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Verweis auf Diskussionen oder Debatten im Netz

Dataismus und „Das Digital“


Als mittlerweile begeisterter Nutzer der Onleihe der Bibliotheken hatte ich vor einiger Zeit ein Buch vorgemerkt, das schon lange auf den Bestsellerlisten steht und mir von einem Freund empfohlen worden war [1]. Die Vormerkzeit für das eBook war bis September 2018, so dass ich einfach auch das Hörbuch dazu vorgemerkt hatte. Sehr zum Unglück meines Wochenendes: es galt dann ganz plötzlich 15 Stunden eine spannenden Zukunftsgeschichte zu hören. Und ich konnte nicht aufhören, auch zum Leidwesen meiner Frau. Ich empfehle es aber jedem – vielleicht sogar eher als das Lesen des Buches selber.

Für mich war es der Ansatz für Erklärungen, die ich schon länger gesucht habe: was ist eigentlich los mit unserer Welt? Und: bin ich der einzige, der die aktuelle Entwicklung weg vom Menschen (z.B. in der DIKW Hierarchie [2]) so bedenklich findet? Yuval Harari ist ein Historiker der très longue durée. Schon in seinem ersten Bestseller („Homo Sapiens“ [3]) überraschte er damit, die Geschichte der Menschheit über den Zeitraum von 70.000 Jahren zu erzählen. In diesem wartet er (sehr verkürzt) mit der ausführlich belegten These auf, dass die Ära des Homo Sapiens zu Ende geht. Auf fast 600 Seiten beschreibt er eine neue Form der prinzipielle Weltorientierung, die in frühen Zeiten theologisch-magisch war, seit der Renaissance „humanistisch“, d.h. mit dem Menschen als Mittelpunkt und nun zunehmend Maschinen orientiert. Er stellt so den „Humanismus“ einer neuen Weltsicht, dem Dataismus gegenüber. Das erinnert stark an Floridis vierte Revolution und seine menschenlose Hyperhistory [4], aber in diesem Buch wird es noch plastischer und mit vielen Bespielen veranschaulicht, wie sehr sich die Technikwelt verselbstständigt und wir uns entscheiden müssen, ob wir diese Reise weitergehen wollen. Wenn künstliche Intelligenz nun schon explizit Mitglied von Unternehmensvorständen ist [5], sollte man sich fragen, welche Rolle für den Menschen von dieser vorgesehen ist. Das besonders beeindruckende aber ist, dass alle genau diesem Paradigma (des Dataismus) hinterherjagen, ohne sich Gedanken zu machen. Harari selbst zieht auch Parallelen zum Klimawandel, dessen Konsequenzen aber noch real erlebbar sind. Im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation, war ich lange so naiv zu glauben, dass alle „irgendwann“ in den Genuss der schönen neuen Welt kommen und sich digitale Technik aneignen und damit erleben, was passiert und was möglich ist. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: die sogenannten „Digital Natives“ halten sich zwar für technikaffin, weisen aber erschreckend geringe Kompetenzen im digitalen Bereich auf [6] – ganz im Sinne des Dunning-Kruger Effekts. Was wir also in wenigen Jahren im Klimawandel noch am eigenen Leib spüren, wird beim Digitalen Wandel unbemerkt an uns vorüber gehen.

