Archive for Juni, 2007

Jun 12 2007

und sonst: Weinberger deklariert die Welt als Restkategorie

Everything is Miscellaneous

Nun wird es doch nichts mit einer ausführlichen Besprechung. Da gibt es doch tatsächlich noch andere, die sich das Buch auch sofort bei Erscheinen haben kommen lassen (amazon feature).

Nachdem David Weinberger uns allen die geschäftlichen Grundfunktionen des Internet (1.0) erklärt hat: im Cluetrain Manifesto und in Small Pieces Loosely Joined, erläutert er nun vor allem den Bibliothekaren, was Metadaten sind und warum Folksonomies doch gut sind. Everything is Miscellaneous. The Power of the New Digital Disorder. heißt sein neuer Thriller, der vor wenigen Wochen ins Haus flatterte - nein “plumpste”. “Miscellaneous” ist in einer Klassifikation oder Typologie stets die Restkategorie “Sonstiges” oder “Vermischtes” - die letzte Seite der Tageszeitung, die gerade unsere Aufmerksamkeit besonders fesselt, ohne dass wir es wollen. (Die Signatur “Y²” in der frühen Bibliothèque Royale in Paris, die die Romane enthielt, die keiner sonstwo klassifizieren wollte oder “Z” für Mélanges“.) Der Krämerladen im Gegensatz zu der marketingtechnisch und aufmerksamkeitsstrategisch gut durchsortierten Warenhauskette.

Weinberger zeigt nun, dass die eigentliche Macht des Web2.0 gerade seine Unordnung ist und es eben nicht auf die definierte Semantik ankommt, sondern mehr auf die Relationen zwischen den realen Objekten, auf das “Soziale” der Beziehungsebene mehr als das Objektive der Inhaltsebene des Web 1.0. Auch schon die erwies sich ja ursprünglich als zu kurzsichtig, da die reine PR im Internet bzw. der reine Warenkatalog im Webshop das Produkt im Marketing-Mix auf die Preisfunktion reduzierte. Man könnte meinen, diese Reduktion in der Repräsentation von Welt, wie wir sie im Web 1.0 erlebt haben, hat Web 2.0 mit bedingt: die Empfehlungsfunktionen bei Amazon und Ebay sind ja entstanden, ohne dass wir diese als Versionswechsel des E-Commerce angesehen hätten. Beruhigend für uns: die urspünglich schwarz an die Wand gemalte Disintermediation hat das Wunder bewirkt, sich selbst zu verhindern. Da es keine intermediären Instanzen mehr im Netz gab, hat es sich diese selbst geschaffen durch Verstärkung der Beziehungsebene der Nutzer. Diese intermediären Instanzen sind und waren neben den klassischen logistischen Strukturen die Institutionen: die renommierte Fachzeitschrift, das Lexikon oder Enzyklopädie, die Taxonomie, die Bibliothek, die Datenbanken der Hosts. Ich würde weiter gehen und vermuten, dass auch andere Institutionen bald betroffen sein werden: wie die Universität, das Buch oder das Fernsehen. “User driven content” bedeutet eben auch die Diversität der Welt anzuerkennen: so heterogen wie die Nutzer und ihre Befindlichkeiten, sind eben auch deren Informationsstrukturen, sie lassen sich durch keine noch so ehrfurchtsvoll gelehrte Erschließungsinstanz der Bibliothekare oder anderer Klassifikateure bändigen. Und: muss es denn sein?

Die FAZ (Harald Staun) bespricht das Buch gleich zweimal: am 11.6. im Bereich Wirtschaft:

Der Zweifel an der Kompetenz der Institutionen, zu deren Kernaufgaben die Selektion und Präsentation von Informationen gehört, ist aber längst kein theoretisches Projekt mehr: Millionen sorgfältiger Internetnutzer dekonstruieren die Autorität jener Institutionen wirkungsvoller als jeder Essay Derridas, ganz ohne ideologische Absicht.

und am 10.6. in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

Zweifellos stellen solche “Folksonomies”, wie die kollaborativ erarbeiteten Wissensordnungen genannt werden, auch das Selbstverständnis klassischer Medien in Frage. Wenn die Leser selbst entscheiden, welche Nachrichten ihnen wichtig sind, konkurrieren sie mit der Expertise professioneller Redakteure. Das klingt für die Branche zunächst einmal beunruhigend, vor allem da man sich ja gerade erst mit den sogenannten Leserreportern inoffiziell auf eine Art Arbeitsteilung geeinigt hatte: Als Lieferant von Augenzeugenberichten und Fotos sind sie ja ganz brauchbar, was gedruckt wird, entscheiden dann die Profis.

