Author Archives: Hans-Christoph Hobohm

About Hans-Christoph Hobohm

Professor für Bibliothekswissenschaft am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam / professor for Library and Information Science at Potsdam University of Applied Sciences since 1995

German Edition of David Lankes Expect More= „book of the year 2017“

PASSWORD-Online, the national online magazine of the information world has chosen the German Edition of David Lankes Expect More as the „book of the year 2017„. It seems to me that this is the second time that a book from David Lankes has been awarded this mention after his Atlas in 2012 by the ALA.

Password is a long standing newsletter for information professionals in Germany covering all aspects of what was formerly called the online world (therefore its name). In the review arguing for the award, Ilona Munque says that his call for the community is something that will nobody keep in rest.

Congratulations David! And: see you in September in Berlin for the Next Library Conference.

 

 

Schließung von Fake Accounts

Angesichts der zunehmend deutlich formulierten Technophobie meiner Studierenden habe ich mich dazu entschlossen, eine Reihe von spezialisierten Accounts (Seiten, Kanäle) bei Facebook, Twitter und Google+ unter anderen für den Studiengang Informationswissenschaften, diverse Tagungen und Institutionen (z.B. Landesfachstelle) zu schließen.

Seit 2006 bin ich aktiv in den Social Media und war gefühlt einer der ersten deutschen Nutzer von Facebook als man noch nachweisen musste Mitglied einer registrierten Hochschule zu sein. Damit ich reinkam, habe ich einfach die FH Potsdam als solche „registriert“. Anfangs war es ausprobieren des Neuen, damals noch „social software“ genannt. Ein paar Weiterbildungsseminare zur Neuen Welt folgten und die ständige Beobachtung, wie sich denn die „alte Welt“ dazu verhält. Ich war so naiv zu glauben, dass irgendwie bald alle online sein werden und meine Studierenden (Informationswissenschaftler) zumindest mal das Web2.0 ausprobieren würden. Ich versuchte stets, soweit es zeitlich ging, verschiedene Kanäle mit sinnvollen Informationen und Anregungen für das Studium zu füttern, in der Hoffnung, dass es bald zu einem gemeinsamen Austausch oder gar einer eigenen „Blase“ kommen würde. Es ist beinahe das Gegenteil der Fall. Auch das Folgen der Karawane auf Tumblr, Pinterest oder Instagram etc. verbesserte nichts. Aus der immer schon verbreiteten Datenschutzangst habe ich z.B. nie die Funktionalitäten von Edublogs (gemeinsame studentische Blogs anzubieten) genutzt, und selbst im geschlossenen System Moodle wurden ähnlich Aktivitäten nicht akzeptiert. (Schon 2012 habe ich mal dazu gepostet.)

Wie Web1.0 nutzte ich aber auch Web2.0 für „normale“ Ö-Arbeit für den Fachbereich und seine Institutionen. Und: interessanterweise musste ich auch hier zunehmend Desinteresse und Ablehnung feststellen, so dass ich jetzt eher zum Kern der Social Media zurückkehre: dem Bloggen und notieren eigener Aktivitäten.

Obwohl es ein gutes Gefühl war, sich gegenseitig von den anderen Accounts zu liken, verzichte ich jetzt auf diese Zusatzaktivität, deren ROI mir ziemlich fragwürdig zu sein scheint.

Dataismus und „Das Digital“


Als mittlerweile begeisterter Nutzer der Onleihe der Bibliotheken hatte ich vor einiger Zeit ein Buch vorgemerkt, das schon lange auf den Bestsellerlisten steht und mir von einem Freund empfohlen worden war [1]. Die Vormerkzeit für das eBook war bis September 2018, so dass ich einfach auch das Hörbuch dazu vorgemerkt hatte. Sehr zum Unglück meines Wochenendes: es galt dann ganz plötzlich 15 Stunden eine spannenden Zukunftsgeschichte zu hören. Und ich konnte nicht aufhören, auch zum Leidwesen meiner Frau. Ich empfehle es aber jedem – vielleicht sogar eher als das Lesen des Buches selber.