Ein anderes Buch [7] – empfohlen durch unsere neue Kollegin am Fachbereich Ellen Euler (@EllenEuler) – gibt zu dieser ja nur „geschichtswissenschaftlichen Spekulation“ von Harari einen interessanten wirtschaftswissenschaftlichen (seriösen) Background. Wenn auch etwas anmaßend im Titel, so beschreiben die anerkannten Wirtschaftswissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger (Oxford Univ.) und Thomas Ramge (brand eins) ebenfalls recht anschaulich, warum wir in einer Datenwelt leben. Ohne Bezug auf Manuel Castells und seinen „Informationalismus“ [8] – er erschien ihnen wohl zu links – beschreiben sie fast das gleiche wie er, nur mit dem Wort „Daten“. Castells spricht noch von Informationen als dem eigentlichen Kapital des Kapitalismus, Mayer-Schönberger und Ramge sprechen oft von Daten, meinen aber die Informationsfunktion im Markt, von der Adam Smith annahm, dass sie der Preis (mit unsichtbarer Hand) vollständig übernehmen würde. In unserem Zeitalter des Datenkapitalismus ist nicht mehr Geld die Währung, sondern es sind die „Daten“, die durch ihre höhere Verfügbarkeit zu besseren Entscheidungen in Märkten aber auch in Unternehmen führen können. Im Digitalen entstehen zwei Optionen: entweder ermöglicht die Reduktion der Informationsasymmetrie im Datenkapitalismus die Erstarkung des Marktes in neuer Form oder die Netzwerk- und Feedbackeffekte der neuen Informationstechnologien führen zu starken Zentralisierungen und Monopolisierungen. Ganz ähnlich dem Digital-Manifest von Grigerenzer und Co. (vgl. meinen Post hier) könnte sich das positiv oder negativ auswirken, wie die Autoren in vielen Beispielen erläutern. Im Grunde aber sind sie begeistert davon, dass das Geld als Informationsmedium abgelöst wurde und wir nun nach neuen Formen der Marktsteuerung suchen können. Dazu machen sie interessante Vorschläge wie die RoboTax oder die progressive Data-Sharing Pflicht, ohne jedoch zu sagen, wie die „schöne neue Welt“ wirklich implementiert werden soll. Im Gegensatz zu Harari enden sie äusserst optimistisch: „Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.“ [9] Sie sagen in ihrer Analyse des „Digitals“ allerdings nicht wirklich, wie (außer mit den genannten ordnungspolitischen Maßnahmen) der nicht mehr geld-, sondern datenbasierte Markt den Sprung zu Erkenntnis, Wissen und vor allem Gemeinschaft erreicht.

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[1] Harari, Yuval Noah (2017): Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. München: C.H.Beck.

[2] Hobohm, Hans-Christoph (2014): DIKW Hierarchie. In: Stefan Gradmann und Konrad Umlauf (Hg.): Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. (LBI). 2 Bände. Stuttgart: Hiersemann, Bd.1, S. 222–223.

[3] Harari, Yuval Noaḥ (2014): Sapiens. A brief history of humankind. New York, NY: Signal Books.

[4] Floridi, Luciano (2014): The 4th revolution. How the infosphere is reshaping human reality. Oxford: University Press.

[5] Harari 2017, S.436

[6] Gross, Melissa & Latham, Don (2009). Undergraduates‘ Perceptions of Information Literacy: Defining, Attaining and Self-Assessing Skills. In: College & Research Libraries, 70 (4), 336-350

[7] Mayer-Schönberger, Viktor; Ramge, Thomas (2017): Das Digital. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Berlin: Econ.

[8] Castells, Manuel (2001): Das Informationszeitalter. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Opladen: Leske + Budrich/Campus (3 Bde.).

[9] a.a.O. S. 227

Nikolaus Wegmanns ‚Bücherlabyrinthe‘ immer noch aktuell

Cover Wegmann 2000In seiner Antrittsvorlesung als nebenberuflicher Professor unseres Fachbereichs wies Prof. Dr. Thomas Stäcker (Vortrag 22.11.17 mit dem schönen Titel: „Die Bibliothek als Schnittstelle – Überlegungen zur Funktion von Bibliotheken im digitalen Zeitalter„) an mehreren Stellen auf Nikolaus Wegmanns Bücherlabyrinthe [1].

