum Notieren von Stimmungen, Arbeitszeiten oder eher physischen Variablen (wie Herzfrequenz, Bewegung oder Schlafdauer und -qualität). Die wesentliche Erkenntnis war dementsprechend, dass die Verhaltensbeobachtung auch in der Informationsverhaltensforschung sehr viel genauer erfolgen muss, als dies die kommerziell verfügbaren Tools ermöglichen. Konkrete Korrelationen zu den anderen Experimenten und zu einer kontinuierlichen Beobachtung der Informations-Produktivität am Tag ließen sich nicht feststellen. Hier ist einerseits sicher eine detailliertere Operationalisierung notwendig, andererseits ergab sich aber bei den verwendeten Tools vor allem der Verdacht einer mangelnden Validität. Die Messung der Herzfrequenz beispielsweise schien bei allem Probanden keinerlei Beziehung zu haben zu Konzentrationsfähigkeit und Studienproduktivität: hier wäre vielleicht eher die dauerhafte Messung des Hautwiderstandes oder gar Neuroimaging-Verfahren zu erproben…  Gerade auch die weitverbreiteten Fitnessarmbänder hinterließen bei der Projektgruppe Zweifel, was hier wirklich gemessen wird. Es ließen sich mehrere Situationen belegen, bei denen die offensichtlich angegebenen Werte wie Schrittanzahl oder Schlafqualität nicht den Tatsachen entsprachen.

Jawbone Screen: Schrittanzahl und Schlafdauer

Jawbone Screen: Schrittanzahl und Schlafdauer

Bei allen Experimenten kamen jedoch zusätzlich deutliche Effekte des „Beobachtetwerdens“ hinzu. Was bei den Fitnessarmbändern ja als Selbstoptimierungsangebot positiv eingesetzt werden soll, scheint in der „neutralen“ Informationsverhaltensforschung ein schlecht zu bändigender Effekt zu sein.

Alles in allem war es ein interessantes Abenteuer – nicht nur für die Studierendengruppe. Ich danke allen Beteiligten und stehe für weitere Experimente dieser Art gerne zur Verfügung. In Kooperation mit der Zukunftswerkstatt ist in der Tat für den nächsten Bibliothekartag geplant, das Eye-Tracking System in Bremer Bibliotheken einzusetzen.

Jawbone Schlafanalyse

Jawbone Schlafanalyse

 

Transferwissenschaft?

Matthias Ballod 2009 auf der "Berufsfeldtagung" in Potsdam

Matthias Ballod 2009 auf der „Berufsfeldtagung“ in Potsdam

Als Semesterabschlussevent des Studiengangs Informationswissenschaften (M.A.) haben wir das Vergnügen Matthias Ballod am Fachbereich begrüßen zu können. Er ist einer der federführenden Autoren im Bereich Informationsdidaktik und seit einigen Jahren zusammen mit Gerd Antos an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg u.a. mit dem Aufbau der jungen Wissenschaftsdisziplin „Transferwissenschaft“ beschäftigt.

Er wird am 10.2. 13:30 Seminarraum 4005 (FHP am Landtag) einen Vortrag halten zum Thema: „Transferwissenschaft als neue Disziplin: Erfahrungen und Perspektiven“ und anschließend bei einem kleinen Umtrunk Rede und Antwort stehen…

Wissens(schafts)transfer, Translationswissenschaft, Verständlichkeitsforschung, Didaktik der deutschen Sprache sind Aspekte und verwandte Disziplinen, die die Transferwissenschaft versucht zu einem Diskurs zusammenzuführen.  Dass der Themenkomplex „Umgang mit Wissen“ auf absehbare Zeit ein wichtiges Forschungsfeld bleibt, ist unstrittig. Nach acht erfolgreichen, interdisziplinären Kolloquien in zehn Jahren sowie einer ganzen Reihe innovativer Tagungs- bzw. Sammelbände ist jedoch eine Gegenstands- und Zustandsbestimmung der ‚Transferwissenschaften‘ angezeigt. Dazu werden einige grundlegende Erkenntnisse aus diesem Bereich vorgestellt, viel stärker jedoch zukünftige Gestaltungsmöglichkeiten skizziert. Die Graphik „Wissenskreisläufe“ verdeutlicht zunächst die Vielfalt dieses Querschnittsthemas. Die ausgewiesenen Aktionsformen deuten sowohl Herausforderungen möglicher Forschungsprojekte an, als auch disziplinäre Schnittstellen für Forschungsverbünde. In diesem Sinne werden daran anknüpfend einzelne Forschungslinien aufgezeigt. Unlängst machte Gerd Antos den Vorschlag, als Teilbereich eine „Resonanzforschung“ herauszuarbeiten. Ob die Transferwissenschaft damit also Hartmut Rosas ‚Resonanz‘ als Heilmittel gegen die Beschleunigung der Gesellschaft  fokussiert, und ob nicht sogar die Informationswissenschaft und das Wissensmanagement hier eine wichtige transdisziplinäre Rolle spielen, sind Fragen die wir Matthias Ballod stellen können.