Für mich war es der Ansatz für Erklärungen, die ich schon länger gesucht habe: was ist eigentlich los mit unserer Welt? Und: bin ich der einzige, der die aktuelle Entwicklung weg vom Menschen (z.B. in der DIKW Hierarchie [2]) so bedenklich findet? Yuval Harari ist ein Historiker der très longue durée. Schon in seinem ersten Bestseller („Homo Sapiens“ [3]) überraschte er damit, die Geschichte der Menschheit über den Zeitraum von 70.000 Jahren zu erzählen. In diesem wartet er (sehr verkürzt) mit der ausführlich belegten These auf, dass die Ära des Homo Sapiens zu Ende geht. Auf fast 600 Seiten beschreibt er eine neue Form der prinzipielle Weltorientierung, die in frühen Zeiten theologisch-magisch war, seit der Renaissance „humanistisch“, d.h. mit dem Menschen als Mittelpunkt und nun zunehmend Maschinen orientiert. Er stellt so den „Humanismus“ einer neuen Weltsicht, dem Dataismus gegenüber. Das erinnert stark an Floridis vierte Revolution und seine menschenlose Hyperhistory [4], aber in diesem Buch wird es noch plastischer und mit vielen Bespielen veranschaulicht, wie sehr sich die Technikwelt verselbstständigt und wir uns entscheiden müssen, ob wir diese Reise weitergehen wollen. Wenn künstliche Intelligenz nun schon explizit Mitglied von Unternehmensvorständen ist [5], sollte man sich fragen, welche Rolle für den Menschen von dieser vorgesehen ist. Das besonders beeindruckende aber ist, dass alle genau diesem Paradigma (des Dataismus) hinterherjagen, ohne sich Gedanken zu machen. Harari selbst zieht auch Parallelen zum Klimawandel, dessen Konsequenzen aber noch real erlebbar sind. Im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation, war ich lange so naiv zu glauben, dass alle „irgendwann“ in den Genuss der schönen neuen Welt kommen und sich digitale Technik aneignen und damit erleben, was passiert und was möglich ist. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: die sogenannten „Digital Natives“ halten sich zwar für technikaffin, weisen aber erschreckend geringe Kompetenzen im digitalen Bereich auf [6] – ganz im Sinne des Dunning-Kruger Effekts. Was wir also in wenigen Jahren im Klimawandel noch am eigenen Leib spüren, wird beim Digitalen Wandel unbemerkt an uns vorüber gehen.

