und sonst: Weinberger deklariert die Welt als Restkategorie

Everything is Miscellaneous

Nun wird es doch nichts mit einer ausführlichen Besprechung. Da gibt es doch tatsächlich noch andere, die sich das Buch auch sofort bei Erscheinen haben kommen lassen (amazon feature).

Nachdem David Weinberger uns allen die geschäftlichen Grundfunktionen des Internet (1.0) erklärt hat: im Cluetrain Manifesto und in Small Pieces Loosely Joined, erläutert er nun vor allem den Bibliothekaren, was Metadaten sind und warum Folksonomies doch gut sind. Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder. heißt sein neuer Thriller, der vor wenigen Wochen ins Haus flatterte – nein „plumpste“. „Miscellaneous“ ist in einer Klassifikation oder Typologie stets die Restkategorie „Sonstiges“ oder „Vermischtes“ – die letzte Seite der Tageszeitung, die gerade unsere Aufmerksamkeit besonders fesselt, ohne dass wir es wollen. (Die Signatur „Y²“ in der frühen Bibliothèque Royale in Paris, die die Romane enthielt, die keiner sonstwo klassifizieren wollte oder „Z“ für Mélanges„.) Der Krämerladen im Gegensatz zu der marketingtechnisch und aufmerksamkeitsstrategisch gut durchsortierten Warenhauskette.

Weinberger zeigt nun, dass die eigentliche Macht des Web2.0 gerade seine Unordnung ist und es eben nicht auf die definierte Semantik ankommt, sondern mehr auf die Relationen zwischen den realen Objekten, auf das „Soziale“ der Beziehungsebene mehr als das Objektive der Inhaltsebene des Web 1.0. Auch schon die erwies sich ja ursprünglich als zu kurzsichtig, da die reine PR im Internet bzw. der reine Warenkatalog im Webshop das Produkt im Marketing-Mix auf die Preisfunktion reduzierte. Man könnte meinen, diese Reduktion in der Repräsentation von Welt, wie wir sie im Web 1.0 erlebt haben, hat Web 2.0 mit bedingt: die Empfehlungsfunktionen bei Amazon und Ebay sind ja entstanden, ohne dass wir diese als Versionswechsel des E-Commerce angesehen hätten. Beruhigend für uns: die urspünglich schwarz an die Wand gemalte Disintermediation hat das Wunder bewirkt, sich selbst zu verhindern. Da es keine intermediären Instanzen mehr im Netz gab, hat es sich diese selbst geschaffen durch Verstärkung der Beziehungsebene der Nutzer. Diese intermediären Instanzen sind und waren neben den klassischen logistischen Strukturen die Institutionen: die renommierte Fachzeitschrift, das Lexikon oder Enzyklopädie, die Taxonomie, die Bibliothek, die Datenbanken der Hosts. Ich würde weiter gehen und vermuten, dass auch andere Institutionen bald betroffen sein werden: wie die Universität, das Buch oder das Fernsehen. „User driven content“ bedeutet eben auch die Diversität der Welt anzuerkennen: so heterogen wie die Nutzer und ihre Befindlichkeiten, sind eben auch deren Informationsstrukturen, sie lassen sich durch keine noch so ehrfurchtsvoll gelehrte Erschließungsinstanz der Bibliothekare oder anderer Klassifikateure bändigen. Und: muss es denn sein?

Die FAZ (Harald Staun) bespricht das Buch gleich zweimal: am 11.6. im Bereich Wirtschaft:

Der Zweifel an der Kompetenz der Institutionen, zu deren Kernaufgaben die Selektion und Präsentation von Informationen gehört, ist aber längst kein theoretisches Projekt mehr: Millionen sorgfältiger Internetnutzer dekonstruieren die Autorität jener Institutionen wirkungsvoller als jeder Essay Derridas, ganz ohne ideologische Absicht.

