Author Archives: Hans-Christoph Hobohm

About Hans-Christoph Hobohm

Professor für Bibliothekswissenschaft am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam / professor for Library and Information Science at Potsdam University of Applied Sciences since 1995

Zensur in der Digitalität – eine Überwindung der Moderne

Photo: Andrea Berger via Twitter

In der Blockwoche des Fachbereichs ergab sich für mich die Gelegenheit auf einer äusserst gut strukturierten und exzellent vorbereiteten Tagung zum Thema „Nationalismus im Digitalen Zeitalter“ an mein ursprüngliches Forschungsgebiet „Zensur in der Frühaufklärung“ mal wieder anzuknüpfen. Die Grafik von Dirk Helbing im Digital Manifest 2015 („Feudalismus2.0“) hatte mich an meine eigenen Forschungen in den damals noch nicht so genannten Digital Humanities erinnert, bei denen ich mit erstaunlich ähnlichen Kurven den Beginn der Moderne am Beispiel des bürgerlichen Romans für das Jahr 1737 darstellen konnte. Und ca. 280 Jahre später zeigen sich Tendenzen, die nicht nur auf die Dialektik der Aufklärung, sondern vielleicht tatsächlich sogar auf das Ende der Aufklärung hinweisen. Besonders interessant: in der Woche der Tagung veröffentlicht Tim Berners-Lee seinen Vorschlag für einen „Contract for the Web“ als neuen Gesellschaftsvertrag. Als Romanist ergibt sich damit die Parallele zu Rousseaus Contrat Social (1762), der zu einem vergleichbaren historischen Zeitpunkt die neuen hegemonialen Instanzen zu gesellschaftlichem Engagement und Commitment aufforderte. Bei Berners-Lee zeigt sich eine für den Informationswissenschaftler interessante Entwicklung im SSP-Schema der Semiotik: 1989: die Syntax des Web (html/http) – 2001: die Semantik des Web („Semantic Web“ als Forderung) – 2019: die Pragmatik mit „a contract for the web“. Hätte man nicht gleich bei allen Ebenen der Kommunikation beginnen sollen, wie Warren Weaver dies in seinem Begleitpapier zu Shannons Mathematical Theory of Communication 1945 schon suggerierte?

Klaus Ceynowa – These 6

Auf der Tagung wurden ansonsten recht tiefgreifend die informationsethischen Fragen der Digitalisierung diskutiert, die dadurch entstehen, dass Digitalisierung stets die Möglichkeit einer De-Kontextualisierung beinhaltet und deshalb eine ständige Re-Kontextualisierung (z.B. in Form von Aufklärung und Förderung von Geschichtsbewusstsein) erfordert. Klaus Ceynowa (BSB) betonte dabei, dass angesichts der schieren Menge an potenteiell aus dem Kontext gerissenenen Digitalisaten, die mit Metadaten zu re-kontextualisieren seien, diese Aufgabe nur maschinell zu lösen ist: diese Frage der Ethik also von der Maschine übernommen werden sollte. Wollen wir hoffen, dass diese tatsächlich „the context, this unruly beast“ (Brenda Dervin) in den Griff bekommt.

Thomas Bürger – These 4

Thomas Bürger (SLUB) empfahl einen gegensätzlichen Weg, ausgehend von der Beobachtung, dass „Wissenschaften und Gedächtniseinrichtungen es sich im akademischen Umfeld zu leicht gemacht haben und die offenkundigen Herausforderungen öffentlicher Aufklärung nicht angepackt haben“ (These 1). Die Tabuisierung des Bösen müsse angesichts seiner erneuten Verbreitung in der Digitalität „wieder auf den Tisch“ und der Giftschrank der NS-Geschichte zu einer digitalen Werkstatt der Demokratie mit starker Bürgerbeteiligung werden. Ein erfrischender Optimismus auf der der Maschine eher abgewandten Seite…

Dies nur zwei – wenn auch sehr konträre Positionen – von der Tagung, auf der mit vielen plastischen Beispielen aus unterschiedlichsten Domänen die Imminenz des Problems und das Aufscheinen einer gesellschaftlichen Disruption zum ersten Mal auf so hohem Niveau thematisiert wurde. Dank an die mutigen Organisatoren Markus Stumpf und Hans Petschar! Der in Vorbereitung befindliche Tagungsband wird mit Sicherheit ein mustread.