Neben den Kopenhagener Papieren wie dem Four-Spaces/Three Functions model, das die Basis bildete für DOKK1 in Aarhus, dem New Librarianship von David Lankes, der französischen Analyse zum Digitalen Dokument mit der Gruppe Roger T. Pédauque, dem neuen Blick auf den Katalog durch Markus Krajewski gehört dieses Buch für mich immer noch zum Kanon der deutschen LIS (Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Thomas Stäcker, der lange Jahre in Wolfenbüttel im wahren Sinne des Wortes im dortigen Bücherlabyrinth gearbeitet hat und seit kurzem die Universitätsbibliothek der TU Darmstadt (mit seiner restlichen 75%-Stelle) leitet, erwähnte und zitierte Wegmann und Pédauque recht zentral. Lankes, Four Spaces und Krajewski kamen jedoch (noch) nicht vor.

Interessant ist aber vor allem, dass hier versucht wurde, eine Verbindung zu schaffen zwischen dem eher medienwissenschaftlichen Ansatz zur Erklärung des Dokuments im Digitalen Zeitalter (Pédauque und Wegmann) mit aktuellen Entwicklungen der Bibliotheksinformatik. Passend war ja auch, dass der Semantic Layer Cake von Tim Berners-Lee in die Argumentation eingebracht wurde, wo wir im Masterkolloquium in der Sitzung davor beim Thema Blockchain (Vortrag von Lambert Heller) ebenfalls über „Vertrauen“ in der Digitalen Transformation diskutiert haben. Unser Masterstudiengangs Informationswissenschaften hatte ja zudem das Thema „Schnittstelle/Interface“ und „Transfer/Vermittlung“ selbst schon als gemeinsamen Ausgangspunkt auf der ersten Klausurtagung des Fachbereichs im Jahre 2009 gewählt. Bemerkenswert an der Reise des Masterstudiengangs bis zur Re-Akkreditierung in diesem Jahr ist allerdings vor allem, dass wir zunehmend betonen, dass beim Konzept Information „genauer hingeschaut“ werden muss. Im Übrigen haben wir auf unser Modul zu Semantic Web verzichtet, nicht nur weil es in der Praxis (noch?) keine Rolle gespielt hat, sondern, weil hier offensichtlich eine eher konzeptionelle Sackgasse vorliegt. Der Keynote Vortrag von Manfred Thaller auf dem letzten Masterday wies ja ebenfalls darauf hin und gab weitere Unterstützung und Anregung dafür, dass die LIS („Library and Information Sciences“) „have to digg deeper“ …. und das von einer eigentlich unverdächtigen Autorität der Digital Humanities, in deren Richtung der Fachbereich nun gerne gehen möchte (vgl. dazu hier im Blog).

Vieles fügt sich für mich zusammen: so wie Pédauque und Jean Michel Salaün den digitalen Wandel der Institutionen über die Funktionen des Dokuments neu deklinieren (und die Bibliothek als Ort der Lesbarmachung des Textes definieren), die Kopenhagener um Henrik Jochumsen dies über den dritten Ort und partizipativen Raum der Bibliothek in der Community machen, so schaut Markus Krajewski [2] besonders genau auf die Schnittstelle in ihrem Wandel und weist auf verlorene Funktionen dieser Urinstitution. Insbesondere bei David Lankes ist dann die Schnittstelle der Kommunikation mit der Kybernetik Gordon Pasks die Fundierung für eine neue Sicht auf Bibliotheken als Katalysatoren des Wissens in den Communities [3]. Auch die noch offene Diskussion über die Grundlagen der Informationswissenschaft im engeren Sinn, zeigt für mich in die gleiche Richtung [4], wenn z.B. Jonathan Furner, aber auch Michael Buckland darauf insistieren, dass LIS eher eine kulturwissenschaftliche als eine technologische Basis haben (sollten) [5].

