Category Archives: Diskussion

Verweis auf Diskussionen oder Debatten im Netz

Next Library Science (Themenschwerpunkt in BFP)

Für das soeben erschienene Heft 42 (2018) Nr. 2 der Zeitschrift „BIBLIOTHEK. Forschung und Praxis“ hatte ich die Gelegenheit, einen Themenschwerpunkt zum Stellenwert einer erneuerten Bibliothekswissenschaft herauszugeben unter dem Motto „Next Library Science“ (leider im Heft falsch abgedruckt) (ab Seite 333).

Ausgangspunkt war selbstredend David Lankes „New Librarianship“. Allerdings stellte sich auch in Vorbereitung der Next Library Conference hier in Berlin heraus, dass es viele ähnliche „moderne“ Ansätze einer Bibliothekswissenschaft gibt, die wenig oder nichts voneinander wissen. Bis auf Markus Krajewski und Thomas Stäcker konnten alle eingeladenen Autoren zum gewünschten (recht knappen) Redaktionsschluss liefern, so dass ich finde, dass ein interessanter Themenschwerpunkt entstanden ist. Besonders spannend wird es, wenn man wie ich als Herausgeber alle Artikel parallel liest. Die jeweils einzelnen Positionen sind sicher unabhängig voneinander bekannt, aber wenn man die Argumente und Formulierungen des einen Textes unter anderer Prämisse im nächsten Text fast identisch wiederfindet, so ergibt sich ein gänzlich neues Bild einer Bibliothekswissenschaft.

Zunächst stand die Frage im Raum, ob es einer Erneuerung der Bibliothekswissenschaft bedarf. Die Autoren greifen die Frage im Titel ihrer Artikel auf – beantworten sie jedoch stets mit „ja“ und geben meist auch sehr konkrete Hinweise auf curriculare Notwendigkeiten, die sich in den letzten Jahren für die Ausbildung für Bibliotheken ergeben haben.  Nicht englischsprachige Texte wurden speziell für diese Ausgabe übersetzt.

Ich möchte den beteiligten Autoren und Übersetzern an dieser Stelle nochmals herzlich für die Mitarbeit danken.

Die noch unlektorierten Preprints sind frei zugänglich auf dem edoc-Server der HU. (Ich empfehle allerdings bei einer Weiterverwendung dringend die eigentliche Ausgabe der Zeitschrift zu verwenden. In den unlektorierten Preprint-Versionen sind einzelne Fehler noch nicht bereinigt.)

Hans-Christoph Hobohm (Potsdam): Warum brauchen wir eine (neue) Bibliothekswissenschaft? Editorial, In: BIBLIOTHEK 42 (2018) Nr. 2, S. 333–337.

Zusammenfassung: Die Medienschwelle, an der wir uns befinden, stellt viele Institutionen infrage. Nicht aber die Bibliothek, wie viele äußerst erfolgreiche neue Bibliotheksprojekte (ÖB und WB) belegen. Der Themenschwerpunkt lässt (auch anlässlich der Next Library Conference in Berlin im September 2018) unterschiedliche Wissenschaftler zu Wort kommen, die dafür plädieren, sich auch wissenschaftlich mit dem Phänomen Bibliothek (wieder) zu befassen, um besser zu verstehen, wie ihre Potentiale den digitalen Wandel positiv begleiten können.

Schlüsselwörter: Bibliothekswissenschaft; Erneuerung; Dataismus; Wissen; soziale Erkenntnistheorie Continue reading

Erwarten Sie mehr … auch von Universitätsbibliotheken – Inspired by Lankes

Erwarten Sie mehr!
Aktuelle Trends in Universitätsbibliotheken

Gastbeitrag von Dr. Erdmute Lapp, Universitätsbibliothek Bochum *)

Die Direktorin der Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität Bochum, Dr. Erdmute Lapp.

