Sammlung, Dokument, Bibliothek: besonders aktuelle Konzepte

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Der folgende Text ist eine redigierte und erweiterte Fassung meines Vorworts zu:

Andreas Degkwitz: Von Texten zu Daten – Zukunft der Bibliothek. Vorträge und Texte anlässlich der Ernennung zum Honorarprofessor der Fachhochschule Potsdam, herausgegeben und mit einem Vorwort von Hans-Christoph Hobohm. Berlin: Logos, 2014. (Berliner Arbeiten zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft; Bd. 26) – ISBN 978-3-8325-3806-4, 70 Seiten, Preis: 19.00 EUR.

Der Begriff „Sammlung“ klingt genauso altmodisch wie „Bibliothek“. Wobei mehr Menschen mit Ersterem etwas anfangen können. Wer kennt sie nicht oder hat sie nicht sogar selber: die Briefmarkensammlung, die Bildersammlung oder betreibt das Sammeln von Followern in den Sozialen Netzwerken? Schnell wird mit Sammeln der Messie assoziiert, die Übertreibung des Anhäufens und das Durcheinander in der Sammelkiste. Wird jedoch aus dem Sammeln eine Sammlung kommt eine Ordnung hinzu. Oft zunächst nur implizit mit „Werkstattcharakter“, später aber doch immer systematischer. Vor allem bekommt eine Sammlung ein Ziel, eine Intention, wenn sie sie nicht von Anfang gehabt hat. In nicht seltenen Fällen geht die Sammlung damit aus sich heraus, verliert ihren introvertierten, introspektiven Charakter. Man möchte seine Schmetterlingssammlung zeigen oder gar der Nachwelt vermachen, weil hiermit etwas ‚dokumentiert‘ wurde, das einen Wert hat. Damit erhält das Sammeln einen janusköpfigen Aspekt: zum einen geht man immer mehr durch die Welt (auf den Trödelmarkt) im Hinblick auf die eigene Sammlungssystematik (was fehlt, was passt?) und zum anderen wird an der Systematik gefeilt in Hinblick auf die (Nach-)Nutzung durch andere (wie werden die wichtigen „Typen“ gefunden? wie werden sie verstanden als wertvoll?).

Genau diese Bewegung beschrieb Bruno Latour [1] schon vor zwanzig Jahren als die Arbeit am Wissen, die etwa einen Naturforscher wie Alexander von Humboldt umtreibt. Latour verwies darauf, dass jedes Sammeln in diesem Sinn ein Dokumentieren der Realität ist, das in sich schon über die einfache Repräsentation der Realität hinausgeht – auch wenn Sammlungen häufig repräsentativen Charakter haben (zur Schau gestellt werden). Der Impetus des Sammelns ist die Arbeit an der Darstellung der Realität. Latour wies jedoch darauf hin, dass es sich hierbei um keine einfache zweiwertige Logik handelt: hier das Objekt/die Welt und da der Sammler/Betrachter. Das Dritte das dabei notwendig ist, ist das Sammeln selbst mit seinen Werkzeugen und Artefakten: ohne Kescher keine Schmetterlingssammlung, ohne Vitrine keine Besichtigung der Mineralien und ohne entworfene oder übernommene Systematik keine Anschaffung und keine Nutzung/Betrachtung des Sammlungsobjektes [2].

In der digitalen Welt scheint dies alles aus den Fugen geraten zu sein. David Weinberger nannte das das „Ende der Schublade“ in seinem gleichnamigen, den Bibliothekaren gewidmeten Buch[3]. Kein Mensch sammelt mehr Objekte mit einem extrinsischen Zweck, denn wozu etwas aufheben, alles befindet sich doch irgendwo im Internet? Und lässt sich über irgendeinen Suchalgorithmus wieder auf-finden… Oder wird vielleicht doch noch gesammelt? Wieso sieht man ständig Personen, die unablässig „Momente“, Orte, Personen fotografieren? Ist dies nicht auch ein Dokumentieren der Realität? Und werden die digitalen Bilder nicht auch später zu „Ereignissen“ zusammengefasst oder von der digitalen Photosammelsoftware nach Gesichtern und Orten sortiert? Und: werden diese Aufnahmen nicht gar als „digitale Erzählungen“ (digital storytelling) oder mit Musik unterlegt in Filmen zur Schau gestellt? (wie die Diasammlung früher?) Was also hat sich geändert?