Ein anderes Buch [7] – empfohlen durch unsere neue Kollegin am Fachbereich Ellen Euler (@EllenEuler) – gibt zu dieser ja nur „geschichtswissenschaftlichen Spekulation“ von Harari einen interessanten wirtschaftswissenschaftlichen (seriösen) Background. Wenn auch etwas anmaßend im Titel, so beschreiben die anerkannten Wirtschaftswissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger (Oxford Univ.) und Thomas Ramge (brand eins) ebenfalls recht anschaulich, warum wir in einer Datenwelt leben. Ohne Bezug auf Manuel Castells und seinen „Informationalismus“ [8] – er erschien ihnen wohl zu links – beschreiben sie fast das gleiche wie er, nur mit dem Wort „Daten“. Castells spricht noch von Informationen als dem eigentlichen Kapital des Kapitalismus, Mayer-Schönberger und Ramge sprechen oft von Daten, meinen aber die Informationsfunktion im Markt, von der Adam Smith annahm, dass sie der Preis (mit unsichtbarer Hand) vollständig übernehmen würde. In unserem Zeitalter des Datenkapitalismus ist nicht mehr Geld die Währung, sondern es sind die „Daten“, die durch ihre höhere Verfügbarkeit zu besseren Entscheidungen in Märkten aber auch in Unternehmen führen können. Im Digitalen entstehen zwei Optionen: entweder ermöglicht die Reduktion der Informationsasymmetrie im Datenkapitalismus die Erstarkung des Marktes in neuer Form oder die Netzwerk- und Feedbackeffekte der neuen Informationstechnologien führen zu starken Zentralisierungen und Monopolisierungen. Ganz ähnlich dem Digital-Manifest von Grigerenzer und Co. (vgl. meinen Post hier) könnte sich das positiv oder negativ auswirken, wie die Autoren in vielen Beispielen erläutern. Im Grunde aber sind sie begeistert davon, dass das Geld als Informationsmedium abgelöst wurde und wir nun nach neuen Formen der Marktsteuerung suchen können. Dazu machen sie interessante Vorschläge wie die RoboTax oder die progressive Data-Sharing Pflicht, ohne jedoch zu sagen, wie die „schöne neue Welt“ wirklich implementiert werden soll. Im Gegensatz zu Harari enden sie äusserst optimistisch: „Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.“ [9] Sie sagen in ihrer Analyse des „Digitals“ allerdings nicht wirklich, wie (außer mit den genannten ordnungspolitischen Maßnahmen) der nicht mehr geld-, sondern datenbasierte Markt den Sprung zu Erkenntnis, Wissen und vor allem Gemeinschaft erreicht.

——–

[1] Harari, Yuval Noah (2017): Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. München: C.H.Beck.

[2] Hobohm, Hans-Christoph (2014): DIKW Hierarchie. In: Stefan Gradmann und Konrad Umlauf (Hg.): Lexikon der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. (LBI). 2 Bände. Stuttgart: Hiersemann, Bd.1, S. 222–223.

[3] Harari, Yuval Noaḥ (2014): Sapiens. A brief history of humankind. New York, NY: Signal Books.

[4] Floridi, Luciano (2014): The 4th revolution. How the infosphere is reshaping human reality. Oxford: University Press.

[5] Harari 2017, S.436

[6] Gross, Melissa & Latham, Don (2009). Undergraduates‘ Perceptions of Information Literacy: Defining, Attaining and Self-Assessing Skills. In: College & Research Libraries, 70 (4), 336-350

[7] Mayer-Schönberger, Viktor; Ramge, Thomas (2017): Das Digital. Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Berlin: Econ.

[8] Castells, Manuel (2001): Das Informationszeitalter. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Opladen: Leske + Budrich/Campus (3 Bde.).

[9] a.a.O. S. 227

Bibliotheken: Kirchen der Digitalen Gesellschaft!

Friedenskirche in Sanssouci (Photo: Landeshauptstadt Potsdam/Michael Lüder)

Gestern (7.1.2018) hatte ich die Gelegenheit, vor einem gänzlich anderen Publikum über Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sprechen: im Hochschulgottesdienst Potsdam in der Friedenskirche. Dieses Semester findet der Hochschulgottesdienst unter dem Motto „Medien – Übers Limit“ statt. Nach einem medienwissenschaftlichen Vortrag über den Koran und einem Vortrag von Prof. Meinel (HPI) konnte ich sehr schön anknüpfen an die gesetzten Themen und habe mit einer „beeindruckenden“ (Reaktion des Publikums)  Dia-Show begleitend zu meinem Vortrag („Predigt“) deutlich machen können, wie wichtig Institutionen wie Bibliotheken und Archive für Gemeinschaften sind. So wichtig, dass gerade „neue“ Communities hierauf erhöhten symbolischen Wert legen.

Technische Universität Delft: Bibliothek (mecanoo 1998) (Photo: Hobohm)

Die Ankündigung (Abstract):

Bibliotheken: die Kirchen der digitalen Gesellschaft! 