Dr. Erdmute Lapp

 

Der Titel „Erwarten Sie mehr!“ spielt auf das gleichnamige Buch des Kollegen David Lankes an, das ich zusammen mit dem Journalisten Willi Bredemeier aus dem Amerikanischen übersetzt habe und das die Zeitschrift für Information Professionals, Open Password, zur Publikation des Jahres 2017 gewählt hat.

 

 

0. Einführung: Die klassischen Bibliotheksdienste im digitalen Wandel (Informationsversorgung, Recherche, Benutzung)

Nach wie vor besteht eine zentrale Aufgabe von Universitätsbibliotheken in der Versorgung mit Informationen für Forschung, Lehre und Studium. In der digitalen Welt verändert sich aber die Art, wie diese Informationsversorgung erfolgt. Früher waren die Fachreferenten der UB hauptsächlich mit dem Bucherwerb beschäftigt, heute bestellen wir über Warenkorbsysteme direkt, die Vorakzession gibt es nicht mehr, und die Fachreferenten verwenden Zeit für die Kommunikation mit den Wissenschaftlern. Die Benutzer wollen lange Öffnungszeiten der Bibliothek und möglichst viel Selbstbedienung. Mittlerweile haben die meisten Bibliotheken die RFID-Technologie eingeführt, die ermöglicht, dass die Bücher bei der Rückgabe nach der Ausleihe automatisch sortiert werden. (In der UB Bochum ist das Sortierkriterium die Etage, auf die sie zurückgeräumt werden müssen.)

Elektronische Informationen machen einen immer größeren Teil unserer Erwerbungen aus. Wir stellen immer mehr Datenbanken bereit. (Bibliographische Werkzeuge wie z.B. der SCI in gedruckter Form waren ohnehin nicht attraktiv.) Wir haben mittlerweile fast die gesamte Zeitschriftenversorgung auf e-only umgestellt. Zuletzt haben auch e-books geschafft, eine hohe Akzeptanz bei den Benutzern zu erreichen. Dabei hat sich schnell gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, die elektronischen Quellen einfach hinzustellen. Vielmehr müssen sie von einer Reihe von Dienstleistungen begleitet werden. Zunächst ist das die Vermittlung von Informationskompetenz. Und hier haben wir schnell verstanden, dass wir eine Chance erhalten haben, die zuvor nicht bestand, nämlich den Entstehungsprozess neuen Wissens zu begleiten und zu unterstützen. Natürlich haben Wissenschaftler ihre Forschungsfragen auch in früheren Zeiten mit Bibliothekaren und auch mit Buchhändlern diskutiert, aber die Möglichkeit, die Literatursuche unterstützend zu begleiten und die Kollaboration der Wissenschaftler untereinander zu fördern, ist in der digitalen Welt von einer neuen Qualität. Die Leichtigkeit, mit der man im Internet Informationen findet, hat Druck auf uns ausgeübt, die Suche einfacher zu machen statt von den Studierenden und Forschern zu verlangen, dass sie sich mit unseren Informationsrecherche- und Informationsbeschaffungswegen befassen.

Wir stellen Discovery-Systeme zu Verfügung, die ermöglichen, dass gedruckte und elektronische Ressourcen sowie Bücher und Zeitschriftenartikel gleichzeitig durchsucht werden. (Vor der Zeit der Discovery-Systeme konnten Zeitschriftenartikel nur über den Titel der Zeitschrift in unseren Katalogen gefunden werden und den Benutzern war schwer zu vermitteln, dass sie Zeitschriftenaufsätze nicht ebenso wie Buchtitel suchen konnten.) Außerdem werden nicht nur unsere eigenen Bestände durchsucht. Vielmehr wird die Bibliothek auf der Basis umfassender Indizes, die durchsucht werden, zum Gateway zu dem gesamten Wissen der Fachcommunity. Wir bieten linkauflösende Software an, mit deren Hilfe man direkt aus der Suche auf den Katalogeintrag eines gedruckten Buches oder auf den elektronischen Volltext springen kann, wenn er zur Verfügung steht. Die Recherchewelt hat sich grundlegend verändert und ihr Potential noch längst nicht ausgeschöpft. Zunehmend wird nicht nur nach bibliographischen Angaben/Volltexten gesucht, sondern auch nach Forschungsdaten, Bildern, Filmen, Sourcecodes und anderen Quellen. Je weiter die digitale Welt sich entwickelt, desto mehr steigen die Erwartungen, dass der Informationszugriff aus den Umgebungen und von den Endgeräten und in dem Workflow möglich ist, an die die Benutzer gewöhnt sind.