Auch das wissenschaftliche Sammeln ist natürlich nicht verloren gegangen[4]. Im Gegenteil: in Zeiten des vierten Paradigmas der Daten getriebenen Wissenschaft[5] ist dieses sogar völlig zentral geworden unter dem Stichwort „Big Data“. Es werden vorwiegend und in viel größerem Umfang Daten gesammelt – oft nunmehr ohne vorherige Forschungshypothese oder leitende Theorie (behaupten böse Zungen). Dennoch geht es auch bei Datenerhebung und Datendarstellung nicht ohne Systematik oder grundlegende Dokumentationsprinzipien, etwa als standardisierte Messskalen oder Analyseraster. Nichts anderes ist Text Mining oder Informationsvisualisierung. Es geht immer noch und immer wieder um die Dokumentation der Welt (in Form von Sammlung und Darstellung) – ob privat oder fachlich. Neu ist lediglich das, was das Digitale auszeichnet: die Erhöhung der Masse und die vermeintliche Übertragung der Dokumentationsarbeit an die Maschine. Vermeintlich deshalb, weil sie natürlich genauso „programmiert“ werden muss wie die Aufstellungssystematik der Sammlungsvitrine. Neu ist vielleicht auch eine gewisse (auch vermeintliche?) Überwin-dung von Raum und Zeit. Wir müssen nicht mehr über Ozeane und Berge um Realität aus Südamerika zu erheben und in Europa darzustellen.

Dieser Frage, was mit den digitalen Objekten aktuell passiert, und warum sich bestimmte Werkzeuge etablieren, Praktiken und Institutionen in Frage gestellt werden, ist eine Gruppe von über hundert Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen und Forschungszentren vor einiger Zeit in Frankreich nachgegangen. Unter dem Pseudonym Roger T. Pédauque [6] wurde das Ergebnis mit dem Schlagwort der „Re-documentarisation du Monde“ [7] bekannt. In der Tat ist das, was das Digitale ausmacht, in vielfacher Hinsicht die Vollendung der Dokumentationsbewegung des 19. Jahrhunderts in dematerialisierter Form. Der damalige Wunsch nach einer Totalerfassung und Systematisierung der Welt z.B. in einer „Universalklassifikation“ ist in Form des Semantic Web wieder auferstanden. Doch das digitale Werkzeug in der aktuellen Dokumentation verdeutlicht gleichzeitig die grundlegenden Prinzipen des Dokumentierens von Welt: es geht um das Sammeln von Belegen, die erkennbar, vermittelbar und lesbar sein müssen. Die Kollegen [8] der Pédauque-Arbeitsgruppe(n) ziehen daraus die Konsequenz, zu beschreiben, dass für die drei Komponenten der zentralen „Beweisarbeit“ des Dokuments drei Formen von Institutionen notwendig sind bzw. sich in der Gesellschaft immer schon etabliert haben quasi als anthropologische Konstante (wie das Sammeln selbst). Die erste Funktion übernimmt das Verlagswesen, das Dokumente identifiziert, produziert und den technischen Gegebenheiten optimal angepasst gestaltet sowie Beziehungen herstellt: Wissen überhaupt erkennbar macht. Die Verbreitung von Wissen über die Dokumentation ist die Rolle der (Massen-) Medien, die den jeweiligen Dokumenten Aufmerksamkeit widmet und Rezeption(szeit) ermöglicht. Die dritte der drei nicht hierarchisch angeordneten Funktionen des Dokuments fällt den Dokumentationseinrichtungen (wie Bibliotheken und Museen etc.) zu: durch ihre Dokumentationsarbeit – vorwiegend auf der Seite der Darstellung der Sammlung – ermöglichen sie überhaupt das Lesen und Verstehen der Texte durch Kontextualisierung. Die Grundthese von Pédauque ist aber, dass diese Funktionen lediglich akzentuiert werden im Digitalen: deutlicher werden und gerade nicht verschwinden.

