Symbolisch: kein Lesen mehr im ZDF, dafür aber in Bibliotheken?

In Zeiten der Krise wird vieles symbolisch: der gestrige Tag der Bibliotheken bietet sich an: in allen Zeitungen wurde fleißig bieder über die Kampagne „Deutschland liest“ berichtet und gleichzeitig (am Rande) noch Nachlese betrieben zum Bildungsgipfel. Einhellig ist die Meinung, dass es kein Gipfel war, sondern eine Schlucht. Auf dem „Gipfel“ wurden die eigentlichen Probleme der Bildung gar nicht angesprochen: genauso wenig wie man in der Berichterstattung zum Tag der Bibliotheken: „Deutschland liest“ mit dem Phänomen Bildung in der deutschen Gesellschaft umgehen kann. Was Bildung heißt und wo diese heute wirklich stattfindet machen unsere zwei Bildungsmatadore deutlich: Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki. Das Ergebnis: im ZDF findet künftig kein „Lesen“ mehr statt.

Aus persönlicher Perspektive kann ich noch hinzu fügen, dass auch die Bibliothekswissenschaft sich nicht am Tag der Bibliotheken beteiligt. Bildung ist nicht wirklich gefragtes Thema: wir beschäftigen uns (gezwungenermaßen) im Studiengang Bibliotheksmanagement eher mit E-Science und Datenmanagement als mit so gesellschaftlich komplizierten Dingen wie Bildung und Lesen. Von der Wissenschaftspolitik wird nur Schickes und Cooles gefördert. Auch wenn keiner es versteht, denn Lesen kann ja schließlich jeder – vor allem Minister – da braucht man weder Förderung noch Forschung – und schon gar nicht Professuren.

2 thoughts on “Symbolisch: kein Lesen mehr im ZDF, dafür aber in Bibliotheken?

  1. Peter Jobmann

    Sehr klare Worte durfte ich hier gerade lesen, und das freut mich. Ein Hauptproblem in Diskussionen (aus eigener Erfahrung) ist, dass an den richtigen Stellen das deutliche Wort aus poltischer Rücksichtnahme vermieden wird.
    Dies gilt leider (auch aus eigener Erfahrung) ganz besonders im Bildungssektor. Kaum jemand wagt drastische Worte und drastische Beschreibungen. Diese Worte wären nötig. Meine manchmal vorhandene Lustlosigkeit am Studium ist auch mit der von Ihnen beschriebenen Ausrichtung geschuldte.
    Glücklicherweise bin ich motiviert genug, um neben dem Studium den Einsatz für Bildung und Lesen in persönlicher Form leisten zu können.
    Schön wäre auch im Studium öfter ein klares Wort. Aber wie ich schon schrieb, zieht sich diese Linie der Konfliktvermeidung durch fast jeden Bereich. Manchmal entstehen durch Konflikte auch mehr Ideen als durch Konfliktlosigkeit.

    Was Elke Hedenreich angeht paßt sich diese Linie des ZDF ja in die allgemein Kulutrpolitik an. Anpassung an den Willen der Massen wir Nonsense gesendet, fern vom eigentlichen Kulturauftrag. Ein Problem, mit dem ja auch Bibliotheken kämpfen (kaufen wir das neue Bohlen-Buch oder nicht?).

    Besserung kann man aber tatsächlich immer nur erwarten bei persönlichem Einsatz. Insofern gefällt mir dieser Blog-Eintrag sehr!

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