Wir arbeiten an Herausforderungen, die in viel höherem Maße den ständigen Aufbau neuer Dienstleistungen und ihre Verbesserung, die Zusammenarbeit mit neuen Partnern, den Aufbau neuer Infrastrukturen sowie das Denken und die Zusammenarbeit in Netzwerken, außerdem Internationalität und fachliche Fortbildung erfordern, als es lange Zeit in unserer Branche der Fall war. Wir denken und agieren anders als die Generation vor uns.

Voraussetzung dafür, dass Universitätsbibliotheken auch in der digitalen Welt erfolgreich sind, ist, dass wir eine ausreichende Personal- und Sachmittelausstattung erhalten. Dafür zu kämpfen, war und ist nicht immer einfach, weil das alte Paradigma in den Köpfen der Bibliothekare und ihrer Stakeholder noch nicht völlig vergangen ist. (Die digitale Welt erfordert einen ganz anderen Typ Bibliothekar. Allerdings ist eine UB, die nur eine große Bücherkiste ist und nicht Mittel für vielfältige Aufgaben fordert, bequemer als eine, die ständig neue Anträge stellt.)

Nun zu einigen weiteren Bereichen, in denen moderne Universitätsbibliotheken aktiv sind.

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Dataismus und „Das Digital“


Als mittlerweile begeisterter Nutzer der Onleihe der Bibliotheken hatte ich vor einiger Zeit ein Buch vorgemerkt, das schon lange auf den Bestsellerlisten steht und mir von einem Freund empfohlen worden war [1]. Die Vormerkzeit für das eBook war bis September 2018, so dass ich einfach auch das Hörbuch dazu vorgemerkt hatte. Sehr zum Unglück meines Wochenendes: es galt dann ganz plötzlich 15 Stunden eine spannenden Zukunftsgeschichte zu hören. Und ich konnte nicht aufhören, auch zum Leidwesen meiner Frau. Ich empfehle es aber jedem – vielleicht sogar eher als das Lesen des Buches selber.

Für mich war es der Ansatz für Erklärungen, die ich schon länger gesucht habe: was ist eigentlich los mit unserer Welt? Und: bin ich der einzige, der die aktuelle Entwicklung weg vom Menschen (z.B. in der DIKW Hierarchie [2]) so bedenklich findet? Yuval Harari ist ein Historiker der très longue durée. Schon in seinem ersten Bestseller („Homo Sapiens“ [3]) überraschte er damit, die Geschichte der Menschheit über den Zeitraum von 70.000 Jahren zu erzählen. In diesem wartet er (sehr verkürzt) mit der ausführlich belegten These auf, dass die Ära des Homo Sapiens zu Ende geht. Auf fast 600 Seiten beschreibt er eine neue Form der prinzipielle Weltorientierung, die in frühen Zeiten theologisch-magisch war, seit der Renaissance „humanistisch“, d.h. mit dem Menschen als Mittelpunkt und nun zunehmend Maschinen orientiert. Er stellt so den „Humanismus“ einer neuen Weltsicht, dem Dataismus gegenüber. Das erinnert stark an Floridis vierte Revolution und seine menschenlose Hyperhistory [4], aber in diesem Buch wird es noch plastischer und mit vielen Bespielen veranschaulicht, wie sehr sich die Technikwelt verselbstständigt und wir uns entscheiden müssen, ob wir diese Reise weitergehen wollen. Wenn künstliche Intelligenz nun schon explizit Mitglied von Unternehmensvorständen ist [5], sollte man sich fragen, welche Rolle für den Menschen von dieser vorgesehen ist. Das besonders beeindruckende aber ist, dass alle genau diesem Paradigma (des Dataismus) hinterherjagen, ohne sich Gedanken zu machen. Harari selbst zieht auch Parallelen zum Klimawandel, dessen Konsequenzen aber noch real erlebbar sind. Im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation, war ich lange so naiv zu glauben, dass alle „irgendwann“ in den Genuss der schönen neuen Welt kommen und sich digitale Technik aneignen und damit erleben, was passiert und was möglich ist. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: die sogenannten „Digital Natives“ halten sich zwar für technikaffin, weisen aber erschreckend geringe Kompetenzen im digitalen Bereich auf [6] – ganz im Sinne des Dunning-Kruger Effekts. Was wir also in wenigen Jahren im Klimawandel noch am eigenen Leib spüren, wird beim Digitalen Wandel unbemerkt an uns vorüber gehen.

