Archive for April, 2007

Apr 24 2007

Zum Wandel der Medien: ElRep

Mal wieder sehenswert: der Elektrische Reporter. Hier gesehen von Mercedes Bunz, Chefredakteurin von Tagesspiegel.de, die Mario Sixtus interviewt zum Beispiel zu der Frage, warum Wandel und Unternehmertum in Deutschland so schwerfällig ist und warum wir auch an alten Marken (wie Tagesspiegel oder “Bibliothek” [meine Ergänzung]) im Netz festhalten sollten. Und dass WLAN öffentlich für alle kostenlos angeboten werden sollte.

Das Fernsehen als nächste durch das Web einzunehmende Bastion.

In der Kolumne “Was ist eigentlich Web2.0″ ein schöner Song: “Are you Blogging this?

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Apr 21 2007

Ich habe ein lebendes Buch gelesen

Eingang zur Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf am 20.4.2007

Freitag Nachmittag in Marzahn. Im Berlin Eastgate gastiert die Eishockey-Mannschaft Berlin Bears. Das Tor spuckt einen aus auf die Marzahner Promenade, eher eine Schlucht zwischen Hochhäusern. An deren Ende das Schwimmbad … und dahinter die Bibliothek. Am Ende des Ganges ein kleines Schild. Davor eine Wäscheleine.

Ich bin spät dran und beeile mich, mein Buch abzuholen. Eine halbe Stunde ist wenig Zeit, einen Menschen kennenzulernen. Deshalb ohne Umschweife erste Fragen in der Hoffnung, dass mein Buch mir Wichtiges erzählt. Großer Sport im Schattendasein? Nö. Messbarkeit der Leistung? Viele ‘Klassen’. Ich vergesse mich vorzustellen – und doch kommt es auf den Dialog an. Es kommt anders. Plötzlich verdoppelt sich das Buch: der Vater ist mit dabei. Ihn auch lesen? Das Gespräch entspannt sich. Langsam entsteht die Welt des Behindertensports – nicht nur als Veranstaltung im Anschluss der großen Olympiade. Als integrierbar in den Alltag, wenn auch mit größeren Mühen. Verbandsfunktionäre im Hintergrund aber als Sport das Normalste der Welt. Von wegen existenzieller Ausgleich.

Der Autor im Gespräch mit einem Lebenden Buch, dem Paralympic Sportler Matthias Schröder

Hätte ich dies in so kurzer Zeit in einem normalen Buch erfahren? Hätte ich überhaupt ein solches Buch ausgeliehen? Ich hätte lediglich in Wikipedia nachgeschlagen. Vielleicht. Jetzt ist eine Beziehung zu einem Menschen aufgebaut. Ich werde bei den nächsten Paralympics genau hinschauen, wie Matthias Schröder läuft. Ich kann das Buch fast nicht wieder abgeben – wie bei “normalen” Büchern ja auch. Warum ich dieses Buch ausgeliehen habe? Eben weil ich keinen konkreten Informationsbedarf hatte, sondern am Erfahrungsaustausch zwischen Behinderten interessiert war.

Anderes passiert an diesem Tag. Das ZDF ist da und will unbedingt reissereisch berichten: “Rassist leiht Farbigen aus und beschimpft ihn”. Gedreht wird auf dem Dach der Bibliothek mit Blick auf die Plattenbauten. Mal sehen wie der Filmbeitrag letztlich rüberkommt:

wahrscheinlich: Sonntag, 29.4. um 9 Uhr (morgens) in der Sendung “Sonntags”

Dies bringt in den Diskussionen am Rande gerade das Wertvolle der direkten Kommunikation wieder in den Vordergrund; warum eben nicht die Konfrontation und der Kontrast gesucht wurde. Die Bibliothek ist eher der Ort der Nuancen und hat auch nicht als primäres Zielpublikum jene, die sich in der Machart klassischer (ggf. privater) Medienanstalten wohlfühlen. Nicht ohne Grund sind öffentliche Bibliotheken immer noch öffentlich-rechtliche Medienanstalten.

Die Frage steht im Raum: sind die normalen Bibliotheksbenutzer so kommunikativ, dass sie sich lebende Bücher richtig ‘ausleihen’ können. Muss man nicht sogar dazu Schulungen anbieten? Sind Bücherwürmer nicht nur die stillen Leser? Der Bedarf scheint aber groß zu sein. Viele der Anwesenden – auch der lebenden Bücher – sind schlichtweg begeistert und wünschen Fortsetzungen.