Hochschulgottesdienst Friedenskirche Potsdam, 7. Januar 2018, 18 Uhr

In der Zeit der Hyperdigitalisierung und der kommerziell verwertbaren Datenflut hat die Suche nach Wahrheit und sinnvollem Wissen Konjunktur. Das Überhandnehmen des Digitalen ruft das Analoge auf den Plan: den Raum, den Ort der menschlichen Begegnung und des menschlichen Austauschs. Das erklärt die zur Zeit äusserst bemerkenswerte Renaissance der Institution Bibliothek in einem völlig neuen Gewand. Bücher sind nur noch symbolisches Beiwerk in dieses Orten der Wissensgemeinschaften, deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung in vielen Städten und Ländern spektakulär in Szene gesetzt wird. Lassen Sie sich überraschen und überdenken Sie unser altes Vor-Urteil, das sich aus dem Bild der Klosterbüchereien speist. Im Digitalen haben die Bibliotheken ihre Rolle neu gefunden als community space, co-working space, maker space, dritter Ort … oder einfach nur als Funktionsgedächtnis gegen das kulturelle und soziale Vergessen in einer schnellen Zeit.

Hier der (unbereinigte) Vortragstext in voller Länge. Continue reading

Politische Tragweite der Bibliothekswissenschaft

Zeitnah zum 1. Bibliothekspolitischen Bundeskongress des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) erscheint eine passende Ausgabe des internationalen Flagschiffes der Bibliothekswissenschaft: das Library Quarterly. Ausgabe 1, Band 88 (Januar 2018) hat im Gegensatz zur vorherigen Ausgabe nur wenige Hauptaufsätze, dafür aber drei, die es in sich haben:

  • Knox, Emily J. M.; Oltmann, Shannon M. (2018): Social Responsibility, Librarianship, and the ALA. The 2015 Banned Books Week Poster Controversy. In: The Library Quarterly 88 (1), S. 5–22. DOI: 10.1086/694870.
  • Buschman, John (2018): On Democracy and Libraries. In: The Library Quarterly 88 (1), S. 23–40. DOI: 10.1086/694871.
  • Clarke, Rachel Ivy (2018): Toward a Design Epistemology for Librarianship. In: The Library Quarterly 88 (1), S. 41–59. DOI: 10.1086/694872.

Knox und Oltmann berichten über eine eigene empirische Erhebung zur Frage der sozial-politischen Verantwortung von Bibliotheken und Bibliothekaren, während John Buschman eine Analyse des letzten Buches von Wayne Wiegand zum Anlass nimmt, zur politischer Tragweite („political import“) von Bibliotheken Stellung zu nehmen, die über die reine „Informationsfreiheit“ hinausgeht. Und ebenfalls sehr passend dazu versucht Rachel Clarke eine Fundierung der Bibliothekswissenschaft, die einen anderen Zugang zu ihrem Objekt findet als den der Informationswissenschaft.

Die sehr Praxis bezogene und methodisch saubere Untersuchung zu einer Kontroverse um ein Plakat der Banned Books Week im Jahre 2015 bringt Stimmen der bibliothekarischen Basis zu Gehör, die nicht einverstanden sind mit der (vermeintlichen) Neutralitätsposition ihres Verbandes ALA. In der Plakataktion wurde deutlich, dass der Verband mindestens einem soziokulturellen Bias (weiße, weibliche Mittelschicht) unterliegt und sich seiner Position bewusster sein muss. Dass dies nicht nur „political correctness“ ist, die beachtet werden sollte, sondern eine eher grundlegende Frage der Aufgabe von Bibliotheken, arbeitet der Artikel gut anhand des empirischen Materials heraus.