und am 10.6. in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

Zweifellos stellen solche „Folksonomies“, wie die kollaborativ erarbeiteten Wissensordnungen genannt werden, auch das Selbstverständnis klassischer Medien in Frage. Wenn die Leser selbst entscheiden, welche Nachrichten ihnen wichtig sind, konkurrieren sie mit der Expertise professioneller Redakteure. Das klingt für die Branche zunächst einmal beunruhigend, vor allem da man sich ja gerade erst mit den sogenannten Leserreportern inoffiziell auf eine Art Arbeitsteilung geeinigt hatte: Als Lieferant von Augenzeugenberichten und Fotos sind sie ja ganz brauchbar, was gedruckt wird, entscheiden dann die Profis.

Auch dieses kann man aus Bloggersicht bezweifeln.

Richard Akerman hatte am 21.5. in seinem Science Library Pad ausführlich darüber berichtet. Und Karen Schneider bespricht in Ihrem ALA TechnSource Blog das Buch schon am 3.5. sehr ausführlich und inhaltsreich. Ihr Blog-Eintrag generiert eine recht lange Diskussion, die sie selbst in einem Kommentarposting zusammenfasst:

I would encourage you to read his book. Weinberger isn’t writing about the death of the library… he’s writing about changes in the organization of information. I believe you are correct: libraries can survive quite nicely, as long as they know what their game is.

Tja, aber das ist (und bleibt) die Frage: was ist das Game? Diese Änderungen der Alltagsorganisation von Information, obwohl schon so oft mit „the long tail“ beschrieben, scheinen doch so fundamental zu sein, dass man sie nicht wirklich auf den Punkt bringen kann. Ich habe etwas Probleme (ähnlich wie Herr Staun von der FAZ) mit dem amerikanischen Stil des Buches (ähnlich aber auch schon Small pieces…). Es kommt im Grunde wissenschaftlich daher, lässt aber dann die stringente Argumentation doch vermissen. Ganz zentral sagt er dem Essentialismus dem Tod an (S.219), begründet seine These aber nur mit simplen genetischen Überlegungen zur ethnischen Mischung der amerikanischen Bevölkerung. Oder er spielt Nature gegen arXiv aus, nur um am Schluss zu sagen: alles ist relativ und man muss ja doch weiter nuancieren.

Auch wenn Herr Staun dies so nicht gemeint hat: die Lektüre von Derridas Schrift und die Differenz hat mir damals im grundsätzlichen Verständnis mehr gebracht, vielleicht gerade weil ihm der Hype fehlte.

Dennoch: Weinbergers Veranschaulichung von Taxonomie im Alltag bzw. die Unmöglichkeit der stringenten („essenziellen“) Klassifikation, wie sie in der Folksonomie deutlich wird und die plastische Erläuterung, was uns der long tail bedeuten kann/muss, macht das Buch unbedingt lesenswert. Ob es einen „Paradigmenwechsel“ darstellt (oder was heißt „Pageturner“?), wage ich allerdings zu bezweifeln. Es ist vor allem ein schön geschriebener, kluger Essay über unsere Zeit, die sich durch die neue Kommunikationstechnologie mit großer Sicherheit mehr ändert, als noch die Gesellschaft vor zwanzig Jahren nach der Einführung des Internet. Eine zentrale Aussage von Weinberger ist: „Internet is still underhyped“. Na, mindestens das freut uns: die Reise geht weiter.

Vgl. sein Präsentationsvideo bzw. seinen eigenen Blog sowie den Beitrag bei „Elektrischer Reporter„.

Weinberger, David: Everything Is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder. New York: Times Books, 2007. (Deutsche Ausgabe ist für März 2008 angekündigt.)

3 thoughts on “und sonst: Weinberger deklariert die Welt als Restkategorie

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  2. Hans-Christoph Hobohm Post author

    vgl. auch die schöne Rezension von Jürgen Plieninger in BuB 59 (2007) 750f

    Er fasst zusammen:

    Nur wer seine Informationen freigibt und die Benutzer (auch) erschließen lässt wird Erfolg haben.

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