Author Archives: Hans-Christoph Hobohm

About Hans-Christoph Hobohm

Professor für Bibliothekswissenschaft am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam / professor for Library and Information Science at Potsdam University of Applied Sciences since 1995

Erwarten Sie mehr von Bibliotheken!

so der Titel der soeben in deutscher Übersetzung erschienenen zweiten Auflage von David Lankes „Expect more. Demanding Better Libraries for Today’s Complex World„. Syracuse, NY 2016:

Frisch ausgepackt: David Lankes: „Expect More“ auf Deutsch

Lankes, R. David (2017): Erwarten Sie mehr. Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt. Hrsg. und mit einem Vorwort von Hans-Christoph Hobohm. Aus dem Amerikanischen von Erdmute Lapp und Willi Bredemeier. Übers. von „Expect more“ 2. Aufl. 2016. Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen (Reihe Bibliotheksforschung).

978-3-9456-10-32-9, 175. Seiten, – 19,50 €

Ich freue mich, dass wir es geschafft haben, eine dem amerikanischen Original sehr entsprechende deutsche Ausgabe an die Seite stellen zu können. So verbreitet sich die Idee von David Lankes, dass Bibliotheken eher

Die Aufgabe von Bibliothekaren … (die alte Werbepostkarte des Studiengangs Bibliotheksmanagement der FH Potsdam)

der „Verbesserung der Gesellschaft durch die Förderung der Erschaffung von Wissen in der Community“ dienen sollten, als bloße Bücherhorte zu sein.

Schon die Übersetzung des Mantras von David Lankes zeigt, welche Sisyphus-Aufgabe die Übertragung des ganzen Buches ins Deutsche war. Auch der Titel selbst bereitete nicht wenige Schwierigkeiten: lassen wir es bei einer deutsch-bürokratischen Forderung oder übernehmen wir die liberal-amerikanische Haltung einer pro-aktiven Erwartung? Zugegeben: eine regelrechte ‚Lokalisierung‘ in deutsche Verhältnisse ist es nicht geworden. Dazu bleibt zu viel amerikanischer Originalton, der die Gefahr birgt, dass gesagt wird, es sei ja bloß typisch amerikanisch und funktioniere so nicht bei uns. Dennoch hatte ich mich entschieden, eher die korrekte Übersetzung herauszugeben als eine komplett angepasste Übertragung, da die Argumente so auch noch viel authentischer wirken. Zeigt Lankes doch, dass selbst in den USA (und an vielen anderen Orten der Welt)  Bibliotheken in dem von ihm beschriebenen Sinn wirken!

Weitere Erläuterungen, warum gerade dieses Buch so notwendig eine Übersetzung brauchte, gebe ich in meinem Vorwort: Continue reading

Mit der „Werkstatt“ bei Netzpolitik.org

Website des Blogs Netzpolitik

Website des Blogs Netzpolitik

Seit diesem Semester gibt es eine didaktische Neuerung im Curriculum unserer drei Bachelor-Studiengänge: gleich zu Beginn gibt es die Seminarform „Werkstatt“. Hier sind die Erstsemester gefordert, sich einem informationswissenschaftlichen Thema in großen Zügen selbstständig und forschend zu nähern: in meist studiengangübergreifenden Gruppen von ca 15 Personen unterstützt von einem Prof und einem Tutor, aber doch in großen Zügen im Modus des (er)forschenden Lernens.

Das Thema der ersten Werkstatt, die ich z.Zt. anbiete und begleitete ist „Informationsflüsse und Informationsorte für Studierende in der FH und in Potsdam“. Neben einer Befragung von Kommilitonen und einzelnen konkreten Projektideen begibt sich die Werkstatt auch auf Exkursion zu wichtigen Orten, an denen Information fließt. Gestern waren wir bei Markus Beckedahl und Netzpolitik.org – in einem Berliner Hinterhof und in der fünften Etage ohne Aufzug.

Werkstattgruppe vor dem Aufgang zu Netzpolitik.org

Werkstattgruppe vor dem Aufgang zu Netzpolitik.org

Dank unserer Tutorin Anna Lehman war es möglich, einen Gesprächstermin bei dieser ja in den aktuellen Zeiten so beschäftigten Redaktion und sogar mit Markus Beckedahl persönlich zu arrangieren. Die Studierenden hatten eine Reihe von Fragen vorbereitet und ließen auch nicht locker, wenn die Antworten nicht dem entsprachen, was sie sich vorgestellt hatten.

Es wurde jedoch schnell deutlich, wie sehr die Digitalisierung mittlerweile ins Zentrum des Lebens und der Politik gerückt ist. Markus Beckedahl berichtete von den Anfängen seines Blogs und wie sehr mittlerweile aus allem Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Informationen im Redaktionsbüro in der Sonnenallee täglich zusammenfließen: von Whistleblowern über Fernsehteams bis hin zu „Verwirrten“ – alles liefert Informationen und will Informationen und Aktionen von diesem Ort der virtuellen und digitalen Kommunikation. Wichtiges Thema war auch, was jeder einzelne in der Informations- und Datenflut vor allem auch zur eigenen Datenintegrität und zu seinem Schutz tun kann: als Rezept nannte er „Datensparsamkeit“ – und vielleicht mal eher Opensource Tools wie OSM oder Metager statt Google zu nutzen. Continue reading