In dieser Reihe sehe ich schon immer Nikolaus Wegmanns Buch als einen Ausgangspunkt. In der Lehre nutzen wir ja auch immer wieder einzelne Kapitel als Einstiegslektüre z.B. zum Thema „Informationsbewertung“ oder zu Fragen der Intertextualität bei Lektüre und Retrieval. Seine Herangehensweise bringt die Diskussion ähnlich wie die Krajewskis oder in anderem Kontext: die Gedächtniskonzeptionen von Aleida und Jan Assmann, immer wieder auf prinzipielle Fragen wie sie bei der Institution Bibliothek, dem wissensvermittelnden und -produzierenden Medium und der Informationssuche immer schon zentral waren. Wie das Kaninchen vor der Schlange der Digitalisierung stehend vergessen wir zuviele solcher Grundlagen. Offensichtlich haben wir aber z.Zt. die Chance einer Rückbesinnung, weil viele aufgrund der Auswirkungen der Digitalen Disruption und ihrer Beschleunigung doch prinzipiellere Fragen stellen. Eine ruhigere und tiefergehende Reflexion der Grundlagen tut Not – nicht nur um das eigene informationstechnische Tun zu verstehen, sondern vielleicht auch um zu erkennen, was das alexandrinische Zeitalter mit uns macht. Wegmann lässt dabei immer wieder (bis jetzt noch:) vertrauenswürdige Autoritäten wie Goethe, Lessing, Herder, Nietzsche, Musil, Derrida oder Gumbrecht zu Wort kommen, die sich schon länger mit Fragen der Informationsflut und des Findens wertvoller Informationen beschäftigt hatten.

Dank an Thomas Stäcker, hieran erinnert zu haben.

[1] Wegmann, Nikolaus (2000): Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter. Köln u.a.: Böhlau.

[2] Krajewski, Markus (2011): Gewandelte Zentralinstanz. Vom Bibliotheksdiener zum OPAC. In: Uwe Jochum und Armin Schlechter (Hg.): Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des Analogen. Frankfurt am Main: Klostermann, S. 37–52. (spannend auch seine: Paper machines. About cards & catalogs, 1548-1929. Cambridge, Mass: MIT Press, 2011  (History and foundations of information science)).

[3] Lankes, R. David (2011): The atlas of new librarianship. Cambridge, Mass: MIT Press.

[4] Ibekwe-SanJuan, Fidelia; Dousa, Thomas M. (Hg.) (2014): Theories of Information, Communication and Knowledge. A Multidisciplinary Approach. Dordrecht: Springer Netherlands (Studies in History and Philosophy of Science, 34).

[5] Furner, Jonathan (2015): Information Science is Neither. In: Library Trends 63 (3), S. 362-377; Buckland, Michael (2017): Information and Society. Cumberland: MIT Press (The MIT Press Essential Knowledge Series).

Podiumsdiskussion zum Berufsbild

In einem Seminar unseres Honorarprofessors Dr. Andreas Degkwitz wurde im letzten Semester intensiv über die Zukunft des Berufsstandes der BibliothekarInnen gesprochen. Zu Beginn des Wintersemesters entstand daraus eine öffentliche Podiumsdiskussion, deren Aufzeichnung jetzt vorliegt. Herzlichen Dank dafür. Der aktuelle Abschlussjahrgang – einer unserer letzten, die noch „B.A. Bibliotheksmanagement“ auf dem Zeugnis werden stehen haben – hat hier mutig eine dringend notwendige Debatte angestoßen. [schade nur, dass im Video teilweise unvermittelte Lücken auftauchen: „Zensur“?]

Eine interessant zusammen gesetzte Runde aus wissenschaftlichen Bibliotheken und Stadtbibliotheken diskutierte am 17. Oktober 2017 in der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam (auch mit dem Publikum) über die empfundenen Imageprobleme der Institution und des Berufsstandes. Warum werden Bibliotheken immer mit „Büchern“ verbunden und sollte man nicht den Namen ändern? Was haben die Verbände falsch gemacht? Sollte man nicht doch lieber nur Informatiker ausbilden? Gibt es in fünf Jahren noch Bibliotheken?