Ein anderes Buch [7] – empfohlen durch unsere neue Kollegin am Fachbereich Ellen Euler (@EllenEuler) – gibt zu dieser ja nur „geschichtswissenschaftlichen Spekulation“ von Harari einen interessanten wirtschaftswissenschaftlichen (seriösen) Background. Wenn auch etwas anmaßend im Titel, so beschreiben die anerkannten Wirtschaftswissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger (Oxford Univ.) und Thomas Ramge (brand eins) ebenfalls recht anschaulich, warum wir in einer Datenwelt leben. Ohne Bezug auf Manuel Castells und seinen „Informationalismus“ [8] – er erschien ihnen wohl zu links – beschreiben sie fast das gleiche wie er, nur mit dem Wort „Daten“. Castells spricht noch von Informationen als dem eigentlichen Kapital des Kapitalismus, Mayer-Schönberger und Ramge sprechen oft von Daten, meinen aber die Informationsfunktion im Markt, von der Adam Smith annahm, dass sie der Preis (mit unsichtbarer Hand) vollständig übernehmen würde. In unserem Zeitalter des Datenkapitalismus ist nicht mehr Geld die Währung, sondern es sind die „Daten“, die durch ihre höhere Verfügbarkeit zu besseren Entscheidungen in Märkten aber auch in Unternehmen führen können. Im Digitalen entstehen zwei Optionen: entweder ermöglicht die Reduktion der Informationsasymmetrie im Datenkapitalismus die Erstarkung des Marktes in neuer Form oder die Netzwerk- und Feedbackeffekte der neuen Informationstechnologien führen zu starken Zentralisierungen und Monopolisierungen. Ganz ähnlich dem Digital-Manifest von Grigerenzer und Co. (vgl. meinen Post hier) könnte sich das positiv oder negativ auswirken, wie die Autoren in vielen Beispielen erläutern. Im Grunde aber sind sie begeistert davon, dass das Geld als Informationsmedium abgelöst wurde und wir nun nach neuen Formen der Marktsteuerung suchen können. Dazu machen sie interessante Vorschläge wie die RoboTax oder die progressive Data-Sharing Pflicht, ohne jedoch zu sagen, wie die „schöne neue Welt“ wirklich implementiert werden soll. Im Gegensatz zu Harari enden sie äusserst optimistisch: „Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.“ [9] Sie sagen in ihrer Analyse des „Digitals“ allerdings nicht wirklich, wie (außer mit den genannten ordnungspolitischen Maßnahmen) der nicht mehr geld-, sondern datenbasierte Markt den Sprung zu Erkenntnis, Wissen und vor allem Gemeinschaft erreicht.

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[1] Harari, Yuval Noah (2017): Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. München: C.H.Beck.

[2] Hobohm, Hans-Christoph (2014): DIKW Hierarchie. In: Stefan Gradmann und Konrad Umlauf (Hg.): Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. (LBI). 2 Bände. Stuttgart: Hiersemann, Bd.1, S. 222–223.

[3] Harari, Yuval Noaḥ (2014): Sapiens. A brief history of humankind. New York, NY: Signal Books.