John Buschmann, der sich schon länger mit der Aufgabe der Bibliotheken in der „Public Sphere“ (der Habermasschen Öffentlichkeit) beschäftigt [1], analysiert die Geschichte der amerikanischen Public Library, die Wayne Wiegand 2015 [2] vorgelegt hat, unter politikwissenschaftlicher Perspektive. Ähnlich wie die Studie von Knox und Oltmann lässt Wiegand vorwiegend die Praxis (hier die „Leser/Nutzer“ von Bibliotheken) selber sprechen. Buschmann stimmt Wiegand mit der Grundtendenz, wie wichtig Bibliotheken im alltäglichen Leben der Amerikaner sind, durchaus zu. Er wirft ihm jedoch vor, seine Analyse nicht weit genug getrieben zu haben und deutlich genug zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass Bibliotheken unabdingbar sind für die Demokratie – und zwar eben nicht nur im Sinne der Informationsfreiheit, sondern unter vielfältigen Gesichtspunkten von Diversity über Community Building bis zu Mastery of Life.

Interessant ist aber vor allem, wie sehr auch er den Bogen schlägt zu der frühen Analyse von Wayne Wiegand, die der Bibliothekswissenschaft zwei blinde Flecken und eine gewissen Tunnelsicht vorwarf [3]: der bibliothekarische Diskurs würde zuwenig beachten, was die beiden Grundvoraussetzungen der Institution Bibliothek ausmachen: sie wisse nicht was Lesen sei (was in der Bibliothek bzw. mit ihren Medien passiert) und sie wisse nicht, was in ihr selbst passiert, in der Bibliothek als Ort. Seit seinem ersten Mahnruf war es u.a. Buschmann, der sich verdient gemacht hatte mit den ersten Analysen zu „Library as a place“ doch erst unlängst machte André Schüller-Zwierlein darauf aufmerksam, dass wir immer noch nicht wissen, wie wir in Bibliotheken mit der Hauptaktivität „Lesen“ umgehen sollen [4].

Ich hatte ebenfalls immer wieder und schon früh unter Bezug auf Wiegand auf diese Fragestellung hingewiesen [5] und gefordert, dass wir einen neuen bibliothekswissenschaftlichen Diskurs brauchen. Ich selbst bin ja geprägt von Paul Kaegbeins Diktum von Bibliotheken als speziellen Informationssystemen und der Bibliothekswissenschaft als einer speziellen Informationswissenschaft, so dass ich mich nur mit Mühen damit anfreunden kann, dass Bibliotheken eben mehr sind als Informationseinrichtungen. Hier kommt jedoch hinzu, dass auch die Informationswissenschaft (s. Blogpost vorher) sich zunehmend kritisch  zu „Information“ und „Wissenschaft“ positioniert [6]. Unter dem Eindruck des Hypes der Methode des Design Thinking hatte ich unlängst auch mal wieder auf das Gründungspapier der deutschen Informationswissenschaft hingewiesen [7], in dem auch schon (vor Internetzeiten) sehr differenziert auf die Notwendigkeit einer anderen Form der „Informationsforschung“ hingewiesen wurde. Einem der wenigen deutschen Informationswissenschaftler, die auch international Beachtung fanden, Gernot Wersig, war dies vor Beendigung seines Lehrstuhls an der FU Berlin im Prinzip schon gelungen. Horst Rittel erlebt z.Zt. als Designforscher eine Renaissance, die bemerkenswert ist. Und nun kommt zur Krönung dieser Entwicklung die starke These von Rachel Clarke daher, dass nicht die Informationswissenschaft, sondern die Designwissenschaft die epistemologische Grundlage der Bibliothekswissenschaft sein solle. Interessanterweise wird nicht nur Horst Rittel (mit seinen „wicked problems„) als Kronzeuge für die neue Fundierung aufgeführt, sondern auch David Lankes und sein New Librarianship.