Drängende Fragen, die an die Podiumsteilnehmer gestellt wurden. Eine richtige Antwort blieb die Diskussion jedoch schuldig. Allerdings, abgesehen von der Tatsache, dass „biblio“ nicht „Buch“ bedeutet, wurde interessanterweise von den Diskutanden darauf hingewiesen, dass man sich doch mal wieder mit der Geschichte der Bibliothek auseinander setzen sollte, um sie zu verstehen. Ich würde hinzufügen: vielleicht gerade auch mit der jüngsten Geschichte von Bibliotheken in anderen Ländern.

Das könnte Aussagen relativieren, wie: „Es wird zuviel Geld für Bibliotheken ausgegeben. … der Beruf ist sowieso überholt.“ Das paritätisch besetzte Panel machte auf jeden Fall deutlich: wissenschaftliche Bibliotheken werden ein Ressourcenproblem bekommen und starke Personalreduktionen, während Stadtbibliotheken im Aufwind sind (und das sogar in Berlin und Brandenburg). So dass die Entscheidung der FH Potsdam, sich auf wissenschaftliche Bibliotheken zu konzentrieren, in einem neuen Licht steht.

Andererseits kam aus dem Publikum das deutliche Statement, dass Bibliotheken viel mehr sind als sie scheinen. Dem Vorwurf, sie müssten sich ändern oder zumindest anders darstellen, wurde begegnet, dass gerade dieser Berufsstand sich im stetigen Wandel befindet, weil er immer auf die gesellschaftliche bzw. wissenschaftliche Entwicklung reagiert.

Leider konnte ich nicht persönlich an der Veranstaltung teilnehmen, aber beim Anschauen des Videos habe ich öfter mal auf das Datum geschaut, fühlte ich mich doch einige Jahre, fast Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückversetzt. Hat sich die Diskussion wirklich nicht geändert? Reden wir wirklich immer noch über „access vs ownership„? Wo ist denn eigentlich der Wissensstand der letzten Jahrzehnte? Man sprach auch immer noch über die Notwendigkeit der Kundenorientierung (!) oder die Kenntnis von Produktentwicklung (vulgo „Marketing“, obwohl das Fach in Potsdam gerade abgeschafft wurde). Hat sich gar nichts geändert? Wirklich eine äusserst paradoxe und deprimierende Veranstaltung zum Stand der Bibliothekswissenschaft.

An einzelnen Stellen wurde auf die dänischen Modelle, das New Librarianship von David Lankes oder auch die alten Kaufhausbibliotheken der Niederlande verweisen. Es gibt offensichtlich schon länger viele positive Ansätze. Man sollte sie nur wohlwollend zur Kenntnis nehmen und nicht sagen „not invented here„.

smart city – smart country

Podiumsdiskussion im BMEL am 20.Juli 2017 (Photo G. Swarat)

Gestern (20. Juli 2017) war ich auf einer Veranstaltung im Bundeslandwirtschaftsministerium zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Angesichts meiner Publikation von Expect More hatte ich das Vergnügen auf die Bedeutung von kommunalen Bibliotheken als Inkubatoren der Digitalisierung hinzuweisen. Das Thema der Veranstaltung war:

Vernetzt, digital, mobil – Ländliche Regionen im Wandel

Es handelte sich um eine gemeinsame Konferenz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des Bundesverbands Deutsche Startups. Also eine interessante Mischung an Teilnehmern.