 

Bibliotheken sind wesentliche Orte in der Digitalität

Photo: An_ti via Twitter

Am 6. November 2019 hatte ich Gelegenheit, einige weitere Ergebnisse aus unserem europäischen Forschungsnetzwerk ALMPUB auch in Potsdam auf der Tagung der Landesfachstelle für Archive und Öffentliche Bibliotheken vorzustellen. Das Thema der Tagung war: „Die Öffentliche Bibliothek – Ankerpunkt im kommunalen Umfeld“ und damit wie geschaffen für einen Beitrag aus ALMPUB „Archives, Libraries, Museums in the public sphere„. Da sich das Projekt in der Schlussphase befindet, konnte ich aufbauend auf meinen Vortrag auf dem Bibliothekskongress im März noch weitere Ergebnisse hinzufügen, die im Sammelband des Projektes Anfang 2020 bei de Gruyter veröffentlicht werden. Vgl. z.B. die Statistiken zur Bibliotheksnutzung und -finanzierung im europäischen Vergleich, Folie 38 (s.Bidl hier) oder das Resultat der Regressionsanalyse über alle Daten, die deutlich macht, wie wichtig das Vertrauen in öffentliche Institutionen ist, was ich ab Folie 31 diskutiere. Natürlich ersetzen die Folien nicht die gesamte Präsentation, weshalb ich umso mehr auf die aktuell in Vorbereitung befindlichen Publikationen des Projektes hinweisen möchte (Schlussfolie). Ich muss insgesamt sagen, dass ich durch das dreijährige Projekt viel gelernt habe: über Demokratie, über Europa, über Bibliotheken, aber auch über die deutsche Bibliothekswissenschaft (im Kontrast).

Das Highlight der Tagung unserer Landesfachstelle war nicht die Verabschiedung ihrer langjährigen Leitung, Frau Doris Stoll – das war eher ein trauriger Moment, da mit ihrem Ausscheiden die gesamte Zukunft der Bibliotheken in Brandenburg in Frage gestellt ist. Das Highlight war der Vortrag von Aat Vos, dem Leiter des Architekturbüros, das derzeit in ganz Europa Bibliotheken zu veritablen Dritten Orten umbaut. Eigentlich konnte ich diesem Vortrag wenig hinzufügen, von der Ästhetik, der Performanz des Vortrags und von seinen Beispielen.

Andreas Mittrowan machte deutlich, dass unsere Moderationsausbildung im Master Informationswissenschaften genau das ist, was die Praxis derzeit braucht (von Personas, über Open Spaces, Fokus Gruppen und World Cafés bis zu Design Thinking). #ZW09 sei gegrüßt!

Alle Vorträge passten wunderbar zusammen und ineinander, so dass auch der leicht pessimistische, technologische Ausblick von Thorsten Koch (KOBV) einiges abrunden konnte, was vorher von anderen gesagt wurde. Aber auch er konnte damit sehr gut begründen, wie nötig öffentliche Infrastruktur und vertrauensbildende Einrichtungen des Gemeinwohls wie Bibliotheken sind und bleiben. Von wegen Tragedy of Commons! Eher die Wiederentdeckung der Fundamentalökonomie.

Ein Brief an die Informationswissenschaft

Nassehi, Armin: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft.  München: C.H.Beck, 2019. 352 S. – Hardcover, EUR 26,-, ISBN 978 3 406 74024 4

Das Buch des „wohl einflussreichsten deutschen Soziologen“ (Verlagswerbung), erschien am 28. August. Schon in den folgenden Wochen war es auf allen Feuilleton Seiten und in vielen Sachbuch Bestsellerlisten. Der Verlag vermeldet sehr bald eine zweite Auflage „Aufgrund der großen Nachfrage “ (pers. Mitteilung des Verlags). Es scheint also ziemlich den Nerv der Zeit zu treffen, die nach etlichen alarmistischen Beschreibungen der Digitalen Transformation wie der von Yuval Harari (Homo Deus), jetzt doch von einem Gesellschaftsexperten erklärt bekommen möchte, was es mit der aktuellen Computerrevolution nun so auf sich hat.  Continue reading

Recent ALMPUB Publications in JD

Your publication has been assigned issue and pages numbers.

A message the authors like… Here are some of the recent articles you may find in the  Journal of Documentation reflecting at least three years of work in the context of the ALMPUB project. More to come in the anthology in preparation with de Gruyter which will be presented at the final conference beginning of next year at the Deichmanske library in Oslo (Keynote: guess? of course: David Lankes!)