In Teilen kann ich dem gut folgen. Allerdings kann man auch, wenn man den aktuellen Tiefen des informationswissenschaftlichen Diskurses zu folgen wagt, dennoch bei der These bleiben, dass Bibliothekswissenschaft nur eine Ausprägung der Informationswissenschaft ist. David Lankes baut ja sein Konzept auch auf eine im Grunde inhärent informationswissenschaftliche Theorie auf (Gordons Pasks conversation theory als Basis für Wissensentstehung). Auch Michael Buckland hat unlängst auf einen Ansatz hingewiesen, der m.E. hier ebenfalls weiter führen kann: Max Boisots Konzept des „Information Space“[8]. Der zu frühe verstorbene Wirtschaftswissenschafter und Manager Max Boisot hatte mit seinem I-Space Modell schon seit den 1990er Jahren viele Aspekte menschlicher (Wissens-)Organisation versucht zu erklären und war selbst quasi von außen auf das informationswissenschaftliche Mantra der DIKW-Hierarchie gestoßen, um diese uns besser zu erklären [9]. Für mich als Laien in Fragen der Thermodynamik (!) erklärt er schlüssig, wie man doch von Shannons Informationstheorie zu Fragen des menschlichen und organisatorischen Informationsverhaltens kommen kann. Es ist nur leider nicht so einfach. Aber das würde auch keine andere Wissenschaft von sich behaupten – außer der Bibliothekswissenschaft.

[1] Buschman, John E. (2003): Dismantling the public sphere: situating and sustaining librarianship in the age of the new public philosophy. Westport, Conn. u.a.: Libraries Unlimited.

[2] Wiegand, Wayne A. (2015): Part of Our Lives. A Peoples History of the American Public Library. Oxford: Oxford University Press.

[3] Wiegand, Wayne A. (1999): Tunnel Vision and Blind Spots. What the Past Tells Us about the Present; Reflections on the Twentieth-Century History of American Librarianship. In: Library Quarterly 69, S. 1–32. – Wiegand, Wayne A. (2015): “Tunnel Vision and Blind Spots” Reconsidered. Part of Our Lives (2015) as a Test Case. In: The Library Quarterly 85 (4), S. 347–370. DOI: 10.1086/682731.

[4] Schüller-Zwierlein, André (2017): Die Bibliothek als Lesezentrum. In: O-bib 4 (2), S. 14-34.

[5] Hobohm, Hans-Christoph (2005): Desiderate und Felder bibliothekswissenschaftlicher Forschung. In: Petra Hauke (Hg.): Bibliothekswissenschaft quo vadis? = Library Science quo vadis? Eine Disziplin zwischen Traditionen und Visionen ; Programme Modelle Forschungsaufgaben. Mit einem Geleitwort von Guy St. Clair und einem Vorwort von Georg Ruppelt. München: Saur, S. 47–64.

[6] Furner, Jonathan (2015): Information Science is Neither. In: Library Trends 63 (3), S. 362–377. – sowie Buckland, Michael (2012): What kind of science can information science be? In: Journal of the American Society for Information Science and Technology 63 (1), S. 1-7. DOI: 10.1002/asi.21656.

[7] Kunz, Werner; Rittel, Horst (1972): Die Informationswissenschaften. Ihre Ansätze, Probleme, Methoden und ihr Ausbau in der Bundesrepublik Deutschland. München, Wien: Oldenbourg. – Hobohm, Hans-Christoph (2017): Informationsforschung als Informationsverhaltensforschung. Zur Aktualität des Konzeptes von Horst Rittel und Werner Kunze und seine Realisierung in Praxis und Ausbildung. In: Petra Hauke und Petras, Vivien, Kaufmann, Andrea (Hg.): Bibliothek: Forschung für die Praxis. Berlin: de Gruyter, 17-31.

[8] Wang, Lin; Buckland, Michael (2016): From Fief to Clan: Boisot’s Information Space Model as a Documentary Theory for Cultural and Institutional Analysis. In: Proceedings from the Document Academy 3 (2). Online verfügbar unter http://ideaexchange.uakron.edu/docam/vol3/iss2/10.

[9] Boisot, Max; Canals, Agustí (2004): Data, information and knowledge: have we got it right? In: Journal of Evolutionary Economics 14 (1), S. 43-67. DOI: 10.1007/s00191-003-0181-9.