Auch dieses kann man aus Bloggersicht bezweifeln.

Richard Akerman hatte am 21.5. in seinem Science Library Pad ausführlich darüber berichtet. Und Karen Schneider bespricht in Ihrem ALA TechnSource Blog das Buch schon am 3.5. sehr ausführlich und inhaltsreich. Ihr Blog-Eintrag generiert eine recht lange Diskussion, die sie selbst in einem Kommentarposting zusammenfasst:

I would encourage you to read his book. Weinberger isn’t writing about the death of the library… he’s writing about changes in the organization of information. I believe you are correct: libraries can survive quite nicely, as long as they know what their game is.

Tja, aber das ist (und bleibt) die Frage: was ist das Game? Diese Änderungen der Alltagsorganisation von Information, obwohl schon so oft mit “the long tail” beschrieben, scheinen doch so fundamental zu sein, dass man sie nicht wirklich auf den Punkt bringen kann. Ich habe etwas Probleme (ähnlich wie Herr Staun von der FAZ) mit dem amerikanischen Stil des Buches (ähnlich aber auch schon Small pieces…). Es kommt im Grunde wissenschaftlich daher, lässt aber dann die stringente Argumentation doch vermissen. Ganz zentral sagt er dem Essentialismus dem Tod an (S.219), begründet seine These aber nur mit simplen genetischen Überlegungen zur ethnischen Mischung der amerikanischen Bevölkerung. Oder er spielt Nature gegen arXiv aus, nur um am Schluss zu sagen: alles ist relativ und man muss ja doch weiter nuancieren.

Auch wenn Herr Staun dies so nicht gemeint hat: die Lektüre von Derridas Schrift und die Differenz hat mir damals im grundsätzlichen Verständnis mehr gebracht, vielleicht gerade weil ihm der Hype fehlte.

Dennoch: Weinbergers Veranschaulichung von Taxonomie im Alltag bzw. die Unmöglichkeit der stringenten (”essenziellen”) Klassifikation, wie sie in der Folksonomie deutlich wird und die plastische Erläuterung, was uns der long tail bedeuten kann/muss, macht das Buch unbedingt lesenswert. Ob es einen “Paradigmenwechsel” darstellt (oder was heißt “Pageturner”?), wage ich allerdings zu bezweifeln. Es ist vor allem ein schön geschriebener, kluger Essay über unsere Zeit, die sich durch die neue Kommunikationstechnologie mit großer Sicherheit mehr ändert, als noch die Gesellschaft vor zwanzig Jahren nach der Einführung des Internet. Eine zentrale Aussage von Weinberger ist: “Internet is still underhyped”. Na, mindestens das freut uns: die Reise geht weiter.

Vgl. sein Präsentationsvideo bzw. seinen eigenen Blog sowie den Beitrag bei “Elektrischer Reporter“.

Weinberger, David: Everything Is Miscellaneous: The Power of the New Digital Disorder. New York: Times Books, 2007. (Deutsche Ausgabe ist für März 2008 angekündigt.)

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Jun 11 2007

Visual Tools for the Socio-Semantic Web

… heißt die Master Thesis von Moritz Stefaner, die er im Studiengang Interface Design an der FH Potsdam soeben eingereicht hat. Die Präsentation der Arbeit wird am 17.7. stattfinden.

Ohne einer Bewertung durch die begutachtenden Professoren vorgreifen zu wollen, empfehle ich der LIS community die Lektüre des Werkes ganz besonders. Nicht nur, dass die Entwicklung des Web2.0 hervorragend zusammengefasst wird, es wird im zweiten Teil vor allem sehr spannend dargestellt, wie die Entwicklungen im Web2.0 Bereich auch visuellen Niederschlag finden (könnten). Die Thesis entstand im Zusammenhang mit einem EU Projekt zur Metadatenentwicklung für ein Architekturportal: MACE.

An manchen Stellen hätte man sich zwar etwas mehr Kommunikation zwischen den Disziplinen gewünscht (irgendwie hasse ich neu erfundene Räder - auch wenn sie rollen) - dennoch: Prädikat unbedingt lesen “toRead”.