[4] Floridi, Luciano (2014): The 4th revolution. How the infosphere is reshaping human reality. Oxford: University Press.

[5] Harari 2017, S.436

[6] Gross, Melissa & Latham, Don (2009). Undergraduates‘ Perceptions of Information Literacy: Defining, Attaining and Self-Assessing Skills. In: College & Research Libraries, 70 (4), 336-350

[7] Mayer-Schönberger, Viktor; Ramge, Thomas (2017): Das Digital. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Berlin: Econ.

[8] Castells, Manuel (2001): Das Informationszeitalter. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Opladen: Leske + Budrich/Campus (3 Bde.).

[9] a.a.O. S. 227

Nikolaus Wegmanns ‚Bücherlabyrinthe‘ immer noch aktuell

Cover Wegmann 2000In seiner Antrittsvorlesung als nebenberuflicher Professor unseres Fachbereichs wies Prof. Dr. Thomas Stäcker (Vortrag 22.11.17 mit dem schönen Titel: „Die Bibliothek als Schnittstelle – Überlegungen zur Funktion von Bibliotheken im digitalen Zeitalter„) an mehreren Stellen auf Nikolaus Wegmanns Bücherlabyrinthe [1].

Neben den Kopenhagener Papieren wie dem Four-Spaces/Three Functions model, das die Basis bildete für DOKK1 in Aarhus, dem New Librarianship von David Lankes, der französischen Analyse zum Digitalen Dokument mit der Gruppe Roger T. Pédauque, dem neuen Blick auf den Katalog durch Markus Krajewski gehört dieses Buch für mich immer noch zum Kanon der deutschen LIS (Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Thomas Stäcker, der lange Jahre in Wolfenbüttel im wahren Sinne des Wortes im dortigen Bücherlabyrinth gearbeitet hat und seit kurzem die Universitätsbibliothek der TU Darmstadt (mit seiner restlichen 75%-Stelle) leitet, erwähnte und zitierte Wegmann und Pédauque recht zentral. Lankes, Four Spaces und Krajewski kamen jedoch (noch) nicht vor.

Interessant ist aber vor allem, dass hier versucht wurde, eine Verbindung zu schaffen zwischen dem eher medienwissenschaftlichen Ansatz zur Erklärung des Dokuments im Digitalen Zeitalter (Pédauque und Wegmann) mit aktuellen Entwicklungen der Bibliotheksinformatik. Passend war ja auch, dass der Semantic Layer Cake von Tim Berners-Lee in die Argumentation eingebracht wurde, wo wir im Masterkolloquium in der Sitzung davor beim Thema Blockchain (Vortrag von Lambert Heller) ebenfalls über „Vertrauen“ in der Digitalen Transformation diskutiert haben. Unser Masterstudiengangs Informationswissenschaften hatte ja zudem das Thema „Schnittstelle/Interface“ und „Transfer/Vermittlung“ selbst schon als gemeinsamen Ausgangspunkt auf der ersten Klausurtagung des Fachbereichs im Jahre 2009 gewählt. Bemerkenswert an der Reise des Masterstudiengangs bis zur Re-Akkreditierung in diesem Jahr ist allerdings vor allem, dass wir zunehmend betonen, dass beim Konzept Information „genauer hingeschaut“ werden muss. Im Übrigen haben wir auf unser Modul zu Semantic Web verzichtet, nicht nur weil es in der Praxis (noch?) keine Rolle gespielt hat, sondern, weil hier offensichtlich eine eher konzeptionelle Sackgasse vorliegt. Der Keynote Vortrag von Manfred Thaller auf dem letzten Masterday wies ja ebenfalls darauf hin und gab weitere Unterstützung und Anregung dafür, dass die LIS („Library and Information Sciences“) „have to digg deeper“ …. und das von einer eigentlich unverdächtigen Autorität der Digital Humanities, in deren Richtung der Fachbereich nun gerne gehen möchte (vgl. dazu hier im Blog).