Die Veranstaltung ist offen für alle an Fragen des Wissenstransfers und Lernens Interessierten.

Transferkreisläufe

M.Ballod: Kreisläufe

Ansturm auf Studienplätze in Potsdam

Mit über 500 Bewerbern erreicht der Fachbereich Informationswissenschaften in diesem Jahr den Rekord an Immatrikulationsanträgen seit Aufzeichnung dieser Statistik.

Interessant ist vor allem der hohe Anstieg der Bewerberzahlen für den Studiengang „Information und Dokumentation“ (gelb), der mit 151 Bewerbern sein Allzeithoch verzeichnet. (Archiv (blau): 130, Bibliotheksmanagement (rot): 193) Die in der Grafik aufgeführten Masterstudiengänge (dunkelblau und grau) immatrikulieren jeweils zu anderen Zeitpunkten, so dass die Gesamtzahl von 464 Bwerbern in 2011 und von 507 in 2012 differenziert zu betrachten ist.

Inwieweit der Anstieg der Bewerberzahlen auf die jeweils 30 Studienplätze in den drei B.A. Studiengängen nur auf demographische Entwicklungen, etwa den doppelten Abiturjahrgang, zurückzuführen ist, lässt sich schwer sagen.

Podiumsdiskussion zu Masterstudiengängen in LIS

Auf dem 101. Bibliothekartag in Hamburg gab es am 22. Mai 2012 zum ersten Mal eine öffentliche Präsentation unseres Masterstudiengangs „Informationswissenschaften“ sowie gleichzeitig die Gelegenheit, diesen auf einem breiter angelegten Podiumsgespräch zu platzieren, ohne explizit Werbung machen zu müssen. Deutlich wurde neben den Unterschieden der einzelnen Masterangebote in Deutschland vor allem die große Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und die Notwendigkeit der jeweiligen Spezialisierungen. (vgl. auch: http://www.facebook.com/IW.Master.Potsdam)

Sweeping the Library

Wo schlafen die Nutzer der Stabi?

Wo schlafen die Nutzer der Stabi? (blauer Balken)

In meinem Hauptseminar „Bibliotheksmanagement“ machen wir seit einiger Zeit eher Projektarbeit. Hier entstehen Anleitungen zum Umstieg auf Open Access, Imagefilme oder SWOT Analysen für einzelne Bibliotheken. Aber eben auch konkrete Nutzerstudien wie die Befragung der Nutzer in der Bibliothek des Philologicums der Freien Universität Berlin.

Ein besonders interessantes kleines Projekt fragte in diesem Sommersemester nach der Nutzung des Lesesaals in der Staatsbibliothek zu Berlin (Potsdamer Straße). Hier wurde die qualitative Methode des „Sweeping the Library“ von Lisa Given und Gloria Leckie [1] ausprobiert: „die Bibliothek ausfegen…“ . Wie bei jeder Sozialforschung ist das Ergebnis nicht wirklich überraschend, aber die Projektgruppe empfahl dennoch ihre kontinuierliche Anwendung, denn erst im Zeitvergleich ergeben sich Erkenntnisse.

Hier der Projektbericht (geplant als Beitrag zur Zeitschrift BRAIN).

[1] Given, Lisa M.; Leckie, Gloria J. (2003): “Sweeping” the library. Mapping the social activity space of the public library. In: Library & Information Science Research 25 (4), S. 365–385

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Nachtrag 2011:

Einer  der Autoren hat das Thema weiterverfolgt in seiner preisgekrönten Bachelorarbeit: s. Richter, Steffen (2011): Die Bibliothek als Ort und Raum. Verfahren zur Wirkungsmessung. In: Information – Wissenschaft & Praxis 62 (6), S. 225–236. (hier als PDF)