Ein Aspekt jedoch thematisiert Pédauque m.E. nicht deutlich genug, nämlich dass ein wesentliches Charakteristikum des „Dokuments“, häufig das eines öffentlichen Gutes ist, und dass es ohne systematische Regelung seine Nachhaltigkeit von selbst verliert und der Tragödie der Allmende anheim fällt [9]. Das Dokument in seiner Sammlung transportiert Wissen, das vor allem auch in zukünftigen Anwendungskontexten zu Information werden kann [10], sofern es lesbar ist. Auch hier ist das Beispiel der persönlichen digitalen Photosammlung recht einleuchtend. Ohne entsprechende Festlegungen, wo und wie sie archiviert wird und vor allem wie sie (intellektuell) lesbar bleibt (z.B. durch Beschriftung) wird sie schnell wertlos. Natürlich kann das digitale Dokument im aktuellen Moment genutzt und verwertet werden, aber viel „wertvoller“ wird es ggf. wenn es später tatsächlich als Beleg dienen kann für die Situation seines Entstehens. Hierzu hat sich als eine spezifische Dokumentationseinrichtung eine eigene gesellschaftliche Institution entwickelt, die ihren Ursprung gemeinsam mit der Bibliothek hat: das Archiv. Bezeichnenderweise wird dieses meist durch Gesetze geregelt, um so Gemeinwesen und Organisationen vor den Zufällen zukünftiger Fragen zu schützen. Die Sammlung von Dokumenten zur Erhaltung der Lesbarkeit des aktuellen gesellschaftlichen Zustandes und seiner konkreten „Momente“ ist gesetzlich geregelte Pflichtaufgabe.

Aber auch in der Verbreitungsfunktion von Dokumenten gibt es berechtigterweise staatliche Regelungen zur Sicherung von Qualität: den sog. Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Das Verlags- und Publikationswesen stellt sich ebenfalls derzeit neu auf, und auch hierbei ist zu beobachten, dass mittels (staatlich gefördertem) Open Access, self publishing und sich weiter entwickelnden Hochschulverlagen neue nachhaltige Strukturen entstehen. Einzig in der dritten Funktion des digitalen Dokuments: der Gewährleistung der Lesbarkeit und des Verstehens von Sammlungen wird immer wieder gespart mit dem Hinweis darauf, dass eine aktuelle Verwertung ausreicht. In der Trias der Funktionen des Dokuments ist diese die anspruchsvollste. Nur sie gewährleistet Verstehen und Bildung und ermöglicht den Transfer von Wissen in die Zukunft. Die beiden anderen Funktionen sind tendenziell „gegenwärtiger“ und naturgemäß marktnäher. Einfacher zu verstehen.

Konkrete Beispiele für solche unglücklichen Entwicklungen der Vernachlässigung dieses komplexen öffentlichen Gutes ist die Abschaffung der weltweit vorbildlichen deutschen Fachinformationszentren seit den 1980er Jahren [11] und die aktuelle Umstellung des Sondersammelgebietssystems der Hochschulbibliotheken auf sog. Fachinformationsdienste [12]. Stets mit dem Hinweis auf die aktuelle Nachfrage und vermeintliche Marktfähigkeit wird die wesentliche Funktion des Dokuments in seiner Sammlung vernachlässigt: Bildung und Wissen zu ermöglichen. Angesichts lauter Klagen über mangelnde Bildung ist dies ein paradoxes, aber letztlich erklärbares Phänomen. Ron Day [13] hat dies schon vor einiger Zeit schön dargelegt, wie die Rezeption und Entwicklung des Informationsbegriffs – nicht nur durch die sog. Informationstheorie Shannons – immer mehr ihren ursprünglich kritischen Impetus verloren hat und sich vom Wissensbegriff getrennt hat. Wer kann heute schon die ihn erreichenden Informationen bewerten und ihre eigentliche Relevanz im persönlichen Anwendungskontext einschätzen? Dass dies Prinzip der Informationstechnologie ist und derzeit äusserst erfolgreich, aber von vielen unbemerkt, sich schon „unserer Zukunft“ nachhaltig bemächtigt, hat der Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2014, Jaron Lanier, anschaulich beschrieben mit seinem Titel: „Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne du bist ihr Produkt“ [14]. Deutlicher kann nicht gesagt werden, dass die dritte Funktion des Dokuments im Digitalen Zeitalter (schon lange Zeit) vernachlässigt worden ist und es zunehmend an einer öffentlichen Infrastruktur fehlt, die diese gewährleistet. In dem Zeitraum, in dem Informations-technologie und Computereinsatz ihren Siegeszug erlebten, hat der Soziopath „Nummer zwei“ – wie Frank Schirrmacher gesagt hat – der Homo Oeconomicus die Oberhand gewonnen, trotz aller Lippenbekenntnisse zu „Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche und der menschlichen Gesellschaft“ [15].