Vieles fügt sich für mich zusammen: so wie Pédauque und Jean Michel Salaün den digitalen Wandel der Institutionen über die Funktionen des Dokuments neu deklinieren (und die Bibliothek als Ort der Lesbarmachung des Textes definieren), die Kopenhagener um Henrik Jochumsen dies über den dritten Ort und partizipativen Raum der Bibliothek in der Community machen, so schaut Markus Krajewski [2] besonders genau auf die Schnittstelle in ihrem Wandel und weist auf verlorene Funktionen dieser Urinstitution. Insbesondere bei David Lankes ist dann die Schnittstelle der Kommunikation mit der Kybernetik Gordon Pasks die Fundierung für eine neue Sicht auf Bibliotheken als Katalysatoren des Wissens in den Communities [3]. Auch die noch offene Diskussion über die Grundlagen der Informationswissenschaft im engeren Sinn, zeigt für mich in die gleiche Richtung [4], wenn z.B. Jonathan Furner, aber auch Michael Buckland darauf insistieren, dass LIS eher eine kulturwissenschaftliche als eine technologische Basis haben (sollten) [5].

In dieser Reihe sehe ich schon immer Nikolaus Wegmanns Buch als einen Ausgangspunkt. In der Lehre nutzen wir ja auch immer wieder einzelne Kapitel als Einstiegslektüre z.B. zum Thema „Informationsbewertung“ oder zu Fragen der Intertextualität bei Lektüre und Retrieval. Seine Herangehensweise bringt die Diskussion ähnlich wie die Krajewskis oder in anderem Kontext: die Gedächtniskonzeptionen von Aleida und Jan Assmann, immer wieder auf prinzipielle Fragen wie sie bei der Institution Bibliothek, dem wissensvermittelnden und -produzierenden Medium und der Informationssuche immer schon zentral waren. Wie das Kaninchen vor der Schlange der Digitalisierung stehend vergessen wir zuviele solcher Grundlagen. Offensichtlich haben wir aber z.Zt. die Chance einer Rückbesinnung, weil viele aufgrund der Auswirkungen der Digitalen Disruption und ihrer Beschleunigung doch prinzipiellere Fragen stellen. Eine ruhigere und tiefergehende Reflexion der Grundlagen tut Not – nicht nur um das eigene informationstechnische Tun zu verstehen, sondern vielleicht auch um zu erkennen, was das alexandrinische Zeitalter mit uns macht. Wegmann lässt dabei immer wieder (bis jetzt noch:) vertrauenswürdige Autoritäten wie Goethe, Lessing, Herder, Nietzsche, Musil, Derrida oder Gumbrecht zu Wort kommen, die sich schon länger mit Fragen der Informationsflut und des Findens wertvoller Informationen beschäftigt hatten.

Dank an Thomas Stäcker, hieran erinnert zu haben.

[1] Wegmann, Nikolaus (2000): Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter. Köln u.a.: Böhlau.

[2] Krajewski, Markus (2011): Gewandelte Zentralinstanz. Vom Bibliotheksdiener zum OPAC. In: Uwe Jochum und Armin Schlechter (Hg.): Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des Analogen. Frankfurt am Main: Klostermann, S. 37–52. (spannend auch seine: Paper machines. About cards & catalogs, 1548-1929. Cambridge, Mass: MIT Press, 2011  (History and foundations of information science)).

[3] Lankes, R. David (2011): The atlas of new librarianship. Cambridge, Mass: MIT Press.

[4] Ibekwe-SanJuan, Fidelia; Dousa, Thomas M. (Hg.) (2014): Theories of Information, Communication and Knowledge. A Multidisciplinary Approach. Dordrecht: Springer Netherlands (Studies in History and Philosophy of Science, 34).

[5] Furner, Jonathan (2015): Information Science is Neither. In: Library Trends 63 (3), S. 362-377; Buckland, Michael (2017): Information and Society. Cumberland: MIT Press (The MIT Press Essential Knowledge Series).