  • Audunson, Ragnar; Aabø, Svanhild; Blomgren, Roger; Hobohm, Hans-Christoph; Jochumsen, Henrik; Khosrowjerdi, Mahmood et al. (2019): Public libraries as public sphere institutions. A comparative study of perceptions of the public library’s role in six European countries. In: Journal of Documentation 75 (6), 1396-1415. DOI: 10.1108/JD-02-2019-0015.
  • Hvenegaard Rasmussen, Casper (2019): Is digitalization the only driver of convergence? Theorizing relations between libraries, archives, and museums. In: Journal of Documentation 75 (6), S. 1258–1273. DOI: 10.1108/JD-02-2019-0025.
  • Audunson, Ragnar; Aabø, Svanhild; Blomgren, Roger; Evjen, Sunniva; Jochumsen, Henrik; Larsen, Håkon et al. (2019): Public libraries as an infrastructure for a sustainable public sphere. A comprehensive review of research. In: Journal of Documentation 75 (4), S. 773–790. DOI: 10.1108/JD-10-2018-0157.
  • Widdersheim, Michael M.; Koizumi, Masanori (2016): Conceptual modelling of the public sphere in public libraries. In: Journal of Documentation 72 (3), S. 591-610. DOI: 10.1108/JD-06-2015-0079.

Oh why? Society + Public Sphere (Habermas) + Museum + Library + Archive + Digitalisation = Documentation? Think about it.

 

 

Archives, Libraries and Museums in the public sphere in five countries

Finally my presentation at the CoLIS conference in Ljubljana is online. We are working on the text for the proceedings and a similar publication just went into the publication system for the German Library Congress Proceedings (see previous post here).

I was presenting the paper just the day before Habermas‘ 90th birthday and we could show the cover page of DIE ZEIT from this week with one of his rare photos celebrating him as the „most famous philosopher of our time“. Indeed the discussion in our ALMPUB sessions showed that it is perhaps time to look after his disciples (Axel Honneth) and critics (Lyotard, Rancière) to address the current situation in our digital societies (as did some commentaries on this special edition on Habermas in DIE ZEIT).

Our project nevertheless started in the vein of the traditional „public sphere“ concept of Jürgen Habermas and reveiled through 18 surveys in over 6 european countries that there is a sort of a paradigm change experienced in the „ALM-field“. In an Age of Access (Rifkin 2000) we are constantly going to from „neutral“ collecting and information broking to being an active political stance in society. As I always said at least libraries have a role to play in the hegemonial power structure of every society (Gramsci).  Or as the swedish National Library Strategy says: they are the „femte statsmakten“ – the fifth power in a state (beyond the legislature, the executive, the judiciary, and the media in the „trias politica model“ after Montesquieu.).

 

For further information about the results of our project have a look at the forthcoming book at de Gruyters and the closing conference at the new Deichman library in Oslo in January 2020. Some other publications might be of interest:

  • Audunson, Ragnar; Aabø, Svanhild; Blomgren, Roger; Evjen, Sunniva; Jochumsen, Henrik; Larsen, Håkon et al. (2019): Public libraries as an infrastructure for a sustainable public sphere. A comprehensive review of research. In: Journal of Documentation 75 (4), S. 773–790. DOI: 10.1108/JD-10-2018-0157.
  • Audunson, Ragnar; Aabø, Svanhild; Blomgren, Roger; Hobohm, Hans-Christoph; Jochumsen, Henrik; Khosrowjerdi, Mahmood et al. (2019): Public libraries as public sphere institutions. A comparative study of perceptions of the public library’s role in six European countries. In: Journal of Documentation 75 (in print).
  • Audunson, Ragnar; Hobohm, Hans-Christoph; Tóth, Máté (2019): ALM in the public sphere. How do archivists, librarians and museum professionals conceive the respective roles of their institutions in the public sphere? Beitrag zur 10th Conference on Conceptions of Library and Information Science, Ljubljana, 2019. In: Information Research (Suppl. CoLIS10), in print.
  • Hobohm, Hans-Christoph (2019): Bibliotheken und Demokratie in Deutschland. Ergebnisse eines europäischen Projektes zu ihrer Rolle und ihrem Engagement für Demokratie und Gemeinwohl. In: o-bib. Das offene Bibliotheksjournal 6 (4), (zugleich: Proceedings des 7. deutschen Bibliothekskongresses „Bibliotheken verändern“, Leipzig, 18.-21. März 2019). in print.