Eines wird ganz deutlich: Bibliotheken sind richtigerweise auf der Sinnsuche in diesem Zeiten des Wandels. Nicht nur, dass Experimente und neue Erfahrungen notwendig sind, es scheint schon klar zu werden, dass der Ort der Bibliothek als Raum für Kommunikation und Erfahrung zunehmend wichtig wird. Die Präsenz eines (analogen) Mediums allein ist wertvoll. Das heißt nicht, Bibliotheken als Kontrastprogramm zu einer digitalisierten und individualisierten Welt hoch zustilisieren. Man erkennt nur umso deutlicher die eigentlichen Funktionen dieser Orte im Raum-Zeit-Kontinuum, die wir immer schon Bibliothek nennen. Nicht das schwarze Loch Suchmaschine ist es, sondern die Aura des gesellschaftlichen Lebens. Nicht der Haufen gesammelter Medien und Informationen, sondern das, was damit und darin passiert, passieren könnte. Bibliothek als Medium eben.
Mehr Bilder bei Jin Tan

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Apr 13 2007

Leih Dir ein lebendes Buch

z.B. eine Bezirksbürgermeisterin, eine Greenpeace Aktivistin, einen Globetrotter oder einen Müller. Nach Vorbildern zunächst in Skandinavien aber mittlerweile nicht mehr ganz so selten: in einem Aktionstag organisiert im Zusammenhang mit einer Diplomarbeit am Fachbereich Informationswissenschaften, probiert die Stadtbibliothek Marzahn-Hellerdorf die Auslotung des Begriffs Medium in einer Bibliothek. Jedes (klassische) Medium in einer Bibliothek beginnt primär einen Monolog mit der ‘Nutzer’ – die ‘Nutzer’ lebender Medien können in einen Dialog mit ihrem Medium treten, der mehr ist als die organisierte Interaktivität moderner AV Medien. In unserer rezeptiven Welt eine große Herausforderung, sowohl für die Medien als auch für die Entleiher. Nicht zu vergessen die vermittelnden Bibliothekare – hier geht es noch ganz ohne Selbstverbuchung und es ist eine nicht für jeden sofort einsichtige Zusatzaktivität…

Ich danke den Beteiligten für den Mut dieser Operation am lebenden Objekt. Wir brauchen mehr Experimente dieser Art um zu verstehen, welche Aufgaben und Funktionen die Bibliothek2.0 haben könnte!

Ich wünsche viel Erfolg und gute Dialoge mit den Medien; gute Exemplare und aufmerksame Zuhörer!

vgl. Stadtbibliothek Marzahn-Hellerdorf und PR FH-Potsdam

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Apr 13 2007

b2i im bbk

Published by Hans-Christoph Hobohm under LIS

b2i – das “Wissenschaftsportal bibliotheks-, buch- und informationswissenschaften” – wird Thema der Auftaktveranstaltung des BBK (Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums) für das Sommersemester sein. Auch die Leser der Blogosphäre sind eingeladen zur Diskussion und Präsentation vorbeizuschauen: 17. April, 18h s.t. in der Dorotheenstraße 26, Humboldt Universität zu Berlin.

vgl. b2i Kommunikationsplattform

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Apr 13 2007

FirstMonday zu Web2.0 und Activity Theory

Gar nicht am “Ersten” und schon gar nicht am “Montag” erreicht mich heute die Meldung zu einer neuen Ausgabe von FirstMonday. Viel Analyse zu Wikipedia, zu Blogs und zu Web2.0. Der spannendste Text ist leider etwas versteckt am Schluss und ist auch kein eigener Artikel, sondern eine Art Vorabdruck eines MIT-Buches zu Activity Theory und Interaction Design. Drei zentrale Kapitel sind auf der Website von FM abgelegt. Es geht um nichtkognitive Ansätze des Mensch-Maschine-Verhaltens, um System vs. intentionales Handeln und damit um die Frage, warum manche eben mit “neuer” Technik nicht mitkommen…

Volume 12, Number 4 — 2 April 2007

Assessing the value of cooperation in Wikipedia
by Dennis M. Wilkinson and Bernardo A. Huberman

Visualizing the Overlap between the 100 Most Visited Pages on Wikipedia for September 2006 to January 2007
by Anselm Spoerri

