Archive for Juni, 2008

Jun 06 2008

Paradigmenwechsel – Wandel – Revolution: Bibliothekare einig!

Ich denke alle 3156 Teilnehmer des Mannheimer Bibliothekartages waren sich einig darin, dass wir extrem revolutionäre Zeiten erleben. Und ich hatte den Eindruck: viele stellen sich dieser Herausforderung! Steve Ballmer wurde in einem Vortrag damit zitiert, dass die vergangenen zehn Jahre Technikentwicklung (die wir alle ja als recht dramatisch empfinden) nichts sein werden gegen, das, was uns in den nächsten zehn Jahren bevorsteht Stichworte: user created content, ubiquitious computing, wearables etc.). In der von Emerald organisierten internationalen Session des Bibliothekartags „Shakers and Movers“ wurde im Abschlusspodium an die Vortragenden die Frage gestellt, worauf Bibliotheken zukünftig am ehesten verzichten sollten: where shall we escape from and what shall we let go?

Die fünf Referenten aus fast allen Kontinenten hatten fünf treffende und differenzierte Antworten parat. Bibliotheken sollten verzichten auf:

  • die Fixierung auf das Gebäude: der Nutzer ist überall!
  • die Fixierung auf den Bestand: Personen sind wichtiger als die gesammelten Medien!
  • Kontrolle und Konventionen stören in der dynamischen, zunehmend unvorhersehbaren Welt: wir sollten mehr auf Flexibilität setzen als auf Autorität und Tradition – und vor allem beim Experimentieren auch Fehler zulassen!
  • die alten Publikationsriten (peer review, textbasiertes Publizieren) werden langsam anachronistisch, und – analog dazu:
  • wir sollten uns von dem Bild des passiven Nutzers ganz schnell lösen: jeder ist jetzt im Netz potenzieller Produzent!

Eine schöne und treffende Zusammenfassung der aktuellen Trends. Für mich eine Art Fazit des Bibliothekartags.

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Jun 06 2008

Schulbibliotheken statt Bibliotheksgesetz!

An vielen Stellen wurde auf dem Bibliothekartag übereinstimmend thematisiert, dass ein wesentlicher Grund für die z.B. im Vergleich mit Vereinigten Staaten so andere Einstellung zu Bibliotheken von der in Deutschland dramatisch unbefriedigenden Situation im Bereich der Schulbibliotheken herrührt. Ist man von Kind auf gewöhnt, die Ressourcen der Bibliothek zu nutzen, hat man eben auch später stets den Reflex zuerst in die Public Library zu gehen. Daraus ziehen mittlerweile sogar Hochschulbibliotheken die Konsequenz: die UB Heidelberg macht Schülerarbeit und die Stadtbibliothek Frankfurt(M) lässt sich ihre sehr erfolgreich arbeitende „sba – schulbibliothekarische Arbeitsstelle“ durch das Schulamt finanzieren. Immer steht die strategische Überlegung im Vordergrund, die zukünftigen eigenen Nutzer der net-generation „abzuholen“ in die Bibliothekswelt.

Die Pädagogen teilen im Übrigen ihre Zeitrechnung in ante- und post-Pisa ein: Pisa scheint wirklich auch in der pädagogischen Praxis einiges bewirkt zu haben. Neben der Einführung der Ganztagsschule gehen z.B. die didaktischen Methoden weg von der reinen Input-Orientierung (Nürnberger Trichter des übervollen Lehrpläne) zu aktiven, selbstbestimmten Lernformen, die den Zugriff auf vielfältige Wissensressourcen voraussetzen. Hier reicht es natürlich eigentlich nicht, im Unterricht nur auf Wikipedia hinzuweisen. Aber dazu fehlt nicht nur die Bibliothek als Alternative, es fehlt auch den Lehrern die nötige Informationskompetenz. Gut zu wissen, dass z.B. in Hessen, Lehrer „Fortbildungspunkte“ sammeln müssen.

Wenn man also bedenkt, dass Gesetze letztlich vom Souverän – also dem Volk – entschieden werden, sollten wir zunächst eher in Weiterbildung von Lehrern und in Schulbibliotheken (bzw. Kita-Bibliotheken) investieren. Dann kommen die Gesetze schon von selbst… Oder?