Diversity

Entwicklung im Diversity Thema

Entwicklung im Diversity Thema

Als ich vor ca. 10 Jahren die Diplomarbeit von Wolfgang Kaiser betreute, war das Thema Diversity Management noch ziemlich in seinen Kinderschuhen. Einzelne andere Diplomarbeiten hatten teilweise aus Betroffenenperspektive schon untersucht, wie Migranten oder andere Minoritäten in Bibliotheken „behandelt“ wurden (nämlich nicht gut), aber eine konzeptuelle Managementlösung des Problems war bisher noch kaum angegangen worden. Lediglich unter dem Begriff der multikulturellen Bibliotheksarbeit war seit 2005 in Stuttgart von Katrin Sauermann über ein ähnliches Thema gearbeitet worden. 2016 erscheint nun der Sammelband von Kristin Futterlieb und Judith Probtsmeyer, der damit sogar beide Stränge verbindet: „Diversity Management und interkulturelle Arbeit in Bibliotheken“ (de Gruyter). Das Buch konstatiert mit einer gewissen Befriedigung, dass das Thema nun in deutschen Bibliotheken angekommen ist. Interessanterweise wird der Band eröffnet mit drei Potsdamer (bzw. ehemaligen) Beiträgen: einem Vorwort von mir (iv-xi, s.u.), einem Beitrag von Leyla Dewitz: „Diversitätsansätze und bibliothekarische Arbeit“ 15-24) sowie einem Text von Wolfgang Kaiser: „Perspektiven zum Erhalt der Zukunftsfähigkeit von Bibliotheken durch Diversity Mainstreaming“ (25-42). Die weitere Palette der Beiträge gibt einen guten breitgefächerten Überblick über die aktuellen Ansätze und Praktiken zu sozialer, demographischer, kultureller oder sexueller Diversität in Bibliotheken wie auch zum Thema Inklusion.

Für mich war der Sammelband Anlass für einen Beitrag aus theoretischer Perspektive: warum es eine zwingende Grundlegung für Bibliotheken ist, divers zu sein. Hier mein Beitrag in voller Länge, da ich denke, dass angesichts der aktuellen politischen Lage nicht oft genug auf die Rolle der Bibliotheken in der demokratischen Gesellschaft hinzuweisen ist:

Bibliothek und Diversität. Eine theoretische Annäherung:

Im Personalmanagement ist Diversität (diversity management) seit einiger Zeit eingeführt und in manchen Verwaltungen bereits allgemeine Vorgabe. Zumindest haben wir hoffentlich wegen des sog. demographischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels gelernt, dass intergenerationelle Diversität notwendig ist zur Kompetenzerhaltung der Organisation. Im Nutzerkontakt und allgemeinen Bestandsaufbau ist es ebenfalls Standard, dass interkulturelle Aspekte – und sei es nur durch Sprachkompetenz der Mitarbeiter – berücksichtigt werden. Kundenorientierung und strategisches Marketing gebieten ein passgenaues Eingehen auf die Bedürfnisse der Zielgruppe, und da Bibliotheken Kultur-, Bildungs-, und Informations- also sprachbasierte Dienstleistungen anbieten, sind also entsprechend der intendierten Zielgruppe auch „diverse“ Kompetenzen auf der Seite der Bibliothek erforderlich. Der überwiegend weibliche bibliothekarische Berufsstand kann sich hier ggf. an der Pädagogik orientieren, die ebenfalls nicht müde wird, männliche Erzieher für die Jungen zu fordern.  Continue reading

Interview zur digitalen Lage (10. IT Gipfel, diverse „Strategiepapiere“, Wahlen etc.)

UdL DigitalPassend zur aktuellen Diskussion um die Auswirkungen der Digitalen Transformation auf die urban/rural-Spaltung habe ich ein längeres Interview gegeben für „Unter den Linden Digital„, das Digital Public Affairs Blog der Telefonica Deutschland.

Das Interview fand vor den US-Wahlen statt. Sonst hätte ich wahrscheinlich viel drastischer formuliert. Konkreter Anlass war der 10. Nationale IT Gipfel, der in den nächsten Tagen in Saarbrücken stattfindet sowie die Initiative der Bundesbildungsministerin Prof. Wanka zu einem „DigitalPakt#D“. Ein weiterer Anknüpfungspunkt, der sich leider auch erst nach dem Interview ergab ist die Digital-Strategie des Landes Brandenburg, die gestern im Brandenburgischen Landtag verabschiedet wurde. Zu der ich ähnlich wie in dem Interview Stellung nehmen würde.

Der Landtag stellt fest: Die Digitalisierung verändert unsere ganze Gesellschaft ….

Hier die ursprüngliche Fassung des Interviews (im Prinzip LOCKSS). Besser gestaltet und weiter bearbeitet ist jedoch die veröffentlichte Fassung.

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ALMPUB – demokratischer Diskursraum und Kultureinrichtungen

Ragnar Audunson starting the project ALMPUB

Ragnar Audunson starting the project ALMPUB

Ändert die Digitalisierung die Rolle von Bibliotheken, Archiven und Museen als Garant für einen offenen und aufgeklärten Diskurs? Wie können diese Kulturinstitutionen mit ihren Ressourcen und ihren Nutzer beitragen zu einer engagierten und informierten Zivilgesellschaft? Bieten diese Institutionen im europaweiten Vergleich die Foren und Arenen, die eine aufgeklärte politische Öffentlichkeit in Zeiten des dramatischen Gesellschaftlichen Wandels benötigt? Wie sieht die Politik und die öffentliche Meinung ihre aktuelle Rolle?

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