What is Popular on Wikipedia and Why?
by Anselm Spoerri

Election bloggers: Methods for determining political influence
by Greg Elmer, Peter Malachy Ryan, Zach Devereaux, Ganaele Langlois, Joanna Redden, and Fenwick McKelvey

Video, education, and open content: Notes toward a new research and action agenda
by Peter B. Kaufman

Building an open access African studies repository Using Web 2.0 principles
by Anna Winterbottom and James North

Open educational resources in a global context
by Paul Stacey

Open source athletes
by Stefan Görling

FM Interviews: Sandra Braman

Change of State: Information, Policy, and Power
by Sandra Braman

Acting with Technology: Activity Theory and Interaction Design
by Victor Kaptelinin and Bonnie Nardi

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Apr 10 2007

Tumultartige Szenen bei Joseph Weizenbaum

Weizenbaum Film Plakat

Anläßlich der Potsdampremiere des Weizenbaumfilms “Rebel at Work” gab es in Anwesenheit des Hauptdarstellers tumultartige Szenen im sonst beschaulichen Potsdamer Filmmuseum. Ausgerechnet ein Potsdamer Archivwissenschaftler (Absolvent des Fachbereichs) bekannte sich mehrfach als völliger Computerignorant und hinterfragte sämtliche Sinnghaftigkeit des für andere Informationswissenschaftler absolut sehenswerten Films. Er bestätigte damit den deutschen Titel des Buches von Weizenbaum: “Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft”: offensichtlich war der äusserst unhöfliche und respektlose Archivar von den EDV-Anteilen seines Studiums in Potsdam so sehr traumatisiert worden, dass er nur noch “Ohmacht der Vernunft” demonstrieren konnte. Ich glaube nicht, dass dieser Coup vom charmanten Filmteam oder gar von unserem Dekan inszeniert worden war. Dazu klangen die Injurien zu echt.

Wirklich schade, dass über dem Abend jetzt ein solcher Misston liegt. Der Film und vor allem der große Alte der Computerwelt hatten es nicht verdient. Äusserst bewunderswert, wie ‘Joe’ die Situation (bis zur Eskalation) meisterte. Einen Rebellen stellt man sich übrigens anders vor. Es mag Neid sein, aber ich sah in ihm vielmehr den verdienten MIT Wissenschaftler und genialen Erfinder von Eliza.

Wie schon bei seinem letzten Auftritt in Potsdam schockierte er viele Anwesende vor allem durch seinen rationalen, naturwissenschaftlichen Pessimismus, was das Überleben der Welt betrifft (”höchstens noch 50-60 Jahre”). Allerdings gibt er dann doch als Person wieder ernorm viel Hoffnung, dass es doch “Inseln der Vernunft” geben könne und macht Mut, diese zu bevölkern. Der Film zeigt ihn als Momument des zwanzigsten Jahrhunderts – mit allen seinen Facetten: die Dialektik der Aufklärung in Person.

Die Fragen des Publikums waren offensichtlich die gleichen, die er schon immer wieder beantwortet hatte auf seinen Vortragsreisen: wie z.B. warum er “so plötzlich” wieder in Deutschland sei (seit 12 Jahren) – seine Antwort: er sei zwar amerikanisch sozialisiert, aber dennoch sei wohl die (deutsche) Sprache seine Heimat; oder: wie er es mit der Religion halte – er habe, als Jude, Gott zu sehen gelernt als er sich mit Auschwitz beschäftigte.

Eine Frage war für ihn offensichtlich so neu, dass er wirklich kaum Worte fand: die Direktorin des Filmmuseums, Dr. Bärbel Dalichow, fragte ihn, wie er sich selbst habe im Film ins Gesicht sehen können – nach einigem Zögern und Wortesuchen sagte Weizenbaum, es sei eine “angenehme Begegnung” gewesen. Wer kann das schon sagen, wenn man sich in den Medien sieht oder hört…

Ein gelungender Film, der zurecht nicht im öffentlich rechtlichen TV akzeptiert wird. Er ersetzt zwar nicht die persönliche Begegnung, bietet aber viel Stoff zur Oral History unseres Faches. Er gehört in jede Instituts-, Uni- und vor allem Privatbibliothek. –> Il Mare Film

Nachtrag 20.4.2007:  der Film ist mittlerweile mit dem Wolfgang von Kempelen Preis für Informatikgeschichte ausgezeichnet worden.

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