Gerade deshalb wäre es so wichtig, den internationalen bibliothekswissenschaftlichen Diskurs auch in Deutschland breiter zu rezipieren – Bibliotheken neu zu sehen [16] und ihre Wissensinfrastruktur (b2i) zu erhalten.

 

Referenzen (nicht in der Printfassung)

[1] Latour, Bruno (1996): Ces réseaux que la raison ignore – laboratoires, bibliothèques, collections. In: Christian Jacob und Marc Baratin (Hg.): Le pouvoir des bibliothèques la mémoire des livres en Occident. Paris: Albin Michel (Bibliothèque Albin Michel Histoire), S. 23–46.

[2] Glushko, Robert J. (Hg.) (2014): The Discipline of Organizing. Sebastopol, CA: O’Reilly.

[3] Weinberger, David (2008): Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung. München: Hanser.

[4] Wissenschaftsrat (2011): Empfehlungen zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen. Drs. 10464-11 v. 28.01.2011. Berlin.

[5] Hey, Anthony J. G.; Tansley, Stewart; Tolle, Kristin Michele (Hg.) (2009): The Fourth Paradigm Data-Intensive Scientific Discovery. Redmond, Wash.: Microsoft Research.

[6] Pédauque, Roger T. (2006): Le document à la lumière du numérique. Caen: C & F éditions.

[7] Pédauque, Roger T. (2007): La redocumentarisation du monde. Toulouse: Cépaduès-éditions.

[8] speziell: Salaün, Jean-Michel (2012): Vu, lu, su. Les architectes de l’information face à l’oligopole du Web. Paris: la Découverte (Cahiers libres).

[9] Hess, Charlotte; Ostrom, Elinor (Hg.) (2007): Understanding knowledge as a commons. From theory to practice. Cambridge, Mass: MIT Press.

[10] so die Definition von R. Kuhlen: „Information = Wissen in Aktion und Kontext“, vgl. Kuhlen, Rainer (2013): Information – Informationswissenschaft. In: Rainer Kuhlen, Wolfgang Semar und Dietmar Strauch (Hg.): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. 6. Aufl. Berlin: De Gruyter Saur, S. 19–42. – vgl. aber auch: Hobohm, Hans-Christoph (2012): Information und Wissen. In: Konrad Umlauf und Stefan Gradmann (Hg.): Handbuch Bibliothek. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart: Metzler, S. 73–80.

[11] Hobohm, Hans-Christoph (2008): Das Verhältnis zur Dokumentation – Fachinformation in den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. In: Peter Vodosek und Werner Arnold (Hg.): Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft. Bibliotheken in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: Harrassowitz (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, 43), S. 115–134.

[12] vgl. dazu die Beiträge in Heft 3 (2014) der Zeitschrift „Bibliothek. Forschung und Praxis“, z.B. Mittler, Elmar (2014): Nachhaltige Infrastruktur für die Literatur- und Informationsversorgung: im digitalen Zeitalter ein überholtes Paradigma – oder so wichtig wie noch nie? In: Bibliothek Forschung und Praxis 38 (3), S. 344–364. DOI: 10.1515/bfp-2014-0059.

[13] Day, Ronald E. (2008): The modern invention of Information. Discourse, history, and power. updated and rev. pbk. ed. Carbondale: Southern Illinois University Press.

[14] Lanier, Jaron (2014): Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne du bist ihr Produkt. Hamburg: Hoffmann und Campe. – ähnlich aber aus anderen Perspektive zum gleichen Schluss kommend: Castells, Manuel (2013): Communication power. 2nd edition. Oxford: University Press.

[15] Schirrmacher, Frank (2013): Ego. Das Spiel des Lebens. München: Blessing, S. 29.

[16] Lankes, R. David (2011): The atlas of new librarianship. Cambridge, Mass: MIT Press. – Lankes, R. David (2012): Expect more. Demanding better libraries for today’s complex world: Smashwords Editions. Online verfügbar unter http://quartz.syr.edu/blog/?page_id=4598.