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Jun 06 2008

Teamfähigkeit von Daten braucht Infrastruktur

Für mich ergab sich ein gewisser roter Faden auf dem Mannheimer Bibliothekartag unter dem Stichwort „Daten“. Nicht mehr nur in der Zusammensetzung ‚Meta-daten’ – die sind mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden – sondern vor allem in den ersten Konkretisierungen von E-Science. Lange Zeit war man ja in der Bibliothekswelt dem Themenbereich E-Science und Grid-Technologie extrem abwartend begegnet, so konnte man in Mannheim an vielen Stellen, feststellen, dass die Nutzer Communities hier schon einige Schritte ohne uns gegangen sind und nun so langsam nach der klassischen Infrastruktur rufen, die sich um das Geschäftsmodell und die Langzeitarchivierung der Datensätze kümmern soll (data life cycle). Bezeichenderweise wurde den Bibliotheken dabei die Pflege der Metadaten bis zum Dublin Core Level zugestanden – „alles weitere ist Fachinformation“ (z.B. Georeferencing – „das machen wir“, so der Geowissenschaftler. Waren E-Science und „Digital Data Curation“ noch auf der vorletzten Bielefeld-Konferenz nur das nebulöse Schlagwort am Horizont, kommen jetzt schon erste Anwendungen in Bibliotheken zum Vorschein (TIB Hannover, ETH Zürich) und vor allem die Forderung der Wissenschaftler nach infrastruktureller (nachhaltiger) Unterstützung. (Session „Management von Forschungs- und Primärdaten“).

Aber auch in anderen Kontexten wurde von E-Science und sogar auch von Grid gesprochen: in der höchst professionell zusammengestellten Session von Heike Neuroth zur Interoperabilität von Metadaten, stand das Thema mehrfach im Hintergrund. Prägend bei Grid und E-Science ist ja der soziale und kooperative Aspekt von Informationsarbeit, der durch die neuen Technologien nur noch globalisiert forciert zum Tragen kommt. Die Entwicklung von „Weltdatenzentren“ sind das schlagende Beispiel der sich unabhängig von Bibliotheken ergebenden neuen Infrastruktur. Oder die vielfältig sprießenden Ontologien unterschiedlicher Fachdisziplinen.

In der von Emerald organisierten internationalen Session des Bibliothekartags „Shakers and Movers“ wurde ebenfalls von mehreren Sprechern darauf hingewiesen, dass sich der „Scope“ der Bibliotheken nicht nur von der lokalen Verräumlichung löst, sondern mittlerweile eben auch völlig andere Arten spezieller „Sammlungen“ beinhaltet – d.h. also auch von Datensätzen und nicht nur von DVDs oder Podcasts.

Besonders interessant war dann das Fazit der Metadaten Session: „Es mangelt an Dokumentation der Metadaten“ und „Metadaten müssen laufen lernen“. Das meint nicht nur die zunehmend globale Zusammenarbeit (Interoperabilität) von Metadaten, sondern bedeutet eben auch eine wesentliche Herausforderung an die klassische Dokumentation: die alten (oder auch neuen) Thesauri, Klassifikationen und anderen Erschließungsinstrumente, stehen nun unter gänzlich anderen Herausforderungen. Es kommt immer mehr darauf an, den Kontext von Erstellung und Nutzung/Nutzbarkeit von Informationsaufbereitungsinstrumenten zu beachten: die Dokumentation der eigenen Arbeit in der von RDF geforderten Stringenz und in einem expliziten Lebenszyklusmodell (digital data curation life cycle model). Meta-Daten lernen aber eben nur laufen, wenn sie mit ‚Laufwerkzeug’ ausgestattet sind. Dieses muss aber intellektuell (von Menschen) entwickelt werden. Daraus ergibt sich nunmehr die doppelte Forderung nach Finanzierung intellektueller Erschließung und Informationsinfrastruktur (früher: „Fachinformation“).

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Jun 06 2008

Nutzerforschung durch Weblog, Usability-Studien und Marktforschung

Eingangsfoyer des Bibliothekartages

Unergründlich waren auf dem Bibliothekartag in Mannheim die sicher tiefschürfenden Entscheidung über die Zusammenstellung der Themenkreissitzungen „Wissensvermittlung im Benutzerdialog“. So fand ich mich in einer Session mit einem Web2.0-Schwerpunkt und einigen Splittern Öffentlichkeitsarbeit und Nutzerforschung wieder. Lange habe ich (genau wie der Moderator der Sitzung) über den Sinn der Zusammenstellung gegrübelt (so ging es übrigens vielen Moderatoren der unterschiedlichen Sitzungen). Schließlich habe ich aber doch ein passendes Bild entwickelt: wir sind auf der Suche nach dem Nutzer – mit Studien und Konzepten oder mit neuen Technologien, die unsere Nutzer schon bedienen.

Sühl-Strohmenger (Freiburg) brachte es eingangs auf den Punkt: bisherige Nutzerstudien sind „Defizitstudien“, die immer wieder erstaunt feststellen, dass die Nutzer die professionellen Informationsarchitekturen nicht verstehen, geschweige denn nutzen. Er zeigte eine Reihe von Grundbedingungen auf, die die neuen Nutzergenerationen (vor allem an den Hochschulen) mitbringen bzw. die sich durch die Technologieentwicklung ergeben. Leider zog er dann aber nicht wirklich die Konsequenz, die Frage nach dem Nutzer ernsthaft anzupacken. „Züchten wir Erschließungsamateure?“ ist sein Monitum im Hinblick auf die Einbindung von Web2.0-Ansätzen in die professionellen Informationsarchitekturen und nicht: „der Nutzer läuft uns weg“.