Mehr dazu in seinem Thesis-Blog: “Well-formed-data“.

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Jun 06 2007

Tag der offenen Tür an der FH Potsdam

Published by Hans-Christoph Hobohm under FHP Fb5

angehende Informationswissenschaftler als Plakatmaler

Der Fachbereich Informationswissenschaften der FH Potsdam hat sich fein gemacht! Manch einer kennt das interessante Gebäude direkt neben dem Stadtschloss in Potsdams schöner Mitte - der schönste Platz Europas, hieß es einst. Nun ja, nur innen und nur eine Wand wurde tatsächlich verschönert: diese aber sehenswert!

Zitate aus der Informationswissenschaft, vor allem mit Bezug zu ‘Wissen’ wurden von einer Studentengruppe ausgewählt und gegen alle bürokratischen Hürden in FHP-Blau auf Sonnengelb in ständiger Sichtachse der Flurfluchten aufgebracht. Wirklich sehenswert. Großes Lob dem Engagement der Studierenden - es war offensichtlich weitaus mehr Arbeit als gedacht und manche Pinselhand litt unter Krämpfen.

Aber das ist nicht das einzige, was am Freitag Vormittag zum Tag der offenen Tür der FHP in der Friedrich-Ebert-Str. zu sehen und sehenswert ist: es gibt eine Reihe von Vorträgen, Schnupperkursen, Filmzusammenstellungen, eigene Bibliothekskunst, eine Posteraustellung, viele Gespräche sowie Kaffee und Kuchen u.v.a.m. - wichtig zu wissen: das meiste wurde von den engagierten Studierenden der Informationswissenschaften selbstständig vorbereitet. Die Veranstaltungen beginnen um 8:30 im “Schaufenster”, gehen vom eigentlichen Tag der offenen Tür über zum Forschungstag (auf dem ebenfalls sehenswerten Campus Pappellallee) und enden dort mit einem stimmungsvollen Hochschulfest!

Kommen Sie vorbei, schauen Sie, diskutieren Sie und informieren Sie sich. Wer vorher errät, welche (drei) Zitate nun die Fachbereichswand schmücken, erhält ein Glas Sekt extra (Rotkäppchen natürlich).

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Jun 04 2007

Und wieder: Bibliotheken rechnen sich

Eigentlich ist es unglaublich, wenn es nicht so oft bestätigt würde: der “return on investment” (ROI) in Bibliotheken ist enorm hoch. Ängstlich habe ich die neue Studie, auf die Andreas Mittrowann hinweist, gelesen, und bis jetzt kaum einen ROI-Wert gefunden, der außerhalb der Bereiche 3:1 bis 6:1 wäre.

A benefit-to-cost ratio of 3:1 or better is common among the library valuation studies ALC reviewed. Because this type of economic analysis is commonly used across industries and businesses, it puts libraries into an evaluative framework that permits comparisons with other types of organizations. When this occurs, public ibraries consistently outpace other sectors, such as transportation, health, and education, on the efficient use of tax dollars.

Die Urväter der Outcome-Analyse (Griffiths/King: vgl. mein Themenwiki) bringen ihre Ergebnisse noch deutlicher (mit anderen Methoden) auf den Punkt:

For every $6,448 spent on public libraries from public funding sources (federal, state and local) in Florida, one job was created. For every dollar of public support spent on public libraries in Florida, GRP increased by $9.08. For every dollar of public support for public libraries, income (wages) increased statewide by $12.66.

In ihrer Studie von 1993 hatten sie für Spezialbibliotheken Werte von bis zu 48:1 gefunden, zu lesen: “ein in die Unternehmensbibliothek investierter Dollar bringt dem Unternehmen 48 Dollar Gewinn”.

Die Studie “Worth Their Weight” des Americans for Libraries Council ist aber nicht nur als Sammlung von Ergebnissen von Outcome-Studien zu Öffentlichen Bibliotheken wichtig und lesbar, sondern beinhaltet vielmehr eine wertvolle methodische Analyse, wie denn die For-Profit-Methodologie der Unternehmensberatungen auf den Non-Profit-Sektor der (öffentlichen) Bibliotheken übertragen werden kann. Dazu gibt es eine Reihe von spannenden neuen Ansätzen. Nicht nur von Griffiths und King.

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