Mein Beitrag sollte sein:

Die Digitalisierung hat bewirkt, dass sich Bibliotheken auf ihre ursprünglichen Funktionen als Bildungseinrichtung und Lernort zurückbesinnen und nicht mehr nur Bücher, Musik und Filme verleihen. Im Urbanen, aber besonders auch in kleinen Gemeinden sind sie der besondere offene Ort geworden, der vielen gesellschaftlichen Gruppen erlaubt, Digitalisierung „auszuprobieren“ und die neuen notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. Vielfach sind sie der einzige Ort geblieben, der gemeinschaftliche Aktivitäten informeller Art ermöglicht, der einzige „Dritte Ort“ der Zivilgesellschaft. Bibliotheken helfen bei den ersten Schritten in die Digitalität und unterstützen gerade Bevölkerungsgruppen, die sich die teueren digitalen Dienste nicht leisten können. Besonders erfolgreiche Beispiele für die neue Rolle von Stadtbibliotheken kommen häufig aus PISA Ländern Skandinaviens, aber auch in der Fläche in Deutschland sind die kleinen Bibliotheken gut vorbereitet, den Sprung ins Digitale zu machen und alle dahin mitzunehmen.

Die Diskussion auch mit dem Publikum machte jedoch mal wieder deutlich, wie weit entfernt wir in Deutschland tatsächlich von dieser Situation sind. Mich erinnert dies vor allem auch an unsere Tagung „Stadt der Ströme“ vor ziemlich genau fünf Jahren, auf der wir noch über „Smart Cities“ gesprochen haben. Der berühmte Architekt der Seattle Public Library Rem Koolhaas sagte allerdings einmal (sinngemäß): „Was interessiert mich die Stadt – viel interessanter ist doch das was übrig bleibt, wenn alle urban werden.“

Ich empfehle deshalb im Nachgang zu der gestrigen Tagung, noch einmal mein Interview im Vorfeld unserer Stadt der Ströme-Tagung (z.B. ab Minute 10′):

Stadt der Ströme // Hans-Christoph Hobohm from user11997307 on Vimeo.

Dem ist mittlerweile kaum etwas hinzuzufügen, außer dass im Ausland noch viele weitere Beispiele zu finden sind, die meine Aussagen bestätigen (Aarhus, Oslo …)

„New Librarianship“ in Deutschland angekommen!?

In der aktuellen Ausgabe von „BuB. Forum Bibliothek und Information“ 69 -07/2017 (S.400-403) beschreibt David Lankes sein Konzept des New Librarianship in einer sehr prägnanten und überzeugenden Form. Es erspart dem interessierten Leser zwar sicher nicht, seinen „Atlas of New Librarianship“ (MIT 2011) durchzuarbeiten um die Stringenz und innere Begründung seines Ansatzes wirklich zu verstehen. Aber es ist ein wunderbarer Einstieg in die neue Definition bibliothekarischer Arbeit. Anders als in seinem Buch „Expect more“ („Erwarten Sie mehr. Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt“ deutsche Übersetzung herausgegeben von mir, vgl. meinen Blogpost vom Januar diesen Jahres) richtet sich der Artikel an die Bibliothekare selber (und nicht an die Unterhaltsträger).

Er räumt hier deutlich mit der Vorstellung auf, information professionals seien nur für Dokumente (Artefakte) zuständig. Er definiert die Berufsgruppe – wie man jede andere definieren kann – mittels „Auftrag, Vorgehensweise und Werten“ und kommt zu der Überzeugung, dass

Der Auftrag des Bibliothekars besteht darin, die Gemeinschaft zu verbessern, indem er die Wissensbildung in der Gemeinschaft erleichtert. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, dass der Bibliothekar sich bemüht, die Gemeinschaft dabei zu unterstützen, klügere Entscheidungen zu treffen. (S.401)

Das Vorgehen des Bibliothekars dabei ist die Ermöglichung des Zugangs zu Ressourcen und „Dialogen“ (sic), die Erweiterung des Wissens durch Dialog und durch die Sicherstellung von Umfeld und Lernmotivation. Interessant sind vor allem die Antworten auf die im Artikel eingangs gestellten aktuellen Fragen:

  • auf die immer wieder gestellte Frage, ob Bibliothekare programmieren müssen erhalten wir die Antwort: nein, aber wir müssen Technologiepolitik verstehen.
  • Sind Bibliothekare neutrale Multiplikatoren von Wissen und können wir angesichts von Fake News objektiv bleiben? Ebenso ein klares „nein“, denn „unser Ziel ist es, das Leben der Menschen zu verbessern“ und auf die Frage, welche Rolle Bibliothekare angesichts drängender gesellschaftlicher Probleme einnehmen sollen, antwortet Lankes:
  • die Funktion des Bibliothekars [ist es], die divergierenden Ansichten der Gemeinschaftsmitglieder zu den kon-troversen Themen, mit denen diese sich konfrontiert sehen, miteinander in Einklang zu bringen und so eine gemeinschaftliche Grundlage für gegenseitiges Verständnis zu schaffen. (S.403)

Im gleichen Tenor sein überaus positives Fazit:

Das Ziel des Bibliothekswesens bestand nie darin, sämtliche Dokumente und Informationen der Welt anzuhäufen, sondern zu erkennen, was benötigt wird, um die Bedürfnisse einer Gemeinschaft zu befriedigen. Heute, angesichts des exponentiellen Anwachsens von Datenspeichern, einer unvorstellbaren Diversifizierung von Medien und, offen gesagt, eines sich auflösenden sozialen Gefüges, werden Bibliothekare mehr denn je benötigt. S.403)

Leider geht der Aufsatz in einer Reihe ähnlicher Texte zur „Identität der Bibliothek“ (so der Heftschwerpunkt) etwas unter und verliert seine Wirkung. Ärgerlich an dem Text ist allerdings, dass es keinen Hinweis gibt auf die Originalfassung (ein Vortrag auf einer norwegischen Konferenz), keinen Hinweis gibt auf das jüngst auf deutsch erschienene Buch (s.o.) und dass die Übersetzung nicht von ausgeprägtem Fachverstand geprägt ist (living libraries werden mit „menschliche Bibliotheken“ übersetzt und „Frenddatenübernahme“ bleibt „copy-Katalogisierung“. Auch über die Übertragung von facilitating knowledge creation kann man sich streiten, so wie wir es in einem aufwändigen Prozess bei der Herausgabe von Erwarten Sie mehr getan haben. Es ist sicher nicht einfach, einen Fachtext zu übersetzen und Übersetzer wissen, dass es nicht auf die Sprach-, sondern auf die Fachkenntnis ankommt. Erdmute Lapp, Willi Bredemeier und ich hatten zusammen mit der Verlegerin gehofft, den deutschen Standard zu setzen für das komplexe Terminologie-Universum des „New Librarianship“. Der fehlende Hinweis auf die Quelle des Textes und auf das deutsche Buch ist mit Sicherheit nicht dem Autor anzulasten, sondern passt leider in das schwierige Selbstverständnis unserer Community. (Ich frage mich, ob wir so wirklich die Welt retten können.)

Vielleicht ist also das kleine Buch von Lankes doch nicht nur an die Unterhaltsträger gerichtet. Vielleicht sollte es doch neben einer Einführung zum wissenschaftlichen Arbeiten und der DFG Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis auf dem Nacht-Tisch eines jeden Bibliothekars liegen. Der Atlas wäre wohl zu schwerer Tobak.

Der besprochene Artikel:

Lankes, R. David (2017): New Librarianship. Warum wir eine Wissensperspektive brauchen. In: BuB. Forum Bibliothek und Information 69 (7), S. 400–403.

Das nicht erwähnte Buch:

Lankes, R. David (2017): Erwarten Sie mehr. Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt. Hrsg. und mit einem Vorwort von Hans-Christoph Hobohm. Unter Mitarbeit von Erdmute Lapp und Willi Bredemeier. Übers. von „Expect more“ 2. Aufl. 2016. Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen (Reihe Bibliotheksforschung).