Treffend fasste dies aber G. Richter aus Göttingen zusammen: „Wenn zwei Welten sich begegnen: Nutzer und Bibliothek“. Spannend war hier der konkrete Einblick in Usability-Studien. Er machte deutlich, dass wir z.B. bei der Suche nach dem Nutzer wissenschaftlich, z.B. theoriegeleitet vorgehen müssen. Usability Forschung lässt sich von der Handlungstheorie leiten, bei der die wissenschaftliche Detektivarbeit darin besteht, herauszufinden, welches die Fortsetzungserwartungen des Nutzers eines Informationssystems (z.B. einer Website) sind. Sein Demofilm aus einer Usability-Studie zeigte deutlich, dass der Nutzer anders tickt als Website-Konstrukteure dies denken, andere Erwartungen hat darüber, was sich hinter einem Button befindet: „Weiter“ auf einer Trefferseite einer Datenbank bedeutet z.B. nicht „nächste Seite in der Trefferliste“, sondern „weiter im Bestellvorgang auf dem Weg zur gewünschten Information“.

Den Hauptteil der langen Session bildeten mehrere Vorträge zu neuen Möglichkeiten des Nutzerkontaktes: über die Vorstellung des Relaunchs der Deutschen Internetbibliothek, zum PR mit neuen Medien oder der Auskunft mit Chatbots bis hin zu der Fallstudie der Einführung eines Corporate Blog der UB der TU Dortmund.

Gespräche am Rande der Veranstaltung zeigten, dass trotz der ermutigenden Beispiele der Suche nach dem Nutzer, die Methoden dafür noch extrem skeptisch eingeschätzt werden. Usability-Forschung wurde mir gegenüber von gestandenen Kollegen als exotische Spielerei abgetan und Weblogs als gefährliches Ding, dass man doch lieber nicht machen sollte.

Vortrag Werner / Hobohm in Mannheim

Wie gesagt, Herr Dr. Werner und ich fühlten uns mit unserem Vortrag zum strategischen Management etwas deplatziert. Im Kern handelte es sich bei unserem Beitrag darum, aufzuzeigen, wie projektorientierte Managementausbildung fruchtbar gemacht werden kann für die eigene Managementpraxis. In diesem Fall konnte die Philologische Bibliothek der FU Berlin aus einer mit Studierenden der FH Potsdam durchgeführten Marktforschung konkrete Argumente für die organisationsinterne Weiterentwicklung des Bibliotheksangebotes ziehen und erfolgreich in den Verhandlungen mit der Universitätsleitung einsetzen. Um Nutzerforschung handelte es sich dabei natürlich nicht. Eher um Marktsegmentierung.

Zum Vortrag.

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Jun 06 2008

Alumnitreffen der FH-Potsdam in Mannheim

Eröffnungsabend in Mannheim

18 hatten über Doodle ihr Kommen angesagt. Letztlich reichte der reservierte große Tisch im Gasthaus am Fluss (Rheinterrassen) in Mannheim bei weitem nicht. Es ist schon eine gute Tradition geworden, dass der Alumniverein DABEI ein Treffen organisiert. Schön ist auch, dass wir es immer wieder hinbekommen, dass auch eine Reihe von aktuell studierenden Kommilitonen dazu stoßen kann. Diesmal war das vierte Semester gut vertreten. Leider bleibt es auf dem Bibliothekartag natürlich stark auf diejenigen beschränkt, die im Bibliotheksbereich untergekommen sind. Man könnte sich aber auch angesichts der Themenbreite der Tagung auch vorstellen, dass die Absolventen der anderen Studiengänge auch dabei sind – vielleicht je nach regionalem Einzugsbereich.

Für viele war es ein herzliches Wiedersehen und die drängende Frage, welche Stelle hast Du jetzt und welche die oder die? Gibt es bei Euch bald eine freie Stelle? Macht der Job Spaß? Die anregenden Gespräche verändern sich aber mittlerweile: war bei den ersten Treffen noch vor allem die Stellensuche das zentrale Thema, kommen jetzt immer mehr inhaltliche Diskussionen hinzu. Es kommt auch zu dem für eine Fortbildungsveranstaltung wichtigen inhaltlichen Austausch. Und die anwesenden Profs berichten aus dem Nähkästchen des Fachbereichs und alte Schoten werden ausgekramt.

Das Treffen dauerte wie üblich recht lange, es floss recht viel Bier und der nächste Tag ist dann erfahrungsgemäß schwieriger durchzustehen. Ganz persönlich finde ich es schade, dass der Alumniverein auf den offiziellen Eröffnungsabend (der ja auch eine wichtige Vernetzungsfunktion hat) verzichtet – und auf die dort gereichten Häppchen…. Vielleicht kann man bei den nächsten Treffen eher den zweiten Tag nehmen.

(Die Bilder gibt es über die facebook group.)

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