Podiumsdiskussion zum Berufsbild

In einem Seminar unseres Honorarprofessors Dr. Andreas Degkwitz wurde im letzten Semester intensiv über die Zukunft des Berufsstandes der BibliothekarInnen gesprochen. Zu Beginn des Wintersemesters entstand daraus eine öffentliche Podiumsdiskussion, deren Aufzeichnung jetzt vorliegt. Herzlichen Dank dafür. Der aktuelle Abschlussjahrgang – einer unserer letzten, die noch „B.A. Bibliotheksmanagement“ auf dem Zeugnis werden stehen haben – hat hier mutig eine dringend notwendige Debatte angestoßen. [schade nur, dass im Video teilweise unvermittelte Lücken auftauchen: „Zensur“?]

Eine interessant zusammen gesetzte Runde aus wissenschaftlichen Bibliotheken und Stadtbibliotheken diskutierte am 17. Oktober 2017 in der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam (auch mit dem Publikum) über die empfundenen Imageprobleme der Institution und des Berufsstandes. Warum werden Bibliotheken immer mit „Büchern“ verbunden und sollte man nicht den Namen ändern? Was haben die Verbände falsch gemacht? Sollte man nicht doch lieber nur Informatiker ausbilden? Gibt es in fünf Jahren noch Bibliotheken?

Drängende Fragen, die an die Podiumsteilnehmer gestellt wurden. Eine richtige Antwort blieb die Diskussion jedoch schuldig. Allerdings, abgesehen von der Tatsache, dass „biblio“ nicht „Buch“ bedeutet, wurde interessanterweise von den Diskutanden darauf hingewiesen, dass man sich doch mal wieder mit der Geschichte der Bibliothek auseinander setzen sollte, um sie zu verstehen. Ich würde hinzufügen: vielleicht gerade auch mit der jüngsten Geschichte von Bibliotheken in anderen Ländern.

Das könnte Aussagen relativieren, wie: „Es wird zuviel Geld für Bibliotheken ausgegeben. … der Beruf ist sowieso überholt.“ Das paritätisch besetzte Panel machte auf jeden Fall deutlich: wissenschaftliche Bibliotheken werden ein Ressourcenproblem bekommen und starke Personalreduktionen, während Stadtbibliotheken im Aufwind sind (und das sogar in Berlin und Brandenburg). So dass die Entscheidung der FH Potsdam, sich auf wissenschaftliche Bibliotheken zu konzentrieren, in einem neuen Licht steht.

Andererseits kam aus dem Publikum das deutliche Statement, dass Bibliotheken viel mehr sind als sie scheinen. Dem Vorwurf, sie müssten sich ändern oder zumindest anders darstellen, wurde begegnet, dass gerade dieser Berufsstand sich im stetigen Wandel befindet, weil er immer auf die gesellschaftliche bzw. wissenschaftliche Entwicklung reagiert.

Leider konnte ich nicht persönlich an der Veranstaltung teilnehmen, aber beim Anschauen des Videos habe ich öfter mal auf das Datum geschaut, fühlte ich mich doch einige Jahre, fast Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückversetzt. Hat sich die Diskussion wirklich nicht geändert? Reden wir wirklich immer noch über „access vs ownership„? Wo ist denn eigentlich der Wissensstand der letzten Jahrzehnte? Man sprach auch immer noch über die Notwendigkeit der Kundenorientierung (!) oder die Kenntnis von Produktentwicklung (vulgo „Marketing“, obwohl das Fach in Potsdam gerade abgeschafft wurde). Hat sich gar nichts geändert? Wirklich eine äusserst paradoxe und deprimierende Veranstaltung zum Stand der Bibliothekswissenschaft.

An einzelnen Stellen wurde auf die dänischen Modelle, das New Librarianship von David Lankes oder auch die alten Kaufhausbibliotheken der Niederlande verweisen. Es gibt offensichtlich schon länger viele positive Ansätze. Man sollte sie nur wohlwollend zur Kenntnis nehmen und nicht sagen „not invented here„.